Wiesbadener TaMt
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Rr. 458.
Sonntag, 1. Oktober 1811.
58. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. matt. _
Wir und Ler Krieg.
In Rom hat ein vom Wolffschen Bureau dort aus gegebenes Berliner Telegramm lebhafte Befriedigung erregt. In den Blättern wird dies Telegranim als eine Bestätigung der Loyalität Teutschla n d 8 gegenüber Italien begrüßt, und eiii Blatt schreibt: „Unser Verbündeter ist auf eine harte Probe gestellt worden, aber er hat in der Wahl nicht geschwankt, und dafür sind wir Deutschland überaus dankbar." Was mag wohl in diesem Berliner Telegramm gestanden haben! Es war für die i t a l i e n rsche P r esse bestimmt. brauchte also an die deutschen Blätter wohl nicht ausgegeben zu werden. Nützlich aber, würde es uns erscheinen, wenn der Wortlaut einer Kuno- gebung. die in Italien solchen freudigen Widerhall ge weckt hat, auch bei uns bekannt würde. Von einer deutschen „Note", die in Rom ni.it dieser außerordentlichen Befriedigung ausgenommen worden sein soll, ist natürlich keine Rede, und die Berliner Blätter, die'von einer „Note" sprechen, sind in einem Irrtum befangen' nur um eine Depesche des „Wölfischen Bureaus" allein handelt es sich. Jedenfalls muß rn dieser Depesche, die wahrscheinlich deutsche Preßftimmen wiedergab. allerlei freundlich Referierendes über den Anspruch Italiens aus Tripolis gestanden habeii Ilm so neugieriger aber wird inan auf den
Text Tenn, die'Wahrheit zu sagen, die öffentliche Meinung bei uns ist wirklich nicht entzückt von dem Vorgehen der italienischen Regierung, und wenn die Berliner Korrespondenten der italienischen Zeitungen objektiv berichten sollten, was wir zunächst als selbstverständlich annehmen müssen, dann würde das ange nehme Bild, das sich die Italiener nach der erwähnten ominösen Wolsf-Meldung von unseren Stimmungen machen, gründlich retuschiert werden müssen. Tic Gerechtigkeit würde es übrigens erforderir, daß sich das offiziöse Teleqraphenbureau auch nach der türkischen Seite hin bemüht und in K o n st a n t i n o p e l eine Depesche verausgabe, von der die dortigen Master mindestens erklären könnten, daß man für die gute Meinung Deutschlaiids und, vor allem für den Ausdruck ß I) 11 t (Iv6 £ S Q ITT Ü 11) t 6 tlt &££ (J £ I O.VX *- Z Tt d eu tschen Pr esse dankbar zu sein habe. Vielleicht ist ein solches Telegramm tatsächlich nach Konstant:- noDel gerichtet worden. 6 s Ware auch gar kern Grund m ironierenden Glossen vorhanden, wenn , derar.-ge, sich innerlich ausschließende und,, trotzdem un großen und ganzen rechtfertigende offiziöse Kundgebungen in beiden Hauptstädten erschienen wären wie -LchwlLrig- keit unserer Stellung bringt eben besondere Methoden mit sich. ____
So begreiflich es ist, wenn die verblüffende Ruck- sichtslosigkeit der italienischen Regierung eine ernste Verstimmung nicht bloß in der Vvlksmetmmg, sondern auch m politischen Kreisen hervorgerufen hat, so darf man aber nicht rückwärts blicken, und nicht an diesen Nebenumständen hasten bleiben, sondern es gilt, sich obne Sentimentalitäten zur Lage z stellen, wie sie ist. Wir haben den Ausbruch des Krieges nicht verhindern können, das ist gewiß lebhaft zu de- dauern, aber da das Unheil, nun einmal seinen Laus zu nehmen hat, so dürfen wir erwarten, daß die vielfach gehegte Besorgnis, die Pforte werde sich uns nnn- mehr entfremden, durch den Zwang der La g e widerlegt werden wird. Welche andere Anlehnung als die an uiis sollte denn die Pfortenregierung vorziehen 4 Ist die Türkei nicht gerade durch England und ein wenig auch durch Frankreich in ihre jetzige Bedrängnis geraten? Soll sich der «ultan gefühlvoll an die Brust des Zaren werfen? Die Pforte kann uns doch nicht dafür verantwortlich machen, daß wir Italien nicht in den Arm fallen konnten', sie mag uns, grollen (nur menschlich wäre das), aber sie wird nicht auj- hören, nach Berlin zu gravitieren. Es gibt Not Wendigkeiten, die jede vorübergehende .^rrung überWas Italien betrifft, so brauchen wir seine Methode nicht zu billigen, aber wenn denn doch einmal Tripolis nicht beim Pfortenreiche bleiben soll, so können wir es in den Händen keiner Macht so gern sehen, wie in denen Italiens. Tripolis italienisch, oas bedeutet ein Hindernis für die Ausbreitung rer englischen wie der s r a n z ö s i s ch e n Machtsphare in Nordafrika. das bedeutet ein nützliches Gegengewicht gegen diese beiden Reiche. Wn haben also zwar kein Verständnis und keine Vorliebe für die Art und Weise, die die Italiener zu ihrem Vor- aeheii gewählt haben, das Ergebnis aber kann uns bei nüchterner Betrachtung — die doch aus me Dauer aller Sentimentalität weichen muß — nur recht sein Mit der bürgerlichen Mein.- und Deinmoralch eben leider in der Politik nicht viel anzufangen. -soll also Tripolis denn nicht mebr türkis sein, dann schon lieber italienisch als französisch oder englisch.
em. Es ist daher im Auslande, nach d-ii offiziell er laubten Mitteilungen zu schließen, ledensalls dieMer nunq verbreitet, daß ganz Italien sich ßuwdas Tr pol s- Abenteuer begeistere. Das ist hauptsächlich nur mr Süden der Fall, weil man dort memt, Tripolis sei em gecigiietes Land für die Auswanderung und werde den Überschuß der italienischen Bevölkerung die vornehm
lich aus dem Süden weggeht, aufnehmen. Ton nnnmr man aber auch an, daß die ganze Tripolis-Affine Geld noch Blut kosten könne. Im Nordencht man schon verständiger iind sagt sich, wenn es sich darun handelte, die Ehre des Landes zu schützen oder „für etwas zu fechten, das das Volk versteht, chann waren wir bereit zu kämpfen. Aber imt den gurken haben wir keinen Streit und wir sehen nutzt, em -warum wir Geld und Blut für eine Frage opfern sollen me ans einmal künstlich von der Presse konstruiert worden ist. Außerdem sagt man „sich, daß -das Vor gehen Italiens doch ein recht gefährliches, sei Md Me inneren Verhältnisse solche Erperimente wahrlich nicht rechtfertigen. Im Lande graspert die Cholera, es wird von Überschwemmungen und sonssigen Unglucksfall förmlich heimgesucht, m Sizilien Kambrien usw Herr schen die unerquicklichsten Zustalide, die Beamten i den schlecht bezahlt, das de-i Arbeitern gegebene Besprechen, Alterspensionen zii gewahrem . könne nicht eingelöst werden, und da sei doch gewiß Wichtigere^
zu tun, als nach Tripolis zu gehen und einen . mit der Türkei heraufzubeschworen 'Zon verMep/'
Z SÄten hö- man auch die Ansicht, daß Italien nicht d°» «--tnsli-i, r-chNich°» D°rw-i d für seine Handlungen besitze, -soviel ist aber gewM, kommt es zu einem Krieg und Italien erlitte zu A - sang einige Schlappen, so wird Me Begeisterung auch der Kampflustigen im Nu verfchwiriden, die dann nur wütende Anklagen gegen dre Regierung ciheben werden. Und darüber durfte sich auch Giolitti klar sein, daß nur ein sofortiger Erfolg ihn und WM Kabiiiett am Ruder halten kami. _ _
Air Politik der Woche.
It-Mmrer über Tripsirs.
m. Rom, 27. September.
Das allbeliebte Mittel aller Regierungen, sowie sich ernste Verhältnisse herausbilden vor allem eine rigorose Telegraphen-Zensur zu verhängen, ist auch hier angewandt worden. Daß im Ausland niemand etwas über die militärischen Maßnahmen erfährt, er- scheint ia nötig, aber auch das Depeschieren harriiloser Stimmungsschilderungen zu verhindern, geht doch zu weit. Augenblicklich hat es gar keinen Zweck, e.was zu telegraphieren, denn die Behörde vermutet m allem verkappte staatsgefährliche Angaben und legt ihr Veto
Es geht auf dem Markt der Weltpolitik zurzeit nicht minder lebhaft und stürmisch zu als aus dem BorsAi- markt, und hier wie dort wechseln Hausse und Baisse. Aus die Marokkohausse ist, auf daß der^geplagie Mitteleuropäer nicht übermütig werdes d:e ^ripMm- baisse gefolgt. Was die deutsch-franzostschen Verhand- lnvgen über die Marokko-Kongofrage betrifft so sind sie nach den offiziösen Versicherungen, von der end- gültigen Einigung nicht mehr weit entfern.. Aber es macht ganz den Eindruck, als ob hrnter den Kulissen noch irgendwelche Kräfte wirksam sind, die sogar die Beseitigung der angeblich rein redaktionellen Unstimmigkeiten erschweren. Aber nachdem über die Frage A ein grundsätzliches Euivernehmen er-
FerrilleLon.
(Nachdruck verboten.)
Oie Probe.
Von Max Zeum-r.
Null?" Direktor Dellner verlangsamte den Lauf seines neuen 25 LK.-Tonrenwagens uno wandte sich fragend an seinen Begleiter,, Baron von Felsen
„Kann Ihnen nur mein Kompliment zu ^stircr neuesten Errungenschaft machen. Ter Wagen laust famos." Der Baron schob sich langsam die Schutzbrille in die Höhe und wandte sein schmales, „von der raschen Fahrt leicht gerötetes Gesicht dem glualichen, Besitzer zu Ich denke, wir werden wohl die neunzig Kilometer" überschritten haben und können, wenn keine Panne eintritt, in etwa einer Stunde ui der Residenz
^^Dellner warf einart Blick auf seinen Chronometer. „Noch genügend Zeit, um meine Angelegenheit zu er-
lebißen. 0 i )nc neugierig zu erscheinen, kragen,
um "was es sich handeltwenn ich.nicht E, sprachen Sie vorhin von einer kleinen Erfindung, oeren ^arenr
Sie anmelden wollen?" -s-^i^iso^ini
Ganz recht, Herr Baron, — das, ^chlosserclut
meiner Ahnen macht sich von Zeit zu Zeit bei mir geltend und ich hoffe, daß mir meine kleine Erstndung, die ailf kriminalistischem Gebiete liegt, die ausgewen
— auf kriminalistischem Gebiet. — doch nicht etwa ei..e automatische Verbrecherspürmaschine?-
Kellner lachte kurz auf. „Das gerade nlcyr, «err Baron um eine automatische Handfessel, deren tadel- lose Einrichtung alles ans diesen: Gebiet Existierende
wett in den Schatten stellt. Doch wozu noch lange Lobreden halten, mag meine Erfindung für sich selvst sprechen." Und, den Laus seines Autos, noch^mehr verlangsamend, griff er in die Tasche seines stau - mantels, zog einen in Seidenpapier gehüllten Gegen- stand hervor und legte ihn in die, Hand seinem B qleiters. Mit einigen raschen Griffen befreite ,dieser iyii voii seiner Hülle. Es war eine aus dunkelbrumn- tem Stahl hergestellte Schmiedearbeit, deren geöffnete Ringe unschwer ihren Zweck erraten lMem Zöllner erläuterte ihm die Verbesserung des Verschlusses :m Gegensatz zu den bestehenden, Arten, und von Fnstn legte, interessiert zuhörend, ime zum^piel den emen Ring um das Gelenk seiner linken <sand. Km. leiser Truck auf den Mittelteil der Fessel und mit fast unhor- barem Knacken schloß sich dieselbe
Nun die anders!" Ein seltsamer Klang lag m der "Stimme des Direktors, der rasch, zugrestend auch
die rechte Hand des Barons in die stählerne Klammer sckob und diese blitzschnell schließend ihm w den Gebrauch seiner Hände nahm. Von Felsen ließ es lachend geschehen ohne den böse:: Ausdruck, der Plötzlich
lachend in die
SüctG seines Partners trat, gewahr zu werden. ,
Wissen Sie Direktor, ich kann Mich nun wirklich in die Rolle eines Verbrechers hineindenken, den: diese dunklen' Dinger die Freiheit des Handelns nehmen -Md A gewissermaßen die erste Etappe bilden für eine
anständiger Menschen zwischen hohen, dusteren Mauern
i)crb£ttt£j£n nwis* ,, _ -v ■, . •. «r*
Dielleicht bedeuten diese Fesseln wirklich, für vtt eine Etappe, und zwar die letzte ihres Lebens, ^ Em gezwuiigenes Lachen folgte den Worten Dellner^, Md d r überrascht m-sblickende Baron fing einen Bück glühenden Hasses ans, der ihn unbewußt • die Laibe wechseln ließ.
„Bitte, wollen,Sie mir .die Dinger abnehmen?"
und nachdrücklich wie ern Befehl klang e r . . Gewiß, sehr gern, aber erst nachdem sie mir eme Frage beantwortet haben, deren Klarstellung mir schon wnge am Herzen liegt." Dellner bog sich nach einem flüchtigen Blick ans die vor ihm liegende Fahrtstrecke, die sich schnurgerade in der prerne verlor, soweit vor, daß er in das . Gesicht seines Begleiters stehen konnte und feine Augen gleich Sonden hmernbohrend, fragte er mit einer Stimme, die heiser vor Aufregung un unterdrückter Wut klang: „Wollen Sie mir bitte über die Beziehungen, die Sie zu meiner Frau unterhalten,
,°i«. die Achsel, . .»end iibet seine Züge ein verächtliches Lächeln ließ, „sie sind wahnsinnig, Dellner! ,- Sonst wurden, S-e eme derartige Frage nicht an Mich richten. Zum letzten Mal, wollen Sie mir die, Fesseln lösen oder nicht?"
Nein zum Teufel! — erst will ich Antwort auf
meine Frage oder --—". Blitzschnell griff die
Sand des Direktors an den Geschwindigkeitshebel und, eine höhere Fahrgeschwindigkeit einsteüend, so daß, der schwere Wagen mit eineni förmlichen Satz vorwarts- schoß verhinderte er die Absicht des.Barons, aus dem bis jetzt int halben Tempo fahrenden Auto herauszu- springen. „Nein, mein Verehrtester, so leicht kommen Sie uni die Beantwortung meiner Frage nicht herum. Sie werden mir den gewünschten Aufschluß geben oder der Teufel holt uns alle beide." s
Der Angeredete, der durch den plötzlichen Ruck des dahinjagenden Wagens wieder, auf seinen sitz zuruckge- fchleudert war, schloß leicht die Augen.
„Sie si.iid wahnsiniiig, Mann! — W:e^ oft soll ich Ihnen noch diese Versicherung geben. ,<»m übrigen tun Sie, was Sie nicht lassen können, aber verschonen Sie mich bitte mit Fragen, auf die ich keine Antwort
