Wiesbadener Tsgblstt.
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Rr. 361.
Samstag, 5. August 1311.
53 . Jahrgang.
Morgen- Ausgabe.
1. JSfaff.
Die LkMw nutz dm LnrirWstl.
Da bereits mehr als zwei Wochen seit dein Ein- treffen der Alarmmeldungen über die Niedermetzelung der Kolonne Frankenberg verflossen sind, ohne daß bisher nähere und beglaubigte Nachrichten über diese angebliche, aber leider nicht unwahrscheinliche Katastrophe zu erlangen waren, hat die Regierung sich, wie schon mitgeteilt, zur Absendung einer militärischen Expedition nach, dem Caprrvizipfel entschlossen, d. h. nach jenem äußersten Winkel Deutsch-Südwestafrikas, der im Norden von Portugiesisch-Angola, im Nordosten und Osten von Britisch-Rhodesia und im Süden vom Betschnanaland-Protektorat begrenzt wird. Tie Expedition, welche von dem Major Hinsch ^ befehligt wird, der im Okapangogebiet bereits militärische Erfahrungen gesammelt hat, setzt sich aus zwei Kompagnien, einer halben Batterie, einer Maschinen- ' gewehvabteilung und einemVerkehrszug zusammen, besteht also aus mehreren hundert Mann. Das ist das st ä r k st e Machtaufgebot, welches jemals in diesem Gebiet erschien, und darin drückt sich schon die Bedeutung aus, welche dieser militärischen Expedition beigelegt wird und beizulegen ist.
Diese Bedeutung, die auch darin zum Ausdruck kommt, daß der Kommandeur der Schutztruppe Major v. Heydebreck die Expedition begleitet, beruht daraus, daß es sich hierbei nicht nur um die Nachforschungen über das Schicksal der Kolonne Frankenberg und um die im Interesse der deutschen Herrschaft dringend notwendige S ü h n e für diese allem Airschein nach verübte Missetat handelt, sondern daß nach den neuesten Meldungen auch die 60 Kilometer westlich von Andara (Libebe) gelegene Oblatenmission Niangana und sogar die Polizeistation Kuringuru gefährdet sein soll, die irn Juli vorigen Jahres unter 18 Grad 36 Mm. südlicher Breite am rechten User des -Okavango angelegt worden ist. Die Stärke der Expedition ist aber werter auch durch die außerordentlich großen Entfernungen bedingt, die es hierbei zu überwinden gilt: liegt doch Libebe rund 700 Kilometer von Okahandja und immer noch 4M Kilometer von Grootfontein-Nord entfernt, über welchen Punkt die Expedition, die am Endpunkt der Otavibahn 'mit möglichster Beschleunigung zusammengestellt wird, gegen den Okavango Vorstoßen soll.
Schon die Sicherung dieser langen Etappenstrecke wird nicht geringe Schwierigkeiten bieten, die dadurch vermehrt werden, daß wenigstens ein Teil des vom Rande der Kalahari, von Otsituo ab dem Laufe des großen Omuramba und Omatoko folgenden Weges an erheblichem Wassermangel leidet, während das Oka- vangogebiet selbst vortreffliche Wasserverhältnisse anf- weist. Eine weitere, womöglich noch größere Schwierigkeit liegt darin, daß bisher noch in keiner Weise sest- steht> wo und wie die Kolonne Hinsch ihre Aktion im
Caprivizipfel einsetzen wird, denn um einen Feind mit Erfolg zu bekriegen, muß man bekanntlich zuerst wissen, wer der Feind ist. Das steht aber noch in keiner Weise fest, denn man ist in bezug auf dre Missetäter bis auf weiteres nur auf Mutmaßungen angewiesen. Tie bisher als wahrscheinlich angenommene und auch von seiten der Regierung freilich mit Vorbehalt als zutreffend angesehene, Annahme geht dahin, daß Niangana-Leute den Überfall auf^ die 'Kolonne Fvaukenberg ausgeführt haben. Der Häuptling -Niangana, gegen den sich also, falls jene Annahme sich bestätigt, die Expedition richten dürft-, residiert mit seinem kleinen Stamm am Okavango- fluß, an der Mündung des größten Nebenflusses Cuito. Tor Hauptmann Streitwolf, der im Jahre 1909 dieses Gebiet durchforscht hat, stellt dem Häuptling Niangana ein sehr ungünstiges Zeugnis aus, wobei aber zu beachten ist, daß er seine Informationen in erster Reihe von dem Häuptling Libebe bezog, den er damals besuchte und der noch heute mit Niangaua in heftiger Febde lebt. Eine andere Version, die immerhin auch Beachtung verdient, geht dahin, daß die Täter nicht unter den Niangana-Leuten, sondern unter den Sam- bios zu suchen find, die stets schlecht mit den Weißen standen und die im September 1909 drei Deutsche und einen englischen Händler auf portugiesischem Gebiet ermordet hatten. Jedenfalls wird es nicht leicht sein, die Wahrheit oder gar die Täter zu ermitteln, denn die Eingeborenen zeichnen sich durch eine ganz besondere Verlogenheit aus, und jeder Stamm wird bestrebt seiu, die Tat dem anderen anzuhängen, um sich reinzuwaschen und denk anderen eins auszuwischen.
Es ist also wahrlich keine leichte Aufgabe, deren Lösung man von der Kolonne Hinsch erwartet, aber ihre befriedigende Lösung ist um so wichtiger und dringlicher, da nur eine exemplarische Bestrafung der Schuldigen und damit eine Demonstrierung der deutschen Macht die Ruhe in diesem Gebiet verbürgt, dessen Fruchtbarkeit und günstiges Klima ohnehin eine stärkere Besiedelung und Kultivierung als dringend wünschenswert erscheinen lassen. Und wenn setzt die Kolonne Hinsch, wie zu erwarten steht, die militärische Pazifizierung dieses Gebietes durchführen wird, so dürfte sie wohl zugleich die Grundlagen für die Jnangriff- nahine der wirtschaftlichen Eroberung schaffen, also auch als Pionier der Kultur tätig sein.
Politische Uderstcht.
ReakLiorr irrer MMelstarrdsf-mg.
Die Agrarier haben wieder einen neuen Mittelstandsbund gegründet. Er nennt sich bekanntlich „Reichsdeutscher Mittelstandsverband". Es kommt aber auf den Namen wirklich nicht weiter an, es soll lediglich die alte Politik unter einer neuen Firma getrieben werden. Interessant ist nur, daß in der Gründungsversammlung betont wurde, daß der Verband jede Parteipolitik ausschließe, bei den Wahlen aber .nur solche Kandidaten unterstützen wolle, „die sich unum
wunden zum Eintreten für unsere wirtschaftlichen Forderungen verpflichten". Dabei wird aber vor den „Scheinversprechüngen" linksstehender Parteien ge- warnt und Entrüstung gegen den Hansabund markiert, Tie Herren vom Bunde der Landwirte, die, w:e^ Herb Pcotesior Ruhland, hinter dieser Gründung stehen, müssen doch, so schreibt die „Hilfe", die Männer des städtischen Mittelstandes recht niedrig einschätzen, daß sie ihnen mit einer solchen Komödie zu. kommen wagen. Welchen Anlaß gerade die Konservativen haben, sich mit ihrer Mittelstandsretterei aufzuspielen, das wird deb Mittelstand jetzt doch wohl richtiger beurterlen können, als jenen Herren lieb sein wird. Man warnt vor angeblichen Scheinversprechüngen der Linken, aber dre Verteuerung der gesamten Lebenshaltung, die Ver- stärkung des Kartellwesens, die die agrarische Wirtschaftspolitik gebracht hat, und die Steuern, welche di- letzte Reichsfinanzresorm auf alle Gegenstände des Verbrauchs gelegt hat, — das sind selbstverständlich nur scheinbare Lasten! Sicherlich wird kein vernünftiger Mann des Mittelstandes auf diesen Leim gehen.
Die Sünden dev Ksnsewatioen.
Die „Liberale Korrespondenz" schreibt: „Tie Konservativen spielen sich gern als Regierungspartei auf, um den unbefangenen Wähler Sand in big Augen zu streuen. Diese agrarischen Herren stehen aber, zur Regierung, wenn ihr Geldsack dabei kerne Rot leidet. Verlangt die Regierung einmal von ihnen, daß sie auch etwas zu den öffentlichen Lasten beitragen sollen, dann sträuben sie sich mit Händen und Füßen. Dann fahren sie der Regierung mit aller Wucht in die Parade, dann werfen sie Minister und Reichskanzler rücksichtslos vom Amtssessel und achten auch der Wünsche nicht, die aus höchstem Munde laut würden. Ihr Sündenregister ist riesengroß. Sie wollten von jeher die Schule der Kirche ausliefern, darum liefen sie zu Bismarcks und Falls Zeiten gegen das -Schulaufsichtsgesetz Sturm, das feststellt, daß d-re Schule eins Veranstaltung des Staates ist. Einen wütenden Kamps führten sie gegen die Kreisordnung für die 6 östlichen Provinzen, weil sie gegen jede Selbstverwaltung sind. Damals mußte sogar das Herrenhaus erst durch einen Pairsschub gefügig gemacht werden. Auch die Landgemeindeordnung für die östlichen preußischen Provinzen bekämpften sie erbittert, weil durchs sie veraltete und verrottete Zustände beseitigt werden sollten. Das bürgerliche Gesetzbuch, dieses monumentale Werk, datz dem Reiche ein einheitliches Recht gab, wollten die Junker verwerfen, wenn sie gezwungen werden sollten, für Hasenschäden Ersatz zu leisten! Auch die Handelsverträge, die das Reich vor Zollkriegen bewahrt haben, fanden bei den Junkern die wütendste Opposition. Einen hartnäckigen Kampf führten sie gegen die preußische Kanalvorlage, die auch dem Kaiser besonders am Herzen lag. Half nichts, die agrarischen Interessen siegten. Und wie war es mit der Erbschaftssteuer wie ist es mit der Wahlrechtsreform? um in die Gegenwart zurückzukehren. Auch bei der Feuerbestattungsvorlage und bei dem Verfassungsgesetz für Elsaß-
Feuilleton.
Oie „Sommerfrische Wien."
Wien, im August.
Neben den Meldungen über die Muthitze itz aller Welt, neben den Berichten über die Ernte und voraussichtliches Sinken der Lebensmittelpreise, neben den täglichen Telegrammen über .die nationale BerständigungsaA'ion und sonstige 'wunderbare Dinge bringen die Blätter der Residenz in jedem und auch diesem Sommer ganz entzückende Schilderungen über die „Sommerfrische Wien". Und man muß sagen, daH diese Sommerfrische die gosündste, von den Ärzten am nachdrücklichsten empfohlene Eigenschaft aller Landaufenthalte hat, daß sie Scheveningen und Helgoland, Gvado und den Lido darin übertrifft: sie ist langweilig wie kein Seebad oder Höhenort der Welt. Eine Zufluchtsstätte verbrauchter Nervenkräste, ein Gesundbrunnen überarbeiteter Gehirne. Es gibt in der Sommerfrische Wien nichts zu sehen, zu hören, zu erleben, nichts, was man unbedingt mitgemacht haben muß, wenn man nicht auf den nächsten Wintersejours mitleidigem Lächeln begegnen soll. Die Straße ist still. Die Fenster, diese Augen der Wohnungen, ließen die Rouletten-Lider niedeisallen. Die Hauser schlafen. Und wenn sie sich ein bißchen nur von den Hauptverkehrswegen zurückgezogen haben, stört ihnen kein rasender Wagen, kein gellendes Straßenbahngeklingel den sanften Sommertraum. Lautlos ist die Stadt, „der Wald ans Steinen und Stahl", in sich versunken und srie-d- sam wie der wirkliche Wald von Bäumen, Büschen und Blumen. Rur die „Durchgefallenen des Landes" sind da und sitzen verschüchtert in den gealterten Gärten, die ihre stolze LrülllinLskrast an die Glücklichen verschwendet haben
und nun selber matt und müde und aufgebrancht sind wie die Menschen der Stadt.
Die lärmen und lachen und lästern nicht. Die schleichen verschämt und gedrückt die Mauern entlang, kauern auf den Rändern der Bürgersteige, sitzen unter der Toreinfahrt, in der es wunderbar kühl und erfrischend ist, wie ganz nahe beim ewigen Schnee. Braucht man erst ins Oberengad'in, nach Kahl oder -Gmunden zu fliehen? Auch die Sommerfrische unter der Toreinfahrt erquickt den dunstenden Leib. Und die kecke Wasserfahne des Hoch- strahlbrunnens weht einem glitzernde Perlen ins Antlitz wie der Kaprunerkesselfall. Und zu jeder Stunde schlagen in der Schanflergasie die Uhren von der Minoriten- und Michaelerkirche, vom Rathaus und Burghof, als wäre man in Salzburg, der Stadt der hundert Kirchen. Ist das nicht wunderbar: Salzburg, die Fälle im Kaprunertal, Waldos- sMe und Hochgebirgssrische und italienische Sonnenglut auf einem einzigen Fleckchen in einer einzigen Stunde erleben zn können? Wie ein Märchen klingt es. Aber die Leute, oie es erleben, sagen: „Wer's glaubt, wird selig. . . ." Verdrossen sind sie und schmollen wie verzauberte Königs- kinder, wie Aschenbrödel, das die Stiefmutter Mißgeschick von der Löbenslust ausgeschlossen hat. Verdammt sind sie, in dumpfen Läden zu hocken, die lein Käufer betritt, verdammt, vor verlockend sauberen Fuhrwerken zu stehen, die keiner benutzt. Und sind doch jetzt so bestrickend höflich: alle die Lenker von zwei- und einspännigen Wagen, Autos und Elektromobilen. Tlber die Vorübergehenden lächeln nur wie die Zeichens enter der Eingeweide in Rom, doch nicht schlau und betrügerisch, sondern mit einem demütigen, traurigen: du weißt es ja eh! . . .
„Die Stabt der Mittellosen" hat einmal ein Dichter solch eine Sommerfrische genannt. Für fünf oder sechs oder acht Wochen gehören sie ihnen, die Lrunkcnden Straßech
die prangenden Gärten, die preiswerten Wagen. Nur daß jetzt die Straßen nicht prunken, die Gärten nicht prangen und die Börse den Preis für die preiswerten Wagen nicht birgt. Nur daß diese Sommerbösitzer der Sta-dt ihr Herrenrecht gar nicht empfinden. Und voll Staunen merkt man, um wieviel stiller und unauffälliger alle diese Leur« in ihren ungehobelten Manieren, ihrer derben Rede, ihren gewaltsamen Geb ariden sind als idie Vorn-Ihm-ön und Reichen. Den ganzen Höllenspektakel der Großstadt mache»! nur die Aristokraten des Lebens. Diener und Mägde gehen auf lautlosen Sohlen.
Aber wenn man ganz genau in diese müden, verbrauchten, resignierten Gesichter hineinblkckt, dann merkt man eine fiebernde Erregung in ihren Zügen, ein nervöses Warten in ihrer Haltung, ein Lauern und Spähen in ihren Augen. Und plötzlich straffen sich ihre Mcuskeln. Kleine eilige Worte Hüpfen von einem zum andern. Der lässige Körper nimmt Haltung an. Das Auge blitzt. Und hundert Gedanken, Hoffnungen, Höflichkeiten jagen durchs Hirn: es kommt — „der Fremde". Der -Einzige, Langersehnte, da, Beglücker, Retter, Befreier, den man erharrt hat. wie Senta den Fliegenden Holländer. Und nun kommen gleich zwei auf einmal mit dem Badet er in der Hand, diesem rot- gebundenen Buch der Menschenliebe. Aber wie! ist es Wirklichkeit, Teuselsspuk oder nur Täuschung des entwöhnten Ohres, das seit Jahrzehnten kein fremdes Idiom mehr gehört hat? Die Fremden reden den behäbig breiten Wiener Dialekt. Und sind doch keine Halluzination überhitzter Sommererwartuugen, keine Gespenster, kein Teuselsspuk^ sondern brave Mitglieder des Sonderverbandes für Fremdenverkehr, die mit Reisübuch und Reisepose eine kleine- ReflamepromenKde sür unser Fremdenle'ben machen. Als Fremde verkleidete Eingeborene die Jniernationalität spielen, damit der. wirkliche Ausländer, der vielleicht doch
