Vitsbsömr Tsgblstt.
Wi>Hentlich12Allsga»cn. R* Gegründet 1852.
bis 8 Uhr abends. W iv^*in v
Wöchentlich 12 Ausgaben.
LezugS-Preis für beide Ausgaben: 79 Pfg. monatlich, M. 2 — vierteljährlich durch den Verlag Langaasse 21, ohne Bringerlohn. M. 3.— vierteljährlich durch alle deutschen Postanstalten, ausschstrßlich Bestellgeld. — Bezugs-Bestellungen nehmen außerdem entgegen: in Wiesbaden die Zweigstelle Bismarckring 29, sowie die 113 Ausgabestellen in allen Teilen der Stadt; in Biebrich: dre dortigen 32 Ausgabestellen und in den benachbarten Landorten und im Rheingau die betreffenden Tagblatt-Träger.
rar
Anzeigen-PreiS für die Zeile: IS Pfg. für lokale Anzeigen im..ArbeiiSmarki" und ..Klemer Anzeiger- in einheitlicher Satzsorm; 20 Pfg- in davon abweichender Satzausfuhruna, sowie für alle übrigen lokale» Anzeigen; 30 Pfg. für alle auswärttgen Anzeigen; 1 Ml. für lokale Reklamen; 2 Mk. iur auswärttge Reklamen. Ganze, halbe, dritte! und viertel Seilen, durchlausend. nach besonderer Berechnung. — Bei wiederholter Aufnahme unveränderter Anzeigen in kurze» Zwiichenränmen entiprechender Rabatt.
Anzeigen-Annahme: Für die Abend-Aurgabe dir IS Uhr mittags: für die Morgen-Ausgabe did s Uhr nachmittags.
TP Für die Aufnahme von Anzeigen an vorgeschriebeuen Tagen und Plätze« wird keine Gewähr übernommen.
Nr. 353.
Montag, 31. Juli 1911.
59. Jahrgang.
ftbenö »Ausgabe.
1. S&Catt.
Der Marokkoslrert.
Die „Norddeutsche" über Englands Haltung.
Tie „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt in ihrer Wochenrundschau: Über die Haltung Englands
in der marokkanischen Frage waren nicht sowohl durch Äußerungen britischer Minister, wie durch Artikel der Londoner und Pariser Presse Zweifel entstanden. Tie auf diese Weise in die europäische Lage hineingetragene Unruhe zu zerstreuen, war die Aufgabe, die Asquith in der von ihm vor dem Hause der Gemeinen am 27. Juli abgegebenen Erklärung gestellt war. Ter Leiter der englischen Regierung wies die von Pariser und Londoner Blättern angekündigte Absicht einer Einmischung Großbritanniens in territoriale Abmachungen anderer Großmächte über die Gebiete von Westafrika außerhalb Marokkos als bö s- wi l l i g e und völlig grundlose Erfindung zurück. Diese bestimmte Absage an deutsch-feindliche Trohnoten in der Presse haben wir erwartet. Daß daneben Asquith den bereits in einer früheren Erklärung über Marokko enthaltenen Hinweis auf die Wahrung der eigenen Interessen Englands in Nordafrika unterstrichen hat, kann um so weniger befremden, als gerade die Lage, welche dem scherifischen Reich durch Handlungen außerhalb der Algecirasakte entstanden sind, auch Anlaß zu der jüngsten Aktion bildete und zu Verhandlungen mit Frankreich führte.
»
Tanger, 30. Juli. Der deutsche Gesandte suchte El Gebbas, den Vertreter des Sultans auf, und dementierte die Nachricht von einer Landung in Aaadir. Ter Gesandte empfing auch den spanischen Gesandten, der ihw den französisch-spanischen Llocku« vivendi notifizierte. *
Berlin, 29. Juli. Der vom Auswärtigen Amt nach Berlin berufene Konsul Vassei aus Fez ist in Berlin eingetroffen.
Ein interessantes Diner.
Dem Berliner Korrespondenten der „Neuen Freien Presse" wurde, wie er seinem Blatt telegraphiert, in diplomatischen Kreisen von einem interessanten Diner erzählt, das dieser Tage stattgefunden habe. Die beiden Staatsmänner, welche gegenwärtig die Marokkover
handlungen führten, v. Kiderlen-Wächter und Cambon, fanden sich in Wien zusammen, und der Zweck dieses Tiners war anscheinend, ihnen etwas Zerstreuung und geistige Entspannung zu verschaffen. Auch der spanische und der italienische Botschafter waren geladen. Man hatte also da alle Interessenten um den Tisch versammelt und hätte die Marokkoverhandlungen bei der Tafel weiterführen können, doch war es ein gänzlich unpolitischer Abend. Man spielte Bridge und . der türkische Botschafter ließ sich auf dem Pianola hören, mit dem er vortrefflich umzugehen weiß. Bei allem war es sehr interessant, den deutschen Staatssekretär und den französischen Botschafter zu beobachten, die alle politischen Gegensätze vergessen zu haben schienen und in den liebenswürdigsten Formen miteinander verkehrten. ^
Die Forderungen des Alldeutschen Verbandes.
Der Alldeutsche Verband läßt eben als Flugschrift unter dem Titel „West-Marokko deutsch!" eine von seinem Vorsitzenden Rechtsanwalt Heinrich Claß verfaßte Darlegung des alldeutschen Standpunktes erscheinen. Tie ersten drei Auflagen von je zehntausend Stück sind im Laufe der vergangenen Woche durch Subskription vergriffen gewesen. Jetzt kommt in den Buchhandel als vierte Auflage das 30.—40. Tausend. Tie Schrift gibt einen geschichtlichen Überblick über die Entwicklung der marokkanischen Frage und ihrer Bedeutung für das Deutsche Reich und Volk seit 1904, und vertritt die Notwendigkeit einer deutschen Besitzergreifung Westmarokkos durch den Bevölkerungszuwachs ^des Deutschen Reiches und den Nutzen Marokkos als Siedelungsland, sowie durch den Wert als R o h st o f f l a n d, um das Deutsche Reich im Vaumwollbezug von den Bereinigten Staaten, und iin Erzbezug von Schweden unabhängig zu machen, und hebt neben diesen Gesichtspunkten, die der Verband dem Fürsten Bülow bereits in einer Eingabe vom 12. April 1904 vorgeführt hatte, die Bedeutung der Gefahr der Verwendung eines französischen Heeres von nordafrikanischen Wilden in einem gegen das deutsche Volk gerichteten Zukunfts-Revanchekrieg hervor: was allein schon deutsche Staatsmänner veranlassen müsse, die völlige und alleinige Besitzergreifung Marokkos durch die Franzosen zu hintertreiben. Als bedeutungsvoll wird ferner hervorgehoben, daß ein großerTeil des landwirtschaftlich vortrefflichen marokkani- schenBodens nicht imPrivateigentum steht, sondern Regierungsland ist, d. h. also sofort in die Hände der Regierung des Deutschen Reiches übergehen könnte und ermöglichte, eine großangelegte Siede-
l u n g s p o l i t i k auf dem Boden moderner Bodeirreform zu betreibeir. Gegen den sozialdemokratischen Einwand, es handele sich bei dem Verlangen nach Wahrung der deutschen Interessen in Marokko nur um großkapitalistische Machenschaften, die das eigentliche Volk gar nichts angingen, wird darauf hingewiesen, daß Marokko für uns ja in erster Linie als Volkssiedelungsland in Betracht komme, also wirklich dem deutschen Volke zunutze kommen soll. Mit Nachdruck wird gegenüber den neuerlichen von England bereiteten Schwierigkeiten betont, gerade England dürfe nicht darüber im unklaren gelassen werden, daß die deutsche Geduld ein Ende habe, wenn man unser Vaterland an dem Erwerb einer Kolonie verhindern will, die unser Volk in der verschiedensten Hinsicht zur Sicherung seiner Zukunft braucht. Mit aller Entschiedenheit wird gegenüber allem Kompensationsgerede ausgesprochen, daß wir keine tropische, wirklich nur „großkapitalistischen" Interessen dienstbare Kolonie brauchen und wollen, und an die Regierung wird das mahnende Wort gerichtet: „Wer uns heute dazu hilft, in Marokko ein Siedelungsgebiet für unseren Bevöl- kerungsüberschuß zu bereiten und auszubauen, schafft die sicherste Gewähr dafür, daß in absehbarer Zeit die Welt vom deutschen Volke keinen Angriffskrieg zu befürchten hat .... Dankbar und glücklich wollen wir sein, wenn diesmal das Mißtrauen durch die Tat widerlegt wird, wenn der zurAusführung unserer auswärtigen Geschäfte berufene Diplomat beweist, daß er mehr ist ....", daß er der Staatsmann ist, den wir ersehnt."
SS
Deutsch-englische Freundschaftsworte.
Ter Kapitän des deutschen Kreuzers „Hertha", von Natzmer, und seine Offiziere waren am Freitag die Gäste der englischen Marineoffiziere in Clide. McMillan brachte den Toast auf den deutschen Kaiser aus und sagte u. a.: Großbritannien und das Deutsche Reich sind die beiden mächtig st en Reiche der Welt, und es würde ein Unglück für die ganze Zivilisation sein, wenn die beiden aneinander geraten."
'^än v. Natzmer äußerte, er sei der Überzeugung, daß beide Nationen so viel miteinander gemein hätten, daß ein Krieg undenkbar erscheine.
*
Pariser Räubergeschichten.
wb. London, 31. Juli. Der Pariser Vertreter der Londoner Sonntagszeitung „News of the World" behauptet, die folgende Geschichte aus allerbester Quelle von der höchsten Stelle erhalten zu haben: Als die Rede des Schatzkanzlers Lloyd George in Berlin bekannt
Fe uillet on.
(Nachdruck verdaten.)
Rückblicke.
lSür das „Wiesbadener Tagblatt") Von Julius Noseuthal.
„Nein, deutscher Michel, böser Bub,
Das war kein schön' Gebaren,
So mir nichts, „Aga-dir" nichts — fchwubb — Marokko anzufahren."
„Es war dir sattsam doch bekannt,
Dies Afrika-Komplexchen Ist absolut kein passend Land'
Für Michel oder Mäxchen."
„Dort blüht dir nie und nimmer Heil,
Du könnt'st dich nur gefährden,
„Maroc, nix deutsch", im Gegenteil,
Es will französisch werden."
„Aus reiner Neigung sicherlich Ganz unser con amore,
Derzehrt's und sehnt seit Jahren sich Nach Frankreichs Trikolore."
„Und alles hat so gut geklappt,
Wir standen schon beim Schmatzen,
Da kommst nun du herangetappt Mit deinen breiten Tatzen."
„Stets ungalant, warst d i es es m al Du noch viel ungalanter,
Du kamst so rücklings, Knall und Fall,
So ganz der richt'ge — Panther."
Gedanken waren's Wohl der Art Da drüben an der Seine,
Als in Marokko sichtbar ward Ein Pröbchen unsrer Kähne.
Erfreulich war der Anblick nicht Für unsre früh'ren Feinde,
Bei denen flugs die Presse sich Aus «inen Grundton einte.
Und dieser Ton, mehr Dur als Moll,
Klang deutlich uns entgegen:
„Was will der freche Deutsche wohl In unseren Gehegen?"
Indes, die Sprache, anfangs roh,
Klingt heut' schon glatt und eben.
Man sieht, der Deutsche ist nicht so,
Er lebt und lU ß t auch loben.
Warum soll in Marokko nicht Genügend Platz für Drei sein?
Was wir dort wollen? Beinah' nichts,
Wir wollen nur dabei sein.
Wir treiben dort nicht eit'len Sport,
Woll'n nur den Unfern nützen,
Wir wollen deutsche Männer dort Uttd „Mannesmänner" schützen.
Das ist der einz'ge Grund, daß wir Marokkos Küste nah sind,
Wir zeigen nur so zum Pläsier,
Daß wir doch auch noch da sind.
Wenn nichts man von uns säh' und wüßt', Dann würd' man bald vergessen,
Daß Kt derben ein Wächter ist Für deutsche Interessen.
Wir wechseln mit den Franken aus Nur noch ein friedlich Nötchen,
Und dann ist's aus, wir ge'h'n nach Hans',
Es war — ein Episöd'chen.
Franzos' und Spanier mögen dann Hübsch weiter sich bekriegen,
Das geht nur die zwei Vettern an,
Ist ihr Privatvergnügen.
Was wollte nun bei Trank und Schmaus Lloyd George mit seiner Rede?
Weshalb blies er im Mansion-House Die große Lärmtrompete?
Zu welchem Zwecke und Behuf,
Die patriot'sche Geste?
Warum der laute Unkenruf Beim friedlich-frohen Feste?
Die Rede, so gedankertblaß.
Durchsichtig dentschenbisstg,
Wo's überfloß von ed'lem Naß,
Wie war sie — überslüsfig.
Schon seh'n wir ihre Folgen hem', '
War's vorher leidlich friedlich,
Das Saatkorn, das der Speech gestreut,
Es keimt schon ungemütlich.
Wenn weiter Herr Lloyd George niMs rann, Ms Briten-Schnurren dienen,
Dann löst er schwerlich je den Barm,
Der zwischen uns und ihnen.
Wenn England n u r uns wohlgestnm Bei höfischen Visiten,
Uüd tags darauf die Freundschaft künd't,
Was soll'n uns solche Briten?
Weshalb wird uns zu jeder Stund',
Jed' Recht aus Land bestritten?
Gibt's doch auch auf dem Erdenrund In allen Breiten Briten!
Drum, eifersücht'ger Nimmersatt,
Hand fort von unseren Tüten,
Wir machen's schon mit Frankreich glatt Und brauchen keine Briten.
John Bull mag sich, so viel er will,
Daheim bei s i ch beschäst'gen Und an der stritt'gen Vetobill Die Nerven bestens kräst'gen.
»
Der Ex-Schah reist zurück zum Dhron,
Den man ihm einst genommen,
Die Majestät war früher schon Total — zurückgekommen.
Was er von Gottes Gnaden hat,
Möcht' neu er nun besitzen;
Mög' alle Perser Gottes G n a d'
Bor diesem Schah beschützen!
Und mög' dann noch dieselbe GnaV Den jungen Türken werden;
Daß Moslems ihnen Stadt und Staat Und Zukunft nicht gefährden.
