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Nr. 381.
Donnerstag, 1*7. August 1911.
59. Jahrgang.
Morgen - klusgabe.
1. statte
Air foiialöcmo&ratic and der Krlegsftil.
In dem Aufruf des sozialdemokratischen Partei- Vorstandes zu Protestversammlungen gegen die Marokkopolitik steht der Satz:
„Gegen den Willen der breiten Volksmassen ist heute kein Krieg mehr möglich."
In einen: Leitartikel, den Herr Ed. Bernstein am Sonntag im „Vorwärts" veröffentlichte („Tie auswärtige Politik des Deutschen Reichs und die Sozialdemokratie") liest man dagegen:
„Tie Sozialdemokratie ist in keinem Großstaat der Kulturwelt imstande, jedweden Krieg ohne Unterschied ’ SU verhindern." _ „
Wie vertragen sich diese beiden Sätze mrteinander? Das; die „Sozialdemokratie" und die „breiten Volks- uiassen" wesentlich verschiedene Tinge oder Größe:: wären, das wird gerade die Sozialdemokratie selbst nicht gelten lassen. Dann aber ergibt sich ein vollständiger Widerspruch.
In seinen weiteren Ausführungen erwähnt Bernstein die „tapferen Worte" französischer Arbeiterver- treter in Berlin über die Turchkreuzung einer vor: ihrer Regierung ausgehenden Kriegserklärung durch Gegenaktionen der Arbeiter ihres Landes, wie Streik, Sabotage usw. Er macht dazu jedoch die kritische Bemerkung :
„Wenn wir uns erinnern, wie schnell in einen: Kampf, wie der Eisenbahnerstreik von 1910, dem große STetle des nichtsozialistischen Frankreich unberührt gegenüberstanden, andere aus Haß gegen die Cisen- bahngesellschaften im stillen sogar den Sieg wünschten, die Anwendung einiger verhältnismäßig unbedeutender Kriegsartikel geniigte, die Versuche revolutionären Widerstands auf ein ganz geringfügiges Maß zu reduzieren, dann werden wir uns sagen, daß auch :n Frankreich mit seinen revolutionären Überlieferungen der gute Wille der sozialistischen Arbeiterschaft noch nicht genügen würde, einen Krieg unmöglich zu machen, der dein: übrigen Publikum populär ist, bezw. ihin als ein Lebensinteresse der Nation erscheint."
Tie pathetische Erklärung des sozialdemokratischen Varteivorstandes ha: kaum eine so detaillierte Widerlegung verdient. Sogar die meisten Leser deZ Borte, dri§" werden verwunderte Augen gemacht haben, als sie diese Bramsrbasiererei lasen. Der Standpunkt der sozialdemokratische!! Radikalissimi ist auch ein g.lnz anderer. Sie wollen im gegebenen Falle nicht den völlig aussichtslosen Versuch nrachen, den Krieg zu verbilden:, d. h. dem Armeebefehl den Gehorsam zu verweigern, sondern sie spekulieren darauf, daß einem verlorenen Kriege sofort oder noch vor seinem Ende
FeMletmr,
NwöMMMö.
Von HonorZ oc Balzac.
Seiner großen deutschen Ausgabe von Balzacs wichtigsten Meisterwerken reiht der Jnfelverlag auch die genialste, kühnste und künstlerisch vielleicht reifste Dichtung des „Vaters des modernen Romans" ein, die prachtvolle Novellensammlung der „C'ontes dröktiques", die in der ausgezeichneten Übersetzung von Benno Rütte nauer demnächst erschotnw wird. Aus dem Geist der kraftstrotzenden und. sinnlich ärc-rsn französischen Renaissance ist dieses Werk geboren; des Meisters Franziskus Rabelais tolle lachende Laune, sein scharfer üppiger Witz feiern hier die fröhlichste Auferstehung. Es ist schier unbegreiflich, wie ein Sohn des 19. Jahrhunderts, der für seine Zeit das schärfste Auge und das feinste Empfinden besaß, sich sogleich so völlig in Anschauung und. Stil einer fernen Vergangenheit hinein- leben und die freie übermütige Souveränität in der. Gestaltung der Stoffe bewahren konnte. Diese merkwürdigen, ausgelassen tollen und köstlich bunten Schöpfungen einer herrlichen überreichen Phantasie, Juwelen einer echt gallischen, frech graziösen und naiv derbe:: Fabnlicrkunst, überschreiten zwar auf jeder Seite die Grenzen der Wohl- drrstündigkett und Dezcnz, erzählen von der Lust und dem Rausche der Sinnlichkeit mit der unbefangenen Natürlichkeit eines Arrstophanes oder Rubens, aber sie werden durch den Glanz der Darstellung und die Reinheit der archaisierenden und doch tief, erlebten Farm in die Sphäre.der hohen Kunst gehoben; sie sind die erste üppige Frucht des Balzacfchen Genies, ans der gesunden Fülle und stolzen Größe noch unberührter Jugendlichkeit entsprossen. Tie Töne, die der Franzose hier angeschlagen, sind.einzigartig w ihrem kecken Jubel und ihrer bacchantischen Wildheit.
die Revolution folgt, und möglicherweise geht der Fanatismus einiger so weit, daß sie wenigstens vassiv dazu Helsen würden, dem Kriege erneu ungünstigen Ausgang zu bereiten, um ihn nicht seiner Frucht, der Revolution, zu berauben.
Seit Jahren tritt in der Sozialdernokratre mit zunehmender Deutlichkeit der Gegensatz zwischen einer friedlichen und einer revolutionären Richtung hervor. Tie letztere rechnet wieder mit zwei verschiedenen Möglichkeiten: mit der spontanen Revolution und mit der Revolution als unvermeidlicher Folge __ einer Kriegsniederlage. Diese zweite Eventualität war ^ das eigentliche Programm der Radikalen unter dem 'Sozialistengesetz. Als das Ausnahmegesetz erloschen war. wagten sich diese Wünsche und Pläne auch noch nicht an die Öffentlichkeit. Tie allgemeinen Gesetze, hätten dem im Wege gestanden. Und die Parteischriftsteller schrieben so gemäßigt weiter, wie sie unter dem Sozialistengesetz zu schreiben genötigt gewesen waren. Allmählich sind die revolutionären Ideen wieder aufge- lebt. Von allen Gegensätzen zwischen den Radikalen und Revisionisten dünkt uns der wichtigste der, daß die revisionistischen Gedankengänge und Bestrebungen die Revolution ausschließen, während mindestens ein großer Teil der Radikalen die Revolution — im alten, blutigen Sinne: von der Revolution „im wissenschaftlichen Sinne", spricht man überhaupt nicht mehr — als das unerläßliche Mittel zur Herbeiführung des Endziels oder vielmehr schon des ihm vorangehenden Aktes: der Besitzergreifung der öffentlichen Gewalt durch das Proletariat, betrachtet. Der radikale Teil der Parte:- blätter macht aus dieser Ansicht und Absicht schon gar keinen Hehl mehr. Der Parteivorstand variiert sie ein wenig: die Partei soll die Entstehung eines Krieges verhindern. Das wäre noch mehr. Aber es ist so schlechterdings unmöglich, daß man den Satz als lächerlich empfindet. Überhaupt darf mar: den Parteivorstand nicht für radikal und revolutionär halten. Herr Pfann- kuch z. B. ist doch nur als Revolutionär in Schlafrock und Pantoffeln vorstellbar. Aber der Parteivorstand lebt in der Furcht vor den Revolutionären, in einer Abhängigkeit von ihnen. And in dieser Abhängigkeit und der Besorgnis, es mit den Ultras zu verderben, drechselt er Phrasen, die noch über die eigentlichen Gedanken der Extremen hinausgehen. Ter biedere „Vorwärts" aber veröffentlicht heute den Aufruf des Parteivorstandes an leitender Stelle und zwei Tage später seine^Widerlegung durch Bernstein ebenfalls an leitender Stelle. Einstweilen ist also die Konfusion reichlich ebenso groß wie der Drang zur Revolution, und Konfusion wirkt bei allen schlimmen Plänen mildernd. Eine recht ergiebige Erörterung dieser Gegensätze und also auch der Angelegenheiten, an denen sie sich äußern, kann man nur begrüßen. Eine scharfe Marokko- dkbatte in Jena ist nützlich: einiae werden dock: Belehrung ans ihr schöpfen, und die Welt lernt die Stimmungen in der Partei kennen.
Aber sie sind in ihrem feinsten historischen! Gefühl, ihrer Glut der Seelenmalerei, dem psychologischen.Tiefsinn und der übermütige« Ironie doch nahe verwandt mit den Klängen, die wir in einigen Dichtungen Gottfried Kellers, den „Sieben Legenden" oder der Erzählung vom Meret-- leiy aus dem „grünen Heinrich", vernehmest.
Im folgenden geben wir eine kleine Geschichte wieder, die in der köstlichen Zartheit und Grazie des Stils den „Sieur de Balzac", der sich als Erzähler den großen Meistern der Mpltliteratnr, einem Boccaccio, Brantöme, Lafontaine n. würdig anschmßt, von seiner besten und naivsten Sölte zeigt — ein Lob und Preis der lieben Gottcspslänzlein, der Kinder. Dt. P. L.
Kindermu n d.
Nicht die vielgeri'chmtm Heldenlieder göttlicher Sänger, nicht die schönste Musik, nicht die stolzesten Schlösser, blühenden Schilderten und Bilder der Heiligen und der Könige, kühn aus Stein gehauen, auch nicht die weißbewimpelten Schiffe auf dem blauen Meer sind das Schönste, was der Mensch hervorbringt; von allem, was von: Menschen kommt, das schönste sind die Kinder. Und sie sind es so lange, als sie eben Kinder sind. Denn danach werden sie Man« und Weib, werden die gleichen Tölpel wie die Alte«, nehmen Bemunft an, und bei Gott, sind kaum mehr wert, was sie gekostet haben. Die Schlinrmsten sind noch die Besten. Aber betrachtet einmal die Kleinen, wie sie anmutsvoll spielen mit allem, was ihnen in die Hände kommt, mit einem Werkzeug, das sie sich vom Brett holen, Mit einem alten Schuh; betrachtet, wie sie das, was sie satt bekommen, liegen lassen und nach dem schreien, was sie haben wollen, wie sie überall Zuckerwerk und Emae- • ««achtes erschnüffeln, wie sie an. einem Packwerk knuspern urld immer ausgclogt sind zum Tollen und Lachest, sobald nur ihre Zähne hervorbrechen. Betrachtet sie und ihr werdet zugeben müssen, daß sie einfach entzückend sind. Sie sind Blüte und Frucht zugleich, Frucht der Liebe und Blüte
Iie russische Flotte.
g. St. Petersburg, 8. August.
Tie russische Regierung wünscht augenblicklich, daß soviel wie möglich über ihre großen Rüstungen verbreitet wird, besonders über die zur See, da sie wohl nicht mit Unrecht anntmmt, im Auslande glaube mein, daß eine russische Flotte überhaupt nicht vorhanden se:. Sie hatte deshalb, wie immer, wenn es sich darum handelt, ihre Ansichten als die Privatmeinung der fremden Zeitungskorrespondenten wiederzugeben, dreien ein Expose zugestellt. Dasselbe enthält viel Interessantes, und wenn man zwischen den Zeilen zu lesen versteht, auch Richtiges, so daß daraus ein zutreffender Schluß über die wirkliche Sachlage gezogen werden kann. Ob dieses letztere gerade die Absicht bei der Versendung des Exposes war, möchte ich allerdings dahingestellt sein lassen.
Dem Marineprogramm zufolge sollen drei verschiedene Flotten errichtet werden, eine für die Ostsee, eine für das Schwarze Meer und eine für den Stillen Ozean. Tie erste wird 16 Dreadnoughts, 8 Panzerkreuzer, sowie die dazu nötigen Torpedo- und Unterseeboote umfassen. Die „dazu nötigen" sind also ein subjektiver Begriff, der weiter nicht besonders erklärt wird. Für das Schwarze Meer ist eine bestimmte Anzahl Fahrzeuge nicht festgesetzt, sondern das wird davon abhängen, in welcher Weise die anderen Uferstaaten, namentlich die Türkei, rüsten, jedenfalls soll aber festgehalten werden, daß die russische Macht um 50 Prozent größer zu halten sei als die anderen vereinigten Flotten zusammengenommen. Was nun die Schiffe im Stillen Ozean anbelangt, so sind dafür nuv 2 schnelle Kreuzer, 18 Torpedo- und 12 Unterseeboote zu bauen. Daß die nötigen Mittel für die Ausführung dreses Programms bewilligt werden, erscheint sicher, auch die Beschaffung durch Ausnahme von entsprechenden Ausländsanleihen dürfte sich wohl ermöglichen lassen, so daß Rußland eine sehr ansehnliche Seemacht aufzuweisen haben wird. Die Frage entsteht natürlich, w a n n dies der Fall sein kam:, und sie wird in dem Expose mit Angabe der Jahreszahl 1630 beantwortet. Das ist gewiß nicht pessimistisch gedacht, und wenn selbst das Unwahrscheinlichste vorausgesetzt wird, daß sich afteg glatt abwickelt und nicht nur die Termins zur Fertigstellung gewahrt, sondern daß die Schiffe auch seetüchtig sein werden, so sind doch dabei folgende sehr schwerwiegende Punkte in Erwägung zu ziehen. Zunächst muß man berücksichtigen, daß bis 1930, also in 20 Jahren, ein bedeutenderTeil der Neubauten veraltet sein und außer Dienst gestellt werden muß, und für deren Ersatz ist keine Vorsorge getroffen, da die Banleistungsfähigkeit nach offizieller Ansicht bereits durch das Programm aufs höchste angespannt wird. Tie Schiffe sollen eben alle auf Werften in Rußland, d. h. nickt etwa russischen Werften, hergestellt werden. Seit 1907 befinden sich nun auf solchen Etablissements
des Lebens. Nichts Heiligeres und Köstlicheres als ihre Einfälle und ihre Art, sich auszndrücken, solange sie noch nicht von Altllugheit ««gesteckt sind und ihr Geist sich nicht in der SudeMchc des Lebens beschmutzt hat. Die höchste geistige Anmut könnt ihr bei ihnen lernen. Kein Erwachsener wird ihnen das je gleich tun. Die Naivität der Großen ist durch die Vernunft immer mehr oder wcniyer verdorben, die Naivität der Kinder ist rein und lauter wie die heilige Natur. Ihr könnt das aus folgendem ersehen:
Die Königin Kathreu: war damals noch Frau Kronprinzessin, und um sich ihrem Schwiegervater, dem König, vom es schon recht.schlecht ging, angenshm zu machen, schenkte sie ihm von Zeit zu Zeit eine italienische Malerei, da sie Wohl wußte, wie sehr er sie liebte, der einst der Freund des Meisters Rafael von Urbino und des großen Leonhard von Vinci gewesen war, denen er namhafte Summenzugswewdet hat. Und so erhielt sie von ihrer - Familie, die die vorzüglichsten dieser Werke besaß, da ihr ! Vater, der Herzog Medici, damals der Herr von Toskana ! war, eine äußerst kostbare Schilderet, die ein Venezianer i namens Meister Tizian gemalt hatte, der Hofmaler des : Kaisers Karl, der ihn über alles schützte. Auf dieser Tafel waren Adam und Eva abgebildet, wie Gott sie im Paradiese erschaffen hatte, in Lebensgröße und im Kostüm ihrer Zeit, worüber kein Zweifel bestehen kann; nämlich sie waren bekleidet mit ihrer Unschuld und umhüllt mit dem Wohlgefallen Gottes, was sehr schwer nachzubilden ist, besonders^ mit Farben, worin aber der genannte Meister Tizian sich in hohem Grad auszeichnete. Dieses Gemälde wurde in dem Zimmer des armen Königs aufgehängt, der von der Krankheit, an der er später starb, schon damals sehr geplagt wurde, und war am ganzen Hose viel des Rodens von den: genannten farbigen Schilderiver?, also daß ein jeder es gen: gesehen hätte. Doch dieser Wunsch ward auch nicht einem einzigen erfüllt, so lange der König lebte,
. der das Bild immer in feiner Schlafkammer behielt.
