Verlag Langgass« 21
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Dienstag, 11. Juli »11
50. Jahrgang«
Morgen - Kusgabe.
1. Merkt.
.,Groß-Dru1schland."
Tollen wir uns ärgern? Sollen wir lachen? Am lösten tun wir beides, vielmehr stellt sich beides von selber ein, wenn wir eines der wunderlichsten, überhitztesten, absurdesten, unheimlichsten, außerhalb jeder Schlichtheit und Gerechtigkeit des Denkens, Wollens Und Handelns stehenden Bücher gelesen haben, die uns jemals vor Augen gekommen sind. Unter dem Titel „Grotz-Deutschland, die Arbeit des zwanzigsten Jahrhunderts", ist dies Buch (als Verfasser, zeichnet Otto Richard Tannenüerg) bei Bruno Volger in Leipzig soeben erschienen. Sind Blätter wie die „Rheim-Wests. 3tg." oder die Berliner „Post" gleichsam Mittelgebirge auf dem alldeutschen Globus, so ragt dies Buch als ein Montblanc zum Himmel. Höher geht es nicht. Hier ist ein Gipfel erreicht, zu dem sich selbst die verwegenste Lust an der Satire auf alldeutsche _ Verstiegenheiten nicht emporschwingen könnte. Tas ist eine Behauptung, die bewiesen werden muß: machen wir uns also ans Werk! Auf Seite 42 liest man folgendes: „Tas Land zwischen Schlesien, Sachsen, Bayern und Österreich kann das deutsche Volk niemals in die Gewalt eines sreinden Staates kommen lassen oder auch dulden. daß sich hier ein tschechischer Kleinstaat bilde. Ter Besitz der Sudetenländer ist für das deutsche Volk eine Lebensfrage und muß seder Gedanke an eine airdere Auflistung als eine durchaus feindliche Handlung zurückgewiesen werden, im Notfälle mit den Waffen in der Hand. Tiefe 3,3 Millionen Deutsche sollen rechtlos sein, weil sie mit 6,8 Millionen Tschechen zufällig in einen Landtag wählen. Baden und Hessen haben zusammen ebensoviel Einwohner. Müßten Baden und Hessen nun nach Lissabon ihre Abgeordneten zum dartuffiesischen Reichstag senden, dann könnten die 5.4 Millionen Portugiesen sie mit demselben Rechte tot- stimmen."
In der Tat, wenn die Badener und die Hessen zum portugiesischen Reichstag Abgeordnete schicken müßten —- aber es schwindelt einem ja. Halten wir uns lieber an Näherliegendes. Auf Seite 69 resolviert sich der Verfasser also: „Vom Hause Österreich haben wir Deutschen nichts Gutes zu erwarten. Wer in Wien regiert, kann uns im Reich eigentlich gleich sein, wenn nur im alldeutschen Sinne verfahren wird. Wir verlängen nur Bündnisfähigkeit bei gemeinschaftlichen Interessen gegen Romanen, Angelsachsen und Slawen. Es dar darum keinen Zweck, noch einen Versuch zu machen, Wien zu einer alldeutschen Politik zu veranlassen, und
Feuilleton.
Nom Trinkgeld und seiner Geschichte.
Auch eine Reisebetrachtung.
Von Di-, Friedrich Sprccn.
Rudolf von Jhering. der berühmte Rechtslehrer, erzählt in seiner temperamentvollen Streitschrift gegen das Trinkgeld von einem Freunde, der sich für Reisen eine besondere »Ärgcrkasse" eingerichtet hatte, aus der er alle Ausgaben bestritt, deren Bezahlung aus dem gewöhnlichen Portemonnaie seine gute Laune gestört hätte. Diese „Ärgerkasie" hielt ihm nun vor allem den Erzfeind des modernen Reiseglücks dom Leibe, die Trinkgclderplage, diese dunklen Schatten, der auch in diesen Monaten wieder so vielen in den Soimenschein ihrer Ferienfreude fällt. Einer der ersten, der auf eine Abhilfe in diesem „Elend" bedacht war, H. Haust, der Bruder des Dichters Wilhelm Haust, hat schon in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts sie beutegierigen Kellner und Bediensteten etwas drastisch mir den Räubern und Wegelagerern zu-sammengrstellt, die in der Zeit der Postkutsche noch bei den Reisenden kein rechtes Vergnügen aufkommen ließen. Nun, jedenfalls ist die »Arger- oder Trinkgölderkasse" ein sympathischeres Abwehr- Mittel dieser feindlichen Anschläge, als es früher Pistolen und Dogen waren, und da nun einmal nichts im Leben ganz vollkommen ist, wird der Tourist das Trinkgeld gern als jenes Opfer an die dunklen Gewalten des Schicksals betrachten, mit dom der Grieche den „Neid der Götter" versöhnte. Stammt doch das Trinkgeld in seinen frühesten Keimen wahrscheinlich aus dem heidnischen Opfer her! Aber wer denkt, wenn er, „der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe", in die freundlich hingehaltene Hand seinen Obolus drückt, wenn er mit angstvoll klopfendem Herzen durch eine Gaffe von dienstbaren Geistern nicht ungeiiipft einem großen Hotel „entfleucht", wohl an „.Historisches", an alte Opfer und alte Bräuche? Das Trinkgeldgeben dünkt ihm eine sinnlose Unsitte, gegen die er als Einzelner Machtlos ist und in deren Bekämpfung er sich von ollen
wir kommen zu dem weiterenLorschlage, ganzÖsterreich zu preußischen Provinzen zu machen. Voraussetzung wäre auch daher Sonderstellung von Süddalmatien, Galizien und der Bukowina. Es handelt sich dabei um 10 Millionen Deutsche, 8 Millionen Tschechen und 1 Million Slowenen. Das tvürde allerdings sehr einfach sein, ob es aber das Zweckmäßigste wäre, darüber läßt sich doch streiten. Besser gefällt mir der Plan, die Fürstengeschlechter der Wettiner und Wittelsbacher an der Neuordnung in Groß^Deutschland teilnehmen zu lasten und ihnen die Verdeutschung Böhmens von Reichs wegen zu übertragen. Tie Tschechen in den Sudetenländern müssen geteilt werden unter die angrenzenden Bundesstaaten."
Wie das gemacht werden soll, wird ganz genau beschrieben. Sachsen bekommt soundsoviele Quadratkilometer und Einwohner hinzu, gleiches geschieht in und Mit Bsyern. „In Bayern selbst", so meint Herr Tannenberg, „würde man lieber Tirol nehmen statt Südböhmens. Da Nordtrrol deutsch an sich ist, hat das aber keinen Zweck. Südböhmen mit seinen Tschechen Bayern ztrr Eindeutschung zu überweisen, ist vom groß-, deutschen Standpunkt aus von größerer Bedeutung. Hier hat Bayern eine Reichsaufgabe zu lösen. Die Zweiteilung Böhmens entspricht durchaus der Zweckmäßigkeit. Würde dasselbe ungeteilt an Sachsen kommen, so würde dies ein Nebenland Böhmens werden, es wäre nur eine Wiederholung aus alten Zeiten, als Sachsen ein Anhängsel Polens war." Alles ganz richtig. Ungefähr so hatten wir es uns, im Vertrauen gesagt, auch gedacht, und nun wird uns das Wort gleichsam aus dem Munde genommen. Hören wir Herrn Tannenberg weiter schwärmen: „Österreich-Schlesien
und Mähren fallen an Preußen. Tie neue Provinz Mähren würde 27 384 Quadratkilometer Flächeninhalt und: etwa 8 Millionen Einwohner haben, davon zwei Millionen Slawen. Dieser Zuwachs wird zwar Preußen zu seinen 3 Millionen Polen noch 2 Millionen Tschechen und Polen bringen, was aber doch keinen Einfluß ausüben kann und nur dazu beitragen wird, dasselbe zu einer festen alldeutschen Politik zu zwingen. Die Provinz wird in drei Regierungsbezirke geteilt: Olmütz, Brünn und Kremsier. Provinzhauptstadt, Sitz des Oberkommandierenden des mährischen Armeekorps und des Oberlandesgerichts wird Brünn. Olmütz erhält eine deutsche Universität und Brünn eine technische Hochschule. Die Bevölkerungsdichtigkeit bei der Übernahme beträgt 103 Einwohner auf den Quadratkilometer. Kram, Görz, Gradiska, Istrien und Triest, ferner die nördliche Hälfte von Kroatien kommen ebenfalls an Preußen. Diese Provinz „Südmark" mit den Regierungsbezirken Agram, Laibach und Triest zählt 27 000 Quadratkilometer Flächeninhalt und vorläufig 1,7 Millionen Einwohner. Tie
anderen schmählich im Stich gekästen glaubt. Wie viele haben still und laut gemurrt, seit mit dem Aufschwung des Reiseverkehrs vor etwa 100 Fahren auch diese „Frage" drohend an die Gemüter oder vielmehr an die Taschen pochte! Heine unid Laube haben darüber gespottet, Viktor Hugo und Gutzkow dagegen gewütet. 1882 begann dann Jhering mit seinem Ausiehen erregenden Merkchen einen richtigen Kreuzzug. .Reformhotels entstanden, Anti-Trnck- gsld-Vereine wurden gegründet, „eine Weile bildete die Trinkgelderplage eine stehende Rubrik in den Zeit rügen" und — alles blieb beim alten. Die Heißsporne, die das Trinkgeld mit einem Schlage ausrotten wollten, stk-criab n. daß sie cs nicht nur mit einer „Unsitte", sondern mit einer Sitte zu tun hatten, die unter anderen Formen schon lauge bestand und auf der ganzen Welt besteht. Ein solches, von altersher vorhandenes und im sozialen Leben vicksames Element läßt sich nicht einfach ausstreichm. Vielleicht gewährt so dieser geschichtliche Rückblick einem oder dem anderen, der unter diesem aus Reisen so reichlich geforderten Zoll besonders leidet, die tröstliche Gewißheit, daß auch unseren Vorfahren Sinn und Wesen des Trinkgeldes nicht fremd waren.
Das Altertum freilich, das ja in so mancher Hinsicht für den modernen Menschen ein verlorenes Paradies bedeutet, scheint von dieser Einrichtung Nichts gewußt zu haben. Die so völlig andersartige Auffassung jener idealen Zeiten leuchtet hell aus der einen Tatsache hervor, daß der Wirt seinem Gaste ein Geschenk gab. Doch aus dieser ganz entgegengesetzten Sitte scheint sich dann allmählich schon ein Vorl'l-ang des Trinkgeldes entwickelt zu haben. Der Gast revanchierte sich; . er beschenkte seinerseits Kinder und Sklaven des Wirtes, und es lag in der Natur der Sache, daß die Geschenke des Gastes, je mehr die Gastfreundschaft in späteren Zeiten gegen einen regelrechten Hotelbetricb zurücktvat, immer größer und reichlicher wurden, die des Wirts Immer kleiner. Die schlauen, berechnenden Diener, wie sie in den Komödien des Menander oder Plantus erscheinen, kennen daher wenn auch nicht das Wort, so doch den Begriff des Trinkgeldes, sehr genau, und auch im Mittelalter taucht er bald, wenn auch unter anderen Namen,
Bevölkerungsdichtigkeit ist nur sehr gering, 62 auf den Quadratkilometer. Hauptstadt und Sitz der obersten Behörden ist die See- und Handelsstadt Triest. Hier werden eine deutsche Universität und eine technische Hochschule begründet. Triest hat jetzt 150 000 Ern» wohner, als einzige Hafenstadt von einiger Bedeutung, für das große Österreich-Ungarn lächerlich Wenig. Wenn man dagegen Hamburg ansieht, das bald eine Million Einwohner zählen wird. Na. usw. Auf Seite 66 dekretiert der Verfasser: „Ein Herrscherhaus, das nicht seine Pflicht tut. das auf deutschem Gebiete nicht deutsch ist (nämlich das österreichische), ist unser Feind. Recht oder Unrecht sind Tinge, die in Angelegenheiten der Fortentwickelung unseres deutschen Volkes gar nicht zur Erörterung stehey. Wir wollen uns entwickeln im Innern friedlich, nach außen, wenn cs nicht friedlich geht, dann schrecken wir vor Krieg nicht zurück. Was ist dabei so Schreckliches?" Wir wissen auch nicht, was dabei so Schreckliches ist. Nur Mut! Dann gibt es keinen Schrecken. Auf Seite 72 geht der Hochadel in Böhmen und Mähren, der sich dem Deutschtum so feindlich erwiesen hat, glattweg „seiner Güter ohne weiteres verlustig". Warum? Aber das ist doch klar: „Die an den Besitz des Lehens geknüpften Bedingungen, die Tschechen - zu germanisieren, sind nicht erfüllt worden, darum sind sie verfallen." Diese deutschfeindlichen Herren besitzen schätzungsweise 1 Million Hektar. Rechnet man für den Ansiedler 60 Morgen, dann sind das 80 000 Bauerngehöfte und. die Familie zu sechs Personen gerechnet, fast i /2 Million Deutsche. Alle Tschechen ferner, die ihr Land nicht an die zuständigen Ansiedlungsbehörden freiwillig binnen drei Jahren verkaufen, verlieren ihr „Austauschrecht" und werden zwangsweise enteignet.
Zum Reichstag „Groß-Deutschlands" dürfen nur Vollbürger wählen. „Vollbürger" kann nur der werden, dessen Muttersprache Deutsch ist, dessen Bildung den Zielen einer Volksschule entspricht, dessen Blut rein deutsch ist und"Mr den Bürgerest) leistet. Das Vollbürgerrecht kann vom Gericht aberkannt werden bei Handlungen, die in Worten oder Werken gegen das Interesse des Deutschtums gerichtet sind. Wer bei Wahlen seine Stimme nicht abgibt, womit er bezeugt, daß er den Maßnahmen der Regierung voll vertraut, überträgt diese für den Einzelfall dem Staats, der die Gesamtheit der nicht abgegebenen Stimmen übernimmt und sie dem Bewerber zuteilt. der ihm der geeignetste zu sein scheint. Wahlzwang einzuführen, vielleicht bei Strafe der einmaligen Einkommensteuer, würde doch zu sehr in das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen eingreifen, auch würde es den. der nur 60 Pfennig zu zahlen hat. wenig treffen. Alle, die nicht zur Wahl gehen, sind ruhige und friedliche Bürger. Das Ergeb-
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auf. Der Mersch will ja nicht bloß trinken, er will auch essen und sich kleiden. So tritt uns zunächst das Boten- brot entgegen; in anderen Ländern heißt die freiwillige Zugabe zu einem Lohn „Handschuhgeld", so bei den Italienern, Spaniern, Engländern, oder auch „Strumpfgeld" oder „Nadelgeld". Wie Kleinpanl in seinem hübschen Büchlein über das Trinkgeld in Italien ausführt, handelt cs sich dabei um Sachen, die in einer noch nicht zur reinen Gcldwirtschaft gelangten Zeit natürlich an Me Stelle der klingenden Münze traten. Der Handschuh, der nach mittelalterlicher Symbolik der Vertreter der Hand und damit des ganzen Menschen war, bedeutete so als Geschenk eine besondere Ehrung; in einem materielleren Zeitalter war es freilich dem Beschenkten lieber, wenn sich in dem Handschuh auch noch ein paar Geldstücke befanden. In dieser Zeit der Gaben in Naturalien hieß das Trinkgeld auch vielfach „Viehgeld" (engl. Fee) und im Orient wird noch heute bei der Pilgerfahrt nach Mekka z. B. ein Hammel oder ein Lamm als eine Art Trinkgeld- für die Priesterdiener geopfert.
Das Opfer als Trinkgeld! Es herrscht nicht nur bet den Wilden, wo die klugen Medizinmänner sich die besten Stücke spenden lassen, sondern es bestand auch im alt- gevmanischen Kult und schimmert noch durch manche Volksgebräuche hindurch. Unsere Bauern hatten und haben die Gewohnheit, jemandem, der ^^' 0 ^ der Erntezeit das Feld betritt, besonders den Gutsherrn, mit einem Kornseil zu binden und dann mit einem treuherzigen Spruch um Geld zu einem Trunk anzugchcn. Tie Vclkslunde sieht in diesem „Angebinde" die Umbildung eines uralten Brauches, nach dem der Herr seinem Gesinde ein Opsermahl und einen Opfertrunk während der Ernte vorsetzte. Dieses „Binden" ist dann auch von anderen Arbeitern ausgenommen und umgesormt worden. Die Schaswäscher umwickeln den Arni dessen, der das Trinkgeld geben soll, mit einem Lappen Wolle, die Wäscherinnen versetzen ihm rnit einem Wäschestück einen Schlag, die Torfstecher in Westpreußen legen ein Torfstückchen bedeutungsvoll zu seinen Füßen nieder usw. Die Handwerker und Zünfte betrieben ' Mit Vorliebe das „Hänfen", so genantst nach der Hansa,
