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Nr. SSL.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
Industrielle Auseinandersetzungen.
Über die letzten Vorgänge im Hansabunde, die zu einer so erfreulichen Reinigung dieser großen Organisation geführt haben, äußert sich nun auch Friedrich Naumann in bemerkenswerter Weise in der nächstens erscheinenden „Hilfe". Er stellt fest, daß Geheimrat Rießer der Fahnenträger einer Idee geworden ist, und er hofft, daß Rießer Kraft und Elastizität behält, um das Werk durchzuführen, das er sich vorgenommen har. Naumann weist' darauf hin, daß man vielfach zur Sozialpolitik des Hansabundes kein Vertrauen hatte, solange die Männer vom Arbeitsnachweis des Zechenverbandes mit an der Spitze marschierten. Naumann gesteht aber zu: Es war trotzdem von Rießer richtig, sich lieber dem Vorwurf der verwaschenen Unklarheit auszusetzen, als zu Zeiten sich vom Zentralverband deutscher Industrieller zu trennen. Ter Hansabund mußte sich erst etwas einleben, ehe er es auf eine Kraftprobe mit dem geldkraftigsten und bestorganisierten Teil des deutschen Unternehmertums aufnehmen konnte. Die Gruppe Kirdorf-Rötger ist. wie Naumann hervorhebt, nicht zu unterschätzen. Sie ist zunächst finanziell stärker als der Bund der Industriellen und hat durch ihre Syndikate einen starken unkontrollierbaren Einfluß ^auf alle auch nur indirekt von ihnen abhängigen Fabrikationen. Auch viele Kreise des Handels, führt Naumann aus, sind aus geschäftlichen Gründen nicht in der Lage, es mit Kirdorf und Genossen zu verderben. Man hat inimer das Gefühl, daß wichtige Personen der Bank- und Handelswelt tun, als seien sie gerade zufällig in Norwegen oder sonstwo in der weiten Welt, nur um nicht Farbe bekennen zu müssen. Als Privatpersonen stehen diese Herren meist auf der Seite von Rießer. aber geschäftlich geht es ihnen nicht anders als den preußischen Ministern: Sie fürchten sich vor der schweren Industrie iind ihrer Rache.
Wenn im Sommer 1909 die schwere Industrie sich an der Gründung des Hansabundes beteiligte, so tat fie das nach der Methode, die ihr auch m anderen Unternehmungen längst zur zweiten Natur geworden ist: Beteiligung zum Zweck der Kontrolle. Wenn man eine Gestaltung nicht hindern kann, so geht man ur sie hinein! Dieses Verfahren hätte leicht zu einer Ent- nervung des Hansabundes von vornherein führen können, und es ist Rießcrs persönliches Verdienst, da,; es anders kam. Wie leicht war es, den Gegensatz gegen die Überagrarier einschlafen zu lassen und dafür die Leidenschaft gegen die Sozialdemokratie anzublasen Für das letztere sind aus naheliegenden Gründen viele Unternehmer immer gern zu haben. Tann wäre aus einem Kampfmittel gegen rechts ein Kampforgan gegen liliks geworden, und die Hoffnungen des deutschen Bürgertums wären wieder einmal zerbrochen worden, denn ein von Bochum und Gelsenkirchen aus geleiteter
Hansabund würde nichts gewesen sein als ein Filial- aeschäft des Herrn v. Heydebrand.
Naumann hebt dann hervor, daß die Politik des Zentralverbandes deutscher Industrieller auf gemeinsamem Herrentum und gemeinsamer Zöllnerei mit den Konservativen beruht. Es sei kein Gemüts- und Herzensbund, sondern ein Verstandesverhältnrs.
Welche Truppen hat demgegenüber nun Rießer und sein Hansabund? So fragt Naumann und fahrt fort: Er streckt feine Hände nach allen Serien aus und ruft Handwerker, Kleingewerbetreibende, Banken, Tran^ Portgeschäfte und vor allem auch Privatbeamte zu sich und handelt damit völlig richtig und fachgemäß. Trotz- deni aber liegt die Entscheidung über die Lebensfähigkeit und zukünftige Leistung des Hansabundes nicht bei diesen Bestandteilen, sondern, beim Unternehmer- t u m der verarbeitenden Industrien. Ohne die Menge der Fabrikanten kann nichts aufgestellt werden was den vereiniaten Unternehmern der schweren Industrien die Wage halten kann. Das war die Ursache der Vergänglichkeit früherer antiagrarischer Verbände, daß ihnen eine feste tragfahige Schicht von Interessenten fehlte. Tie Entscheidung liegt nun nach Naumann bei dem Bunde der Industriellen, der jetzt seinen ernsthaften Wettkampf mit dem Zentralverband beginnt. __ _
Schwär; und Zeppelin.
In der letzten Nummer der „Zukunft" macht Maximilian Harden —- veranlaßt durch die etwas summarische Behauptung des Direktors Colsman: „Tie Geschichte ist unwahr" — neue Mitteilungen über die Beziehungen, die seiner Meinung nach zwischen der von ihm keineswegs gering geschätzten Zeppelrn- schen Erfindung und der Arbeit eines früheren Erfinders, des 1897 verstorbenen Österreichers David Schwarz, bestehen. Ohne in der Diskussion irgendwie Partei ergreifen zu wollen, möchten wir, da der Mll ein gewisses kulturhistorisches Interesse hat, aus der „Zu. kuuft"-Nummer sowohl einen Brie,, den Graf Zeppelin an Harden gerichtet hat, wie den sachlichen Inhalt der Erwiderung Hardens wiedergeben.
Graf Zeppelin hat nach dem Erscheinen der Antwort Hardens auf die Erklärung des Direktors ColS- man folgenden Brief an Harden gerichtet:
„Um diese Zweifel ein- für allemal aus der Welt zu schaffen, darf ich Euer Hochwohlgeboren ersuchen, dre nachstehende Aufklärung in den Spalten des nachst- erscheinenden Heftes der „Zukunft" zu veröffentlichen:
Die Unrichtigkeit der verbreiteten Meinung, daß ich wichtige Teile meines Luftschiffsystems von dem Österreicher Schwarz übernommen hätte, erweist sich aus der Tatsache, daß ich bereits im Jahr 1894, wo bei uns weniastens noch niemand etwas von einem Schwarzschen Luftschiff wußte, die ins einzelne ausgearbeiteten Entwürfe, nach welchen später im wesentlichen meine Luftschiffe ausgeführt wurden, einer von Seiner Majestät dem Kaiser Allerhöchst_ befohlenen Prüfungskommission vorgelegt habe. Es ist demnach
ausaeschlossen, daß ich von Schwarz Anregungen für, den'Bau meiner Luftschiffe bekommen haben konnte.
In Erwartung, daß Euer Hochwohlgeboren meinem Ersuchen gern entsprechen werden, verbleibe ich hochachtungsvoll D**. ® rQ f Zeppelin.
Maximilian Harden stellt nun m seiner Erwide. runa auf diesen Brief folgendes fest: Ter Holzhandler David Schwarz kam als erster auf den Gedanken, ein lenkbares Luftschiff aus starrem Stoff zu bauen. Er studierte, zeitweise als Arbeiter verkleidet, mehrere Aluminiumfabriken und legte sein Projekt 1890 dem österreichischen Kriegsminister vor. Da die österreichische Regierung die notwendigen Geldmittel nicht zur Verfügung stellen konnte, wurde Schwarz russischer Regierungsingenieur und baute 1892 inPetersburg sein erstes Luftschiff, das aber nicht mit Gas gefüllt werden konnte, da schlechtes Material geliefert worden war. Schwarz wandte sich dann nach Berlin, wo sein Projekt eines Aluminiumlenkballons von achtzig Meter Länge und zwölf Meter Breite gutgeheißen wurde. Die Militärbehörde versprach, den Ballon ker erfüllten Erwartungen für 300 000 Mark anzukaufen. An: 13. Januar 1897 wurde Schwarz zum Probeflug telegraphisch von Wien nach Berlin berufen. Erstarb kurz nach Empfang der Depesche auf offener Straße am Herzschlag. Seiner Witwe, Frau Melanie Schwarz, wurde aus Befehl des Kaisers die Vorarbeit und Demonstration im Luftschifferpark anvertraut. Das Luftschiff stieg am 3. November 1897 auf dem Tempelhofer Feld auf. Tie Führung war den Offizieren nicht erlaubt und deshalb einem jüngeren Maschinisten überlassen worden. Das Luftschiff wurde bei zu rascher Landung zerstört.
Graf Zeppelin war bei diesem Probeflug zugegen. Sein'Patent vom 31. August 1895 spricht weder von Aluminium noch von einer Verbindung der beiden Gondeln, die vier Monate später einem Amerikaner patentiert wurde. Er hat erst nach Schwarz' Tod ein Luftschiff gebaut und Aluminiums sowie Propeller von den gleichen Fabriken wie Schwarz bezogen. Am 10. Februar 1838 haben Graf Zeppelin und Kommerzienrat Karl Berg in Stuttgart mit Frau Schwarz zwei Verträge geschlossen. Durch den ersten Vertrag erwarb Herr Berg das Recht, über die „ihm mit den Schwarzschen Erben gemeinschaftlich gehörigen patentierten und nichtpatentierten Erfindungen" in Deutschland frei zu verfügen. Durch den zweiten Vertrag sicherte Graf Zeppelin der „Gesellschaft zur Förderung der Luftschiffahrt" das Vorkaufsrecht für die den Schwarzschen Erben außerhalb des Deutschen Reiches zustehenden Rechte. Nach Hardens Mitteilungen hat die Gesellschaft, die nach den mißglückten Versuchen des Grafen Zeppelin im Sommer und Herbst 1906 aufgelöst wurde, ihre Verpflichtungen gegenüber. Frau Schwarz nicht erfüllt.
Harden schließt mit den Worten: „Die Entschleierung dieses Tatbestandes ergänzt die „Aufklärung" des Grafen Zeppelin. Er hat sie auf das Jahr 1894 beschränkt und die Meinung zurückgewiesen, „daß er von Schwarz Anregungen für den Bau seiner Luftschiffe bekommen haben könnte." Seine Energie-
Femlleton.
(Nachdruck oeröoteiU
Sein letzter Wunsch.
Von Alex. R. Herrntann.
Im Anklageraum des Schwurgerichts ßu SB. ftdjt eine feine, schmale, schwarzgekleidete Männergestalt mit blassem, leidendem Gesicht, das in grenzenloser Furcht zu Boden gekehrt ist — der Hilfslehrer der Sexta des städtischen Gymnasiums Dr. Slarck. Das Verbrechen, welkes rhn vor die Geschworenen gebracht hat, ist so ungeheuere tch, daß halb SB. herbeigeeilt ist, Zeuge der Verhandlung zu se'.n, in der das Urteil gefällt werden soll über diesen Menschen, dieses Nichts, dieses jetzt schon in, Todesangst vergehende Geschöpf, das ein blendend schönes, lebensprühendes Weib gemordet, welches schon als Mädchen der Liebling der guten Gesellschaft gewesen war und als Gattin dem schlichten, schüchternen Unterlehrer zu einer Bedeutung verhelfen hatte, die er gar nicht verdiente, die er nie zu würdigen verstanden. , ,
Gemordet, elend gemordet, erstochen mit einem gewöhnlichen Brotmesser, das zufällig auf dein Tisch lag — hingeopferd in einem lächerlichen Affekt von Eifersucht! Ach cs gab keinen Ausdruck von Verachtung, der fähig genug gewesen wäre, die Stimmung zu kennzeichnen, in der' sich Richter und Publikum vor diesem feigen, erbärmlichen Mörder zuscimmensanden.
. . . Ein Lehrer ein Mörder! —
Von Gewissensbissen und von Schrecken gefoltert, steht er da und weiß sich nicht zu verteidigen. Was er stammelnd vorbringt, sind unglückliche, unzusammenhängende Worte, welche die Stimmung der Geschworenen vollends gegen'ihn kehren, ohne daß sein Verteidiger, ein junger, ungeübter Anwalt, cs zu hindern vermag. Sie nehmen ihn für einen Duckmäuser, heimtückisch, der nicht einmal in diesem Augenblick, wo er den Spruch über seine Tat in aller Augen lesen konnte, auch nur Scham darüber empfand, daß er nichts, absolut nichts gegen die Tote vor- zubringen vermochte.
Wie er immer still und schüchtern gewesen war, ganz im Einklang mit seinem Äußeren; wie er selbst aus dem Platze den sein Fleiß ihm erobert hatte, bemüht war, unbemerkt zu bleiben; Um zärtlich er das schöne Wesen geliebt hatte, das sein eigen geworden war, wie obenhin sie ihm geantwortet hatte ans jene quälenden Klagen; wie sie seinen philiströsen Kleinglau,ben verhöhnt hatte, bis zur Empörung, bis zum Wahnsinn, trotz soviel flehentlicher Bitten, bis zu jener fürchterlichen Sekunde, in der er ihr mit einer Handbewegnng den Tod gab, ohne jede Absicht,
sie zu töten-das alles rang mit dem Schrecken, den
er nachträglich darüber empfand, und blieb ungesagt, selbst in seinem Stammeln, unter der Leidensgewohnheit, unter der lebenslangen Duldung, unbeachtet zu bleiben.
' Erst das Urteil löste ihm die Zunge, das harte, furchtbare Urteil: fünfzehn Jahre Zuchthaus . . . und auch nur zu dom einzigen Schrei, der nun doch einige Bewegung unter den Zuhörern hervorries: „Mein Kind! Was wird ans meinem Kinde werden!"
Und dieser einzige furchtbare Aufschrei einer namenlosen Angst ist nicht ohne Erfolg getti-eben. Eine Dame
der vornehmen Welt hat sich des kleinen, verlassenen Wesens angenommen und ist damit in die entfernte, weltstädtische Residenz gezogen. In einer kurzen Unterredung, die ihr mit dom Verurteilten gewährt wurde, hat De. Starck sich verpflichtet, niemals wieder sein Vater-recht geltend zu machen, völlig aus sein Kind zu verzichten und keinen Augenblick nach seiner Freilassung jemals zu versuchen, sich seiner Tochter, der eine sorgfältige Erziehung und eine glückliche Zukunft zuteil werden sollte, zu erkennen zu geben. Dafür sollte er zweimal im Jahre Nachricht erhalten, im übrigen aber für tot gelten; auf daß sein Kind niemals auch nur eine Ahnung erhalte von dem, was an seiner Wiege Entsetzliches geschehen war.
-i:
Im Bureau der Theateragentur C. der Reichshaupt- stadt sitzt über sein Pult gebückt ein kleiner, ältlicher, schon stark ergrauter Mann mit feinem, blassem Gesicht, emsig mit der Abschrift von Notenrollen beschäftigt. Er achtet nicht der lustigen Gespräche seiner jüngeren Kollegen um sich her, — er sieht nur zuweilen ängstlich auf die große grobe Wanduhr gegenüber, deren schwere, klobige Zeiger langsam, ach, wie langsam gegen Elf vorrücken.
Um Elf ist seine Mittag-Pause. Da zieht er mit merkwürdiger Hast die großen Schreibärmel von seinem fadenscheinigen, schwarzen Gehrock und nimmt seinen Hut, ohne aus die scherzhaften Anspielungen seiner Mitarbeiter zu achten, und verläßt sacht, träumerisch vor sich hinlächelnd, das Bureau.
Es ist das einzige Vorrecht, das er sich von seinem Chef erbeten hat. Um dieser wenigen Viertelstunden vor den anderen willen kam er des Morgens eine Stunde früher und hätte Lei dringenden Arbeiten -lieber die Nackt
