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Nr. 873.

Samstag, 12. August 1811.

SS. Jahrgang.

Morgen»Ausgabe.

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England in Mesopotamien.

Englands einzigartige Stellung im Kolonialleben der Gegenwart zeigt sich nicht nur inden Ländern, die cs als Kolonien besitzt, sondern auch in zahlreichen anderen Gebieten, die zwar dem Namen nach noch einer, anderen Macht gehören, in Wirklichkeit aber in wirtschaftlicher und finanzieller, ja selbst in politischer Beziehung, von den Eng­ländern vollkommen abhängig sind. Das erste Reich, das bon Großbritannien zu einer solch verkappten englischen Kolonie gemacht wurde, war Ägypten; das gleiche ist in vielen indischen Staaten der Fall, deren Schattenherrscher nur nach außen hin über die englische Besitzergreifung hin- wegtäuschen sollen, und ebenso sir.hr es mit einem großen Teil der portugiesischen Kolonien in Afrika. Diese Methode, ein wirtschaftlich wertvolles Land, das einer anderen Nation von nur geringer Eigenbedeutung gehört, von sich abhängig zu machen, haben die Söhne Albions nun auch in Mesopotamien angewendet. Das uralte Kulturland, das unter der türkischen Herrschaft seine Bedeutung fast

völlig eingebüßt hat, aber eine unermeßlich große Zukunft vor sich haben kann, befindet sich nahezu ganz in englischen Händen. Wichtige Tatsachen über diese Verhältnisse wer­den derInternationalen Wochenschrift" in einer Kor­respondenz aus Koitstantinopel mitgeteilt. Schon seit 80 Jahren beherrscht eine englische Gesellschaft, die Lynch Company, den einzigen Verkehrsweg, der zurzeit die Ver­bindung des Zweistromlands mit der übrigen Welt ver­mittelt, den Wasserweg aus dem Euphrat und Tigris. Alle Konkurrenzunternehmungen, die von türkischer und deutscher Seite ins Leben gerufen wurden, waren nach kurzer Zeit aus dem Felde geschlagen. Bei dem türkischen Regierungs­wechsel im April 1909 gelang es sogar der Gesellschaft durch das Eingreifen der britischen Regierung, das Schiffahrts­monopol zu erhalten, wobei einzelne Einschränkungen nur dazu dienten, .den Schein einer türkischen Oberaufsicht zu wagen. Der hier geglückte Versuch, den mesopotamischen Verkehr mit dem Ausland unter britische Kontrolle zu bringen, wurde bei der Bekämpfung des deutschen Bagdad­bahnprojekts fortgesetzt. Es ist der erbitterten Feindschaft der Engländer gelungen, diesen großzügigen und. hochbe- deutsamen Plan fast 12 Jahre lang so ziemlich in demselben Stadium festzuhalten, wie in den Tagen, da der Vater der Bagdadbahn, Georg von Siemens, wegen seiner Verdienste um den Abschluß der Verhandlungen vom deutschen Kaiser geadelt wurde. In jüngster Zeit ist dann allerdings ein erfreulicher Fortschritt gemacht worden, und der Fortbau der Bahn ist bis znm persischen Golf so gut wie gesichert. Einedeutsche Bahn" wird aber jenseits von Bagdad nicht zu finden sein, denn es ist auch von Deutschland zugeftanden worden, daß der südliche Teil der Bahn von Bagdad bis ans Meer unter internationale Kontrolle gestellt wird. Für die wirtschaftliche Stutzbarmachung Mesopotamiens ist denn auch in neuester Zeit alles von englischer Seite geschehen, weil Großbritannien die Zukunft des Landes gänzlich in seinen Händen hat. Der ausgezeichnete -englische Wasser­bauingenieur Sir William Willcocks ist von der türkischen Regierung beauftragt worden, die Frage der Bewässerung des Zweistromlandes zu smdieren, und wenn seine Vor­schläge durchgeführt werden, wird am Euphrat und Tigris ein neues Eden entstehen. Willcocks Plan, zunächst ein Gebiet von 55 000 Quadratkilometer, das gegenwärtig wüst liegt, durch Zuführung von Wassermengen aus dem Euphrat der Fruchtbarkeit zu gewinnen, wird rascher und tatkräftiger durchzesührt, als man wohl von der türkischen Regierung erwartet hatte. Die ersten Arbeiten sind bereits vergeben, und man wird Schritt für Schritt Vorgehen, um aus dem erzielten Gewinn immer neue Mittel zu erhalten, die dem großen Werk zugute kommen sollen. So wird es allmählich gelingen, die Bewässerungspläne von Willcocks, die in ihrem ganzen Umfange eine jahrzehntelange Arbeit voraussetzen und eine Summe von nicht weniger als zehn Milliarden Mark beanspruchen, mehr und mehr der Ver­wirklichung entgegenzubringen. Wenn das Zweistromland wieder eine ähnlich großartige Bewässerung erhält wie zur Zeit der Assyrer und Babylonier, wo seine Fruchtbarkeit den Anlaß zu den Paradiesesvorstellungen gab, dann wird es einer ungefähren Schätzung nach 30 Millionen Menschen gut und reichlich ernähren können, während heute in der Wüste Mesopotamien kaum 4 Millionen Menschen ein dürftiges Dasein fristen.

Politische Kbrrficht.

Auf dem Katholikentag

hat sich in diesem Jahre ein Ereignis abgespielt, das bis­her auf diesen Veranstaltungen der Zentrumspartei völlig fehlte. Zum erstenmal feix undenklichen Zeiten hat es eine sachliche Kontroverse und eine wirkliche Abstimmung ge­geben, bei der beide Parteien fast gleich stark waren. Tie äußerst geschickte Regie der Katholikentage hatte es bisher stets verstanden, alle Zwistigkeiten fernzuhallen; Heuer aber klappte der dlpparat nicht so tadellos wie sonst. Der Anlaß des Zwistes war auch sehr charakteristisch. Die einen wolltenunter Hinweis aus das Gebot der Nächstenliebe" alle Katholiken auffordern, bei ihren Einkäufen nach Mög­lichkeit Handwerker nnd Kleingewerbetreibende zu berück­sichtigen. Die anderen wollten den Hinweis ans das Gebot der Nächstenliebe durch den aus diewirtschaMche Notwen­digkeit" ersetzen, und sie machten dafür sehr vernünftige Gesichtspunkte geltend. Herr Stegerwald von den christ­lichen Gewerkschaften sagte mit Recht, man würde sich bei den Regierungen nur lächerlich machen, wenn man hier in einer wirtschaftlichen Frage mit der christlichen Nächsten­liebe operiert. Aber schließlich siegten doch die Männer mit derchristlichen Nächstenliebe". Wir sehen hier znm erstenmal einen Versuch -auf den Katholikentagen, dem Ein­rühren aller und jeder Fragen in die religiös-konfessionelle Brühe zu widerstreben. Der Versuch ist noch mißlungen. Und wenn man die fanatischen Reden über die Konsessio- maliflerung der Schulen und gegen denGeist des Un­glaubens" liest, die allesamt mitnicht endenwollendem Bei­fall" ausgenommen wurden, so muß auch die Hoffnung sehr gering fein, daß auf den Katholikentagen eine bessere Er­kenntnis durchbricht. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.

Kirrere Anklagen gegen dasKnlrnvrverk" der Franxsfen in Afrika.

DemGiornale d'Jtalia" hat der Italiener Marchese Aldobrandini Malvezzi einen offenen Brief übergeben, den SM Hamsd Scherif Es Senussi, der Obere des bekannten mohammedanischen Ordens der Snüssi in Nardaftika, aus seiner Residenz in der Oase Kufra geschrieben hat, und- in dem bittere Anklagen -gegen das Vorgehen der Franzosen bet der Errichtung ihres weiten novdafrikanischen Reiches erhoben werden. Das merkwürdige Dokument erregt be­sonders deshalb Interesse, weil sich die Snüssi zum ersten­mal an die europäische Presse wenden, um die Ereignisse während des Krieges in Wadai bekannt zu machen, von denen man sonst nur seltene Nachrichten aus französischer Quelle hat. Der Snüssi-Ordcn, der bekanntlich eine Rei­nigung d-es Islam von allen fremden Einflüssen erstrebt, beherrscht mit Hilfe seiner Ordenshäuser die Karawanen­wege nach Tripolis, und hat den Handel zwischen Wadai und Bengasi in Händen. Man liest nun in dem Schreiben, das eine Antwort auf die von Frankreich bei der Hohen Pforte erhobenen Beschwerden darstellt:Im Namen des allmächtigen und barmherzigen Gottes. Jedermann weiß, daß die Franzosen gegen den Orient im allgemeinen kämpfen und gegen den Islam im Besonderen einen Kreuz-

Femlletorr.

(Nachdruck verboten.)

KlKrchenqusllen der Weltstadt.

Von Norbert Falk (Berlin).

In den Tagen des Weißen Sommcrlichis streben die Seelen aus dem backosenwarmen Riesensteinbruch der Stadt hinaus. Die Knäufe der Türme und die Spitzen der Blitzableiter glitzern wie schmelzendes Silber in der Irrenden Glut der Sonne. Fernab, weit draußen ragen die bewaldeten Berge; springen Quellen; wogen die Keinen Wellen junger Roggenfelder. Im Steingcröll der Schluchten rötet sich mählich die Erdbeere; auf indigo- dlauem Rittersporn wiegen sich gelbe Zitronenfalter. Draußen erkennen die Menschen das Heranwachsen des Sommers und wachsen mit ihm. Und in der Stadt kündet cr sich im Erglühen des Asphalts, im glimmernden Springen der Telephondrähte, im Flieder, der an den Straßenecken berkaust wirft, nnd im Anftanchen von -hunftrrttausend Strohhüten. Attribute des Weltstadtfrühlings.

Zweimal im Jahr aber kommt der Wald in die Stadt, tinr die Weihnachtszeit, und in den Tagen um Pfingsten, die so wundersam süß aus Frühling und Vorsommer ge­woben sind. Wie in ShakespearesMacbeth" der Birnam- wald nach Dunsinnan. Im Frühsommer sind's -die saft­grünen Blätterbüsche silberrindiger Birken. Der Frühlings­wald duftet aus ihnen in die staubige Luft der Straßen, und in allen Stuben, wo die schlanken Äste und Stämmchcn w Wassertöpsen stehen, streicht der Odem des W-aldes. Den herben Dust des Winterwalds trägt die Weihnachtstanne w ihren dunklen Nadeln. Und wo sie in stiller -Stube steht, da weht der Hauch des Märchens.

-, . Märchen und Wald, Sie gehören zusammen. Die

Dämonen und Wichte, Hexen und Einsiedler, die -ein Jahr­tausend der Volksphantasie geschaffen, sie leben noch immer in den finsteren Gründen der Wälder, in den Steinbrüchen und Erdfällen, im düsteren Tannicht und im hellen Birken­hain. Ob der v-Zug auf den im Mondschein blitzenden Schienen durch die Wakdesruhe rast und die Funken der Lokomotive das Laub versengen wenn der Donner der Räder verhallt, da hebt das alte Märchen wieder das Haupt und aus dem stillen Waldsee tauchen die schimmern­den Brüste der Nixen empor. Noch hat die Phantasie der Landbewohner keine Beziehungen zwischen den singenden Telegraphenstangen und den Föhrenstämmen geschaffen, aber die kleine Gänsemagd, die bloßfüßig im Grase hockt und aus den milchtropfenden Stengeln des gelben Löwen­zahns eine Kette flicht, mag erschrocken zusammenzucken und waldeinwärts laufen, wenn die seltsamen Töne ihr Ohr berücken und ihr Herz beengen. Zwar: die märchen­bildende Kraft, sie ruht da draußen. Sage und Fabel zehren vom Alten. Und als die naturalistischen Dichter, dem Silberglöcklein der Neuromantik folgend, die Städte verließen, müde der Salonkonflikte im StalMad der Natur neue Kraft ersehnten, da suchten sie das Märchen. Und suchten eZ im Wald. Gerhart Hauptmann voran, der ja doch eigentlich vom Ländlichen gekommen war. Und wenn die Abends chatten die Waldeswipfel verfinsterten, da sahen Dichteraugen an einem Dorfrüpel, der eine Ziegenhirtin in die Büsche jagte, -zwei Hörnchen, einen Bocksbart und einen behuften Fuß. So ward der Waldschratt. Und wer seinen Böcklin studiert hatte, der wurde kühn. Steckte dem Bocks­bärtigen eine Tabakspfeife ins Maul, nnd die neue Figur war fertig. Aber war's darum auch eine neue Figur? Wärs etwa Rautendelein? Durch die neuen Ge­wänder sahen die Formen der alten wohlvertrauten Wald­gebilde. Die märchenzeugende Kraft des Waldes ist eben lange erloschen. Wald ist Wald geblieben, nnd- was die

Phantasie in ihm einst sah, das spiegelt sich in denselben Brünnlein und Weihern, dem fließt derselbe grüne Waldes­schatten über die wunderliche Gestalt. Im rittertümlichen Mittelalter trat das Waldmärchen in wundersame Be­ziehungen zu den Burgen; die lagen ja hoch auf Berges- gipfeln, und ringsum rauschten die Eichen und Tannen. Da schlüpfte das Märchen in die dunklen Verließe, auf die Söller, die Türme, in die Kemenaten.. Kennt ihr nicht die schöne Melusine? Wie sic Schwind gemalt hat. . . Und schüchtern klopfte dann das Märchen an die Tore der mittel­alterlichen Stadt und huschte in die Gäßchen. Manch Städtermädchen hat sich der Wassermann geholt in seinen Glaspalast auf dem Grund der Elbe und der Donau. Als aber die engen Gassen mit den kleinfenstrigen Giebeldach- Häusern fielen, Wälle und Tore schwanden, die Plätze breit, die Häuser weit und luftig wurden, die weiße Flut des elektrischen Lichts kein Dunkel litt, da blieb kein Platz für das alte Märchen. Es zog sich aufs Dorf und von dort in den Wald zurück . . .

Und mit deni Wachsen der Stadt schwindet der letzte romantische Spuk. Die Ortschaft, der ein paar Hundert­tausend Einwohner d-as Zahlcnrecht geben, sich mit EmphaseGroßstadt" zn nennen, die ist stolz auf ihre moderne Vernünftigkeit und auf ihre Befreiung von allen Dämmerzuständen, die das Unheimliche oder gar das Gruselige erzeugen. Wohnen gar -ein bis zwei Millionen Menschen beisammen, ,so kann die ungeheure -Stein- und Eisenbetonmaffe sichWeltstadt" nennen. Asphalt und Steinpflaster bedecken die Erde, draußen wo liegt ein schöner, gutgepflegter Park mit alten Bäumen, die aber alle so ein numeriertes Gesicht haben und gutgepslcgte Geh- und Reitwege säumen. Der Verschönerungs-Verein oder die Gartenkommission sorgen, daß die öden Straßenzüge mit jungen Alleen den Bewohnern nicht ganz das Zusammen­gehörigkeitsgefühl mit der Natur nehmen. Und die Kindes