Uiksbs-ener Tsgblstt.
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bis 8 Uhr abends. ^
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Nr. 400.
Montaa-, L8. Auanst 1911.
Kbend-Ausgabe.
1. Matt.
Die verlängerte Kunstpause.
Ter Botschafter Jules Cambon ist „indisponiert", was vielleicht damit zusammenhängt, daß die bisherigen Dispositionen der französischen Regierung eine Störung erlitten haben; der Ministerpräsident Caillaux unternimmt einen mehrtägigeil Jagdausflug, und der Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter weilt noch in der Schweiz. Damit sind die Vorbedingungen für die Verlängerung der in den Marokko-Verhandlungen eingetretenen Kunstpause ganz von selbst gegeben. Und über diese. Verlängerung kann kein Zweifel mehr bestehen. Während es bisher hieß, daß die Verhandlungen in Berlin Mitte dieser Woche wieder aufgenomnien werden sollen, heißt es jetzt bereits, daß dieser Termin auf Montag, den 4. September, verschoben worden sei. Tie Zwischenzeit wird unterdessen mit allerlei selbstverständlich immer „wohlinformierten" Mitteilungen und Betrachtungen über die angeblichen Forderungen der deutschen und französischen Regierung ausgefüllt, Meldungen, denen die Dementis auf dem Fuße folgen.
Diese Bekanntgabe des angeblichen Marokkoprogramms hat schon aus einem einfachen Grunde keinerlei Wert, nämlich weil auf französischer Seite zweifellos drei solcher Programme vorhanden sind. Es sind dies 1. die französischen Forderungen, 2. die französischen Mindestforderungen und 3. endlich diejenigen Zugeständnisse, mit denen Frankreich vorlieb nehmen wird, wenn es nicht mehr durchsetzen kann. Herr von Kiderlen-Wächter müßte nicht der erfahrene Diplomat sein, der er anerkanntermaßen ist, wenn er nicht gleichfalls von dieser Dreiteilung des französischen Marokkoprogramms überzeugt wäre, ebenso wie er sicherlich die jetzige Kunstpause, die nicht zuletzt sein Merk sein dürfte, als sehr förderlich für den weiteren Gang der Marokko- Verhandlungen arischen wird. In einer solchen Pause kann oft mehr geleistet werden als wahrend der diplomatischen Verhandlungen, wie sich ja auch anf der Bühne oft genug die Hauptentw'.cklung rm Zwr-
schenakt abspielt, ^
Der jetzige Zwischenakt gibt den Franzosen er- wünschte Gelegenheit zur Einkehr und am Ende gar zur Umkehr. Wenn auch in der ^französischen Presse Noch immer in recht erbitterten Tönen der schmerz darüber zum Ausdruck kommt, daß rhnen außer der Mona Lisa auch noch ein Stück Kongo aoham en kommen soll, und wenn es auch kennzeichnend fst, daß man alsbald zwei Deutsche, lediglich weil ste nichts hatten,
beschuldigte, daß sie das gestohlene Bild hätten, so kann doch alles in allem mit Befriedigung festgestellt werden, daß der Ton der französischen Presse in den letzten Tagen ein etwas maßvollerer geworden ist, so daß wohl angenommen werden kann, es sei eine, diesbezügliche Mahnung vom Quai d'Orsay aus ergangen. Wir begrüßen das als ein Zeichen' dafür, daß . man in Paris zu der Besonnenheit zurückzukehern beginnt, die wir während des ganzen Streitfalls nie verloren haben.
Wir in Deutschland haben alle Ursache, das Fortschreiten der besseren Erkenntnis in Paris mit der Gemütsruhe abzuwarten, die uns unser gutes Gewissen und das von jedem Übermut weih entfernte Bewußtsein unserer Kraft verleiht. Wir können warten! Ja, wir meinen, daß sich unsere Aussichten bei einem Hinziehen der Marokkoverhandlungen und des Marokkokonfliktes nur verbessern können, denn die Franzosen sind es, denen im Scherifenreiche das Feuer auf den Nägeln brennt. Gelingt es unseren Unterhändlern nicht, uns wenigstens die w i r ts ch a f t l i ch e Vormacht s st e ll nn g in Sndmarokko durch verbriefte rrnd versiegelte Rechte zu sickern und für den von Frankreich erstrebten ungeheuren Machtzuwachs Kompensationen zu verlangen, die nicht nur an Quantität, sondern an Qualität diesen Namen verdienen, dann meinen wir, daß es weit geratener wäre, die jetzt schwebenden Verhandlungen endgültig scheitern zu lassen und zum Vertrage von Algeciras zurückzukehren, um in Ruhe abzuwarten, was die Franzosen uns dann zu sagen haben. Jedenfalls sollte man in Paris Wohl bedenken, daß es sich bei dem Marokkokonflikt auch auf deutscher Seite — um ein Wort des Altreichskanzlers Fürsten Bismarck zu gebrauchen — um „Imponderabilien in der Politik" handelt, „die oft viel mächtiger wirken als die Fragen des materiellen und direkten Interesses und die man nicht mißachten soll in ihrer Bedeutung!"
*
Angeblich hntvarrrMche herrische Auslassnngen.
L. Berlin, 26. August.
Das hier erscheinende „Journal , d'Allemagne" ein nicht übel geleitetes farbloses Blatt, das hauptsächlich dem Fremdenverkehr dienen will und in welchem man noch nie politische Informationen gesucht oder gefunden hat, will setzt zuverlässig erfahren haben, welche Forderungen Herr v. Kiderlen-Wächter gestellt hat. Das „Journal d'Allemagne" wird in seiner morgen erscheinenden Nummer eine ausführliche^Analyse des in der Wihelmstraße eingenommenen Standpunkts veröffentlichen, und eine telegraphische Agentur, die Kreßzentrale, kündigt diese Veröffentlichung mit der Versicherung an, daß es sich dabei um einen in
spirierten Artikel handle. Bei genauer Durchsicht des Artikels, den wir unten mitteilen, gewinnt man den Eindruck, daß diese oder jene Einzelheit in 'der Tat neu sein mag, wie denn z. B. die Angaben über die geforderte neue Abgrenzung zwischen Kamerun und Französisch-Kongo über die bisherigen Mitteilungen insofern hinausgehen, als eine Fülle von Namen von Flüssen und Landschaften mitgeteilt wird-, von denen bisher in der Öffentlichkeit nicht die Rede war. Trotz dieser mit dem Anschein verbürgter Informationen gegebenen Einzelheiten läßt sich jedoch von den Angaben des „Journal d'Allemagne" dasselbe sagen, was von zahlreichen früheren Veröffentlichungen gesagt werden mußte, nämlich, daß es sich immer nur um einen Teil der Wahrheit handeln kann, daß alle diese Veröffentlichungen von zweifelhaftem Werte sind, solange sie nicht authentisch bestätigt worden sind, und daß diese Bestätigung bricht zu erwarten ist, weil es sich die verhandelnden Regierungen selbstverständlich Vorbehalten müssen, über den Inhalt sowohl ihrer beiderseitigen Forderungen wie der erzielten Verständigung amtliche Eröffnungen zu machen. Bevor das geschehen ist, können alle sonstigen Berichte nur so viel Bedeutung haben, wie sie eine geschickte Zusammenfassung der überall verstreuten Einzelmitteilungen und eine kluge Kombinationsgabe beanspruchen können, nämlich im Grunde genommen gar keine. Von den bisherigen Angaben weicht die des „Journal d'Allemagne" in einem Punkte allerdings ab, und zwar zugunsten ihrer Glaubwürdigkeit. Es wird nämlich versichert, daß Deutschland ein so großes Stück von Französisch-Kongo fordere, daß in Zukunft die deutschen Besitzungen bis an den Kongo reichen und dem belgischen Kongostaate benachbart sein würden, daß also Französisch-Kongo in zwei Teile zerschnitten würde, in einen Küstenstrich mit den Häfen Gabun-Lebreville und in ein Binnenland, das von der Küste aus nur noch durch den Kongo längs des zukünftigen deutschen Kongogebtets zugänglich wäre. Ferner enthält der Artikel des „Journal d'Allemagne", die neue Mitteilung, daß Süd Marokko ein für Deutschlaüd bestimmtes Handelsreservat bleiben soll. Will man sich einmal auf den Standpunkt stellen, daß diese Angaben, über.die man sich an amtlichen Stellen begreiflicherweise nicht zu äußern wünscht, einen Kern von Wahrheit enthalten, so würden in den Verhandlungen, di'/ demnächst . wieder beginnen, noch manche erheblichen Schwierigkeiten zu überwinden sein. Schon gestern wurde an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß eines der Hindernisse, über die man hinwegzukonnnen haben wird, in der der, schiedenen Auffassung der deutschen und der französischen Regierung von der Behandlung der zukünftigen
Fenilleton.
Sie kommt nie wieder.
?ine Bühnenplanderei von Friedrich Huth-Eharlottenbnrg.
„Sie kommt nie wieder - sie kommt nie wieder!" Nit diesen Worten schließt Artur Schmtzlers berühmtes Schauspiel „Liebelei". , „ „ _ . .
Die Schlußworte des greisen Violinspielers Ham-Wemng »asten unsere Seele in heftige SckMrnMNg versetzt, und «»willkürlich flüstern wir mit bebenden Lippen die -wite. Sie kommt nie wieder.
Sie kommt aber doch wieder. Der Vorhang fallt, da^ Publikum Nascht, und sofort ist Chnstme, dm Tochter de-> üten Geigers, wieder zur Stelle um» verneigt, sich, stennd" ich lächelnd, vor dom gcfWten Hanse. All u.lfi.e Sce^n- n»gst war umsonst, und wenn der Dichter die Frage offen ieß, oh sie wiederkehren werde, so war er ganz rm Ruht.; -chnitzler kennt ja auch seine Pappenheimer — er Wech, tc wird Wiederkehrcn, wenn nur Gevatter Schnerd.r und Handschuhmacher tüchtig die Hände zufamrmnklaffchen.
Im Berliner Schiller-ThDater gibt Frl. SB. die Wüte; eine liebe Schauspielerin und gewiß nrcht ohne Talent; aber ich könnte sie vergiften für dieses Vergeh.» legen den Geist der Dichtung. All diese Herren Wallen- lein, Cäsar, Hamlet, Romeo — diese Damen Julm, Hphelia, Destemona usw., deren Schicksal uns erschüttert nie so groß sind und die lebhafteste Teilnahme unseres Herzens erwecken, werden zu jämmerlichen Kreaturen, Down ste >das BeifaMatlfchen ernMr Hunder^ Phrlrster nieder zum Leben erwecken kann. Barbaren sind ste alle, nenn ste ans der Dichtung, die wir nach dom Willen ihres Schöpfers als wahr hinnehme« müssen, einen solchen Hokuspokus machen: wenn ste uns aus den hohen Wollen, -n die uns ihre edle Kunst erhoben, zurückschleudern in den Schmutz des Alltages, wenn sie ihr eigenes Kunstwerk erbarmungslos vernichten. Der Bildhauer, der mit vielem jZloiß eine Venns, eine Juno oder eine Diana erschaffen «ch dann den Hammer zur Hand nimmt, um die GSttirmer, Su zertrümmern, handelt nicht roher als diese Mimen, die stÄ und ihre edle Kunst vor dem Publikum erniedrige».
die sich so zu Kneckten der breiten Masse machen und denen das Kunstwerk nicht höher steht als das Vergnügen, sich vor der lebhaft bewegten Menge verneigen zu können.
Der Beifall soll nicht fehlen. Er verständigt den Künstler, d-aß leine Worte zündeten. Aber der Darsteller hat nicht das Recht, das Wort des Dichters in das Gegenteil zu verkehren. — In irgend einem modernen Lustspiel entführt ein Jüngling die Geliebte auf schnellen Rossen. Es folgt noch eine weitere Szene, eine breite Konversation, dann erst fällt der Vorhang, und sofort ist der gute Mann mit seiner Geliebten wieder zirr Stelle, obwohl er lckon einige Hundert Kilometer hinter sich haben müßte. Diesen Unfug sieht man täglich auf der Bühne. Der Darsteller kennt weder Raum noch Zeit und macht aus diese Waise jede Illusion zunichte. Eben hören wir, d-atz X. oder D. in Paris fei, und wenige Sekunden später verneigt er sich auf einen- Marktplatz oder in einem Parke einige hundert Meilen fern von Paris vor dem lieben Publikum. Die Lenie müssen schneller als der Blitz den Äther durch- sarrsen nm rechtzeitig wieder l-eim Fallen des Vorhangs zur Stelle zu sein und den Beifall von Gevatter Schneider und Handschuhmacher zu erhaschen. .
Ist es denn gar nicht möglich, diese Kmderer zu überwinden!» Darüber kann kein Zweifel bestehen, daß allen Gebildeten diese Verstümmelung des dramatischen Werkes ein Greuel ist, und daß mir ungebildete Menschen darauf ausqehen den Darsteller hervorzuklatschen — ein Unfug, den man sich nur bei den blödsinnigsten Possen, an denen überhaupt nichts zu verderben ist, gefallen lassen kann. Auch der tüchtigste Bühnenleiter offenbart, daß er ferner Ausgab- doch nur halb gewachsen ist, wenn er diesen gröblichen Mißbrauch an seiner Bühne noch nicht beseitigt hat. Die Eitelkeit der Schauspieler ist ja allerdings sehr groß und es gibt ja auch naive Gemüter unter ihnen, die ihre Person sür -wichtiger halten als das Werk des
Dichters. .
Nun — wenn diese durchaus eine engere Berührung mit dem lieben Publikum nicht entbehren können, so sollte die Theaterdirektion jeden Monat einmal zum Besten dieser kindlichen Gemüter ein Kaffeekränzchen oder einen Toe- abend veranstalten, der ausreichende Gelegenheit gpben könnte, dem Publikum seine Lieblinge näher zu bringen. Vielleicht würde eine derartige Veranstaltung dazu bei
tragen, das Werk des Dichters vor Verstümmelungen zu bewahren. Der wahre Künstler aber bedarf dessen nicht. Er geht ganz in seiner Rolle ans und vermag nicht, wenn er eben als Julius Cäsar anf den» Kapitol gefallen, als Schauspieler Müller, angetan mit einem Karnevalskostüm, sich vor dem Publikum zu verneigen; denn in dem Moment, wo Julius Cäsar überhaupt die Gegenwart des Publikums wahrnimmt, ist er nur noch der bekannte Mime und sein Kostüm nichts weiter als ein bunter Fetzen, angeh-ängt, die blöde Menge zu ergötzen.
Königliche Schauspiele.
Samstag, den 28. August: „Figaros Hochzeit".
Oper in 4 Akten von Wolsgang Amadeus Mozart. Dichtung von Lorcnzo da Ponte.
Am Samstag ging Mozarts graziöse Rokoko - Oper „Figaros Hochzeit" über die Bühne in ihrer unverbrauchten Frische und Fröhlichkeit. An Stelle des erkranktem Frl. Friedfeldt, hatte Frl. Franziska Vogel vom Stadttheater in Breslau die Partie der Susann« übernommen. Eure hübsche Erscheinung mit klarem Vogelftimmchen, die gar lustig zwitscherte und sich mit bewunderungswürdiger Gewandtheit in das ihr fremde Ensemble hineinfand und sich auf der fremden Bühne vollständig heimisch fühlte. Zier- lich und graziös klang das Duett mit dem Pagen (Frau Engell), das andere mit der Gräfin (Frau Müller-Weiß), Die kleine Entgleisung in der großen Schlußarie war bedauerlich, konnte aber den guten Eindruck, den die Künstlerin machte, nicht verwischen. Herr de Leeuwe sang hier zun» erstenmal den Bastlio und zeigte sich als geschmack- und stilvoller Mozart-Säuger. Die kleine Partie stellt keine zu hohen Anforderungen an seine Stimme, und so kam deren warmer Timbre gut zur Geltung. Auch Spiels und Maske ließen nichts zu wünschen übrig.
Der Garten, im letzten Akte hätte etwas dunkler sein dürfen, um die Illusion der Verwechslung lebendiger zu gestalten. Durch die Helle bekam das Ganze etwas gar zu Naives, wie sich alle so blind stellten und aneinander Vorbeiliesen, ohne sich zu scheu oder zu erkennen.
Sonntag, den 27. August: „Oberon". Große romantische Feen-Oper in drei Akten nach Wielands gleich-
