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„Tagblatt-HauS".

84«!ter -Halle geöffnet von 8 Uhr morgend bis 8 Uhr abends.

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Gegründet 1852.

„Tagblatt-Haus" Nr. 6850-53. Bon 8 Uhr morgen» Bis 8 Uhr abrndS-. außer Sonntags.

«uzeigen-Annahmr: Für di« «bend-Aurgabe bis 12 Uhr mittags; für die Morgen-Anlgabe bis 2 Uhr nachmittags

Kr. 311. Kreitag, 7. Juli 1911.

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SS. Jahrgang«

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Das Fieder im Ueichskörper.

Ter Angelpunkt der konservativen Gründe gegen die Reform des preußischen Wahlrechts ist der: Preu­ßen ist mit der Klassenherrschaft groß geworden. Preu­ßen hat das Reich begründet. Infolgedessen muß die Klassenherrschaft in Preußen aufrecht erhalten wer­den. Gerade gegenüber der demokratischen Hochflut im Reiche. Selbst in die Adern der Nationallrbera- len ist etwas von dem Gift dieser Beweisführung ein­gedrungen. Denn-der Abgeordnete Schiffer erklärte: Wir können nur deshalb am Rerchswahlrecht festhalten, weil und so lange als in Preußen nicht die Masse re­giert. Die Hohenzollern haben ihre Herrschaft in der Mark mit Hilfe fränkischer und sächsischer Beaniten und Geistlichen errichtet gegen die märkischen und dreußischen Junker. Dann allerdings haben es die Jünekr verstanden, sich bei den Hohenzollern einzn- schmeicheln, und seit 1640 haben sie sich mit den Sou- beränen in die Macht geteilt. Seit der Zeit haben sie in Preußen eine Herrschaft ausgeübt, wie das nienials wieder in der Welt einer Klasse gelungen ist. In keinem Staate ist das Bauernlegen so an der Tages­ordnung gewesen, wie unter dem großen Kurfürsten Und seinem Nachfolger. Selbst ein Friedrich der Große, der anfing die Bauern zu schützen, nahm doch nur adlige Offiziere und erklärte. Bürgerliche haben kein Ehrgefühl. Doch das junkerliche Preußen brach 1806 zusammen. Seitdem gibt es ein bürgerliches Preußen, Und fast alle Kultur entstammt dem/ Bürgertum. Nur die politische Herrschaft erlangte es noch nicht. Im Heere und in den Ministerien blieb der Junker all­mächtig. Im Heere fing der Generalfeldmarschall von Manteuffel an nach 1850 das Heer zu reinigen von dem schmarotzenden Adel. Dieser hat oft erklärt, die Bevorzugung unfähiger Adliger war bis 1860 schlim- mer als vor 1806. Leider ist gerade neuerdings der Adel im Heer wieder allmächtig.

Ganz schief ist die Behauptung, daß Preußen das Reich begründet hat. Es hat wohl keine Regierung schlimmer gegen den Reichsgedanken gewütet, wie die preußische. Das hat die deutsche Burschenschaft, das haben die Jahn und Arndt und Reuter und Hofsmann von Fallersleben und zahllose andere gespürt, die. lediglich deshalb die größte Schmach erleiden mußten, weil sie für ein einiges Deutschland schwärmten. Nichts war den preußischen Machthabern verhaßter als der Zusammenschluß der deutschen Stämme. Denn damals wußte Preußen noch nicht, daß es oben aufschwimmen würde. Ja, selbst als von der Einigung Deutschlands

unter preußischer Hegemonie die Rede war, wollten die preußischen Machthaber nichts davon wissen. Friedrich Wilhelm IO. lehnte 1849 die ihm angebotene Kaiser­krone ab. Tie Konservativen prägten das Wort vom Nationalitätenschwindel. Leopold von Gerlach er­klärte, Patriotismus ist ein Laster. Sogar noch 1882 schrieb die „Kreuzzeitung": Nicht ohne Grund stehen wir diesem Schlagwort „national", dessen blendende Färbung über seine Untiefen täuscht, abgeneigt gegen­über. Ein Kind konservativer Anschauungen war auch Wilhelm I. Er hat sich noch 1870 sehr lange gegen die Kaiserkrone gesträubt. Er fühlte sich lediglich als Preuße.

Bei den Süddeutschen und in Thüringen ist der Reichsgedanke von jeher ' kräftiger gewesen als in Preußen. Der Würktemberger Friedrich List hat die Anregung gegeben zum deutschen Zollverein. Wer hat dann noch 1868 auf dem berühmten Zollparlament, als die Einigung des Reiches mit aller Macht be­trieben wurde, gegen die Adresse auf Einigung des Reiches gestimmt? Das waren die Konser­vativen!

Also die Konservativen haben der Einigung des Reiches alle möglichen Schwierigkeiten gemacht. Sie haben es sich nur nachher in dem wohnlich eingerichteten Hause außerordentlich bequem gemacht und bald die Herrschaft an sich zu reißen verstanden.

Aber noch heute stellen die Konservativen ihr Preu­ßen über das Reich. Fortwährend wenn sie mit dein Reichstag einmal nicht zufrieden sind, schreien sie, daß ihnen Preußen höher steht. Wir erinnern uns, daß während der Blockpolitik im Juli 1907 die „Kreuz­zeitung" schrieb, daß manche Konservativen die Grün­dung des Reichs für Preußen als keinen Segen be­trachten und daß dergleichen theoretische Gedanken praktische Bedeutung gewinnen könnten, wenn das Reich sich mit der konservativen Art Preußens nicht abfände. Also reichstreu — — bedingungsweise!

Die Dinge liegen demnach genau umgekehrt als die Konservativen sie darstellen. Nur wenn die konser­vative Herrschaft in Preußen durch ein anderes Wahlrecht gebrochen wird, entledigen wir uns der un­sicheren Kantonisten, befreien wir uns von einem Fieberstoff, der für das Reich stets eine Gefahr ge­wesen ist. Wenn die Süddeutschen zuweilen eine man­gelnde Reichsfreudigkeit gezeigt haben, so nur deshalb, weil sie sich nicht mehr unter dem preußischen Junker beugen wollten. Es ist ein Unding, daß eine kleine Schicht von 2000 preußischen Junkern das 66-Millio- nen-Reich regieren will. Erst wenn Preußen dasselbe Wahlrecht hat wie die süddeutschen Staaten und das Reich, erst dann kommt Gleichmäßigkeit in den deut­schen Bundesstaat. Und gerade die Nationalliberalen sollten sich daran erinnern, daß die Gründer ihrer Partei sich stets gesagt haben, Preußen muß im Reich

aufgehen, die preußische Eigenart muß verschwinden. Sie wollten seinerzeit nicht einmal, daß der preußische Staat als solcher erhalten bliebe. Die Bundesfürsten sollten Statthalter werden, und die preußischen Pro­vinzen sollten ebenfalls Statthalter bekommen. Die Geschichte ist anders gegangen. Aber Preußen muß demokratisiert werden, erst dann verschwindet das Fieber aus dem Reichskörper.

Uolitische Übersicht.

Die konservative Ktichrvahltaktikr.

Wie recht wir hatten, als wir mehrfach hervovhoben, daß die konservative Stichwahltaknk als ein Sprengpulver für die konservative Partei selbst dienen werde, das zeigt sich immer mehr, je energischer die unabhängige konser­vative Presse mit der Sprache hevausrückt. Die Äußerun­gen der „Schles. Zig." gesellen sich hier gut zu denen der Dresd. Nachr." und des „Reichsboten", ©entgegen®)et will es nichts verschlagen, daß die offiziösen Mitteilungen aus der konservativen Partei in einem neuen Artikel, der auf die ödeste Vertretung ldes Standpunktes Wurst wider Wurst zugeschnitten ist, die Behauptung aufstellen: „Wir haben Grund anzunehmen, daß weite Kreise der konser­vativen Partei der Ansicht sind, daß freisinnige Kandidaten bei den kommenden Wahlen genau so zu werten sein müssen, wie die Sozialdemokraten, deren Vorkämpfer und Helfers­helfer die Freisinnigen ja sind." Sogar mit den National- liberalen wollen jene Konservative nur auf der Grundlage „ausreichender Gegenleistungen" verhandeln. Alan sielst hier aufs neue in einer ganz besonders krassen Form, daß die Konservativen in suhlender Position bereit sind, ihre eigenen Grundsätze preiszugeben, um den verhaßten libera 1 en -Gegner in die Minderheit zu bringen. Die alte Tatsache, daß den demagogischen Konservativen der Liberalismus als Viel gefährlicher erscheini denn die Sozialdemokratie, bewahrheitet sich auch hier wieder ein­mal. Die konservative Partei steht angesichts der Ver- zweislungstaktik des Herrn v. Hey'debrand vor einer schweren Krisis, die bei den nächsten Wahlen in hohem Maße akut werden wird, wenn die Kandidaten der Partei die indirekte Unterstützung der Sozial­demokratie empfehlen sollen, mit dem unsinnigen Argument, daß die Freisinnigen die Helfershelfer der Sozialdemokratir seien. Die berühmte „Vorfrucht-Theorie des Fürsten Bismarck lebt hier wieder einmal aus; sie ist jetzt noch unwahrhastiger wie damals und sie wird das­selbe Fiasko erleben, da die Wählerschaft diesen Schwindel einfach nicht glaubt.

Dev kirchliche Kampf im Mester».

Vom Niederrhein wird uns geschrieben: Die Massen­versammlungen im Westen, in denen gegen die Absetzung Jathos protestiert worden ist, namentlich die Versamm­lungen in Cöln und Dortmund, haben klar ergeben, daß die Mehrzahl der Protestanten in den Westprovinzen der

Feuilleton.

(Nachdruck verbaten.)

m Hayat.

Ein Sonnenuntergang am Nil.

Von Hans Wiihalm-Graz.

über den Pyramiden Gizehs steht die Sonne. — Uird auf den Terrassen Al Hahais sitzen fröhliche Menschen und plaudern und lachen. — Da rötet sich der Horizont. Ein 'grelles Licht breitet sich über Al Hayat, das unter dem Abschiedsknsse der Sonne jungfräulich erschauert. — All die vielen Menschen sind stille geworden, denn das tägliche Wunder, das täglich neue Wunder hebt an.

Scharf und ferne stehen die Pyramiden. Die weißen Wände von Mena house geben seltsame Lichteffekte. — Die Sonne verschwindet in einem Meere, das alle Skalen der rotem Farbe birgt. Heluan, das kleine Städtchen, duckt sich tief ins Tal. Die klaren Wipfel unzähliger Palmen schimmern vom Nil herüber, und das Bett des alten Gesellen füllt sich mit gleißendem Silber. — Die Stufenpyramide Sakkarahs streckt die eckigen Glieder und guckt verächtlich nach ihren Genossinnen, die weit verstreut im Totenfelde stehen.

Von M Hayat tönen die Klänge schwärmerischer Musik und mengen sich harmonisch in die Melodien des Abends. Rundumher klingt und singt es. Die Quadern der gewaltigen Bauten seufzen ihr Abendgebet; die tausend Blumen der Gärten wiegen die Köpfchen, und gar seltsam hört sich ihr Lied. Ein arg verliebtes Spatzenpaar erzählt der ganzen Welt Intimitäten, und am warmen Steine raschelt die Eidechse. — Aus der weiten Wüste raunen ge­heimnisvolle Gesänge, und es ist, als ob der Sand und der Stein Zwiesprache in Tönen hielten. Sogar die Lust, die klar im ewigen Raume schimmert, zittert klingend.

Ein leichter, schwacher Wind hebt die Blätter, und zärt­lich hört sich das Spiel an, das sie mit dem vertrauten

Freunde treiben. Aus dem Palmenwalde Bedraschens aber meint man das stürmische Rauschen der hohen Bäume zu hören, wenn die Windsbraut hindurchfährt und die Segel am Nil geschwellt stromaufwärts eilen.

Eine abendliche Brise streicht über das Land. Nil­auswärts und nilabwärts tauchen helle Segel auf, und eifrig verfolgen sie ihren Weg.

In goldener Röte steht-der Horizont. Chnfus Denk­mal, die große Pyramide, loht im Feuer. — Den Nil ent­lang wandort der brennende Streifen, der den Abend säumt, vor einem geisterhaften Dunkel hält er: es ist Kairo, das im Schatten liegt. — Purpurfarbig hier und braunrot dort leuchtet das Mokattamgebirge, das lange, lange Strecken das Tal begleitet. Und aus dem Tale selbst sendet das satte Waugrün der Äcker lebendige Grüße. Riesigen weißen Ameisen ^gleich eilen Fellachen geschäftig hin und her. Man sieht sie deutlich, diese weißen Bauern, deren Haut so dunkel und deren Kleid so hell ist.

Die Zauberin ist indessen ihren Weg gegangen. — Kennt Ihr das Leuchten der Orangen? Vom dunkel­grünen Grunde hebt sich die köstliche Farbe, und es ist, als ob der Baum mit hundert wunderbaren Augen sähe. — Gleich einer Riesenfrucht wiegt sich so die Sonne aus hellen Wolken. — Klar ist sie aus der Allsarbe gesunken, und ein­sam steht sie, einsam und groß. — Wie eine Göttin ver­schmäht sie den Dank: sie schenkt Grüße und Farben und Leben. — In heller Bläue wölbt sich der Himmel, und wie Daunen flocken sich darein rosenrote Wölkchen. — Rosen­rote Wölkchen! Jede ein Kuß. So weich und so zart jede wie ein Kindshändchen und so rosig wie ein Kindsbäckchen. — Und nimmt gierig all die tausend Gnaden der Mutter und wirst Kußhändchen und Kußhändchen. — Gerade über Al Hayat steht ein solches Farbenwunder, solch ein Kind­chen der Sonne. — Und nicht anders zeigt es sich, als wie die Muschel der Venus, aus der so viele das Leben und so viele den Tod schlürfen. Perlmutterhell glänzt ihr Leib und liobesrot ihre Wangen. — Und sie weiß ihre Pracht, und sie weiß ihre Macht. Steht in unveränderlicher Schön­heit über allen, und die Frauen sehen dahin und die

Männer. — Und sich dann ins eigene Antlitz. Ach, da strahlt das Abendrot daraus und verdirbt allen Neid und allen Spott. — Wandert die hohen Säulen der Tempel entlang und die Terrassen und die Treppen. — Aus jedem Winkel leuchtet's. Nicht anders scheinen die Bauten denn prächtige Sonnewhäuser. — Und über die Wüste ruft es laut und über die Felder, und weit Wer den ewigen Nil: Lebt, um zu leben!

Die allerheiligste Nährmutter aber geht zur Ruhe. —- Leise küßt sie den Saum der Wüste. Und sinkt rasch in ihr Lager. — Ein lauter Atemzug geht über die Erde: der Hauch des Schlafs. — Jenseits des Nils beginnt langsam die Ruhe und das Dunkel. — Wie seltsame Denkmäler einer nebelhaften Zeit heben sich die Pyramiden vom Düster ab.

So war die Sonne gesunken. — Aus den Terrassen Al Hayats standen festliche Menschen und suchten mit 'Ehrlich­keit oder Zynismus das Erlebnis auszuleben. Aber sie schwiegen.

Der lange, lange Wolkenstreisen, der den Sonnenunter­gang krönte, war blau geworden und Heluans viele Kirchen läuteten den Abend ein. — über Al Hayat, dessen offene Hallen dunkle Farben zeigten, lagerte sich die Dämmerung. — Aber plötzlich flammten die elektrischen Lampen auf. Und während jenseits noch Licht und Schatten kämpften, tollte hier das helle Leben der Menschen laute Tänze.

Als ob ihr eigenes Licht die Menschen zum Erwachen gebracht hätte, so wurden sie jetzt laut, fröhlich und be­gehrenswert. — Und füllten der Paläste glänzende Räume. Da und dort trieben sie lachende Spiele und von den Tennisplätzen tönte Beifall. — In den Kolonnaden er­gingen sie sich und hielten kluge Gespräche. — Oder ver­loren sich in den riesigen Hallen, deren verschwiegene Winkel so manches verschwiegene Wort hören. — Dis Gärten boten bescheiden den Dust ihrere Blumen. — Und aus den unzähligen Wegen sahen sich zufriedene Menschen!

Denn das ist der Zauber dieses Landes: vom Morgen, wo die Sonne gleich einer silberfeurigen Kugel aus dem Mokattam dringt und den neuen Tag des Lebens Wer dis