Einzelbild herunterladen
 

Wiksbckener Tmblütt.

Vertag Langgaffe 81 Fernsprecher-Rrrfr

Wöchentlich 12 Aus-Mn. ffiLa, Gegründet 1852. ÄÄ'S.

VW ö üflC UVcUOtf. M 1 -V'A fiörv. *■** />< iCii»*- Snm4/.A»

Wöchentlich 12 Ausgaben.

Bt “*fi , 8 29. sowi? ^e irS Ausgabestellen in all«,Teilen der Mädt" in Biebrich: die doriigen 3 SAus­gabestellen und ,n den benachbarten Landorten und im Rheingau die betreffenden Tagblatt-Träger.

«uzerge«.An»-hmr: Für die Abend-Ausgabe bi» 12 Uhr mittags; für di-Morgen-Ausgabe bi» S Ub-nachmittag».

.Tagblatt-Haus" Nr. 6650-53. Bon 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abend», außer Sonntags.

Für die Aufnahme von Anreigen an vorgeschriebeuen Tagen und Blähen wird keine Gewähr übernommen.

«

Nr. 842.

Dienstag. 25 . Juli 1911 .

Kbend-Ausgabe.

1. Matt.

Iür August unö Sepiembsv

aus da»

„Wiesbadener Tagblatt"

P» abonnieren, findet fich Gelegenheit

km Vertag „Tagbtatt-Kaus" Karrggasse 81 , rrr der Zweigstelle Kksmarcksirrs SS, irr den Ausgabeßelken der Stadt nnd Nachbarorts, wld bet sSmtiichsn deutschen KrichsNostanstaltsn.

Fisyd Georges Nede.

Wer hat nur das alberne Wort von der Sauren- Mrkenzeit geprägt? Tie großen Ereignisse der Welt- Politik spielen sich, so lange man denken kann, fast regelmäßig im Sommer ad. Um den weltpolitischen Spieltisch herum sitzen nun schon seit einigen Wochen die hohen und höchsten Diplomaten des alten Europa beim aufregenden Hasardspiel um Krieg und Frieden. Sre spielen vorsichtig nach allen Regeln einer aus längst verschollenen Zeit überlieferten Staatskunst. Was wird das Ergebnrs dieses Spiels sein? Das fragt man nicht nur an der Börse, wo man in gewisser Weise das Spiel mitmacht, mit einiger Unruhe, auch die ruhigen Bürgersleute, die schließlich die Spielkosten tragen Müssen, werden ein wenig nervös.

Allerlei beunruhigende Gerüchte kamen aus Paris. Ta wußte man bereits, daß die Verhandlungen zwi­schen Herrn v. Kiderlen-Wächter und Herrn Jules Cambon auf einem toten Punkt angekommen seien. Es klang wie verdächtiges Säbelrasseln von der Seine Strand her. Man sprach von übertriebenen Forderun­gen Deutschlands, wie man sie nur einem Besiegten stellen könne.. Bei der nordafrikanischen Hitze, die jetzt leider auch in Mitteleuropa herrscht, sind derartige Halluzinationen verzeihlich. Was man als Deutsch­lands Forderungen im Kongo bezeichnet hat. das sind Erfindungen von der Seine Strand, französischen Im­porten, die gerade von den Alldeutschen mit allem Rachdruck abgewiesen wurden. Aber man ist nun ein­mal in Paris nervös geworden — ein Zustand, der durch das Verhalten des einst so gehätschelten spani­schen Vetters noch gesteigert wird. In einer solchen Verfassung sieht man leicht — selbst am helllichten Lag — Gespenster. Und so glaubte man schon, die englisch­französische Entente ernstlich gefährdet. Man hat nun ein Beruhigungspulver, und in London beeilte man sich, es zu verabreichen.

Lloyd George „stabilierte" die Notwendigkeit, unter allen Umständen Englands Platz und Prestige unter den Großmächten aufrechtzuerhalten. Auch in Eng­land scheinen die Diplomaten zu denken, daß die Sprache die Kunst sei, die Gedanken zu verbergen. Wer wollte denn Englands Platz und Prestige unter

den Großmächten beeinträchtigen? Etwa Deutschland durch Entsendung eines Kriegsschiffs nach Agadir? Es gehört eine sehr „voraussetzungsvolle Forschung" dazu, um aus den Worten des englischen Ministers eine „Mahnung an Deutschland" herauszu­lesen. Freilich die „Times", die es von jeher als ihre Aufgabe betrachtet hat, gegen Berlin zu hetzen, tut es und findet natürlich französische Nachbeter. Damit tut das englische Blatt Herrn Lloyd George und vor allem der großbritanischen Negierung, in deren Namen er doch sprach — wahrlich keinen guten Dienst. Das würde ja heißen, daß er die zwischen der deutschen und französischen Regierung in aller Vertraulichkeit be­triebene Verhandlungen durch ausgesprochene Partei­nahme für die französische Regierung in öffentlicher Rede zu beeinflussen gesucht habe. Bei den „korrekten" Beziehungen, die doch zum mindesten noch zwischen Großbritannien und Deutschland bestehen, wäre ein solches Vorgehen zum mindesten inkorrekt. Ter englische Minister müßte sich da selber sagen, daß dann seine für Großbritannien hypothetisch angewandten Worte für das De ursche Reich tatsächlich werden müßten: „daß ein Friede um diesen Preis eine Erniedrigung bedeuten würde, die für ein großes Land wie das unsriae unerträglich wäre."

Aber gleichsam, als ob man Besorgnis heKe, die giftige, anscheinend sogar wider besseres Wissen ge­machte Verleumdung der „Times" könne Glauben finden, beeilt man sich von London aus über den Um­weg von Paris die entschiedene Abrede zu stellen, daß Lloyds Georges Rede irgend einen kriegeri­schen Sinn gegen Deutschland gehabt habe. Man versichert, daß diese Deutung völlig unbegründet sei. Aber nützlich seien die Ausführungen Lloyd Georges, dem jeder Kriegs ge-d-anke fern liege, doch ge­wesen^ Denn in der letzten Zeit hatte sich die Sage verbreitet, die gegenwärtig regierende liberale Partei sei höchst deutschfreundlich, wolle zu einem herzlichen Einvernehmen mit Deutschland gelangen, sei daher wenig geneigt, das herzliche Einvernehmen mit Frank­reich aufrechtzuerhalten, und noch weniger Frankreich in diplomatischen oder noch ernsteren Kämpfen mit Deutschland zu unterstützen. Einzig und allein nur diese Sorge zu zerstören, habe, die englische Regierung es für notwendig befunden, zu versichern, daß die libe­rale Partei ein ebenso treuer und ehrlicher Freund Frankreichs ist wie die konservative und die gemein­same Interessen beider Länder ebenso aufrichtig und rechtschaffen verteidigen wird wie diese.

In Deutschland hat sicherlich kein vernünftiger Mensch daran geglaubt, daß England die „Entente cordiale" mit Frankreich aufzugeben die geringste Neigung verspüre. Ebenso wenig denkt man in Ber­lin daran, Englands Einfluß irgendwo zu schwächen. Vielleicht ist es in London gar nicht einmal so ungern gesehen, wenn Deutschland die Franzosen nachdrücklich, aber mit aller Höflichkeit darauf aufmerksam machen, daß die marokkanische Frage keine ausschließlich fran-

59 . Jahrgang.

zösische ist. Selbstverständlich auch keine, die zwischen Deutschland und Frankreich allein, allenfalls mit wohl­wollender Zulassung Spaniens, zu erledigen ist. Wenn Lloyd Georges vieldeutige und vielgedeutete NunÄom bou86-Rede das unterstreichen wollte, so wird man das in Berlin mindestens ebenso gern beachten wie in Paris, vielleicht noch meh):.

Fortsetzung der deutsch-französischen Verhandlungen.

Als Beweis dafür, baß die Verhandlungen Mischen Deutschland und Frankreich durch die heftige Sprache gewisser französischer Preßorgane nicht gestört worden siird, ist mitzuteilen, daß der französische Botschafter Camvon gestern wiederum eine längere Unterredung mit Staats» sekretär v. Kiderlen gehabt Hai

s

Aus Agadir.

Die „Voss. Ztg." meldet aus Tanger: In Agadir wer­den die Beziehungen zwischen den deutschen Kriegsschiffen und dem Festland immer herzlichere. Weit aus dem Innern kommen die Gouverneure, um die deutschen Kriegsschiffe zu besichtigen, wo sie liebenswürdig ausgenommen wer­den, worüber sie sich recht sehr freuen. Sie betonen stets, daß ihnen die Deutschen willkommen seien. Täglich gehen übrigens von Mogador aus Europäer, meist Zeitungs­berichterstatter, nach Agadir ab.

*

wb. Rom, 24. Juli. Der „TribuNa" zufolge verfügte der Minister des Büßern die Umwandlung -der bisherige» Konsularagentur in Casablanca in ein Konsulat.

Me militnriidje flcmosfMöG in der MHe.

Auf lganz ungewöhnliche Weife wurde der Sonntags- Hauptgottes dienst in der Luiserckirche zu Charlottenourg göstört. Diese Kirche ist Eigentum einer Zivilgemcinde, und hat zu ihrem Pfarrer den liberalen Geistlichen Pastor Kraatz, der dort seit sechs Jahren amtiert. Der Gar­nison Charlottenburg ist von vornherein das kirchliche Gastrecht eingeräumt worden, und die Gottesdienste werben vom Militär auch vielfach besucht. Zn dem Sonn­tags-Gottesdienst waren auch die vierte, achte und zwölfte Kompagnie, sowie die Maschineng-ewehrabteilung des Königin-Elisabeth-Gardegrenadierrogiments mit mehreren Offizieren erschienen. Während nun Pastor Kraatz in feiner Predigt den Fall Iatho erläuterte, erhoben fich plötzlich die Offiziere und forderten die Sol­daten durch Zeichen auf, die Kirche mit ihnen sofort zu verlassen. -Selbstverständlich kam das Militär diesem Befehl sofort nach, wodurch eine Unterbrechung der Predigt -herbeigeführt wurde. Das Verhalten des Militärs erregte natürlich bei den Morgen Kirchenbesuchern peinliches Aussehen. Mit Ausnahme von drei Frauen blieben alle bürgerlichen Besucher auf ihren Plätzen und wohnten der Predigt bis zum Schlüsse bei.

Pfarrer Kraatz gibt von -dem aufsehenerregenden Vor­fall folgende Darstellung: Er habe gestern das erstemal nach seinen Ferien wieder gepredigt und sich verpflichtet gefühlt, sich mit seiner Gemeinde über den Fall Jatho zu unterhalten. Er hübe ange-knüpst an die Bibelstelle aus der Apostelgeschichte, 5. Kapitel: „Ist der Rat oder das Werl

FenMeton.

Londoner Brief.

Für eine junge Dame der hiesigen Gesellschaft gibt es wohl nur ein Ereignis, das ihr wichtiger dünkt und mehr Herzklopfen verursacht als ihr erstes Erscheinen bei Hofe, wenn sie vor den Altar tritt, um einein Mann die Hand fürs Leben zu reichen. Und letzterer Schritt bringt nicht einmal so viele ermüdende Vorbereitungen mit, und man hat das angenehme Gefühl, die Hauptperson und vielleicht die Beneidete von vielen zu sein. Aber die Verbeugung bei Hofe ist nun einmal unerläßlich für ein „Society girl", wenn es die Gesellschaften der Season mitmachen, gesehen werden und sehen will, und diesmal waren mehr als je da- ?u, der Krönungssostlichkeiten halber, erschi-enm.

Die Vorstellung einer Tochter ist für die Mutter sine sehr ernsthafte Sache, denn ihre Pflicht ist cs, ihr Kind so M dressieren, daß sie den Thronsaal graziös betritt, ihren Knicks in der vorgeschriebenen Weise macht und vor allem wieder zurücktritt, ohne sich in ihre lange Schleppe zu ver­fangen, ein sehr schwieriges Manöver, das nur durch viel­fache Übung in geschickter Weise auszusühren ist. Bei vielen der eleganten Hofschneiderinnen sind extra Räume da, wo die Debütantinnen diese Kunst erlernen können, die meisten jungen Damen werden aber zu Hause darin unterrichtet.

Zu diesem Zweck stellt man zwei Stühle in der Tiefe des Zimmers auf, die die Sessel bedeuten, auf denen der König und die Königin sitzen. In gewöhnlicher Abend­toilette, aber mit 4 Uards eines schweren Stoffes, der Von den Schultern fällt und der die Schleppe darstellt, die sie an dem großen Tage tragen wird, begibt sich die junge Dame vom anderen Ende des Zimmers mit möglichster Glatte bis m den Stühlen. Dort macht sie zwei tiefe Per.

beugungen, und nun kommt der schwierigste Teil, nämlich rückwärts das Zimmer zu verlassen, ohne daß die Schleppe sich um ihre Füße wickelt. Immer und immer wieder muß die Übung wiederholt werden, bis „Mama" ihr Urteil da­hin ausspricht, daß May oder Gwendoline oder Florence ihren Hofknicks mit absolutester Vollendung ausführt. Ehe sie aber dahin gelangt, ist die junge Dame der Sache meist herzlich überdrüssig und fragt sich im stillen, ob sie der Mühe wert fei, besonders wenn sie sportliebend und das Wetter schön ist.

Nun kommt aber eine angenehmere Beschäftigung, das Aussuchen der Toilette. Diese muß stets ein einfaches Aussehen haben, wird gewöhnlich weiß -gewählt und- ist aus einem duftigen Gewebe, nur die Schleppe meist aus weichem weißen Atlas. Weiß sind auch die Federn, die vorgeschriebenermaß-en das Haar schmücken, der lange Schleier, die Strümpfe, Schuhe und langen Handschuhe, Juwelen tragen die jungen Mädchen meist nicht, höchstens eine einfache Perlenschnur um den Hals, aber jede hält einen Strauß weißer Blumen in den Händen.

Am großen Tage wird das Society girl schon mehrere Stunden vorher angekleidet, damit ein Fehler noch abge­stellt werden kann-. Von der Mutter oder Patin -begleitet, begibt sie sich nach Buckingham Palace, äußerlich ruhig und selbstsicher, innerlich aber sehr errc-gt. Von einem Beamten dem anderen übergeben, nachdem genau -kon- trolliert wird, ob sie „besohlen" ist, gelangt sie in eines der Wartezimmer, wo die Falten von Toilette und- Schleier geordnet werden.

Hier hat sie sich meist stundenlang in Geduld zu üben, bis sie an die Reihe kommt und sich nach dem Thronsaal begibt. Gewöhnlich hat sie dadurch einen derartigen Grad von Nervosität -erreicht, daß „der graziöse Schritt" nicht

immer rmch Wunsch gelingt, wenn sie sich durch den großen

Räum nach dem Platz hinsindet, wo das Herrscherpaar, von Prinzen und Prinzessinnen im Halbkreise umgeben, sitzt. Der Lord C-hamberlain ruft ihren Namen, während sie zuerst ihre Verbeugung vor der Königin macht, und- wenn sie die vor dem König vollendet hat und sich rückwärts aus dem Zimmer bewegt, wird bereits eine andere Debü­tantin vorgestellt. Einmal außerhalb des Thronsaals ver­läßt sie die Spannung und Furcht, die -Sache ist Überstauden und vergnügt begibt sich die junge Dame, die tags über viel zu aufgeregt war, um zu essen, nach einem der Speise­säle, wo die Gaste des Herrscherpaares sich stärken können.

Darauf kommt eine abermalige Geduldsprobe, bis die Equipage oder das Auto gesunden ist und selbst -dann ist die Märtyrerin der Gesellschaft noch nicht frei, denn sie muß sich zu einem -der Westend-Photographen begeben, die an „Hoftagen" die ganze Nacht offen haben. Dort wird- sie in all der Pracht ihres „Presentation Diress" abkontersei-t und nun erst ist das Tagewerk beendet, und eine sehr müde, aber sehr, glückliche junge Dame wird endlich -eimgefahren und träumt wohl die ganze Nacht von der Hospracht, die sie zum erstenmal richtig erschauen -durste, von all den Er­eignissen des denkwürdigen Tages und wahrscheinlich auch von künftigen Triumphen.

Noch einmal erscheint eine. Dame der Gesellschaft ganz in weiß vor dem Herrscherpaar, um ihre Verbeugung zu machen, nämlich wenn sie in den Ehestand getreten ist und unter ihrem neuen Namen vorgestellt wird. Sie trägt dann ihr Hochzeitskleid. Da die meisten Heiraten in der Gesellschaft während der Season stattfinden, so ist auch die Zahl der jungen Frauen stets eine große, und- da aus ver­schiedenen anderen Gründen viele Presentations vor sich gehen, so dürste d-ie Funktion für den König und- die Königin fast so ermüdend sein als für das Society girl. aber sicher weniger gniregerw.