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bis 8 Uhr abeuds. "*’"**' 4

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„Tagblatt-HanS" Nr. 6650-53.

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Sonntag, S. Juli LS1L.

Nr. 315 »

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Morgen - Kusgabe.

1. WkcrLL.

Mas ist Pantheismus?

(Sonntag Sb etr acht ung.)

Einer der Hauptpunkte, ivegen deren Pfarrer Jatho Anscheinend abgesetzt worden ist, ist sein Pantheismus. Was ist Pantheismus? Man sagt, der Pantheismus steht JW Widerspruch zum Christentum. Das ist aber nur zum Teil richtig.

In der Bibel sind die Vorstellungen von/Gott sehr verschieden. Wir finden im Alten Testament Gott ganz als Maischen gedacht, der im Garten Eden spazieren geht oder der an besonders heiligen Stätten wohnt. Im Neuen Testament ist -die Vorstellung von Gott schon reifer, aber !ie hat Loch auch noch viel Menschliches an sich. Gott ver­härtet La die Herzen der Menschen, daß sie nicht glauben. Ja, Laß Gott ein Lösegeld braucht, um den -Menschen ver- -Söben zn können, ist eine !der Grundlehren des Christen­tums.

Ganz ohne rein menschliche Ausdrücke können wir uns Gott überhaupt nicht vorstellen. Denn unsere Sprache und unsere Gedanken sind an irdische Formen gebunden und genügen auch nicht annähernd^ um das Wesen Gottes zu bezeichnen. Wir geraten ins Stammeln, wenn wir Gott kaffen wollen. Es ist höchst unvollkommen, wenn wir Gott als persönliches Wesen bezeichnen. Denn unter einer Persönlichkeit -können wir zunächst nur einen Menschen ver­liehen, ein beschränktes Wesen mit einem bestimmten und bedingten Charakter. Das aber ist Gott nicht. Also ist es genau so richtig, wenn wir Gott als unpersönlich, d. h. als Unendlich, allgegenwärtig und allmächtig, das ist schon irgendwie pantheistisch bezeichnen. Denn wenn Gott das All ist, so ist er eine Allpersönlichkett, und eine solche An­schauung nennen wir oben Pantheismus, d. h. Gott ist das All. Auch in der Bibel finden wir Anklänge an diese Ge­danken, wenn es heißt: Von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge (Röm. 13, 36), oder: In ihm leben und wöben und sind wir, denn wir sind seines Geschlechts (Apg. 17 , 23).

Der Pantheismus — und daraus kommr es an — ist uichts Einheitliches, sondern sehr verschiedenartig. Es gibt einen Pantheismus niedrigster Art, der Gott in den Staub Sieht und den Bauch zum Gott macht, der auch das Allzu- Ulenschliche vergöttlichen will. Und es gibt einen edlen, Ulan kann sagen christlichen Pantheismus.

Gott ist in allen Dingen. Auch in den ein- kachsten Vorgängen. Im zarten Blatt der Pflanze, im wundervollen Kreislauf der Natur, in Wind und Wetter, im unendlichen Firmament — überall kommt seine Herr­lichkeit zmn Ausdruck. „Mich ruft -der Baum in seiner Pracht, mich ruft die Saat hat Gott gemacht: Gebt unsernr Gott die -Ehre!" Von der Anbetung der Natur ist alle

Frömmigkeit ausgegangen, und die katholische Kirche hat so Unrecht nicht, wenn sie an die schönsten Stellen in den Bergen Kapellen hingestellt hat.

Aber Gott ist doch mehr. Greif' hinein ins volle Menschenleben! Gewiß ist da vieles Wirrlvarr, vieles Laune, Jammer und Bosheit, vieles, was uns zweckwidrig und -grausam und dem blinden Züfall anheimgegeben dünkt. Das alles ist richtig, und man kann Menschen verstehen, die wie Hiob klagen, das Löben lohnt nicht. Wir können auch heute noch nicht alles erklären und .zusammen­reimen. Aber der fromme Mensch hat einen wundervoll geschliffenen Kristall bei sich, durch den Eindruck sieht er alles viel schöner und seiner. Der Kristall ist wie der Zauberring im Märchen, der die -Schlösser aufspringen läßt, daß überall ganz leise etwas Göttliches im Hinter­grund -hindurchscheint.

Wer sich selbst göttlich fühlt, dem wird auch die We-lt göttlich. Wir müssen Gott in der Brust haben, daraus kommt es an. Gott ist nicht über uns, nicht irgendwo aus der Straße schaut er auf uns herab. In unserer Brust sind unseres Schicksals und unseres Gottes Sterne. So kommt in der Menschheit Gottes höchstes Wesen zum Aus­druck. Die Menschheit ist die Krone der Schöpfung, und Glaube an Gott heißt Glaube an die Menschheit. Solcher Glaube ist unendlich beglückend. Dabei braucht man nicht zu träumen von Menschen, wie sie sein sollten und könnten, sondern wir nehmen sie mit allen ihren Schwächen, Fehlern und Greueln und suchen in ihnen doch überall Göttliches hervor. Wir glauben, daß auch der größte Verbrecher noch Spuren eines Gottesbildes an sich trägt, wenn sie auch beim erblich -belasteten und hartgesottenen nur noch mit dem Vergrößerungsglase zu erblicken sind.

Dieser Glaube macht die Welt so warm und so sonnig, man sieht alles mit göttlichen Strahlen erleuchtet, wie an einem schönen Maientag, überall göttliches Keimen und Sprossen, nur -hier und da etwas verdeckt oder verunkrautet,

Die Hauptsache ist, daß wir selber den Gott in uns fühlen und uns überall von ihm treiben lassen, seiner leisen Stimme folgen, ohne ihm untreu zu werden, wenn's auch Überwindung kostet und- Kampfe. Dann fühlen wir, daß die Welt besser wird und göttlicher. Dann ranken sich -auch andere an uns empor. Das ist christlicher Pantheismus.

Pastor a. D. Kötschke - Berlin.

Die Politik der Woche.

Es will nicht still werden in der Politik, und das. was man früher als Sauregurkcnzeit bezeichnete, gehört längst in die Rubrik: Es war einmal! Endlich sind die Parla­mente geschlossen — der Reichstag freilich auch nur bis zum Herbst —, die Volksvertreter erholen sich von den Strapazen, und auch wer es sich sonst irgendwie leisten kann, zieht in die Sommerfrische, um sich von des Jahres angreifender Werktagsarbeit zu erholen. Aber während die innere Politik an der allgemeinen Uclaubssreudigkeii teilnimmt,

5V. Jahrgang.

gibt es für die geplagte Diplomatie diesmal anscheinenD- keinen Geschäfts- und- Waffenstillstand.

Die Marokkofrage, die man schon begraben glaubte, als im Jahre 1402 der letzte der Maurenkönige, der in der Geschichte unter dem Namen Boabd'l, der Tränenreiche, bekannt ist, zur Flucht nach Afrikg gezwungen wurde, und die man endgültig beigelegt wähnte, als die Algeeiraskonferenz ihre seitdem so fleißig durchlöcherte Akte zu Protokoll gab, ist allgemach aktuell -geworden, und c-s sieht fast so aus, als ob- mau da wieder anfangen wollte, wo man vor Algeciras ausgehört hatte. In Frankreich hat man sich so gestellt, als ob man durch die Entsendung eines deutschen Kriegsschiffes nach Agadir aufs äußerste überrascht worden sei. Wäre dies Erstaunen echt, so würde das beweisen, daß man an der Seine die Deuischen für sehr geduldig hält. Noch grotesker ist die Behaup­tung, daß Deutschland damit gegen den Algecirasvertrag verstoßen habe, der doch schon vor denr Einmarsch der Franzosen in Fez und dem der Spanier in El Ksar zer­rissen am Boden lag. Man kann denn auch mit Befrie­digung seststellen, daß in Frankreich jetzt so etwas wie eine Ernüchterung Platz gegriffen hat. Man hat sich bereit erklärt, zu verhandeln, und damit dürfte diese Zett- und Streitfrage in das Fahrwasser gelenkt werden, welches die eine oder die andere Lösung verspricht. Unterdessen kann sestgestellt werden, daß die politische Situattou Deutschlands dem Marokko-Problem gegenüber keine un­günstige ist. Von österreichischer und italienischer Sette liegen bereits Kundgebungen vor, die den deutschen Stand­punkt billigen, und daß das Kabinett von St. James am Quai d'Orsay doch etwas abgewiegelt hat, ist un­schwer aus der Retraite der französischen Presse zu er­kennen. Daß aber Kaiser Wilhelm seine Nordlandsreise angetreten hat und Präsident Fallitzres vergnügt in Holland weilte, sind schon an sich sichere Kennzeichen dafür, ivie wenig' besorgniserregend die Lage nach den Anschau­ungen der Diplomatie ist.

Diese wird sich auch durch die Entrüstung der allzu „mobilen" Montenegriner den ruhigen Schlaf des Oie- rechten nicht rauben lassen. Die kleinen Gernegroße in den Schwarzen Bergen fühlen sich von dem großen Bruder be­droht, und die Türken behaupten wiederum, daß die Mon­tenegriner den noch immer nicht völlig unterworfenen Albanesen Vorschub leisten. König Nikita hat deshalb feierlich erst mit großen Worten die Mobilisierung der montenegrinischen Armee verkündet, aber der Ankündigung folgte außerordentlich schnell ein Anfgeschoben, das hoffent­lich ein Aufgehoben bedeutet, nachdem die Mächte, insbe­sondere der russische -Spezialfreund, einen kalten Wasser­strahl nach Cettinje gesandt haben, während- andererseits die Pforte gegenüber den Albanesen einlenkt.

Wieviel Dichtung und Wahrheit den Alarmnachrichten aus der jüngsten europäischen Republik, Portugal, innewohnt, läßt sich angesichts der von der portugiesischen Regierung ausgeübten Telegraphenzensur fürs erste schwer seststellen. Tatsache dürfte es aber jedenfalls sein, daß die monarchistische Bewegung auch nach der Konstituierung der

FemüeLon.

(Nachdruck verboten.)

Da§ Zehnpfenmgstück.

Aus dem Schwedischen von Bert Sanders,

Gustav Holzer war ein langer, schmächtiger Junge von iwöls Jahren. Hübsch war er nicht mit dem sttuppigen Haar und dem unangenehmen, wenig aufrichtigen und un- ku-higen Ausdruck in seinem Auge, dem Spiegel seines ständigen Kriegszu-standes mit allem. Er sah so häßlich ans in seinen Ulten, -geflickten Anzügen, daß er stets der Sündenbock der Klasse, ja der ganzen Schule war. Wo er sich blicken ließ, wurde er geschlagen, getreten, verhöhnt, und deshalb fühlte er sich nie recht sicher -in der Schule. Froh wurde er erst dann, wenn er sich zu Hause iir einem Winkel seiner kleinen Stube verstecken konnte, und wenn er wußte, daß sein Vater, Kapitän Hölzer, zu sehr be­schäftigt war, um den Charakter seiner Kinde» auszu­bilden — -wie er es nannte. Gustav wußte aus Erfahrung, daß diese Ausbildung niemals ohne Prügel, Tränen und Schreien ablief. Er zitterte, wenn fein Papa nur -das . Wort Charakter aussprach.

Er hatte zeitig gelernt, sich mit öimem Schritt in das Reich der Phantasie zu flüchten, um öin wenig Freude zu genießen.

Sobald er zu Hause ruhig in seinem Winkel saß und die Augen schloß, lebte er in seiner geliebten Märchenwelt, wo das Gold heller funkelt als in Wirklichkeit und wo alles Funkelnde Gold ist. Wo -alle Speisen köstlich sind wie Honig. Wo man nur die Hand a-uszustreckcn braucht, um die herrlichsten Früchte zu besitzen. Wo die allerschönsten Prinzessinnen nur daraus warten, ihre Hand und das halb« Reich dem zerlumptesten Jungen zu bieten.

Eines Tages war Jahrmarkt in der kleinen Stadt. Der Unterricht siel aus, und alle die kleinen Jungen stürzten sich, voller Begristcruna in das MarktLclximnwl. Gustav

Holzer ging mit. Wie war das entzückend! Hier waren ja die Herrlichkeiten aller Märchen verwirklicht, greifbar, ohne jenen Schimmer hoffnungsloser, bleicher Unwirklich­keit. Seine Augen wuchsen in unbeschreiblichem -Staunen. Solch ein Menschengewimm-el! Da stand in langen Reihen Wagen an Wagen voller Früchte und Blumen und- Beeren und allerlei guter Dinge. Das war ja genau wie bei den reichen, mächtigen Königen in Grimms Märchen. Die Pferde der Bauern hingen -an ihren Heuwischen. So edle Renner hatte er noch nie gesehen. -

Er ging weiter und kam zu den Buden mit Spielsachen. Da gab es einen ohrenzerreiße-nden Lärm, ein Lachen, Schreien, Rusen. Hier erklang eine Ziehharmonika, dort eine Trompete, es piepste und knarrte und lärmte auf alle mögliche Weise. Gustav war außer sich vor Entzücken. Der Wirrlvarr all der Töne bezauberte ihn, das bunte Volksleben -elektrisierte ihn, -er hätte hüpfen und tanzen mögen vor Freude. Aber das beste von -allem waren jeden­falls die schönen, vielfarbigen Sachen. -So etwas hatte er sich in seinen wildesten Phantasien nicht einmal träumen lassen. Da gab es rote und blaue Holzpserde in den feinsten F-arbentönen. Und dann diese schönen Ballons! Dergleichen hatte er noch nie besessen! Dort jenes Holz- schwert paßte genau für einen Märchcnprinzen. Und wer diesen Ball haben könnte! Da gab es ein rotes Gummi- dinge-lchen mit der entzückenden Eigenschaft, sich -ganz weit auszudehncn und einen bezaubernden Ton von sich zu geben, sobald man in das Mundstück blies. Ja, hier fand man alle Herrlichkeiten der Welt. Gustav schwindelte fast vor -all dem Unbegreiflichen. Nach einer Weile kam er zur Besinnung. Und er verstand, daß -er nicht das Allergeringste von all dem haben könne. Er besaß nämlich nicht einen Pfennig. In dieser schmerzreichen Stunde ging ihm der unglückselige Begriff „Geld" zum ersten Male aus.

Er bemerkte, daß sein Freund Kurt zwei Mark hatte, die er frank und frei .durchbrachte. Er kaufte Ballons und ließ sie in der Lust fliegen, seine Taschen waren voll von Nüssen und Äpfeln. Er trieb allen möglichen Unfug und amüsierte sich königlich.

Doch Gustav hatte nicht einen Pfennig. Schweren Herzens ging er langsam davon. Kurts Papa war nur Geschästsa-ngestellter und hatte übrigens keinen guten Rns. Soviel wußte er, daß seine Eltern oft verächtlich von Kurts Papa sprachen. „Wie ist es da möglich, daß Kurt zwei Mark hat und ich garnichts? Mein Papa ist doch Kapitän?" Das -erschien -ihm ganz unverständlich. „Ich werde Papa um zwei Mark bitten, wenn -ich nach Hause komme", dachte er. „Das kann er mir unmöglich abschlagen."

Aber je mehr er sich dem Hause näherte, um so lang­samer wurden seine Schritte, um so mehr wuchs die Ver­suchung, umzukeb/ren, ohne seine Bitte ansznWrcchrn. Wiederum dachte er: „Wenn ich es aber bekomme, wenn, wenn!" Zwei Mark! Das war ihm klar, für zwei Mark könnte man alles kaufen, alle Herrlichkeiten der Welt.

Er stand eine Wette vor des Vaters Zimmer und über­legte. Er hörte den Vater sich räuspern. Dann trat er plötzlich mitten ins Zimmer, starr vor Schreck über seine Dreistigkeit. Er war gerade im Begriff, auszureitzen, als der Vater ihn erblickte, die Brille abnahm und ihn fragte, was er wolle.

Nun galt es, mutig zu sein.

Gustav zögerte einen Moment.

„Kann ich zehn Pfennig, bekommen, lieber Papas?" bat er.

„Was willst du damit?"

Der Knabe schwieg.

„Sieh' mir in die Augen, Junge, und sage, was du damit willst."

„Nichts", stieß Gustav hervor.

„Nichts? Was heißt denn das?"

„Ich will nur auf den Markt gehen."

„Ach, das ist ja dort nur alles Plunder. Was willst du damit? Nein, dafür bokommst du kein Geld. Wenn du etwas Nützliches brauchst, sollst du es haben. Nun marsch, ich habe Eile!" —

Draußen fühlte Gustav, daß seine Augen feucht waren. Er hätte schreien mögen vor Wut.