Wiesbadener Tsgblstt.
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Rr. 3!».
Samstag, 8. Juli 1911«
SS. Jahrgasg.
Morgen - Kusgabe.
1. Wlatt.
SosiaipolilLsche Umschau.
— Anfang Juli. —
Tie Reichsversicherung ist unter Dach und das Reichsamt des Innern arbeitet jetzt an der Aufstellung i'ou Grundsätzen für die verwaltungstechnische Durchführung der neuen Bestimmungen. In den Kreisen der Versicherungspflichtigen selbst macht sich sedoch noch immer die starke Enttäuschung über eine „Reform" bemerkbar, die trotz einzelner Vorteile, wie z. B. der Erweiterung des Versichertenkreises, die sie bringt, nicht nur unter liberalenSozialpolitikern, sondern auch m Kreisen, die den politischen Tageskäinpfen sonst fernsieben, Bedenken hervorgerufen hat. so sprach jüngst E-eheimer Rat Professor H a r n a ck auf dem evangelische sozialen Kongrest in Danzig „von dem ungerechtfertigten Misttrauen gegen das Volk und dem fiskalischen Kleinsinn, welche wichtigen Bestimmungen der neuen Gesetze ihren Stempel aufgedrückt haben." Es ist ganz natürlich, dast das Vertrauen weiter Kreise der Bevölkerung zu den Regierungen keine Kräftigung erfährt, wenn man den Arbeitern in der Selbstver- ivaltung der Krankenkassen Rechte nimmt, die sie seit 5 Jahren besessen und im allgemeinen nicht ohne Erfolg für das Arbeiterwohl ausgeübt haben. Tie Entwicklung unseres Krankenkassenwesens ist unter dieser Verwaltung eine sehr günstige gewesen und die bedeutenden sozialen Leistungen der Kassen, weit über die Gesetzlichen Vorschriften hinaus, würden vielleicht unter keiner anderen Verwaltung erreicht sein. Tie Gerechtigkeit erfordert, dast dieses von parteipolitisch nicht interessierter Seite, den zahlenmäßigen Tatsachen entsprechend, anerkannt wird. Was auch m bürgerlichen Kressen am stärksten enttäuschte, ist das Zurückbleiben der neuen Versicherungsordnung hinter notwendigen Forderungen aus dem Gebiet des Mutter- und Bi v ch n er i n n e n s ch u tz es. Wie wichtig gerade dieses Gebiet der öffentlichen Fürsorge ist, lehrt auch die Statistik über die Kindersterblichkeit in Deutschland. In einem Artikel des amtlichen Reichsarbeits- dlattes wird allerdings nach einer älteren Statistik, ouSgeführt, dast trotz der Erhöhung der Lebensdauer Deutschland in dieser Beziehung doch noch immer hinter verschiedenen europäischen Kulturstaaten zurück- stand. In Schweden war Ende der neunziger Jahre die mittlere Lebensdauer 10 Jahre, in Belgien und Holland 5, in Frankreich und England 4 Jabre höher ols in Deutschland. Diese Ziffern werden sich dank der mebr ausgebildeten Hygiene und Fürsorge in den setzten Jahren zugunsten Deutschlands etwas verschoben sfaben. aber wie Ende der neunziger Jabre, so ist auch Noch heute die starke Kindersterblichkeit in
Deutschland der Grund für die geringe Erhöhung der Lebensdauer. Diese starke Kindersterblichkeit bedeutet zugleich einen ungeheuren Verlust an Nationaloermögen und an der produktiven Kraft unseres Volkes.
Aus diesem Grunde ist es tief zu bedauern, daß die Reichsversicherung nicht wenigstens hier einen energischen Schritt nach vorwärts gemacht hat, um auf dem Gebiet des Mutterschutzes und Wöchnerinnenschutzes die dringendsten Forderungen zu erfüllen. Denn worauf ist die hohe Kindersterblichkeit im wesentlichen zurückzuführen? Sie ist eine Folge der geringen Schonung der Mütter vor und nach dem Wochenbett. Die Sorge um die wirtschaftliche Existenz zwingt die Mutter in vielen erwerösmäßigen Kreisen, bis zur äußersten Stunde sich anzustreugen; es fehlt ihr vorher wie später die notwendige Pflege. Gerade in den ersten Monaten, wo das neugeborene Kind die Mutter am meisten nötig hat, fehlt sie ihm und die Folge ist eine Verkümmerung des Säuglings, Siechtum und Tod. So sinken in jedem Jahre in Deutschland wegen des ungenügenden Mutterschutzes wohl hunderttausend Kinder ins Grab. Eine furchtbare Ziffer, die längst bekannt ist, und doch ist dieGelegenheit versäumt, diesem Nachwuchs "in der Reichsversicherung die Aussichten zum Leben günstiger zu gestalten.
Natürlich wirkt auf die Kindersterblichkeit auch die Verteuerung der Lebensmittel ungünstig em, wenn sich gleich diese Wirkung nicht speziell statistisch feststellen läßt. Was bedeutet denn die Verteuerung von Brot, Fleisch, Milch und der notwendigsten Früchte? Sie bedeutet zunächst eine stärkere Heranziehung der Familienmitglieder zur Arbeit: die Frau und die
Kinder müssen häufiger als früher mit verdienen, Wohnung und Nahrung werden ärmlicher, schließlich must wohl gar an der Milch für den Säugling gespart werden. Die Folgen drücken sich aus in der steigenden körperlichen Itntüchtigkeit der Rasse, über die schon beute vielfache Bedenken laut genug werden, und in der erhöhten Sterblichkeit dieser Kreise, die nur deshalb nicht klar in die Erscheinung tritt, weil gleichzeitig die öffentliche Gesundheitspflege und die steigende hygienische Einsicht der breiten Massen die Krankheitsursachen einschränkte.
Und wer hat den Vorteil dieser künstlichen Steigerung der Lebensmittelpreise durch hohe Schutzzölle und andere gesetzliche Erschwerungen der Einfuhr notwen- diger Produkte? Nicht die Landwirtschaft als solche, sondern im wesentlichen der einzelne Landwirt, der heute bei der herrschenden günstigen Konjunktur im Besitz ist, und der die Schutzzölle mit ihren hohen Lebensmittelpretsen im Verkaufspreise seines Gutes kapitalisiert. So hat unsere heutige Zollpolitik einen Besitzwechsel landwirts chaf t l i ch e r Güter hervoraerusen. den man noch vor 25 Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Auf die unausbleiblichen schweren Folgen dieser unsozialen, einseitigen Agrarpolitik weist heute selbst
die Zeitschrift des Königlich Preußischen Statistischen Landesamts hin, indem sie schreibt: „Es machte sich
stellenweise eine übertriebene Preissteigerung für den Grund und Boden geltend, so daß nicht selten Preise gezahlt worden sind, welche nach Ansicht der Berichterstatter auf die Dauer eine Rentabilität des Grundbesitzes ausschließen und im Fall erheblicher Verschuldung in schlechten Wirtschaftsjahren zur Versteigerung führen müssen." Was bedeutet das? Diese Befürchtung bedeutet, daß ein Tag kommen wird, an dem imsere einzige agrarische Wirtschaftspolitik zu einem schweren Verhängnis für die Landwirtschaft werden wird. Jeder neue Besitzer bezahlte im Preise seines Gutes den Vorteil der Schutzzölle an den D o r best tz e r mit, er hat also keinen Nutzen von ihnen. So läßt sich tatsächlich schon heute erkennen, daß die Belastung des deutschen Volkes mit den höheren Getretde- und Viehzöllen zur stärksten Spekulation mit landwirtschaftlichen Gütern, zum Anwachsen der landwirtschaftlichen Hypothekenschuld führte und Zustände im Gefolge haben muß, die unsere Volkswirtschaft schwer erschüttern werden.
Ein Gutes hatte vielleicht die Lebensmittelverteuerung: auch sie hat neben der wachsenden hygienischen Erkenntnis zur Verringerung des Alkoholverbrauchs beigetragen. Von 1909 bis 1910 ist die Bierproduktion in Deutschland um 4 759 000 Hektoliter gegen 1907 bis 1908 zurückgegangen. Tie starke Verminderung des Schnapsverbrauchs ist bekannt. Aus diesem Gebiet ist zu erwähnen, daß die badische Re- grerng jetztalkoholfreie Kantinen für Bahnbeamte einrichtete. Übrigens ist wohl auch der Rückgang der Strafgefangenen auf den geringeren Alkoholverbrauch mit zurückzuführen.
Politische Uverstcht.
Dev K 13 des Reichsveremsgesetzes.
Das Reichsgericht hat kürzlich eine unwillkommene Entscheidung hinsichtlich des Versammlungsrechts getroffen, eine Entscheidung freilich, die kaum anzugreifen sein wird. Der § 13 des Reichsvereinsgesetzes bestimmt, daß die Polizeibehörde Beauftragte nur in öffentliche Versammlungen zu entsenden befugt ist. Nun ist häufig eben darüber Streit, ob einer Versammlung der Charakter der Öffentlichkeit beiwohnt. Mit der Abgrenzung öffentlicher und nicht öffentlicher Versammlungen haben sich die Gerichte schon in wiederholten Fällen zu beschäftigen gehabt. Jetzt hat das Reichsgericht rund und nett bestimmt: Darüber, ob
eine Versammlung öffentlich ist oder nicht, entscheidet naturgemäß die Polizeibehörde. Tenn wenn man diese Entscheidung den Versammlungsvorsitzenden überließe, so hätten diese es in der Hand, die polizeiliche Überwachung Mnz nach Gutdünken fernzuhalten und eine Versammlungsauflösung zu verhüten, auch wo sie
Feuilleton.
(Nachdruck verbot-».!
Derlinev Stimmungsbilder.
Don Paul Lmdenberg.
Serien! — Man räumt auf. — Im „roten Hause". — Unsere Diplomaten. — Marokko. — An den Stammtischen. — Ern Gesch-chtch.-,: vom Kaiser. — Der fürwitzige Künstler. — RauS fug Stadt, rein in di- Stadt! — Die Verödung der inneren Quartiere. — Ein neues Viertel als Gartenstadt. — Segantini junior und die Snobs.
Ferien! Dos Wort hat einen hellen Klang! Freisich imr für Jene, denen es sich verwirklicht, für die Zuhausbleibenden, namentlich, wenn ein „muß" damit verknüpft ist, hat es einen recht bitteren Beigeschmack:, sie vierteil die Wohltat an anderen und spüren selbst nichts davon! Mit doppeltem Eifer wurde an zahllosen Stellen irr jüngster Zeit gearbeitet, um vieles noch unter Dach und Fach zu bringen, was erledigt werden mußte, bevor froh das: „Ferienanfang!" ertönte. Diesmal gingen unsere Stadtpäter mit gutem Beispiel voran und räumten, che die Beratungszimmer des „roten Hauses" verwaisten, chchtig mit allerhand wichtigen Sachen auf. Zwar konnte Noch nicht die neue 323 -MMonen-Anleihe eingeheimst werden, dafür ward aber endlich, -endlich der Vertrag mit der Straßenbahn abgeschlossen, der jahrelangen Streitigkeiton Ein Ende bereitet. Beide Teile scheinen befriedigt zu sein, d. h. hinter den Kulissen; vor denselben tut man so, als ob chan noch viel mehr hätte herausschlagen müssen und man Nur des lieben Friedens willen Ja und Amen gesagt. Auch die famose Lustbarkeitssteuer, mit der sich gewisse Leute Hecht blamiert, hat noch einen letzten, sie in den Orkus befördernden Rippenstoß erhalten; für geraume Zeit dürfte sie nicht wieder zum Vorschein kommen, man hat sich zu sehr die Finger daran verbrannt.
Unseren Diplomaten geht's nicht so gut, wie den Vätern der Stadt, für sie sind noch keine Ferien angebrochen, und wer weiß, ob sie vorläufig überhaupt dazu kommen. Herr von Kid erben, der Mann am politischen Steuer, war auch in diesem Falle der Schlaue; er hat seine mehrwöchige Kissinger Kur schon hinter sich und ist nach des langen Winters anstrengendem Dienst verjüngt, gebräunt, gestärkt, der Körperfülle weidlich beraubt nach Berlin zurückgekohrt, Daß Deutschland in Marokko seine erzgeschmiedete Visitenkarte — ich führe hier das Wort eines sehr angesehenen, ausländischen, sein Land seit langem in Berlin vertretenden Gesandten an — abgegeben, den Franzosen zum Zeichen, daß wir auch noch vorhanden sind, hat hier einen durchaus günstigen Eindruck erweckt. Im allgemeinen wurde die auch uns völlig überraschende Kunde mit Ruhe ausgenommen, im Gefühl, daß es um Marokkos wegen gewißlich nicht zu ernsten internationalen Zerwürfnissen" kommen wird. Nur eifrige Bierbankpolitiker bewölkten den Horizont mit dunklen. Wolken und ließen schon jähe kriegerische Blitze herunterzucken; sie wußten aus der berühmten „besten" Quelle, daß der Kaiser im Hinblick auf drohende Konflikte seine Nordlandreise aufgegeben und nach Berlin znrückkehrcn würde, um am „Brennpunkt der Ereignisse" zu weilen.
übrigens bei dieser Gelegenheit ein hübsches Ge- schichtchen vom Kaiser, das mit seinen oft genug erörterten Kunstanschauungen zusammenhängt, respektive sie treffend beleuchtet. Der Kaiser besucht bekanntlich gern die verschiedenen Kunstausstellungen, ani liebsten ohne größere Begleitung und vor allem ohne direkte Hinweise auf diesen oder jenen Künstler, dies oder jenes Werk. Jst's erforderlich, stellt er kurze Fragen, und gefällt ihm ein Bild, eine Skulptur, mit dem Wunsche des Besitzens, so mackst er zum Adjutanten eine Bemerkung, und dieser -veranlaßt alsbald das weitere betreffs des Ankaufs. Alles geht rasch und glatt von statten. So hatte der Kaiser auch die Landschaft — nennen wir sie „Ahendschatterr" — eines jüngeren, in einer
mitteldeutschen Kunststadt -lebenden Malers erworben. Letzterer neigte mehr der sezessionistischen Richtung zu und nahm jeden Anlaß wahr, im Künstlerklnb jener einstigen Kurfürstenresidenz gegen „verderbliches, kaiserliches Mäcenatentum", gegen Beeinflussungen von oben aus die Entwicklung der Kunst, gegen die „Kaisermaler", na und so weiter und so weiter, herzuziehen. So auch eines Abends, wo sich der Held des Pinsels abermals in größerem Kreise als Held des M . . . undes ausspielte und gehörig gegen die künstlerischen Geschmacksrichtungen des Kaisers losdonnerte. Mitten im eifrigsten Tempo wird ihm eine Depesche gebracht, des Inhalts: „Freuen uns, Ihnen mitzuteilen, daß S. M. -der Kaiser Ihr Bild „Abendschatten" gekauft. Der Künstler wird plötzlich sehr verlegen, es hapert mit dem Redefluß, einer seiner Kollegen entreißt ihm das Telegramm, liest es laut vor, und nicht ohne neidische, spöttische Beimischung hallt's plötzlich im Chorus: „Kaisermaler! Kaisermaler!" —
Schleunige Flucht war die sicherste Rettung. Natürlich erfuhr das Erlebnis auch der Akademie-Direktor, zu welchem der Kaiser besonders gute persönliche Beziehungen unterhält, und erzählte es dem Herrscher bei nächster Gelegenheit. Der Kaiser lachte zuerst herzlich, sagte dann aber ernst: „Da sieht man wieder das Vorurteil gegen mich! Ich kümmere mich gar nicht um verbriefte und versiegelte Richtungen in der Kunst. Aber man darf mir doch nicht verargen, das schön zu finden, was mir gefällt, und nur das zu erwerben, was ich gerne betrachte — ich kaufe, wozu ich Lust habe. Dies Recht hat jedermann und man muß es auch mir lassen! Es ist durchaus falsch, da stets von Antipathien und Sympathien zu reden!"
Interessant ist's, wie ähnliche, sich direkt widersprechende Strömungen auch das Leben der Großstadt durchfluten und die Anschauungen eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung beeinflussen. Vor zwei Jahrzehnten setzte lebhaft eine umfassende Bewegung für das Wohnen in den entfernteren Vororten ein: letztere der-
