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Kr. «4L.

Mittwoch, 26 . Juli 1 SLL.

SS. Jahrgang.

Stattet» 21

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Unsere IunggeleUen.

Im neuesten Hefte derJahrbücher für National­ökonomie und Statistik" veröffentlicht Dr. Heinrich Haacke-Barmen eine bevölkerungs- und sozial- statistisö^ Betrachtung über dieEhelosen". Ter Ver­fasser versteht darunter die ledigen männlichen und weiblichen Personen im Alter von mehr als 40 Jahren. Der Untersuchung Haackes, die sich auf das einschlägige Ouellenmaterial der Reichs- und der Landcsstatistik stützt, entnehmen wir im Nachstehenden die wichtigsten Angaben über die Junggesellen.

Im Deutschen Reich waren unter 1000 der gesamten Bevölkerung an Junggesellen vorhanden: 12,7 1 I. 1871, 10,9 i. I. 1880, 10,2 i. I. 1890, 10,1 in den Jahren 1900 und 1907. Die oft gehörte Behauptung, daß unsere Zeit im Zeichen wachsender Ehelosigkeit stehe, trifft also für die Gesamtheit des deutschenVolkes keineswegs zu. Vielmehr hat der Fortfall der bis 1871 bestehenden Erschwerungen der Eheschließung in dem Sinken der Junggesellenzahl gegenüber 1871 sich bemerkbar gemacht. Auch läßt wieder die Ehesrequenz eine ausgesprochen sinkende Tendenz erkennen, noch weist das durchschnittliche Heiratsalter der Männer eine Verschiebung nach oben auf. Es kamen nämlich im Deutschen Reich auf 1000 der mittleren Bevölkerung im Durchschnitt > der Jahre 1881/1890 7,8 Eheschließun­gen, im Durchschnitt der Jahre 1891/1900 8,2 Ehe­schließungen, in den Jahren 1901/1908 zwischen 8,2 und 7,9 Eheschließungen. Das Durchschnittsalter der eheschließenden Männer aber betrug in Preußen im Durchschnitt der Jahre 1881/1885 29,5 Jahre, im Durchschnitt der Jahre 1901/1908 28,9 Jahre.

Weit größer als die Verschiebungen, die sich zeitlich in den Zahlenverhältnissen der Junggesellen zeigen, sind die Verschiedenheiten der einzelnen Landes- teile untereinander. Im Jahre 1900 entfielen näm­lich auf 1000 der Gesamtbevölkerung in Preußen 9,6

Junggesellen, in Bayern 14,0, in Sachsen 6,5, in Württemberg 10,9, in Baden 12,6, in Hessen 9,3, in Mecklenburg-Schwerin 12,3, in Sachsen-Weimar 8,6, in Mecklenburg-Strelitz 13,5, in Oldenburg 11,6, in Brauuschweig 7,6, in Meiningen 7,3, in Altenburg 7,6, in Koburg-Gotha 6,3, in Anhalt 5,2, in Schwarzburg- Sondershausen 7,0, in Schwarzburg-Rudolstadt 8,5, in Waldeck 8,8, in Reuß ä. L. 6,9, in Reuß s. L. 6,1, in Schaumburg-Lippe 7,5, in Lippe 9,0, in Lübeck 10,8, in Bremen 9,7, in Hamburg 13,1, in Elsaß-Lothringen 15,0. Eine restlose Erklärung dieser verschiedenen Verhältnisse erscheint Haacke an der Hand des verfüg­baren Materials nicht möglich. Daß die wirtschaft­lichen und beruflichen Verhältnisse nicht die ausschlag­gebende Rolle spielen können, lehre schon ein flüchtiger Blick, denn sowohl unter den Ländern mit sehr starker, wie unter jenen mit sehr schwacher Junggesellenquote fänden sich vorwiegend industrielle und vorwiegend landwirtschaftliche Gebiete. Noch weniger lasse sich ein Zusammenhang mit der konfessionellen Zusammen­setzung der Bevölkerung konstruieren. Wie schon von Mayr über die Ehelosigkeit in Bayern nach der Zäh­lung von 1871 folgerte, dürften Ltammessitten und Gewohnheiten für den Umfang der Ehelosigkeit auch heute noch eine größere Rolle spielen, als berufliche und selbst soziale Verhältnisse.

Hinsichtlich der ®terblicf)fett der Jungge­sellen weist auch Haacke nach, daß sie u n g ü n st i g e r ist, als die der gleichaltrigen Männer, die in der Ehe stehen oder durch die Ehe gegangen sind. Vom Tausend des Bestandes starben innerhalb eines Jahres im Durchschnitt der Jahre 1905/06 37,46 Junggesellen im Alter von mehr als 40 Jahren, gegenüber 31,66 ver­heirateten oder geschiedenen Männern desseben Alters, Wirkt die infolge Fehlens des Familienlebens unge­regeltere Lebensweise ungünstig aus die Lebensdauer der Junggesellen ein, so will Haacke außerdem die Tat­sache berücksichtigt wissen, daß unter den Junggesellen ein größeres Kontingent sozial minderwertiger Elemente ist, deren naturgemäß kürzere Lebensdauer den Gesamtdurchschnitt für die Junggesellen herab­drückt. Diese minderwertigen Elemente spielen auch für die'Frage der Erwerbstätigkeit der Jung­gesellen ein erhebliche Rolle. Denn der Umstand, daß von den verheirateten, verwitweten und geschiedenen Männern über 40 Jahre ein weit größerer Prozent­satz erwerbstätig ist, als von den Junggesellen, darf nicht zu der Annahme führen: es seien unter den Jung­gesellen besonders viel Rentner und Pensionäre, weil die Junggesellen sich früher vom Erwerbsleben zurück­ziehen könnten. Tie wirtschaftlich minderwertigen Elemente unter den Jnnaaesellen nehmen einen unver- böltnismäßig breiten Raum ein und rufen falsche Vor­stellungen über die Erwerbsrätigkeit der Junggesellen hervor. In ähnlicher Weise wird die K r i m in a l i - t ä t der Junggesellen von den ledig gebliebenen Ge­wohnheitsverbrechern belastet. Nur infolge dieier Be­lastung ist, wie Haacke hervorbebt, die allgemeine Kri­minalität der Junggesellen höher als die der gleich­altrigen übrigen Männer.

FemlleLom

Vreslaus Mma Mater.

Wlder aus der Geschichte der Universität zu ihrem 100jährigen Jubiläum.

Won Dr. Paul Landau.

L

Was das Gebäude erzählt.

Gegenüber der Dominsel mit ihrem herrlichen gotischen Münster, durch die breit hinströmende Oder getrennt, er­hebt sich als der großartige Abschluß dieses wundervollen Bildes, gleichsam den Einlaß in das Zentrum der Stadt bewachend, ein stolzer palastartiger Bau: Breslaus Alma Mater. Machtvoll monumental dehnt sich die dem Fluß zu- gowaNdte Front mit dem anmutig bekrönenden Stcrnwart- turm, mit ihren 34 Achsen, in deren harmonisch klare, den italienischen Barockstil verratende Gliederung sich deutsche Formen mit ziervollem Schmuck mischen. Reicher und üppiger aber schwebt der Geist heimischen Schönheits- dvanges um die Verdachungen und Umrahmungen der Fenster an der Stadtseite; er singt und klingt in der seinen und sichern Gestaltung des Kaisertors mit seinem musika­lisch geschwungenen Bogen, in dem prachtvollen, entzückend belebten Verbindungsteil, der das Gebäude mit der sich wuchtig daranlehnenden Mathiaskirche harmonisch zusam» Ulenschließt und den lauschigsten stimmungsvollsten Hof, eine ideale Stätte der Einkehr und des gedankenreichen Träumers, bildet. Dieser Geist deutscher Schmuckfülle triumphiert in dem das Treppenhaus akzentuierenden, zier­lich und doch groß' sich hcraushebenden Säulenvorbau, der das Portal überdeckt. Ein melodischer Rhythmus durch- dringt die graziös geschwungenen Linien des eleganten

Balkons mit seiner kühn bewegten Statuenbalustrade und den herrlichen geschmiedeten Gittern und er schwingt weiter in dem alten Konvikt, einem kostbaren Denkmal des leise sich nahenden frühen Rokoko, das den Komplex der unver­gleichlich schönen und geschlossenen Baugruppe zum Ganzen rundet. In der schlanken Säulenführung über dem rusti- kalen Geschoß, in dem leise vortretenden Mittelbau ver­hallen die pathetischen, reich sugierten Akkorde dieser mäch­tigen Steinsinsonie, wie in einem lieblich dahingleitenden Menuett....

Was lebt alles in diesem Bau! Das starke, die großen Massen bändigende Stilgefühl des italienischen Barock und der leidenschaftliche, nach einem stolzen Ausdruck ringende Schöpferdrang der katholischen Gegenreformation, die üppige Lebensfülle einer pathetischen Zeit und die graziöse Heiterkeit einer kommenden Epoche, deren erste Einflüsse aus Österreich herüberwehen. Und zu der schweren Pracht der JesuitMkunst, zu dür reicheren Formensprache 'süd­deutsch barocker Ornamentik und der leichteren edel kräftigen Harmonie des Wieners Fischer von Erlach hat dann der wackere Stadtbaumeister Christoph Hackner, der tmr». end­lich als der Schöpfer des Universitätsbaues unverdienter Vergessenheit entrissen ist, noch ein gut Teil schlesischer Freude am bunten Zierwerk, am sorgfältigen Detail, an gemütvoller Beseelung der Bauglieder hinzugetan, ^ So erzählt uns das Breslauer Universitätsgebäude, das schönste und charakteristischste, das eine deutsch eAlma Mater besitzt, mit beredtem Munde von der wunderlichen Mischung kultureller Einflüsse, die hier zwammen kamen, von der merkwürdigen Vorgeschichte dieser nun hundertjährigen Bildungsstätte.

Die religiöse Gührung der Gegenreformation, deren Stil und Stimmung den Grundton des Baues angöben, die eifrige, siegreich sich durckrmLeude Tätigkeit der Jesuiten.

Politische Uversrcht.

Irr den dlntigen UoegKnsen am CaUriVixipfsl

in Südwestasrika hat sich Major Schwabe gegenüber einein Vertreter derMünchener Neuesten Nachrichten" in sehr bemerkenswerter Weise geäußert. Major Schwabe hat tu den 90er Jahren in Südwestasrika ge- stauden, ist während des südwestasrikanischen Aufstan­des zuerst in den Großen Generalstab, später in das preußische Kriegsministerium zur Bearbeitung der südwestafrikanischen Angelegenheiten kommandiert ge­wesen und hat sich zuletzt noch fast während des ganzen- Jahres 1910 als Privatmann in Südwestafrika aus­gehalten. Er erklärte:

In den ersten Jahren standen die Ovambo der deut­schen Schutzherrschaft mißtrauisch und beobachtend gegenüber. Zur Zeit des Herero-Aufstandes wurden sie keck und unternahmen ohne jeden Anlaß einen scharfen Angriff auf die deutsche Station Namutom. Das Land ist für Südwestasrika das große Arbeiter- rcservoir. Wir sind jetzt von dem guten Willen der Ovambo oder vielmehr ihrer Häuptlings abhängig. Die Ovamboarbeitsr bleiben fast nie länger als sechs Monate bei den deutschen Arbeitgebern und gehen dann in ihre Heimat zurück: es kommt zwar Ersatz, aber es ist niemals sicher, ob er hinreichend ist. Dagegen suchen die Portugiesen nach der Befestigung ihrer Herrschaft mit Erfolg immer zahlreicher Ovambo auch aus den deutschen Gebieten als Arbeiter anzuwerben; es kom­men sogar portugiesische Werbekommissare guf deut­sches Gebiet. Diese Werber geben den Häuptlingen eine Provision, und da die Ovambohäuptlinge eine geradezu despotische Gewalt über ihre Untergebenen haben, so wächst sich diese Entziehung von Arbeits­kräften zu einer beträchtlichen Gefahr für das südwest- asrikanische Wirtschaftsleben aus. Mit den Häuptlin­gen werden auf portugiesischer Seite auch so lang­fristige Arbeitsverträge geschlossen, daß man praktisch von einem Verkauf in die Sklaverei sprechen kann. Jin Ambolande sind sinische Missionare tätig, die an sich durchaus im deutschen Sinne wirken. Leider sind ihre Erfolge nur sehr gering, und auch sie sind viel zu sehr von der Gnade der despotischen Häuptlinge abhängig, als daß sie einen nennenswerten Einfluß auszuüben vermöchten. Sie leiden auch unter dem Klima, das mehr als im übrigen Südwestasrika schon an die Nähe der Tropen erinnert. Unter Gouverneur Leutwein war seinerzeit den Angehörigen der Schutztruppe ver­boten, sich in Uniform im Ambolande zu zeigen. Aus der in diesem Jahre in Grootfonteiu abgehaltenen Versammlung haben sich die Farmer des dortigen Be­zirks bitter darüber beklagt, daß durch eine Verordnung vom 25. Januar 1906. die heute noch in Kraft ist, das Betreten des eigentlichen Ambolandes den Deutschen untersagt ist, während von Norden her die portugiesi­schen Arbeiterwerber nebst portugiesischen Händlern un­gehindert in das Land dringen, die Arbeitskräfte ent­führen, Pferde, Geivehre, Munition und Branntwem

deren groß gedachtes Weltbild noch heute in gemalter Pracht voir der Decke des Musiksaales leuchtet, ließen das Kol­legium entstehen, das die Vorstufe der jetzigen Universität bildet Zwar war schon 1505 in der Blütezeit des Huma- nismus, eine Universität in der schlesischen Hauptstadt ge­gründet und von König Wladislaus in Ofen mit einem feierlichen Stiftungsbriese ausgestaitet worden, aber dies Kind der bildungsdurstigen Renaissance war tot' geboren. Der Gedanke wurde erst 1702 durch den Rektor der Bres­lauer Jesuitenschule, den einflußreichen, im diplomatischen Dienst erfahrenen Pater Wolfs Friedrich von Lüdiug- hansejn, verwirklicht, der trotz des verzweifelten Wider­standes der protestantischen Breslauer Bürgerschaft die Er­richtung einer Jesuitenumversität bei Kaiser Leopold durch­setzte. Diese mit nur zwei Fakultäten, einer theologischen und einer philosophischen, ausgestattete Universitas Leopoldina, deren Schutzhcrr Kaiser Leopold in den festlich heiteren Bildern der Aula verherrlicht wurde, deren öster- . reichliche Abkunft im Baustil deutlich zu erkennen ist, war aber nicht mehr als eine Art Oberklasse des alten Jesuiteu- gymnasiums. Schulmäßig war der Unterricht, schulmäßig die strenge Disziplin der Studenten. Der gewaltige Bau, den die neue Anstalt zum Sitz erhielt, errichtet auf dek Stätte der früheren kaiserlichen Burg, dieser letzte Triumph des katholischen Glaubens, er war noch nicht vollendet, als ein neuer Herr und ein neuer Geist in Breslau cinzog, dev Preutzenkönig Friedrich, und mit ihm Aufklärung, Toleranz, allseitig freie Bildung. Der hohe Turm über dem Kaiser­tor, der Ausbau des Ostflügels, diese Krönung des barocke» Baugedankens unterblieb; das Kollegium fristete, wohl ge­duldet, aber in der nunmehr sich entfaltenden Bildungs­sphäre nicht mehr heimisch, ein kümmerliches Dasein; es konnte nicht leben und nicht sterben, nur noch die Grund­lage bilden für Neues, Lebenskräftiges, für eine VÄe. Vom , Staate aeMMene Itmyersitas &tsra£«&$