febatowr Tsgblstt.
„Tagblatt-Haus".
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Gegründet 1852.
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Nr. 349.
Samstag, 39. Inli 1911.
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59. Jahrgang»
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Deutschland und Haiti.
London, 26. Juli.
Zier ist eine Depesche aus Washington eingelaufen, wonach das dortige Staatsdepartement sich mit der Lag in der Negerrepublik eifrig beschäftigt, weil — Deutschland dabei seine Hand im Spiele habe. Es handele sich um folgendes: Zwischen einer Gruppe deutscher Banken und dem Prätendenten, General Cincinnatus Lecomte, bestehe ein Vertrag, wonach für ihn bei einem deutschen Hause in Port-au-Prince 1200 000 Mark in Gold eingezahlt seien, wogegen sich Lecomte verpflichtet habe, diese Summe mit 30 Prozent Zuschlag als eine haitische Staatsschuld anzuer- kennen, sowie er Präsident geworden sei. Als Garantie würde er dann den Darleihern Staatsb'ons aus- händigen, dis 18 Prozent Zinsen tragen und durch eine Überweisung von 15 Prozent der in Gold zahlbaren Einfuhrzölle gesichert sein sollen. Diese phänomenalen Vorteile hätte Lecomte nicht nur in Rücksicht auf daF Darlehn zugestanden, sondern auch wegen der moralischen Unterstützung, die ihm von dem Konsortium, dem deutschen Gesandten (!) in Port-au-Prince und dem deutschen Kaiser (!) zugesichert seien. Außerdem habe Lecomte der Vankengruppe noch das Monopol für Bergwerksunternehmungen in Haiti sowie das. ausschließliche Recht zur Anlage von Kohlenstationen auf der Mole von St. Nikolaus oder an einem anderen Punkte auf haitischem Territorium gegeben und sich verpflichtet, keinem Staate Handelsrechts zu erteilen, die die deutschen Gerechtsame irgendwie schädigen konnten. Ob die Regierung in Washington sich wirklich auf dieUntersuchung solcher Verabredungen eingelassen hat, deren Lächerlichkeit für jeden vernünftigen Menschen auf der Hand liegt, vermag ich natürlich nicht zu sagen, daß aber solche Nachrichten in großen hiesigen Tageszeitungen wiedergegeben werden, noch dazu ohne Kommentar, das zeugt doch von
FenMetorr.
(Nachdruck verboten.)
Brief aus öem ftUgäu.
Von Tony Sanftnit.
„Gleich einer Krone, viel gezackt,
Hochgrat und Firn das Land umschließt, Und du, mein grünes Allgäu, bist Der Krone leuchtender Smaragd."
(S. Waldburg,)
Das Allgäu, dieser mit Naturfchönheit und heutigem Wohlstand der Bewohner reichgesegnete Landstrich vor und in der bayerischen Alpenwelt, hat uns gar viel zu erzählen. Von Spuren der ersten Jäger und dem Getier der Urzeit, von den Psahlbaucru in Seen und Mooren, von Vinde- ticiern und Rättern, die dort .zuerst Almwirtschaft und Ackerbau betrieben; von römischer Herrschaft, die Tiberius durch ein Seetreffen auf dem Bodensee errang.
Aber was den Besucher des Allgäus heute vielleicht mit lebendigerem Interesse noch erfüllt, ist die Eigenart und Kultur der jetzigen alteingesessenen Bevölkerung alemannischen Stammes, die trotz Vauernlämpfeu, Schwedenverheerungen, Aldringcrs gefürchteten Schreckensscharen und Pestilenzzeiten wieder aus allen Nöten sich emporrang, wuchs und gedieh zu neuem, kräftigen Erblühen. Es ist im ganzen Allgäu geradezu ausfallend, wie die nach dem Einödsystem überall weitauseinander verstreuten Bauernhäuser durchaus blitzblanke Sauberkeit, außen wie innen, und breiten, behaglichen Wohlstand zeigen. Solche große Wohichäuser, an die sich unmittelbar die Scheune anschließt, fieöt man in Dörfern anderer Gegenden kaum so sclbstver-
ber Absicht, dem in der ausländischeil Politik uv.alaub- lich unwissenden englischen Volke rlarzumachen, wie gefährlich Deutschlands hinterlistige Intrigen in den verschiedenen Ländern sind und daß man dem ein Ende machen müsse. Selbst wenn in dein aus Washington Gemeldeten ein Körnchen Wahrheit insofern sein sollte, daß einige deutsche Kapitalisten Lecomte wirklich Geld gegen die Zusicherung größerer Vorteile beim Gelingen der Revolution gegeben hätten, so ginge das doch keinen etwas an, daß solche Leute waghalsige Spekulationen machen, daß aber der deutsche Gesandte und sogar Kaiser Wilhelm in die Sache hineingezogen werden, das ist eine Böswilligkeit, deren sich anständige Blätter selbst zur Verhetzung der Völker untereinander nicht bedienen sollten.
Die Edelsten der UMon.
Man schreibt uns: Jedes Jahr im hohen Sonlnier kommen die feudalen „Palaten" von Bonn auf einen Nachmittag zu Schiff nach Caub, um in der Pfalz eine Pfirsichbowle zu trinken. Ein wunderseiner Gedanke! Es wird wenig Orte geben, die lauschiger und romantischer wären, als diese alte Zollburg mitten im Rhein. Und nun gar frische, freie, fröhliche Burschen orinncn und ausgerechnet bei der Psirsichbowle! Ta drückt man auch einmal ein Auge zu, wenn sie's ein wenig toll treiben. Und tvenn sie wieder zu Schiff steigen zu wonniger Heimfahrt, gilt's fast für Tradition, daß einige überwältigt von all dem Schönen nicht mehr Herr, sind über ihr Denken, auch manchmal nicht über ihre Beine. Wenir auch der biedere Bürger ganz herin- lich vielleicht denkt, wenn es junge Handwerker oder Kaufleute wären, so würde man es zum mindesten nicht so ganz fein finden. — So ist es bisher Jahr für Jahr gewesen, warum sollte es diesmal anders gewesen sein? Aber es war anders! Schon auf der Herfahrt, so erzählten die anderen Passagiere, hatten sie sich nicht begnügt, loie das ihr gutes Recht und geheiligte Überlieferung war, ungeheure Mengen Bowle zu trinken und den üblichen Spuk zu machen, sondern sie hatten ein absonderliches Vergnügen darin gefunden, Teller, Messer und Gabeln ins Wasser zu wecien. Ta sie es ja bezahlen, „ging es schließlich andere nichts an", wenngleich auch biedere Bürger sich vielleicht etwas dabei gedacht hätten. Aber als schließlich die 18, Jünglinge Lei der Heimfahrt, die sie mit dem Eüterboot „Deutschland" antraten, Warenballen über Bord zu werfen begannen, als sie versuchten, nntreiseu- den Damen die Täschchen aus der Hand zu reißen, da waren es auch andere Leute als „öde Philister" und „langweilige Spießbürger", die in dieser Weiterentwicklung zu offenkundiger Roheit keinen Fortschritt sahen und sich schlechterdings nicht in dem Gedanken zurechtfinden konnten, daß unsere zukünftigen Landräte und Regierungspräsidenten gerade eine solche Schule durchmachen müßten. Ob der Russin der Borussen die Palaten nicht schlafen läßt?! Es ist wirklich ein Jammer, daß durch solche Dinge, die ja natürlich die Studentenschaft als solche nicht treffen, sondern
stündlich wie hier. Das Haus ist wie aus der Spielzeugschachtel, halb schindel-bedeckt, halb weiß gestrichen, mit grünen Fensterläden, grauem oder rotem Dach gar lustig anzuschauen. Manche Holzhäuser sind alkersgebräunk, fast schwärzlich und haben sich unversehrt an fünfhundert Jahre in derselben Familie fortgeerbt. Da gibt es noch altertümliche Kachelöfen, die vom Herd aus geheizt werden, in die Wand eingelassene große Standuhren mit sonorem Schlagwerk, das noch so gut geht, wie Jahrhunderte zuvor. Ist, wie im Riederallgäu ja einmal ein kleineres Haus «n- zutrefsen, so glänzt auch dies von Nettigkeit und Sauberkeit; genügsam-zufriedener Sinn spricht aus der Haus- iufchrift: „A winzig lloans Hauserl und a oanzige Kuh, a Spinnradl, a Bettstatt und a Weiberl dazu.!" — Hausgärtchen und Obstbäume gehören zu den Seltenheiten; der Bauer hat zuviel mit Vieh und Weide oder Holzabfuhr zu tun. Rur im Niederallgäu wird Gemüse- und Obstbau gepflegt.
Die Eigenart des Allgäuer Volkes ist eine recht ausgeprägte, kernige, wie die der Landschaft selbst. — Im Vorderallgäu bis ins Württembergische hinein wechseln bereits stetig Tal und Hügel, — kleine Waldparzellen mit tiesgrü- nem Weideland —, fast nirgends Äcker. Das Allgäu ist rauh, — ernst im allgemeinen sein Menschenschlag, doch auch der Fröhlichkeit nie abgeneigt. Frau Musioa ist fast in jedem Hanse daheim, ihr wird in Sang und Saitenspiel aller Art gehuldigt. Musikalische Begabung fehlt dem Allgäuer selten; mein junger Postillon blies mir manch lustiges SZicklein und hatte sein Instrument erst vor kurzem als Autodidakt gelernt. Auch sonstigen schönen Künsten strebt mancher Bauer nach; „des Jalöble", ein siebzigjähriger „Huf- und Reimschmied", wie er sich selber nennt, und
als Auswüchse einzelner von den Studenten, die ihren Namen von „Studieren" haben, gleicherweise verurteilt werden, wie von den anderen Leuten, — es ist ein Jammer, daß dadurch doch in weiten Kreisen des Volkes der Gedanke lebendig wird oder lebendig _ erhalten wird, alle, die die Universität besuchten, seren solchen Kalibers. Wie sozial vergiftend das wirkt, muß man sich nur einmal klarmachen. Tie „Edelsten der Nation" dürfen das?! Und wir?'! Vergleiche auch den „bescheidenen Protest" der Herren -Offiziere in Pots» dom. Wenn das Zivilisten sich erlaubt hätten!
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Deutsches Mich.
* Ein Telegramm des Kaisers an Ballin. Von seiner NoMarrdsreise aus Bergen hat der Kaiser an Generaldirektor Ballin folgendes Telegramm gesandt: „Dampfer „Cincinati" der Hambuvg-Amerika-Linie, Kapitän Schälle, verließ soeben den Hasen von Bergen, indem er um die zu Anker liegende Jacht „Hohenzollern" herumdrehto. Zwischen beiden Schissen war nur ein Abstand von 150 Meter, ebenso viel zwischen „Cincinati" und Land. Pas Schiss drehte tadellos, fast auf der -Stelle. Ich habe dem Kapitän durch Signal „Bravo, vorzügliches Manöver" meine Bewunderung und Anerkennung ausgesprochen. Durch dieses hervorragende Manöver hat Kapitän Schälle bei allen Zuschauern bei uns an Bord und vor allem bei den Norwegern am, Lande das Ansehen der Hamburg- Amerila-Linie in das hellste Licht gesetzt. Es gerÄcht mir zu besonderer Freude, Ihnen dies mitzuteilen. Wilhelm I. R." ■
* Die Konservativen in der Sackgasse. Wir haben schon daraus hingewiesen, daß der fromme „Reichshote" die doppelte Moral der Konservativen scharf gegeißelt hat, die darin zum Ausdruck kommt, daß sie einerseits Reserveoffiziere, die in der Stichwahl mit dem Zentrum einen Sozialdemokraten wählen, als ehrlos aus dem Heere ausgestoßen wissen wollen, aber andererseits Part ei offiziell zur indirekten Unterstützung der Sozialdemokratie auffordern durch Empfehlung der Stimmenthaltung zwischen Liberalen und Sozialdemokraten. Der „Deutschen Tagesztg." und der „Kreuz- ztg." kommt die Brandmarlung des konservativen Doppelspiels durch ein ihnen so nahe stehendes, befreundetes Blatt natürlich sehr ungelegen. Aber ihr Schelten über das „bösartige Gerede" kann nicht die Widerlegung der gegen sie erhobenen Vorwürfe ersetzen. In welcher Verlegenheit sich die konservative Presse befindet, ergibt sich aus der „Kreuzztg.", die „feststellen" zu können glaubt, „daß eins parteiamtliche Stichwahtparole von dem Vorstand« der konservativen Partei überhaupt nicht ausgegeben worden ist". Wörtlich schreibt das Blatt: Alles, was parte ioffiziös verlautöar worden ist, ist die Erklärung der „Konservativen Korrespondenz", daß direkte Bundesgenossen der -Sozialdemokratie genau wie diese selbst bei den Stichwahlen zu behandeln seien: „Wir vermögen einen Unterschied zwischen Sozialdemokraten dnd deren Helfern nicht gelten zu lassen und müssen im übrigen die Entscheidung über die in den einzelnen Wahlkreisen zu beobachtende Stellung zur Stichwahl lediglich von taktischen Gründen unseres Parteiintereffes abhängig inachen." Es genügt, sestzustellen, daß die „Konserb. Korresp." das offi-
ein.anderer, derchanz „von alleinig" gar nicht untalentierte Landschaften malt, bewiesen mir das. Wir haben es eben mit keiner einseitig oder stumpfsinnig im Tagewerk ausgehenden Landbevölkerung zu tun. Die Beschaffenheit ihrer Leüensbedingungen, im Sommer als Mäher im Tal, Senner (Sennerinnen gibt's hier nicht), Käfer oder Führer, die Berge mutig und gewandt erklimmend, im Winker daheim Hausstand und Vieh besorgend, und dazu noch irgend einer anderen Beschäftigung obliegend, hat sie nachdenklich, bildungsbefliffen, erfinderisch -gemacht. Dürfen doch die Allgäuer mit berechtigtem Stolz sich rühmen, -daß im Jahre 1784 die zwei ersten Luftballons durch den als Mathematiker berühmten Ottenbeurer Pater Ulrich S-chiegg (geborener Württemberger) zum Aufstieg kamen, dessen Erfindung unmittelbar darauf zwei Memmiuaer Bürger mit Erfolg uachahmten. Graf Zeppelin also, der dem Allgäu schon halb und halb durch seinen Wohnsitz am Bo-doNsee angehört, hat in seinen Landsleuten schon Vor-, gänger gehabt!
„r,. ^ Allgäu feit dem Mittelalter an künstlerischem
Wirren hervorbr-achte, !war vornehmlich die Bildschnitzerei, die brs Heutigen Tags sehr gepflegt wird. (Einer der ge- schicktesten Bildschnitzer wohnt in Kißlegg.) Auch Malerei und Kunsthandwerk aller Art gedieh, doch ist von plastischen Kunstwerken in Holz am meisten erhallen. Die zahlreichen Klöster, deren erste Anstedlung dem hl. Gallus verdankt wird, brachten Sinn für Kunst und Wissenschaft, namentlich Geschichtspflege, ins Land, die später von den vielen altein» gesessenen Adelsfamilien weiter begünstigt wurde. Und damit kommen wir -einem anderen Charakteristikum der Allgäuer Landschaft nahe: den mehr oder minder malerischen Herrensitzen und vielen Stammischlsssern des
