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Kr. 86*.
Sonntag, 6 August LDLL.
SN. Jahrgang.
Morgen - Krisgabe.
L. Mtcrtt. _
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Gut Metier.
Sonnt« gsbetracht UN g.
In der vierten Bitte zählt Luther als einen Teil des täglichen Brotes auch das gute Wetter auf. Und es ist sicher nicht das Geringste davon. Tenn voil guten! Wetter hängt das tägliche Brot, hängt Saaten und Ernte znm großen Teil ab. Für den Landmann ist das Wetter einer der wichtigsten Faktoren des Lebens und die Bitte um gut Wetter eine derjenigen, die wohl am häufigsten von ihm ausgesprochen werden. Cr steht in der Hand des Wetters wie der Angeklagie in der Hand des Richters. Das gibt seinem ganzen Leben! etwas Unruhiges und Unsicheres, daß er nie tueiß, ob das Wetter ihm günstig ist.
Alle andere Arbeit ist weniger dem Zufall preis- gegeben. Der Beamte hat sein Einkommen, das durch ^inen Zufall gestört wird. Der Handwerker, der Händler, der Fabrikant sind Konjunkturen, oft sehr großen, unterworfen, aber diese sind längst nicht so launisch und wechselnd wie Regen und Sonnenschein.
Zwar kann der Landmann sich gegen mancherlei Einflüsse schützen. Er versichert sein Getreide gegen Hagel, seinen Wald womöglich gegen Windbruch, er versichert auch sein Lieh gegen ansteckende Seuchen, die ja ebenfalls vom Wetter beinflstßt werden. Aber man mag noch so viel Versicherungsmaschinen erfinden. Sie werden immer Lücken aufweisen, durch die plötzlüh das Verderben einzieht. Man sieht es Heuer an der Hitze. Gegen deren Schäden hat kein Landmann versichert, und es wird auch sobald keine Versicherung dagegen erfunden werden. Tenn hier fehlen die Maß- stäbe, und die Not ist zu allgemein.
Wir Städter leiden schon unter der Hitze, lediglich weil sie unserem Körper unangenehm und ungewohnt ist. Tabei sind die unangenehmen Folgen lediglich durch unsere üble Kultur hervorgerufen, durch unsere abscheulichen Mietskasernen und den Mangel an genügend leichter Kleidung. Den Bauer auf dem Laude ficht die Hitze viel weniger an. Er sieht zur Zeit . der Ernte brennende Sonnenstrahlen.viel lieber als einen bevölkten Hinuuel. Er ist es ja gewöhnt, ehrlichen Schweiß zu vergießen, wenn die goldenen Ähren von seiner Sense fallen. Erntezeit — heiße Zeit _— das kennt der Bauer nicht anders. Er schätzt die Witterung nicht nach seinem persönlichen Behagen ein, sondern lediglich in ihrer Bedeutung für Acker und Vieh. Tie Freude über gefüllte Erntewagen, die trocken in die Scheunen kommen, ist so groß, daß er darüber die
trockene Zunge vergißt. Erntezeit — fröhlichste Zert im ganzen Jahr.
Nur das drückt heuer den Bauer nieder, daß die Hitze den Boden dörrt und alles, versengt, was noch wachsen müßte. Für manchen wird sie fast zum Ruin: Den Winzer und den Übster. denen der größte Teil der Früchte vertrocknet, den Viehbesitzer, dem das Gras auf der Weide ausgeht, den Kleinbauer, der seine Zinsen nicht bezahlen kann, wenn irgendwo ein erheblicher Ausfall kommt. So wie diese versengt uns Städter die Glut noch längst nicht, auch wenn uns vielleicht ein paar Blumen im Gärtchen vertrocknen.
Dabei ist der Sonnenbrand für ein frommes Gemüt noch besonders drückend. Der Wettermacher ist der liebe Gott, das ist der uralte Glaube des Landmanns. Er ist im Wind, im Regen und im Sonnenschein. Nichts steht ihm fester als dies. Der Zweifel daran erscheint ihm als moderner Aberwitz. Und wenn jetzt die sengende Glut über die Felder fegt und wie mit Todes Hand die Friichte verdorrt, so gilt das als eine Schickung Gottes. Warum? — Darüber macht sich der Fromme die verschiedensten Gedanken. Cr spricht von Strafe, Drohung. Mahnung. Er fängt auch an zn zweifeln. Aber auch der Zweifel gilt ihm als Sünde.
Ein moderner Mensch' aber denkt weiter. Regen. Sturm und Hitze sind ihm einfache Naturerscheinungen,- die von besonderen Gesetzen abhängen. Bestimmte Luftströmungen bringen Regen, andere - Trockenheit. Tie Gesetze, nach denen diese wechseln, kennen wir heute noch nicht vollständig. Es fragt sich auch, ob wir in einer Zeit, mit der wir rechnen können, sie genügend durchschauen werden. Noch unsicherer ist, ob es in diesen! Falle heißen wird: Erkennen ist beherrschen. Tb man später einmal auf Wochen voraus wird eine Wetterkarte aufstellen können. Ob man später einmal wird sprechen können: Heuer wird ein trockenes Jahr, richtet euch beizeiten darauf ein, oder der nächste Winter wird grausam, da gilt es Vorsorgen! Solche Wektermacher und Traumdeuter hat es ja schon von frühesten Zeiten an gegeben, und Joseph ist in Ägypten dadurch ein berühmter Mann geworden. Aber man kann wohl sicher sagen: Wir werden später einmal
darin weiter sein. Und wir werden hoffentlich, wenn solche dürre Sommer sich häufen, daraus von den Ländern lernen, die fast ohne Regen lediglich mit Bewässerung sich helfen.
Aber -darin können wir schon heute die Bedenken der Altgläubigen überwinden, als hinge der Glaube am Wetter. Gott steht hinter den Erscheinungen. Er zuckt nicht in Blitz und Donner, er versengt oder überschwemmt nicht das Land. Hinter den Wolken ist er verborgen. Im einzelnen äußern sich ja die Naturgesetze für uns unangenehm und verheerend. Aber aufs große Ganze gesehen, ist doch alles eine wunder
volle Ordnung, gegen die wir eine bessere nicht ersinnen können und die uns immer harmonischer erscheint, je mehr wir davon erfassen. Und so ist schließlich auch jedes Wetter für den ein gutes Wetter, der mit Anpassungsfähigkeit und dem Blick hinter die Dinge durch die Welt geht. Auch die Pflanzen halten 72 am meisten durch, die sich anpassen können und die tiefere Wurzeln haben. Pastor a. D. K L t s ch k e - Berlin.
Woher MelbW GWlMZ ßlliWlge Wung?
Unsere Fehler.
A Berlin, 3. August.
England zeigt bei dem jetzigen Streite zwischen Deutschland und Frankreich eine ziemlich überragende Stellung. Es will die Rolle -eines Schiedsrichters der Welt spielen, ohne dessen Zustimmung nicht die geringste 'Veränderung auf der Erdkarte vor sich gehen soll. Man muß sich unwillkürlich fragen, hat die deutsche Politik nicht Fehler gemacht, daß England zu so starker Machtstellung- gelangt ist.
Hierzu erfahre ich von diplomatischen Kreisen folgendes: England hat 1904 mit Frankreich sein Abkommen getroffen, worin Frankreich Ägypten in Englands Hände überantwortet und Frankreich dafür die Unterstützung Englands in Marokko erhalten hat. Gleichzeitig aber hat England sich damals auch mit Deutschland in Beziehung gesetzt, damit auch wir gegen die dauernde Besetzung Ägyptens durch England nichts einwenden. Der Wortlaut des -damaligen Notenwechsels- ist nicht veröffentlicht worden. Damals scheint Deutschland die Gelegenheit nicht beim 'Schopfe erfaßt -und sich anderweitige Zugeständnisse von England ausgemacht zu haben. Wir bedangen uns lediglich die handelspolitische Gleichberechtigung, also die offene Tür für die Zeit von 80 Jahren -ans. Damit war aber sehr wenig gewonnen. Denn wirtschaftliche Gleichberechtigung besaßen wir schon aus Grund der Kapitulationen, die England uns nicht nehmen konnte. Bielleicht hätten wir damals einen Trumps in die Hand bekommen, der uns heute überaus wertvoll wäre.
Einen ähnlichen Fehler hat Deuffchland während des Bureickrieges gemacht. Damals war England jahrelang in äußerster Verlegenheit. Es wäre sicher bereit gewesen, uns größere Zugeständnisse zu machen, dafür daß wir es damals in Ruhe ließen. Die Buren halben sich wiederholt an uns um Unterstützung gewandt. Man sagt sogar, Deutschland hätte vor dem Kriege ihnen Versprechungen gemacht. Auch Frankreich, das durch Faschoda sehr verletzt war, war bekanntlich zu einem Vorgehen gegen England sehr geneigt. Die Umstände, unter denen wir Frankreichs Hand ausschlugen, sind ja seinerzeit in die breite Öffentlichkeit gelangt.
In der Politik ist Edelmut sicher nicht am Platze, und England ist am wenigsten ein Volk, das Dankbarkeit kennt. Es ist vielmehr stets darauf -aus gewesen, aus der Verlegen-
FemÄeton.
(Nachdruck verboten.)
§ein Porträt l
Skizze von V. Wiesen.
Käthchen malte. Natürlich — welches junge Mädchen, das über zwölf freie Stunden am Tage verfügt malr denn nicht? — Auch hatte sie alles, was zur Ausübung der schönen Kunst gehört, die teuersten Unterrichtsstunden, vorzügliche Vorlagen, Farben, Stifte und in der elterlichen Villa ein eigenes, reizend eingerichtetes Atelier. Ihre Fortschritte waren d-emenl- sprechend sehr erfreulich. Unter den kleinen weißen Erübchenhänden entstanden allmählich eine ganze An- -zahl niedlicher Malereien auf Glas, Leder, Marmor. Seide, Holz und Papier, die teils zu Geburtstagsgeschenken benutzt, teils auf geschickte Weise in den Zimmern des Hauses aufgestellt, allen Freunden und Bekannten gezeigt und von diesen auf das Lebhafteste bewundert wurden. Tie Lobreden, die Käthchen bei solchen Gelegenheiten hörte, machten ihr natürlich viel Vergnügen und überzeugten sie immer mehr von Per Bedeutung ihres Talentes. Ihr Ehrgeiz wuchs.. -ene malte nun schon in öl, und zwar Köpfe, was sie für besonders modern und interessant hielt. Das Bild ihres letzten Modells, einer alten Frau mit rotem Kopftuch und tief gefurchten Zügen, zeigte wirklich — nachdem der Herr Professor nur ein klein _ wenig daran korrigiert hatte — eine merkbare Ähnlichkeit mit dem Original, und staunend betrachtete die gesamte Familie das Werk der jungen Künstlerin. -- Jetzt war es dem Mädchen klar, daß die Malerei ihr eigentlicher Lebensberuf sei.
Ties sagte sie, stolz und siegesbewußt, auch dem Vetter Kurt, als er, wie immer, -Sonntags zum Besuch herüberkam, und fühlte sich sthr gekränkt, daß er nicht beistimmte und sogar ihrem jüngsten Meisterwerk, dem
Porträt der alten Frau, nur mäßige Bewunderung zollte. Kurt war sonst ein lieber, kluger Mensch, lustig, unterhaltend, oft sogar voll sprühenden Witzes, aber von Malerei verstand -er nun einmal nichts, -das zeigte sich deutlich.
Seitdem behandelte das Mädchen den jungen Gutsbesitzer, der ihren Sinn immer auf das Praktische hin- zulenken versuchte. während, wie sie mit Genugtuung versicherte, ihr Interesse ausschließlich den Idealen gehörte, mit ettoas hochmütiger Geringschätzung. War Kurt anwesend, so ließ sie sich kaum noch blicken unter dem Vorwände, in ihrem Atelier beschäftigt zu sein. Mochte er doch merken, daß sie ihnr zürnte, weil er ihre Leistungen gar nicht anerkannte.
klm so mehr überraschte es Käthchen, als der Vetter eines Tages den Vorschlag machte, ihr zu einem Bilde sitzen zu wollen. •
„Aber Kurt, dazu hast du gar keine Zeit und auch keine Geduld."
„Ich denke doch", entgegnete er, „ein paar Stunden wöchentlich mache icf> mich schon frei, und stillhalten werde ich auch, da ich weiß, daß so eine talentvolle, junge Künstlerin mich malt."
Sie sah mit leichtem Mißtrauen zu ihm auf, aber auch nickt der leiseste Spott lag sn seinen hübschen, cffenen Zügen.
„Nun, Cousinchen", redete er zu, „warum besinnst du dich so lange? Lohnt es dir nicht? — Wenn ich auch kein Adonis bin, eine anständigere Visage als deine alte Grünkramsrau, glaube ich doch aufweisen zu können."
Er hatte recht: das edel geschnittene Gesicht mrt dem prächtigen Dollbart zu malen, was eine verlockende Aufgabe. Die kleine Kunstnovize konnte nicht widerstehen.
„Nun. ja, wenn du willst: mir macht es natürlich riesiges Vergnügen, und ich hoffe auch, du sollst mit deinem Porträt zufrieden sein."
„Also abgemacht. Können wir morgen schon au- fangen?"
„Versteht sich, morgen mittag um elf Uhr."
Ern wundervoller Frühlingstag ist es. Käthchen steht in ihrem Atelier und rüstet alles zur ersten Sitzung. Voll freudigen Eifers kramt^ sie zwischen Farben und Pinseln herum, rückt die Staffelet bald rechts, bald links, tritt ein paar Schritte zurück, dann wieder vor, und sieht in Per hochhinaufreicheuden, dunkelblauen Malschürze so lieblich aus, wie eine geschäftige, kleine Hausfrau. Kurt sitzt ihr gegenüber. Nach verschiedenen Versuchen ist endlich die günstigste Kopfhaltung herausgefunden worden.
„So — so ist's wunderhübsch", erklärte Käthchen, „nun halte die Stellung fest."
„Werde schon. — Aber hör mal, sprechen darf ich und vor allem dich ansehen?"
„Versteht sich", belehrt die junge Künstlerin, „das ist die Hauptsache. Wenn man den Blick festhält, wird das Bild um so lebendiger."
Sie ergreift die Kohle und beginnt zu zeichnen. Ihr Auge folgt den schönen, ausdrucksvollen Linien seines Gesichts. Die müssen wirklich leicht wiederzugeben sein. Jetzt wischt sie einige Konturen fort. Nein — so stimmt es nicht — die Stirn ist viel breiter, die Nase hängt nicht vornüber. — Aber das wird schon später werden. Flink drückt Käthchen aus den verschiedenen Tuben einen Kranz bunter Farben auf die Palette und begimrt lustig darauf loszumalen. — Es macht ihr viel Spaß, Der Vetter ist unglaublich geduldig, verharrt stundenlang, ohne zu ermüden, in der vorgeschriebenen Stellung und erzählt dabei die. lustigsten, unterhaltendsten Geschichten.
In den nächsten Tagen ist wieder Sitzung. Es geht eine Woche so fort. Käthchen ffeut sich immer auf diese Stunden, aber mit dem Bilde will sie nicht recht vorwärts kommen, sie pinselt und pinselt, doch was gestern fertig geworden, wird heute wieder übermalt.
