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Verlag Langgass« 21

Tagblatt-Ha«s".

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Nr. 34V.

Montag, 84. Juli 1911.

50. Jahrgang.

Kbend-Ausgabe.

1. WLatL-

Geschieht ihnen recht.

In Berlin ist wieder mal ein kleines Bankgeschäft zusammengebrochen, das seine ganze Kundschaft m der Provinz hatte. Man hat ja seit kurzem den Kamps gegen die Animierbankiers oder die Bucketshops ganz systematisch ausgenommen, aber große Erfolge dürften kaum erzielt sein oder werden. Denn die Leser der größeren Zeitungen, in denen der Kampf geführt wird, fallen auf die Leimruten von Animierbankiers sowieso nicht herein. Es ist ja auch ganz charakteristisch, daß wir das Übel mit Fremdwörtern bezeichnen müssen: es muß einBucketshop" sein einen verständlichen deutschen Ausdruck hat man gegen diese Wmkelüankiers nicht finden können, Solche Fremdworte erschweren den Kampf gegen das Übel ungemein, da- sie den Un­kundigen ganz im Dunkel darüber lassen, wie oder was gemeint ist. Der Schaden bei dem neuesten Fallisse­ment beläuft sich aus mehr als eine Million Mark, m die sich 300400 Kunden der Firma teilen können, Die Geschäftsführung war so tüchtig, daß die Behörde an die Firma gar nicht herankommen kann. Es ist alles in bester Ordnung und richtig zugegangen. Kleinere und mittlere Kapitalisten haben das Bedürfnis, ihre Gelder schneller zu vermehren als dies der Fall ist, Ivenn man das Geld auf Zinsen legt. >Lne wollen durch Spielen an der Börse gewinnen., Und da flregen einem nun die schönen Börsenberichte ins Haus, die so unparteiisch gehalten sind und wirklich nicht verlauten lassen, daß sie nur der Werbearbeit für gaiiz bestimmte Zwecke dienen. Zu einer großen Bank will man nicht gehen: mit ihrer Vermittlung können kleine Leute auch nur schwer an der Börse spielen: sie ist für der­artige Kunden nicht zugeschnitten. Also versucht man's Mit einem kleinen Bankgeschäft und macht erst Umsätze bei kleinen Risiko. Tie Dinge gehen auch ganz nach Wunsch, aber es kommt bei dem Spiel so blutwenig heraus.' Man müßte die Operationen mit größeren Mitteln sortsetzen Warum nicht? Vertrauen wir also unserer Berliner Bank größere Summen an. Je vor­sichtiger das Bankgeschäft operiert, desto sicherer erhalt ks volle Bewegungsfreiheit für die ihm anvertrauten Gelder, wie ja auch der vorliegende Fall beweist. nl» erst die Tätigkeit in Gang gebracht, so gilt es, für Kunden, die abgehen, immer wieder neue zu gewinnen. So lange nur einzelne Künden abfallen, schadet es dem Treiben nicht im mindesten. Neue Kunden mit frischen Mitteln ersetzen die wie Zitronen ausgepreßt bisherige Kundschaft, von der nichts mehr herauszuholen ist. Tritt freilich im Laufe der Zeit irgend eine Komplika­tion ein, die einen größeren Teil der Kunden veran­laßt, ihre Gelder zurückznfordern, dann gerat Holland in Not, Dann stellt sich eben heraus, daß das Bank­geschäft die ihm anvertrauten Mittel leichtsinnig ver­wirtschaftet hat. Wenn man die Geschäftsführung all

der kleinen Banken aufdecken würde, die mit Provinz- knndschaft arbeiten, dann würde sich Herausstellen, daß Millionen und aber Millionen Mark alljährlich geopfert werden, ohne daß die liebe Kundschaft eine Ahnung davon hat, in welch liebevollen Händen die von ihr aeleisteten Einschüsse sich befinden. Soll nian nun mit diesen Opfern Mitleid haben, soll man sie bedauern! Oder ist es nicht geradezu eine gesunde Reaktion, wenn diese kleinen Börsenspieler aus der Provinz gründlich bluten müssen! Ist es nicht das einzige Mittel, um auf das Unwesen der Animierbankrers in den weitesten Kreisen aufmerksam zu machen. Je häufiger solche Zusammenbrüche Vorkommen, desto mehr Kunden aus der Provinz werden aufgeklärt. Und es spricht sich auch in kleinen Orten herum, wenn eine oder die an­dere Existenz durch leichtsinniges Börse,ispwl ruiniert wird. Das wirkt abschreckender als alle papierenen Warnungen, die von denen, die es angeht, gar nicht beachtet werden. Zum Schaden müssen solche Leute auch noch den Spott haben: dann wirken sie als leben­dige Warnung vor dem Börsenspiel durch kleine Ber­liner Bankgeschäfte.

Marokko.

Di- Lage ist im wesentlichen unverändert. Die deutsche Regierung bewahrt nach wie vor strenges Schweigen Wer den Gang der Verhandlungen. So schreibt dieNordd. Mg. Ztg." in ihrer WochenruMchau": über den gegen- wärtioen Stand der zwischen der deutschen und französischen Regierung wegen der Lage in Marokko schwebenden Ver­handlungen können keine amtlichen oder halbamt­lichen Mitteilungen in der Presse gemacht werden. Das gleiche gilt erst recht in bezug auf den weiteren Verlauf und die möglichen Ergebnisse der Verhandlungen. Es ist daher zum mindesten voreilig, über vermeintlich offiziöse Angaben Befriedigung oder Entrüstung zu äußern. Dazu wird es erst Zeit sein, wenn autorisierte Mitteilungen über den Ausgang dieser 'diplomatischen An­gelegenheit vorliegen., Ein Berliner Matt warf sogenann­ten Inspiratorenoffiziöser" Artikel Direktions- losigkeit vor. Der Eindruck der Direktionslosigkeit kann nur bei dem entstehen, der alle Artikel, die sich selbst als von maßgebender Stelle kommend bezeichnen, wirklich für inspiriert ansieht."

Die Mgence Havas meldet unterm 21. Juli aus El K'sar: Als der französische Leutnant Thiriet heute morgen nach dem gestrigen Zwischenfall in sein Lager zu­rückkehren wollte, wurde er auf dem Wege dorthin von dem Kaid des Polizcitabors in Larrasch, der von mehreren Soldaten begleitet war, angehalten und gezwungen, in die alte, Bendahan von den Spaniern abgenommene, Kaserne bei Darghailan zu treten, wo er fest gehalten wurde. Als der Konsularagent Boisset von diesem neuen Zwischen­fall erfuhr, begab er sich an Ort und Stelle und bat um Aufklärung. Leutnant Bregalli. der Führer des Postens, erwiderte, man habe den Offizier und seine Ordonnanzen verhaftet, weil man sie für Deserteure gehalten habe, und fügte hinzu, daß er seinen Hanptmann von dem Zwischen­fall benachrichtigt habe. Nach einer Stunde des Wartens

kam der Befehl des Hauptmanns, Thiriet freizulassen. Wäh­rend dieser Zeit hatte ein Soldat den Dolmetscher Boissets in dessen.Gegenwart gestoßen und geschlagen.

wb. San Sebastian, 23. Juli. Sogleich nach dem Zwischenfall Thiriet hatte Oberst Sylvestre den Major Callego beauftragt, den Tatbestand in dieser Ange­legenheit festzustellen. Eine Abschrift dieser Feststellungen ist mit einem Kurier des spanischen Gesandten in Tanger an den Minister des Äußern abgosandt worden.

Der Zwischenfall betreffs des Leutnants Thiriet wird von den Pariser Blättern in sehr erregter Weife besprochen. Es fei zweifellos, daß die spanische Regierung auch diesmal ihr Bedauern und ihre Entschuldigung aussprechen werde. Dies genüge aber nicht mehr und, falls man eine Kata­strophe vermeiden wolle, müsse Spanien, wenn es schon d e ungerechtsertiate Besetzung von El Kfar verlängere, den Oberbefehl über die Truppen einem Offizier anvertrauen, der unter denselben die Manneszucht aufrecht erhalten könne.

Der spanische Ministerpräfldent und vier gegenwärtig in Madrid weilende Minister traten zu einer Erörterung der marokkanischen Fragen zusammen. Die Regierung er­hielt noch keine andere Nachricht über den Zwischenfall Thiriet, als das Telegramm des Obersten Sylvestre. Die Minister beobachten strenge Zurückhaltung und stellen jede ihnen etwa zugeschriebene Äußerung über die Zusammen­kunft in Abrede. Eanalejas telephonierte dem Minister des Äußern, die Minister wünschten und erhofften eine schnelle freundschaftliche Lösung.

Der Minister des Äußern hatte mit dem französischen, dem deutschen sowie dem -englischen Geschäftsträger eine Unterredung.

wb. Madrid, 22. Juli. Ministerpräfldent Eanalejas und der Minister des Äußern hatten heute eine Be­sprechung über den Fall Thiriet. Garcia Prieto erklärte, es sei notwendig, daß die französische und spanische Regie­rung -Maßnahmen träfen, um derartigen Vorkommnissen ein Ende zu machen. Er richtete ein Schreiben an den französischen Minister des Äußern, in dem er sein Bedauern über den Vorfall auSsprach, und gab dem spanischen Botschafter in Paris telegraphische Instruktio­nen. Garcia Prieto glaubt, daß die französische Regierung ebenso wie die spanische fortfahren werde in der Be­mühung, die guten Beziehungen der beiden Länder auf­rechtzuerhalten.

Ein offiziöses Dementi.

. Cöln, 23. Juli. DieKöln. Ztg." meldet aus Berlin: DieN. Fr. Pr." läßt sich aus Paris telegraphieren, daß in den Besprechungen zwischen Herrn v. Kiderlen- Wächter und Cainbon von deutscher Seite Andeutungen gefallen seien, daß man auf die Zulassung deutscher Wert­papiere zum Pariser Markt Wert lege. Dazu will die N. Fr. Pr." erfahren haben, daß in Frankreich vielleicht in einzelnen Fällen deutsche Wertpapiere, unter keinen Umständen aber deutsche Reichsanlerhe zum fran­zösischen Markte zugelassen werden würden. Dazu bemerkt dieKöln. Ztg.": Weshalb das Wiener Matt eine solche Rachricht aus Parts verbreitet, ist s ch w e r e r f l n dl: ch. Die Zulassung -»utschcr Reichsanleihe zun: Pariser Markt

Aus Kunst und Lrben.

* Residenztheater. Die letzte Novität desMagde­burger Operetten-Ensembles" (Direktor Norbert): die

dreiaktige OperetteVielliebchen" von Rudolf Oeit- reicher, Musik von Ludwig Engländer, wurde vom Publi­kum sehr freundlich ausgenommen. Der Komponist Eng-, länder ist ein Wiener Kind, und die Operette gwt sich auch als ein echtes und leichtes (zum Test sehr (sicht ge­wogenes) Wiener Produkt: alles ist nett und naturl-.ch er­funden, ohne überreicheRomantik" oder schwerflüssige Hypermodernitäl, allerdings aber auch ohne eine Spur von Neuheit oder Originalität. Das Orchester ist etwas Maßvoller behandelt als in den sonstigen Wiener Ope­retten, so daß die Darsteller nicht nur zu schreien brauchen, sondern auch gelegentlich singen können wenn sie singen können. Unter den verschiedenen Einzelnummern hoben sich hervor: nächst dem burlesken ,^Aiillio:icn-

Marsch-Terzett" namentlich der fesche WalzerDie oberen Zehntausend", ein einschmeichelndes LiebeÄduett rm 4. Art, und das kecke MarschliedDas muß der Juni sein was wohl den sogenanntenSchlager" der ne,reu Operette be­deutet. Der TitelVielliebchen" hat mit dem Stuck eigent­lich nicht viel zu tun: die Probiermamsell Lisette und der ins Schneider-Atelier e-ngeschmuggelte Maler Sanders lieben sich zwar viel, doch das zarte Verhältnis wird durch das Dazwischentreten einer schönen Gräfin. Leonie gestört: Sanders wird von Leonie Lisette von einem amerikani­schen Manager als Varietö-Rummer nach Nizza entsühn; bei der Schönheitskonkurrenz daselbst scheint sich so etwas wie ein dramatischer Konflikt zu ergeben, doch Wird der­selbe im 3. Alt zu allgemeiner Zufriedenheit gelöst: Lisette

liebt wieder ibren Sanders und für die Gräfin ist der da­zugehörige Graf in Nizza leicht gefunden. Die Operette wäre unmöglich, wenn sie nicht so frisch und flott gescheit und gefunden würde, wie es im Restdenztheater tatsächlich der Fall ist. Im Mittelpunkt stand Frl. Schömig als

Probiermamsell: sie war wieder toll und voll in ihrem liebenswürdigen Übermut und riß alles wie im Wirbel mit wußte auch Frl. Adam als stattliche

ficf) 1 fett §)l?ük .V ln».

©räfiit durch elegantes Austreten und pikanten Retz für sich eMzunehmen. H-rr Schorn gab den verliebten Sanders mit sehr gewandten Allüren, Herr S ch u l tz e den keLenen Manager mit treffender Charakteristik Von drastischer Komik war weder Herr Klapp rot h als Zu­schneider stelinek - namentlich im 3. Akt, wo er einen gründlichen Spitz zu markieren hatte. Auch die kleinere,« Rollen waren in bewährten Händen. Herr Norbert hatte für eine geschmackvolle Ausstattung gesorgt; $peu Kapellmeister Adolsi für -eine sorgfältige musikalische Einstudierung und Herr Klapproth für sichere 'In­szenierung: so wurde dasVielliebchen" im- Restdenz- tbeater glücklich gewonnen. 'Z.

H Frankfurter Theatcrnotizen. Das Theaterloben unserer Stadt ruht zurzeit in wohligem Sommerschlae Zwar stehen die Pforten der Oper offen, aber es fehlt an bedeutenderen Ereignissen. Meist ist es die Operene, die Fremd-e und Einheimische in die erstaunlich kühlen Räume des prächtigen Musentempels lockt. Schwere Kost wird trotz dieser Annehmlichkeit jetzt dort verschmäht. Das Schauspielhaus ist noch geschlossen. Bedauerlicher­weise hat man sich da die fesche Wiener PosseDie Welt ohne Männer" entgehen lassen, ein Schwank, den gegen­wärtig allabendlich mit gutem Erfolg die Direktion oer Neuen Wiener Bühne" im Albcrt-Schumann-Theater aus- fübren läßt. Das gastierende Ensemble besitzt gute

Kräfte und leistet auch in der Regie Lobenswertes. Im

Komödien ha ns feierte die tolle PossePolnische Wirtschaft" die 25. Aussührung. Trotz der qualvollen Hitze war der Besuch meist gut. Sehr gespannt ist man auf das kommendeNeue Theater", das unter der Direktion Hellmer und Reimann bereits am 1. September eröffnet werden soll. Am Bau wird mit fieberhafter Emsigkeit gearbeitet, und es ist interessant zu beobachten, wie er fast zusehends seiner Vollendung entgegengeht. Trotzdem hegt man in Fachkreisen Zweifel, ob der festge­setzte Termin wirklich eingehalten werden kann. Wie freudig das neue Unternehmen begrüßt wird, beweist der Umstand, daß für das erste Jahr das Abonnement völlig ausverkauft ist.

0. K. Der Retter von Grandenz. (Zum 100. Todes­tage Courbiöres.) Unter den wenigen, die nach dem Zu­sammenbruch des preußischen Staates bei Jena und Auer­stedt dem alten Held-eugeisie Friedrichs des Großen treu blieben, ragt -als leuchtendes Vorbild die prächtige Gestalt des alten Courbitzre hervor, dessen 100. Todestag in diesen Tagen feierlich begangen wird. Er war es, der die Weichselfestung Grandenz bis zum Friedensschluß rühm- lichst gegen die Franzosen behauptete. Während die anderen greisen Generale in müder Stumpfheit sich dem Korsen ergaben, während all die anderenFederbüsche", wie man die Kommandeure nannte, in ein furchtsames Zittern gerieten, hatte er mit seinen 74 Jahren noch nichts von der tapferen Energie verloren, die ihm einst die Aner­kennung des großen Friedrich eingetragen. Einem aus Frankreich seines Glaubens wegen ausgewanderten Ge­schlecht entstammend, war er 1756 als Jngenieurkapitün in preußische Dienste getreten, hatte im siebenjährigen Krieg mit Auszeichnung ein Frerbataillon geführt und von Fried­rich den Orden Pom- le merite erhalten. Während der langen Friedenszeit machte sich Courbiöre durch Ausbil­dung der Füsiliere um das preußische Kriegswesen verdient.