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Nr. 871.
Freitags 11. August 1TZ1.
SN. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Mali.
Marokko.
I,. Berlin, 9. August.
Tie heute vorliegenden Mitteilungen über den Stand der Verhandlungen zwischen Berlin und Paris sind, man kann sagen: naturgemäß, beinahe noch dürftiger als die Angaben ans den letzten Tagen: sie
können durch die gequälte Behandlung gleichgültiger Äußerlichkeiten ihre völlige Jnhaltlosigkeit nur mühsam verbergen. Das gilt auch von den vermeintlichen Nachrichten, mit denen die Berliner Korrespondenten der Pariser Blätter das fränzösische Publikum . zu unterrichten vorgeben. Tie in allen diesen Berliner Telegrammen wiederkehrende Versicherung, daß die Sache ihren normalen Verlailf nehme, daß die Verhandlungen sich aber noch einige Wochen hinzögern dürften, kann als eine sachlich aufschlußgebende Mitteilung nur bei den bescheidenen Ansprüchen gelten. Tie Dinge stehen in der Tat so, aber nachdem die grundsätzliche Annäherung zwischen beiden Kabinette!^ offiziell bekannt gegeben worden ist, folgte dieser Tatbestand aus den Verhältnissen von selber. Gegenwärtig findet in den Aachressorts sowohl hier wie in Paris die Hauptarbeit statt. Tie bestimmten Einzelpunkte, deren Regelung erst der prinzipiellen Verständigung Inhalt und Verwirklichung zu verleihen hat, werden von den Fach- ressorts geprüft, und erst weiln diese Tätigkeit zu Vorschlägen ' oder zur Überreichung von Denkschriften . an die beiden auswärtigen Ämter geführt haben wird, werden die Besprechungen der Herren v. Kiderlen- W achter und Canlboil auf genauer umschriebener Grundlage ihren Fortgang nehmen. Ein wesentlicher Anteil an der zurzeit zu bewältigenden Arbeit fällt dem Staatssekretär im.Reichskolonialamt zu. Herr v. Lindcquist hatte mehrfache Konferenzen mit Herrn v. Kiderlcn, aber auch mit dem Reichskanzler. Alle Versuche, durch die Lancierung von Berichten und angeblichen Nachrichten die Reichsleitung zur Bekanntge- bung der französischen Zugeständnisse zu veranlassen, werden auch fernerhin umsonst fetn. Man muß sich mit der ungefähren Darstellung der Tinge begnügen, also damit, daß Gebietsverschiebungen an den Grenzen von Kamerun und Französisch-Kongo erfolgen sollen, während über den Umfang der französischen Landabtretun- gen schon darum nichts Genaues mitgeteilt wird und werden kann, weil dieser Umfang vermutlich noch nicht seststeht. Nach einer phantastischen Meldung der „Post" soll Deutschland von Frankreich die Abtastung des ganzen französischen Kongos verlangen, außerdem soll ihm Portugiesisch-Westafrika jetzt überantwortet werden und die kleine spanische Enklave Spanisch- Guinea an Deutschland abgetreten werden. Hierdurch würde die westasrikanische Küste vom Oransefluß bis nach Kamerun deutscher Besitz werden bis auf die Kongomündung. Im Norden könnte sogar, so meint die „Post", nördlich vom Kongostaat eine Verbindung mit Ostafrika hergestellt werden. Frankreich sei bereit.
—UUJi!LL!-J--- SSSSS
Feuilleton.
(Rackidnick verbotenst
Kries mis Uew Brunswick (Kanada!
Von Heinrich Glaser.
New Brunswick heißt die südöstlichste Provinz Kanadas, die nur einige kleine Küstenstädte aufweist, im Innern aber für Hunderte von Meilen ein fast unbekanntes, höchstens zur Saison von einigen Jagdgesellschaften durchstreiftes Gebiet ist.
Ich hatte für meine Reise die Gegend Zwischen den Städtchen St, John und St. Stephen gewählt und glaube, damit eine gute Wahl getroffen zu haben, um das Hinter- waldleben kennen zu lernen, ohne zu weit von jeglicher Zivilisation entfernt zu sein. Die Bahnlinie liegt etwa 2 bis 3 Kilometer von der Küste, un!d ich war zunächst sehr enttäuscht, nichts von Wäldern zu sehen. In diesem Strich haben Feuer und Baumkrankheiten gewütet, und noch schlimmer als diese der Unverstand der Holzhändler, die Meilenweit die prächtigen Tannenwälder herunterschlugen, ohne für Nachwuchs zu sorgen, so daß heute alles mit Gestrüpp und jungen B'rken bedeckt ist.
In Bomy-River machte ich Hauptquartier, um von dort das Land zu durchstreifen. Schon wenige Meilen hinter der Bahnstation ändert sich die Szenerie, uud man glaubt sich in den Schwarzwald versetzt. Höhenzüge, breite Wicseuflächen, von Bächen und kleinen Flüssen durchzogen, wechseln mit Tannenwaldungen ab: auf den Wiesen schönes Rindvieh, kleine Schindel- und Blockhäuser am Weg, hier
seine Vorkaufsrechte auf den Kongostaat an Deutsch- lnd abzutreten. Auch ohne vom Staatssekretär des Auswärtigen Amts und vom französischen Botschafter ins Vertraueil gezogen worden zu sein, . läßt sich mit aller Sicherheit sagen, daß diese Mitteilung des alldeutschen Blattes sehr weit über den wirklichen Gegen-- ^ stand hinausgeht. Tie Behauptungen der „Post" sind" aber doch von Interesse wegen der an sie angeknüpften Versicherung, daß, selbst wenn diese Darstellung wahr wäre, darin noch keine Entschädigung dafür erblickt werden könne, daß Deutschland Marokko an Frankreich avtreten solle. Jede andere Lösung als die einer Räu- niung Marokkos durch Frankreich oder der Überlassung eines entsprechenden marokkanischen Anteils an Teutsch- land sei mit der deutschen Ehre unvereinbar. Aus dieser Sprache kann man erneut entnehmen, daß es dem Reichskanzler und Herrn v. Kiderlen-Wächter keine geringe Mühe machen wird, die Verständigung mit Frankreich vor diesen Kreisen der erregten öffentlichen Meinung wirksam zu vertreten. Was den Hinweis der „Post" auf den möglichen Übergang von PoctNgie- sisch-Westafrika in deutsche Hände betrifft, so chatte eine Lissaboner „Times"-Meldung kürzlich die Vermutung erweckt, daß entsprechende Verhandlungen in der Tat angeregt worden sein könnten. Nach der „Times" sollte der portugiesische Jnstizminister in einer Rede haben erkennen lassen, „daß Portugal nicht abgeneigt fein dürfte, die Grenzen von Angola zugunsten Deutschlands regulieren zu lasseir: die Voraussetzung dürfte die Anerkennung der portugiesischen Republik durch Deutschland sein." Auf dies „Tinies"-Tete- gramm hin wandte sich das „Berliner Tageblatt" telegraphisch an den portugiesischen Minister des Auswärtigen, Bernardo Machado, dessen Auskunft dahin lautet, die dem Jnstizminister zugeschriebenen Worte seien, „absolut falsch": der Minister habe nur gesagt, daß sich Deutschland und Portugal mit der Abgrenzung ihrer westafrikanischen Besitzungen beschäftigen und daß man, um diese zu erleichtern, in einem gewissen Grenzgebiet eine noch streitige Zone als neutral belassen werde. Diese „Aufklärung" aus Lissabon konnte selbstverständlich nicht anders lauten, als sie eben lautet. Man konnte doch wirklich nicht erwarte!!, daß Herr Machado auf eine private Anfrage hin so ohne weiteres den Teckel vom Korbe diplomatischer Geheimnisse abheben werde. Wir glauben nun sa wirklich nicht, daß die Besprechungen zwischen Kiderlen und Cambon auch die Frage gestreift haben sollten, ob und wie Frankreich in freundschaftlicher- Weise zur Ausführung des deutsch-englischen Geheimvertrages-von 1898 mitzuwirken gedenke, nach welchem uns das Vorkaufsrecht auf Portugiesisch-Westafrika für den Fall znstehen solle, daß Portugal sich seiner afrikanischen Kolonien zu entledigen wünsche. Wir gauben es nicht, aber die sachliche Möglichkeit, daß die Berliner Unterhaltungen vorübergehend auch diesen Weg eingeschlagen haben könnten, besteht immerhin. Nebenbei sei daraik erinnert, daß ein so guter Kenner der örtlichen Verhältnisse wie Paul Nohrbach (kürzlich in der Naumannschen „Hilfe") vorschlug, der deutsch-französische Zwist möge mit durch eine Vereinbarung beglichen werden, nach der Frankreich die Summe für
und da eine Sägemühle, so geht ein lieblicher Blick in den anderen über. Erst die Gegend von Lake Doug-al bietet einen neuen, aber wenig erfreulichen Anblick. An der einzigen Zufahrtsstraße haben fast Jahr für Jahr Feuer gewütet und jeden Nachwuchs gleich wieder zerstört.
Als ich zum erstenmal diesen Weg nach dem Innern nahm, grünte alles; junge Birken wuchsen zwischen Heidel- beerstauden und Farnkräutern, aber drer Tage später war mir der Rückweg versperrt. Ein enormes Feuer wfltete und brannte alles nieder; die kleinen Walbparzellcn hielten an den Bächen nur wenige Stunden stand, und wir sahen uns gezwungen, Feuer gegen Feuer zu setzen, um die Camps (Blockhäuser) zu retten. Sechs Mann brannten in 24stündiger Arbeit ohne Pause alles Gras, alle Sträucher und Bäume auf ca. 300 Meter Umkreis nieder. Dann sahen wir machtlos zu, wie sich das Feuer in den Urwald einfraß. Der Wind trieb die Funken Hunderte von Meter weit, -und wenn diese einen verdorrten, gefallenen Baum saüden, so stand in wenigen Minuten in -der Nähe alles in Flammen. Es war -ein schaurig-schöner Anblick! Der Wald schien sich zu wehren, die Bäume zu zittern und sie reckten ihre Zweige in die Höhe, wie um der Vernichtung zu entgehen. Nach 2 Tagen kam endlich der ersehnte Regen und setzte dem schrecklichen Schauspiel ein Ende.
15 Meilen hinter Bomy-River, 3 Meilen hinter Lake Dougal, beginnt der eigentliche Urwald. Der Weg führt über Felsen und Steine, durch Bäche und Sumpf, über Baumstämme und Stümpfe, rechts und links dichter Tannenwald mit moosigem Grund. Weitere 3 Meilen, und plötzlich steht man am Cundv-Lake, dem Ideal eines kleinen Waldsees, mit steinigem, von hohen Tonnen bewachsenem Ufer.
den Erwerb von Süd-Angola und für die Abtretung dieses Gebiets an uns aufbringen möge. Es war ern Vorschlag, nichts weiter. „ . ^ . .
Die Verhandlungen mrt Frankreich konnten durch nichts unliebsamer gestört werden, als wenn man cs sich in London abermals beifallen lassen wollte, unsere Geduld auf eine gefährliche Probe zu stellen. Das Pariser „Journal" läßt sich aus London telegraphieren, England werde, falls Deutschland nicht, ge- niäß von der britischen Regierung zweimal erteilter Zusagen seinen Kreuzer bald von Agadir zuruckziehe, aus seiner Reserve wieder heraustreten und zu verstehen geben, daß England eine Festsetzung der Deutschen in dem Gebiet von Sus unter Mißachtung der Verträge und der wiederholten Erklärungen des deutschen Botschafters nicht zugeben könne. Werl diese Unverschämtheit gedruckt vorliegt, sei sie auch gebührend verzeichnet. Ein weiteres Wort darüber zu sagen, erübrigt sich wohl.
Haldane über die Gigenari der deutschen Entwicklung.
Die praktischen Schlußfolgerungen des aufsehenerregenden Vortrags des englischen Kriegsministers Lord Haldane in Oxford, die die Notwendigkeit einer geistigen Annäherung der beiden so eng verwandten Nationen betonten, sind bereits gemeldet worden. Aber die feinsinnige und kenntnisreiche Begründung, niit der der englische Minister seine Ideen entwickelt hat, ist für uns vietteicht von noch höherem Interesse, denn sie enthält eine scharfe Beleuchtung der eigenartigen Geisteskräfte, die in Deutschlands Geschichte gewaltet haben. Ter Engländer, dessen Nation in ihren historischen Fortschritten und ihrer Machtausbreitung so wesentlich durch praktische Gesichtspunkte bestimmt worden ist, sieht besonders deutlich den idealen Grunü- zug, der im deutschen Volks- und Staatsleben sich von Anfang an regte. Ter grundlegende Unterschied in der Geistesart", erklärte Haldane, „läßt sich so fes:- stellen: der Engländer hat weniger oft als der Deutsche in 'seinem Geist ein abstraktes Prinzip oder eine Idee ausgebildet, bevor er handelt. Das ist die Ursache seines charakteristischen Individualismus. Das praktische Leben des heutigen Deutschen verharrt weit mehr als das des Briten auf abstrakten und theoretischen Grundlagen. In der deutschen Geistesentwicklung ist die Suche nach dem Systein der Hauptsaktor. Luther vollzog den Aufstand des Gewissens gegen die abstrakte Herrschaft der Kirche. Cr befreite die Vernunft des Menschen. Aber er gründete keine feste Basis, auf der die Religion ruhen konnte, obwohl er nach Heines Worten Deutschland nicht nur die Freiheit des Gedankens gab, sondern auch die Mittel, sie auszudrücken, da er durch die Übersetzung der Bibel die deutsche Sprache schuf . Die Befreiung der Vernunft, die er begann, vollendeten Lessing und Kant. Und Kant, indem er der Religion einen Platz anwies, wo sie eine feste Grundlage finden und einen Anspruch auf Autorität erheben konnte, die die Wissenschaft nicht zu erschüttern vermochte, machte damit ein weiteres großes Werk
Auf dem Wege sind Spuren früherer Ansiedtimgcn, und am Ufer selbst stehen einige mächtige Blockhäuser nebeneinander. Die Fenster sind kleine Schießscharten, das Dach liegt auf dem Boden, mitten im Haus recken junge Bäume neugierig ihre Wipfel über die Wände. Über, allem ruht tiefe -Stille, Einsamkeit und Vergessenheit. Von den Bewohnern ist jede Spur verweht, kein Mensch weiß etwas zu erzählen, und doch hätte ich so gerne etwas über das Leben und Treiben dieser Pioniere in der Wildnis erfahren. Könnten es nicht Landsleute gewesen fein, die in den vierziger Jahren hier eine neue Heimat fanden? Heißt doch das ganze Land New-Brannschweig.
Die Wanderungen find, vor allenr im Urwald, unglaublich beschwerlich; man folgt weift einem Wildpfad, über gefallene Baumriesen, durch Bäche und Dickicht. Wer wehe dem, der die Richtung, sei es auch oft nur um wenige hundert Meter, verloren hat; er kann wochenlang umherirren, ehe er eine menschliche Ansiedlung findet.
Auch ich hatte das Vergnügen, mich einmal gründlich zu verlaufen. Ich fand kein Wasser während eines ganzen Tages, weil ich -wahrscheinlich mehreremal im Kreis herumlief. Endlich sah ich mich gezwungen, die Nacht, ohne irgend welche Nahrung zu mir genommen zu haben und in leichten Kleidern, mitten im Urwald zu verbringen. Ich zündete mir ein ordentliches Feuer an, das ich die ganze Nacht unterhielt, schlief auch ein wenig und- fand am nächsten Tage gerade zur rechten Zeit den Heimweg, da ein wochenlanger Landregen die ganze Gegend unter Wasser setzte.
Obwohl das Gelände im allgemeinen zum Reiten günstig ist, kennt man diese Art der Fortbewegung gar nicht, sondern bedient sich eigentümlicher Wagen. Ganz leicht ge-
