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Nr. 287.
Samstag, 22 . Juli i®!I.
53. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. M«rtt.
Eine verfehlte Frngest§l!un§.
Bayern hat seine „Dreier-Juristen", und in Preußen wird den Assessoren, die nur ein mittelmäßiges Examen gemacht haben, kurzweg erklärt, daß sie auf eine Anstellung als Richter nicht zu rechnen haben. Über die Berechtigung dieser Maßnahmen wogt seit geraunier Zeit der Streit hin und her. Es läßt sich verstehen, wenn die Formen, in denen sich zuerst die bayerische und jetzt die preußische Justizverwaltung gegen eine Verflachung des Niveaus zu wahren sucht, reichliche Zustimmung finden. Wer möchte nicht wünschen, daß unsere Richter eine Auslese der Bestell bilden sollen! Wem kann damit genützt sein, wenn_ aus Schwächlichkeit und unangemessener Gutmütigkeit Richter mitgeschleppt werden, die hinter den zu stellenden Anforderungen unangenehm weit Zurückbleiben! Wer so fragt, der kann nur eine Antwort bekommen, nämlich daß die Justizverwaltungen durchaus im Rechte sind, wenn sie scheinbare Härten nicht scheuen, wo es um so große Tinge, um die Erfüllung einer der wichtigsten Ausgaben im Organismus des Staates geht. Aber, und nun kommt die ergänzende und korrigierende Einwendung, wo ist die Sicherheit, daß ein glänzendes Examen entsprechende glänzende Eigenschaften des betreffenden Juristen beweist? Es ist ein Gemeinplatz — jedoch darf man ihn nicht scheuen —, daß ein für den Augenblick zusammengebrachtes sicheres Cxamenwissen noch lang nicht entscheidend für die Dualitäten des Prüflings zu sein braucht, und daß Mancher, der sich in der Prüfung nur mäßig gehalten hat, die Rekordsucher in Wirklichkeit weit übertreffen kann. Tenn das Entscheidende bleibt doch die in die Tiefe greifende Durchdringung des Stoffs und nicht seine äußerlich glatt klingende Bewältigung. Es ist wahr, die Justizverwaltungen dürfen die. Kriterien, die sich ihnen in den Prüfungsergebnissen darbicten, nicht völlig unberücksichtigt lassen, aber es ist ebenso wahr, baß sie daneben noch andere Merkmale von nicht bloß mechanischer Natur in Betracht zu ziehen haben,, und Man kann fragen, ob diese Verpflichtung ganz innc- gchalten wird, wenn, wie geschehen. Unordnungen ae- troffen werden, denen zuletzt doch die Examensnote bestimmend zugrunde liegt.
Es trifft sich gut, wenn ein hervorragender Richter, der Geh. Justizrat Schneider, Oberlandesgerichtsrat in Stettin, die hier behandelten Fragen soeben in rinem Aufsatz in der „Deutschen Juristenzeitung" („Die Rechtsentwicklung im Jahre 1910") mit beachtenswerten Hinweisen erörtert. Der Verfasser beschäftigt sich mit der Gärung, die gegenwärtig im Bereiche der Rechtswissenschaft und -Praxis zu beobachten ist und die vr hauptsächlich auf die durch die sogenannten Frei-
Herrn und Frau Puttfarkens Reise in den Wilden Kaiser.
Ein Reiseerlebnis von W. Peers.
Neulich fuhr ich an einem schönen Sommermörgen von Roseachoim das Unter-Jnntal hinauf. Eine gesegnetere Fahrt wird man nicht leicht in deutschen Landen finden. Die Natur zeigt die Schrecken des Hochgebirges im anmutigsten Mantel versteckt. Der Inn durchfließt in weiten Windungen eine lachende Ebene. Das ist gut, die Vegetation ichpig und reich an mannigfaltigen Baumarten. Rechts und links treten, je weiter, desto näher, die Voralpen heran. Das ist nun freilich ein ander Bild wie in unseren Mittelgebirgen. Tie Gipfel- und Grcttsormen ürd zackig und unregelmäßig. Mächtige Felsen durchsetzen die steil und kühn zum sattblauen Himmel strebenden, mit Mdlosen Fichtenwäldern bedeckten, von blendend weißen und zur Tiefe des Tales stürzenden Geröllhalden durch- furchten Bcrae. Andere tragen saftig grüne Alpenmalten bis zur Höhe, und zierliche Almhütten winken gar freundlich mit ° blitzenden Fensterscheiben herab. Vrannenburg, Oberaudorf — Touristenscharen verlassen den Zug, denn es sind lockende Ziele von hier zu ersteigen: Wendelstein, Vrümlstein.
Stattlich scharen sich wohlhabende Gebirgsdörfer in einem Hain von Obstbämnen um die weihgetünchte Kirche, die stets die. beiden bayerisch-obligatorischen Turmformen Jtttn Himmel reckt: Zwiebel oder lange Spitze.
„Nein, .sieh doch bloß mal an, Karl, wie schmuddelig, nirgends reine Gardinen auf, und die Fenster seit Jahr und Tag. nicht geputzt." Damit werde ich auf die -Existenz von Herrn und Frau Puttfarken aus Hamburg,
rechtslehren hervorgerusene Wandlung der A.usfassuu- gen zurückführt. Auf die Kunst der Rechts an Wendung und nicht so sehr auf die bisher fast allein und bis zum Überdruß betonte Rechts a u s I e g u n g ist, nach ihm, alles Vorwärtsstreben zu richten. Und dann fährt Oberlandesgerichtsrat Schneider fort: . „Man könnte bei der Erwähnung des vielfältigen Meinungsstreites aber auch an denjenigen denken, der über die Ausbildung der jungen Juristen und das bekannte Verfahren, das Maß ihres Wissens festzustellen, seit langem hin- und herwogt. Man darf dabei sogar auf die Zeit vor 30—40 Jahren zurückblicken, wo alle diese Fragen und die Verhandlungen darüber auch schon schwebten." Erwägt man, daß damals dieselben Zweifel an alledem mit Ausdauer und Lebhaftigkeit erörtert wurden,. so ist zugleich daran zu erinnern, daß es die angeblich so mangelhaft durchgebildeten und ungenügend geprüften Juristen von damals waren, die als Richter oder Anwälte später vor die schwierige Aufgabe gestellt, d:e mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch verknüpfte gesetzliche Umwälzung zu bewältigen, im allgemeinen sich dieser Aufgabe durchaus gewachsen gezeigt haben. Es darf auch an die prächtige Abwehr in der Rede des preußischen Jüstizminsters I)r. v. Friedberg im Abgeorb- netenhause in den achtziger Jahren erinnert werden. Der Minister erklärte damals, er erhalte fast jede Woche Abhandlungen über die bestehende Examensordnung, in denen vielfach — und, das seien noch die maßvolleren Urteile — ausgesprochen werde, diese Ordnung sei ein wahrer Skandal; es habe aber keine einzige dieser Abhandlungen praktischen Wert. Er fügte hinzu: „Vor einer Reihe von Jahren — ich war damals noch jünger und glaubte auch, leicht die Welt besonders ans dem Gebiets der Examina verbessern zu können — sagte mir in der Unterhaltung über denselben Gegenstand ein Professor: „Ich war viel fauler als die. heutigen Studenten,, und. in Summa glaube ich, ist das das einzig Richtige.". Und dann wieder znm Ernst übergehend: „Das eigentliche Lernen der Jurisprudenz fängt nicht mit dem juristischen Studium an, sondern lange, nachdem der junge Jurist das große Examen gemacht hat, entwickelt sich die eigentliche Durchbildung; darum ist es ein ganz müßiges Beginnen, imnier bloß auf die Examina zu pauken."
Tie Reminiszenz kommt wirklich gerade recht. Wir sind überzeugt davon, daß der Justizminister Friedberg eine Anordnung, wie sie der Justizminister Beseler jüngst getroffen hat, niemals aus seinem Ressort hätte ergehen lassen. Er wußte, worauf es ankommt, das beweist die ebenso wichtige wie amüsante Ausführung, die Geh. Justizrat Schneider in der „Deutschen Juristenzeitung" zu Nutz und Fronnnen nicht bloß der Fachgenosien, sondern auch des Publikums mitteilt. Aber vielleicht besinnt sich Herr Beieler wieder. Solche Verfügungen haben ja keine ewige Geltung, sie können ebenso leicht zurückgenommen oder vielmehr stillschweigend außer Kraft gesetzt werden, wie sie leicht, oftmals allzu leicht in die Welt gesetzt worden sind.
mir gegenüber, aufmerksam. Frau Puttfarkens Zorn ist verständlich. Es ist allerdings oft „bannig schmuddelig" in Obekbayern und Tirol; mir eins, aber dies auch vollauf, gleiches wieder aus: die Fülle an brennend roten Pelargonien und Nelken vor den grünumladeten Fensterchcn auch '5>cS ärmsten Bauernhofes, und die offene, heitere Herzlichkeit dieses bajuwarischen Kernstammes.
„O Gott, Karl, sieh' mal, wie schön!" Der Zug jagt an der „Klause", an der König-Otto-Kapelle dicht am weiß- grau und hastig dahinschäumenden, breiten Inn, zwischen hohe Bergwände eingekeilt dahin; die rötlich-graue, viel- gezackte und von kleinen Schneerinnen und — Mulden durchzogene Wand des Wilder: Kaisers steigt dort hinten immer majestätischer auf.
Puttfarkens verraten sich; sie wollen beide dem Wilden Kaiser zeigen, daß die Vorstudien im Klettern auf den Süllberg bei Maneknefe nicht vergeblich waren. Ihre Ausrüstung. nagelneu vsm Hamburger Lodenmagazin, ist dementsprechend hochalpin. Auf der anderen Seite des Gangwagens lärmen Vier „richtige" Hochtouristen. Sie Wersen mit grifflosen Wänden, Corrloirs, Grätschen, Graten, Kaminen, SeWchernngen nur so um sich. Puttfarkens, die zum ersten Male in den Alpen sind und sehr interessiert zu- hören, beginnt es sichtlich ein wenig bange vor dem Bevorstehenden zu werden. Die dicke Puttfarken verfärbt sich, als von Totcnkircheln und Totensesseln die Rede ist. Er starrt sprachlos die jäh abstürzenden grauen Wände hinaus und hinab. Die letzte Wendung, und Kusstein mit dem dicken Kakserturm der vielumstrittenen alten Feste Ge- roldseck aus hochragendem Felsen und den roten Ziegeldächern der. an ihren Fuß geschmiegten Stadt steigt auf. Zur Rechten die gewaltige Felsennase des Pendling mit dem weißen Punkt seines UnterkunstAhanses.
„Aus so'n Berg sollen wir hinauf, Karl?", meint Frau Puttfarken bereits sehr bedenklich, als sie die riesenhafte Wand sorgenvoll mit den Augen mißt. Karl lacht, aber
Politische Wrrficht.
Saurr rrnd Gxoßgrmrdhesttz.
Zu den beliebtesten Argunnenten der Agrarier ge«, hört die pathetisch beteuerte Solidarität zwischen Großgrundbesitz und Bauer. Nichts ist falscher als d:ese. Behauptung. Ein Blick in die Statistik der Grundbesitzverteilung von heute, in die Anbaustatistik, in die Tabellen der Viehproduktion zeigt deutlich, welche verschiedenen .Lebensbedingungen für die verschiedenen Betriebsgrößen der Landwirtschaft gelten. Schlagender noch sind die Beweismittel, die die Geschichte enthält. Immer sehen wir den Großgrundbesitz im Kampf gegen den Bauern, und auch wenn das Königtum versucht, den Bauern rechtlich und wirtschaftlich zu schützen, ist es machtlos gegenüber dem vereinten Widerstand der adligen Junkerkaste. Bekannt genug ist, wie gerade in dem östlichen Teil Deutschlands, wo das Slawentum zurückgedrängt wurde, der Typus der Gutsherrschast sich ausgebildet hat, der den Bauern zum leibeigenen fronenden Arbeitstier hcrab- drückte. Die Kolonisation des Ostens ist, so schreibt Dr. Ludwig Herz in seinem wertvollen Büchlein „Ter Schutz der nationalen Arbeit" (,,Hilfe"-Verlag), großenteils ein Werk freier deutscher Bauern. Aber die vielfach schlechten Rechtsverhältnisse haben es den adligen Gutsherren möglich gemacht, zahllose Baucrnstellen zu „legen". Erst die Bauernbefreiung von Stein-Hardenberg schaffte hier Wandel. Der Bauer war vom Martinitag 1810 ab nicht mehr privater Untertan des Gutsherrn, sondern wird freier Staatsbürger. ^ Freilich ist dieser große rechtliche Fortschritt hinterher in seinen Folgen arg beschnitten worden. Tie _ Junker verstanden es, den alten „Bauernschuh" Friedrichs des Großen wegzuräumen, der das Einziehen von Bauernstesten verboten, hatte, und die „Befreiung" der Bauern wurde nunmehr seit dem Jahre 1816 rechtens damit bezahlt, daß die Hälfte oder ein Drittel des Bauernlandes jeweils an den Grundherren a b- ge treten werden mußte. Meistens blieb den Bauern nicht genügend Grund und Boden, um ferner rationelle Eigenwirtschaft zu betreiben. Sie wurden T a g e I ö h n e r. Der Agrarhistoriker v. d. Goltz berechnet denAnwachs desHerrenIandes a u f K osten d e s Baue r u l a n d e s für die Zeit von 1816 bis 1866 auf IVs Millionen Hektar — die Zeit steigender und hoher G e t r e i d e p r e i s e ist immer eine Zeit der Ausdehnung der Getreideflächen des Großgrundbesitzes gewesen.
So hat sich geschichtlich jene Besitzverteilung in Deutschland entwickelt, nach der weniger als 10 0 00 0 Menschen die Hälfte alles Bodens besitzen, weniger als 10 000 ein Viertel bis ein Drittel. Tie Betriebs bis 20 Hektar, d. h. 91 Prozent sämtlicher Betriebe mit 79 Prozent aller in der Landwirtschaft beschäftigten Menschen, besitzen 44 Prozent der Fläche; die Betriebe über 20 Hektar, d. h. nur 6 Prozent der
auch schon lange nicht mehr so überlagen-, als in Rosen- heim. „Wo -denkst du hin, Pauline, der Pendling ist ja man bloß 1560 Meter hoch und ein ganz gewöhnlicher ' Aussichtsberg für kleine Kinder; wir wollen doch 2300 Meter hoch."
Pauline schweigt bedrückt, aber auch Karl meint: „Weißt du, so hoch und steil hätte ich mir die Alpen nicht gedacht." Mich interessieren die gutmütig dremblickcnden Leutchen. Ich schlängle mich mit ihnen durch Die Zollrevision, bewundere mit Mutter Puttfarken die „Proper- teh". und Liebenswürdigkeit der österreichischen k. k. Süd- va-hnbeaimten und Zollkontrolleure, stolpere über die entsetzliche hölzerne Reklametafelparade am Bahnhof und schlendere ihnen in die Stadt nach.
Das ist nun ein unendlich liebliches Bild. Die alte Feste und die Pfarrkirche zu St. Vitus beherrschen den Platz architektonisch. Landschaftlich aber gibt der ungebärdig unter der zweibogigen Ei-senbrücke 'zur Stadt mit trotzigen Wellen dahinfließende Inn -den Ton an. Nun sehe ich gerade, wie Mutter Puttfarken über die Tabak- Trafik und den Zigarren-Verschleiß jenes Buchladms sich halb totlacht und stehe bald nach ihnen, um eine Ecke herumbiegend, auf dem Unteren Stadtplatz. Hier zuerst fühlt rnan, daß man aus dem Wege zum Süden ist, bemerkt man allerlei, uns namentlich von Südtirol erinnerliche tirclische Besonderheiten an den Häusern: Erker und in der Mitte schräg verstellbare grüne Fensterjalousien. Puttfarkens, schon etwas außer Atem von dem tüchtig ansteigenden Wäg in der südlich brennenden Sonne, bemerken das auch. Frau Puttfarkens Buschl auf dem kecken Tirolerhut zittert heftig. „. . . . und wie soll denn das Mädchen diese kleinen schnnEen' hohmFchrster putzen; mckMach doch., wiclschnwddjMg sind die Gardinen," Ach so, ja, die holländische Reinlichkeit .... Puttfarkens machen alles gewissenhaft ab. Sie wandern an den Dc:Ämälern für verdiente Kufsteiner, für Madersperger, den. Erfinder der Nähmaschine, für den
