Wiesbaum Tsgblatt
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Nr. 835.
Freitag, 21. Juli 1211«
LS. Jahrzarrgr
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Marokkos Handel.
-s. Paris, 17. Juli.
Trotzdem die französisch-deutschen Verhandlungen in strengster Geheimhaltung geführt werden, dringen hiesige Blätter doch jeden Tag Mitteilungen darüber. Dieselben beruhen selbstverständlich nicht auf Tatsachen, sind aber in- sofem von 'symptomatischer Bedeutung, als aus ihnen hervorgeht, was die Franzosen wünschen. Man kann auch die betreffenden Nachrichten als Versuchsballons betrachten, und da erscheint es bemerkenswert, daß infolge der fortwährenden Wiederholungen manches geradezu für feststehend gchalten wird, das lediglich dazu bestimmt ist, Stimmung zu machen. Das ist namentlich in bezug auf die „Kompensationen für Deutschland" der Fall, während das deutsche Volk sehr mit Recht davon nichts wissen will, sondern verlangt, daß, wenn die Franzosen sich in Marokko festsetzen, wir dies auch tun sollen. Dem wird von gewisser Seite mit dem Hinweis -entgegengetreten, daß das Land keine großen Möglichkeiten wirtschaftlicher Ausnutzung für uns biete, und daß die für die deutsche Industrie so dringend nötigen Eisenerze auch anderswoher, bezogen werden könnten. Die Meinungen werden sich über diesen Punkt kaum unter einen Hut bringen lassen, da sic aus verschiedenen „-politischen" Lagern stammen, doch ist soeben eine wertvolle Broschüre erschienen, die die wirtschaftliche Durchdringung des Scherifenlandes beleuchtet. Diese Schrift, die freilich zu einem anderen Zweck als zur Benutzung für die deutsch-französische Verständigung geschrieben ist, nämlich zur Information für die Besucher der Ausstellung in Roubaix, kann gerade ans diesem Grunde Anspruch auf Unparteilichkeit machen, um so mehr, als ste von einem hervorragenden Nationalökonomen, Williani Qualid, Conferencier an der Pariser Universität, versaßt ist. Er bemerkt gleich in der Vorrede, daß die von ihm gegebenen Zahlen zwar die der marokkanischen Steuerbehörden sind, jedoch bezüglich der Häseneingänge um ca. 30 Prozent erhöht werden sollten, um die richtige Haüdelsbewegung anzngeben. Unter den Nahrungs- tnitteln spielt Zucker die Hauptrolle, und zwar bezog Marokko in 1908 für rund 15 Millionen Franken, von denen Frankreich nicht weniger als 13 Millionen lieferte, trotzdem Deutschland, Österreich und Belgien in diesem Artikel durchaus konkurrieren können. Bei sonstigen Nahrungsmitteln hat die Republik immer den Löwenanteil, obgleich andere Länder darin mindestens ebenso leistungsfähig sind. Ebenso verhält es sich mit den Gegenständen für den Hausbedarf;
ja, die Marokkaner beziehen sogar die gräßlichen französischen MonopMtreichhölzer! In der Textilindustrie macht auch die RepklMk Manchester eine starke Konkurrenz, trotzdem sie dazu m den eigenen, durch hohe Zölle geschützten Kolonien nicht imstande ist. Der Export Marokkos entwickelt sich zwar langsam, doch liegt dies nur an den unruhigen politischen Verhältnissen, und wenn diese eine Zeitlang sich etwas besänftigen, so schnellen die Anssuhr- zissern sogleich empor. Das erweist sich in 1909, wo der Export von 65 Millionen Franken in 1903 auf 75 Millionen stieg. Und dieses Übergewicht Frankreichs im Handel ist dockt allein die Folge seines politischen Übergewichts, denn sonst würden anders, besser organisierte Industriestaaten längst die Franzosen verdrängt haben. Nun spielen aber diese die Hauptrolle, und es befinden sich gegen 250 französische Firmen int Lande, die mit einem Gesamt- kapital von 25. Millionen Franken arbeiten; und von deil 72 Millionen Franken der äußeren Staatsschuld befinden sich 67 Millionen im Besitz französischer Banken! Schließlich erteilt der Verfasser noch den deutschen Kanfleuten ein besonderes Lob, weil ihre Agenten den Auftrag haben, sie mit guten Ratschlägen über die Art des Verkehrs mit den Eingeborenen fortlaufend zu versehen. — Da sieht man also, was der Handel mit Marokko wert ist, und daß es unklug wäre, wenn Deutschland sich durch Land am Kongo oder sonstwo in den Tropen, wo nichts zu holen ist, für die Möglichkeit der wirtschaftlichen Betätigung in Marokko abfinden ließe.
»
Karl Peters über Agadir.
Im „Tag" schreibt Do. Karl Peters zur Marokkofrage: „Das ehtfeitigc. Vorgehen Frankreichs hat die Algeciras- akte ebenso zerrissen, wie z. B. ein französischer Angriff gegen Metz auf unwiderruflich den Frankfurter Frieden ausheben müßte. Die leitenden Londoner Blätter, „Times" und „Windsor Gazette" an der Spitze, geben dies auch insgesamt zu, und daraus kann man mit Sicherheit schließen, daß dies der endgültige britische internationale Standpunkt sein wird. Die deutsche -Stellung ist diplomatisch hierdurch ganz gesichert. Durch das Zerreißen der Algecirasakte bekam Deutschland völlig freie Hand in Marokko; und was es dort arrangieren mag, geht höchstens den Sultan von Marokko an. Ich lebe unter politischen Engländern nun gegen 20 Jahre und habe sie in so vielen Situationen beobachtet. Das können meine Landsleute glauben: nach einem Krieg mit Deutschland wässert es ihnen nicht im Munde. Darüber würden vermutlich das Ostindische Reich und die gerade sich bildende Kolonial-Föderation in die Binsen gehen. Der Einsatz wäre am Ende zu groß einer Macht gegenüber, zu deren Vernichtung man immer noch das Beste von der sozialen Revolution erlvartet. Man erkennt in den umsichtigeren Kreisen Londons mehr und mehr, daß ein franko- brttisch-deutscher Krieg nicht nur an der Seine, sondern wahrscheinlich auch am Nil und am Ganges ausgesochtcn werden würde, und daß weder um Paris, noch um Benares, noch bei Kairo Dreadnoughts eingreisen könnten. Das Gegebene im vorliegenden Fall ist doch sicherlich eine billige Aufteilung des ganzen mauretanischen Gebiets unter Deutschland, Frankreich und Spanien. Ich nenne Deutschland zuerst, weil wir das größte nationale Bedürfnis nach einem Strich des Atlantischen Ozeans an der nordwestasrikanischcn Küste haben. Das ist den Franzosen, sicherlich aber vielen billig denkenden Engländern
ganz klar, und daß die Nichtbefriedigung dieses nationalen Bedürfnisses zu einem Weltkrieg, zu einer gewalr- fernen Explosion führen muß, früher oder später. Mächtige Völker verhungern nicht,, sie schlagen erst um sich. Wer eine politische Detente in Europa wünscht, muß an dieser Befriedigung des Deutschen Reiches Mitarbeiten. Auch dies habe ich so oft denkenden Engländern vorgctragen und Zustimmung gefunden."
Der Umschwung in Meriks.
Von C. H. Th.
Havana, 4. Juli.
Die Vera Cruzaner hatten ein richtiges VorgsKhI, als sie den scheidenden General Porftrio Diaz in eitlem Volksauslauf, von dem keiner zurückolieb, an Bord des deutschen Dampfers „Upiranga" begleiteten und immer wieder den Ruf erneuerten: „Hoch, Porfirio Diaz! Rein, nein, nein, nicht sortgehen! Hierbleiben!" P. Diaz hielt den der Kommandobrücke des Hamburg-Amerika-Dampsers an die aufgeregte Menge eine Abschi edSrede. Er ließ sich nicht mehr beirren, weder durch die Blnmenspcndcn der Vera Cruzaner Ehrenjnngfrauen noch durch -die AbschiedZ- stimmung der fanatischen Menge. — Er hatte, SOjährig, mitten in der Nacht aus seiner Residenz abreisen müssen, wo man ihn erst wenige Wochen vorher während des Centenario als den gröst.en Patrioten, den auscrwählten Hüter Mexikos gepriesen hatte. Er hatte noch frisch den Überfall der Rebellen auf seinen Extrazug in Erinnerung, wo es zu einem scharfen Gefecht zwischen diesen und den zwei Bedeckungsbataillonen kam. Er hatte, wie selten ein Staatsoberhaupt, den Wankelmut der Volksgunst und dle Wahrheit des Sprichworts erfahren:
Verlaß dick, auf die Menschen nicht,
Sie sind wie eine Wiege,
Wer heute „Hpsianah" spricht,
Schreit morgen Crucifige.
Porfirio kannte sein Volk. Er war zufrieden, auf dem neutralen Boden eines deutschen Schiffes zu stehen. Die Bitterkeit, das; er, dessen ganzes Leben ein Kampf für Mexiko war, tzlhahriq seine Enttäuschung ins Ausland zu tragen hatte, ließ sich auch durch den einmütigen Jubel der Vera Cruzaner nicht beseitigen. In seiner Weise kam das in der Abschiedsrede zlim Ausdruck, die er, ein Meister der Redekunst, vom Bord des Dampfers hielt, und deren Leitmotiv ungefähr war: Ich danke Euch, aber Ihr narrt mich nicht mehr!
Die Vera Cruzaner, die General Diaz zum Dableiben veranlassen wollten, scheinen gute politische Propheten gewesen zu sein. Die Popular'tät des Rebellenführers M-adero hat zusehends a-bgenommen. Zunächst machte der Zeitnngskrieg gegen die Anhänger des früheren Regiments, wobei ein Minister als Sohn eures französischen Galeerensträflings hingestellt wurde und der Rachwets zahlreicher Bestechungen versucht wurde, im Lande einen ungünstigen Eindruck und schuf dem neuen Präsidentschaftskandidaten viel Gegnerschaft. An vielen Orten wurden die von M-adero aus-gewäblten neuen Gouverneure vom Volke abgelehnt, in Tolecca sogar unter Androhung von Waffengewalt. Die Armeeoffiziere suhlen sich mit Recht zurückgesetzt, daß blutjunge Leute, die sich im Rebellenheer in ziemlich leichter Art den Rang eines Obersten oder Generals erwarben, nun in gleicher Charge und Ge»
fnsfiktcm.
Naturschutzgebiete,
Voit Professor Dt. Ernst Rudorfs.
Vom „Verein Naturschutzpark" wird die Erhaltung eines großen Gebiets der Lüneburger Heide erstrebt, und daß dies im weitesten Umfang gelinge, dazu hat jeder tiessrblickende Vaterlandsfreund die Pflicht, nach besten Kräsien betzutragen. Wenn gesagt wird, daß für die Erreichung wissenschaftlicher Zwecke in der Lüneburger Heide ein beschränkteres Schutzgebiet als das vom Stuttgarter Verein erstrebte genügen würde, so ist das gewiß an sich richtig. Ebenso kann nicht bestritten werden, daß in zwei oder drei großen, mehrere Quadratmeilen umfassenden Naturschutzgebieten keineswegs sämtliche Gattungen der in Deutschland einheimischen Tier- und Pflanzenwelt vor dem Aussterücn geschützt werden könnten, daß es darum also 'geboten ist, eine möglichst große Anzahl kleinerer Reservate zu schaffen. Muß denn aber das eine das ander« durchaus ausschließen?
Wir bedürfen nicht nur solcher über ganz Deutschland sich verbreitenden Reservate von bescheidener Ausdehnung, sondern ebensowohl einiger Schutzgebiete größten — möglichst großen — Umsangs, wie sie der Stuttgarter Verein in Aussicht nimmt. Und dies zwar, weil das rein wissen- caftliche Interesse eben nicht das einzige ist, das in Frage kommt. Auch eine weitergreifende, die tieferen Bedürfnisse der MeNschenseele, ihr ethisches und ihr ästhetisches Wesen berührende Auffassung verlangt, berücksichtigt zu werden. Diese aber -hat zur Gründung des Wundes Heimatschuß ge
führt, und vom Standpunkt -es Heimatschutzes aus muß denn auch gerade der vorliegende Fall in erster Linie betrachtet werden. Wenn in einer großen Anzahl ernst denkender unfr empfindender Menschen der dringende Wunsch lebendig wird, einen Teil der Lüneburger Heide für alle Zeit vor dem Untergang -zu retten, mit dem die Rücksichtslosigkeit des modernen Realismus und Industrialismus sie bedroht, so -handelt es sich sicherlich nicht allein darum, ein paar seltene Pflanzenarten oder einige Beispiele eigentümlicher Bodensormation zu erhalten, 'wie sie im naturwissenschaftlichen Sinne für die Lüneburger Heide charakteristisch sind, sondern um etwas ganz anderes, um eine Sache von viel allgemeinerer Bedeutung.
Ein namhafter Schriftsteller wehrt sich dagegen, daß „unsere Enkel nichts von der Natur übrig behalten, als eine über das Vaterland verstreute -Sammlung von allerlei, womöglich verstacheldrahteten und bewarnungstafelten Naturdenkmälern, hier ein Bäumlein, da ein Büschlein, dort ein Fels-chen, da ein Dümpelchen, alle hübsch sauber registriert und katalogisiert usw. Damit ist uns aber den Kuckuck gedient. Natur brauchen wir, keine Naturrestchen, Naturschutz, nicht Naturdenkmälerschutz." Tiefe Worte schließen freilich. wenn ste die Tätigkeit der staatlichen Naturdenkmalpslege kennzeichnen wollen, bedeutend über das Ziel hinaus. Das von der Regierung geschützte Zehlaubruch in Ostpreußen, dessen Größe 2300 Hektar beträgt, ist kein Tümpclchen, und wenn im Solling ein Bestand von 100 Stück 600jähriger Eichen oder im Rein- hardtswald ein Revier von 70 Hektar Ausdehnung,unter Schutz gestellt wird, das sich durch besonders herrlichen, uralten gemischten Wald -auszeichnet, so hat hier offenbar nicht nur abstrakte Wissenschaftlichkeit. lottdem vor allem
auch das ästhetische Gefühl die Entscheidung herbeigeführt. Alle Ursache hat man, es sehr dankbar anzucrkennen, wenn solche Dinge geschehen. Trotzdem enthalten die eben wieder-' gegebenen Sätze eine unbestreitbare Wahrheit: Der wissen- schastliche Standpunkt ist nicht der einzige, der in diesen Fragen zu Recht besteht. Er genügt nicht, so weit es sich darum handelt, dem Gemüt Nahrung zu geben. Wir, die wir in erster Linie nicht Gelehrte, sondern nur Menschen sein wollen mit offenem Sinn für die Herrlichkeit der Schöpfung, wir dürfen es nicht zugeben, daß ein Landschaftsbild von so einzigartig erhabenem Charakter, so ergreifendem Zauber tiefer, weltentrückter Einsamkeit, wie unsere norddeutsche Heide es bietet, ein- für allemal zerstört und aus dem Buch der Erscheinungswelt gestrichen wird. Der Gedanke des Heimatschutzes, dem auch die staatliche Natuvden'kmalpsleg-e innerhalb der ihr zugewiesenen Aufgaben nach Möglichkeit Rechnung trägt, beschränkt sich nicht auf die Aufgabe der Artenerhaltung, ja, er macht auch- bei der natürlichen Landschaft noch nicht Halt, sondern er will ebensowohl wertvolles, eigenartiges Menschenwerk, soweit es irgend tunlich ist, vor der Vernichtung bewahren. Zu dem .ehrwürdig altertümlichen Gesamteind-ruck der Heide gehören aber unveräußerlich auch die Herden weidender Schafe, der Hirt mit seinem Stab und seinem Karren, vor allem die nach uralter Weise aus mächtigen Eschen-stämmen und Lehm aufg-esührtcn Häuser und Hütten der Bewohner.
Der Begründer und- Leiter der staatlichen Naturd-enL- malpflege in Preußen, Herr Gchcimrat Conwentz, tat einmal die sehr beherzigenswerte Äußerung: „Wenn man
irgendwelche Naturreservate schassen wolle, so müsse man Vor allem möglichst unbemerkt Vorgehen, möglichst. wenig von der Sache reden." Wenn es. wie wir lebhait hoffen,
