Wiesbadener Sagblatt.
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Nr. 809.
Donnerstag, 8 Jnli 1#11.
59. Jahrgang.
Morgen - Kusgabe.
1. Wkatt.
Die Krise im Kansadunde.
Ter Austritt derer um Kirdorf aus dem Bunde bedeutet augenscheinlich noch etwas anderes als eine reinliche Separation; man hat vielmehr den Eindruck, ^ls würden die Häupter der Schtverindustrie unrer Kirdorfs Führung, die Jndustriemagnaten am Nieder- rhein, in Westfalen und an der Saar den Versuch Wachen, den Hansabund von innen heraus zu zerstören, chn durch die Herüöerziehung weiterer Jnterefsen- Sruppen zu dezimieren und schließlich zu einem Gehäuse ohne Inhalt machen. Heißt es doch sogar, baß die rheinisch-westfälische Bezirlsgruppe nicht übel Lust hat, sich immer noch als ein Stück Hansabund aus- Mgeben, sich wohl gar als den einzigen berechtigten legitimen Hansabund hinzustellen, dem hiernach Nießer and seine Freunde untreu geworden wären. Las iväre allerdings ein humorvolles Stück verkehrte Wett, Und der phantastische Gedanke wird denn auch schon lm ersten Keimen an seiner inneren Unmöglichkeit erstickt, aber dessen darf man sich zu Herrn Kirdorf und seinen Anhängern und Mitstreitern versehen, daß sie sich, wie gesagt, nicht damit begnügen werden, den Hansabund verlassen zu haben, sondern sie werden irgendwie den Kriegspfad beschreiten. Kein Zweifel, daß das eine ernste Sache ist. Zwar fürchten wir nichts sür den Hansabund, denn wenn wir es täten, müßten ivir zugleich sür die Sache des nach vielen Millionen zählenden werktätigen Bürgertums fürchten, für die Sache des Liberalismus in allen seinen Graden und Gliedern, für die Sache des erstarkten und entschlösse- Uen Widerstandes gegen alles, was ostelbisch heißt Uhd sich konservativ-agrarisch, junkerlich, schutzzöllnerisch bis zum Extrem darstellt und betätigt. Nein, der Hansabund wird als parallele Notwendigkeit zum Liberalismus in Blüte bleiben und Früchte tragen, to sicher, wie es sicher ist, daß der liberale Gedanke, der Gedanke der Sammlung des Bürgertums gegen eine rückständige politische und Wirtschaftsordnung siegen niuß, weil seine Niederlage das größte Unglück für Reich und Nation wäre. Aber darum bleibt es doch hichts Kleines, daß die Schwerindustrie des Westens und der agrarische K o n s e r v a ti v i tz- w u s sich wieder einmal gefunden haben. Der Hansabund weiß somit noch besser als bisher, wo er seine Feinde zu suchen hat, und daß, wie es Geheimrat Rießer in seinem Briefe an Herrn Kirdorf kurz und gut ausdrückt, die Sonderinteressen, namentlich die Zollinteressen der schweren Industrie eine intime Verbindung mit der konservativen Partei wünschen. Man darf es heute, wo sich die Wege endgültig geschieden haben, mit Gefühlen der Erleichterung aussprechen:
es ist gut, daß es so gekommen ist. Der Hansabund mußte sich auf Schritt und Tritt beengt Vorkommen, solange er die nach rechts gravitierenden Elemente der Schwerindustrie mitzuschleppen hatte, auf fte Rücksicht nehmen mußte, ihnen zu Gefallen die Schärfe von Angriff und Abwehr nach rechts hin mildern mußte. Aber darüber wollen wir uns andererseits nicht täuschen, daß der Kampf fortan schwieriger sein wird. Als die Schwerindustrie vor zwei Jahren dem Hansabund beitrat, geschah es natürlich nicht aus plötzlich erwachter Liebe zu einer entschlossen liberalen Wirtschafts- und Zollpolitik, aber man durste doch annehmen, daß die Schutzzollforderungen des konservativen Großgrundbesitzes einen Dämpfer erhalten würden und daß im neuen Reichstag eine Politik des krassen Protektionismus keinen Boden mehr haben werde, weil ihr die Unterstützung der westlichen Groß- Industrie fehlen würde. Gleichgültig, aus welchen Beweggründen die Schwerindustrie an der Gründung des Hansabundes teilnahm, so mußte die hier ange- deutete Wirkung jedenfalls erwartet werden. Nunmehr aber wird der frühere Pakt zwischen Ost und West, zwischen, Großgrundbesitz und Großindustrie, zweifellos wieder erneuert werden, und das bedeutet, daß sich diese mächtigen Interessengruppen gegenseitig bereits die Zugeständnis s e gemacht haben werden, ohne die der andere Ter! nicht zu gewinnen gewesen wäre. Nach einer Angabe, der man eine gewisse innere Berechtigung züschreiben möchte, soll sich Herr v. Rheinbaben, der Oberpräsident der Rheinprovinz, um diese Verständigung bemüht haben. Zuzutrauen wäre es ihm schon, und die Vorgänge bekämen damit nur um so größere Bedeutng.
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Der Bund der Industriellen, eine Organisation, die seit Jahren im Gegensatz zu dem Zentralverband deutscher Industrieller steht und die wiederholt scharfe Auseinandersetzungen mit diesem gehabt hat, erläßt eine Erklärung, worin zunächst konstatiert wirch daß Herr Roetger und die anderen Vertreter der Schwerindustrie mit Austritt aus deni Hansabund den Beifall aller industrie s e r n d- lichen Kreise Deutschlands gefunden haben. Dem- gegenüber halte es der Bund der Industriellen sür seine Pflicht, daraus hinzuwirken, daß die Industrie geschlossen zusammenstehe zu Abwehr agrarischen Übermutes. Das jetzige bedauerliche Vorgehen der führenden Männer des Zentralverbandes zeige immer deutlicher, daß jene Kreise weit mehr und lieber ihren Anschluß bei den rückständigen Vertretern agrarischer Politik als bei den übrigen Kreisen der deutschen Industrie und den ihnen näherstehenden bürgerlichen Erwerbsständen suchten. In allen Kundgebungen des Zentralverbandes würden Komplimente vor dem Agrariertum in Verbindung mit Angriffen auf andere industrielle Kreise, insbesondere auf den Bund der Industriellen, gemacht.
Kecker redivmis.
Der tapfere Vorkämpfer gegen das agrarische Tema» gogentum, Rittergutsbesitzer Becker-Bärtmanushagen, hat seinen Gegnern eine neue große Verlegenheit bereitet. Sein Riesenprozeß mit dem Landrat und dem Kreisausschutz in Grimmen konnnt zu erneuter Verhandlung. Das Urteil der Greisswalder Strafkammer, dessen exorbitante Höhe, ein Jahr Gefängnis, alle guten Geister des Lolksempfindens mobil gemacht hatte, ist ausgelöscht, ist nicht mehr vorhanden. Und was für die, Herren Agrarier besonders schmerzlich sein wird, das ist die Tatsache, daß das Reichsgericht die Neuauflage des Prozesses nach einer anderen Gerichts statte verlegt hat, fernab von dem Schauplatz des Streites zwischen Landrat und Rittergutsbesitzer. Während des Prozesses m Greifswald hatte man als Augen- und Ohrenzeuge ununterbrochen die Empfindung, daß hier eine unvoreingenommene, wahrhaft gerechte Würdigung des Angeklagten gar nicht stattfinden könne; das ganze Milieu machte dies unmöglich: die Greisswalder Beamtenluft war geradezu gesättigt von den Miasmen der Gegnerschaft gegen die Vertreter des antiagrarischen Liberalismus, der in jenen Gegenden den holden Frieden gestört und das vortreffliche Handinhandarbeiten von Verwaltung, Großagrariertum und hoher Beamtenschaft empfindlich beeinträchtigt hatte. Der Prozeß mußte heraus aus dieser Umgebung. In Stettin, wo man den Dingen ferner steht und nicht mit der einen Seite durch gesellschaftliche und politische Bande eng verknüpft. ist, wird man viel eher zu einer objektiven Beurteilung der Sachlage und zu einer gerechten Würdigung der Person Artur Beckers gelangen können.
Das Reichsgericht hat seinen vornehmen Beruf, der Hüter des Rechts und der Rechtsgrundsätze zu sein, beim Prozeß Becker in vorbildlicher Weise aus- gefüllt. Es kam zu derselben Auffassung, die von den weitesten Volksschichten schon längst eingenommen wurde, daß nämlich der Greisswalder Spruch ein Fehlurteil sei. Man sagt nicht zuviel, wenn man behauptet, daß Las Reichsgericht durch seine von allen politischen Erwägungen völlig srere Entscheidung an Gewicht in der öffentlichen Meinung, an Popularität erfreulich gewonnen hat. Das darf hervorgehoben werden, selbst wenn man der Auffassung ist, daß einige 'der Revisionspunkte der Verteidigung vom Reichsgericht in ihrer Tragweite nicht voll gewürdigt worden sind. Ter Senat lehnte beispielsweise die Prozeßrüge, die sich aus die Zurückweisung des Antrages auf Ablehnung des Gerichtsvorsitzenden Prütz- mann bezog, ab, obwohl für die Berechtigung dieser Rüge sehr einschneidende Momente Vorlagen; er fand auch keinerlei Prozeßverstoß darin, daß der Gerichtshof in Greifswald die von ihm selbst beschlossene, aber
Feuilleton.
wiener Laisonenöe.
Theater-Kehraus. — Blumenfest. — Die großen Rennen. — Österreichs künftige Kaiserin. — Die Wahlen.
Das sind die Tage der NomadensehnsuchL. Unser Blut wird unruhig, der Wandertrieb fährt in unsere Glieder und rumort desto heftiger, je stiller und schläfriger es in der Großstadt wird. Nirgends kann man flch besser erholen, als in einer großen Stadt. UM Wien ist darin allen anderen Residenzen um Kopflänge voraus. Mit unauffälliger Schüchternheit sperrt eine Bühne nach der anderen ihre Kassen, es reizt höchstens noch die Meditation, ob sie sie im Herbst wieder offnen werden. Sonst haben wenigstens ftemde SchauspielerenseMbles unser Interesse 'ans Theater gefesselt, vor zwei Jahren erlebten wir einen Dtonat lang die Ibsen- und Hauptmann-Festspiele Otto Brahms, im letzten Sommer zeigte uns Max Reinhardt, wie er aus der naturalistischen Kunst der Charaktere eine sinnbildlich erhöhte Kunst der Atmosphäre geschaffen hatte, wie er den Btchnenvaum mit einer unerhört intensiven Stimmungskrast durchdringt und die einzelnen Gestalten nur mehr wie konzentrierte Verdichtungen dieses Einheits- gesühls erscheinen läßt. Diesmal blieb unserer Schauspielersehnsucht nichts anderes, als die Aufführungen der Bauerntheater ans Schliersee und Innsbruck, von denen die Exelsche Tiroler Bühne immerhin noch ein bißchen mehr an künstlerischer und sozialer Teilnahme gewann. Die Komödientruppe ist vor rund einem Jahrzehnt ans dUettantischem Enthusiasmus an der österreichischen Volksdichtung der Anzengruber, Schönherr, Kranewttter entstanden und hat uns nur die Werke dieser Dichter in tüchtigen Darstellungen von annehmbarem Durchschnitt vorge- fnhrt. Mer schließlich ist nicht weiter viel dabei. Es ist ein Spiel entwurzelter Bauern, die niemals bis ins allge
mein Menschliche der Kunst gelangen und durch die Entwurzelung kleinibürgerliche Leute mit kleiubürgerlichen Allüren und Horizonten geworden sind.
Wir warm auch nicht aus diese Tiroler Sensation angewiesen. Das Wiener Gesellschastslcben nahm einen gewaltigen Anlauf und stürzte ein Fest nach dem auderm in die Ruhe der toten Saison. Da gab es selbstverständlich einm Wiener Blumentag, Derby und Sportfeste der Armee und als krönenden Abschluß das grandiose Drama der Wiener Wahlen. Wenn man einem Fremden im Handum- drehen einen Begriff vonl Wiener Leben geben wollte, dann müßte man ihn zu einem repräsentativen Straßenfest bringen, bei dem die Gesellschaft agiert und die anderen amüsierte Zuschauer sind. In dieser Stadt war ja seit scher keine unnachgiebige Mauer zwischen Aristokratie und Bürgertum, Bürgettum und Volk. Die Salonsprache hat etwas Gon der graziösen Lässigkeit der Volksmundart, und das Volk versteht sich bei so einem Fest wundervoll anmutig zu bmchuim. So ein Blumensest ist immer eine urwiener Angelegenheit, denn hier stehen ja die Menschen der Natur eine Handbreit näher als in anderen Millionenstädten. Der Wumenkorso dokumentiert seine Bodenständigkeit durch seine Entstöhungszeit; seine Anfänge gehen bis in die Regierungszeit des Barockkaisers zurück, wo ja alle repräsentativen Feste der Wiener ihren Ursprung hattm, wie die Volksbelustigungen in den Tagen des Kaisers Joseph und unzählige ernsthafte Lokalangelegen- heiten in der Ära der Türlcnkriege. Unter Karl VI. hat der Blumenkorso seinem. Ramm sozusagen Ehre gemacht; er ist ein veritables Lauffest geworden, denn damals hielten sich die adeligen Herrschaften Lauser, die bei Dämmerungs- beginn mit brennenden Flambeaux- vor ihren Karossen herrannten und durch laute Ruse den Wagen des Liechtenstein, Clam-Mattinitz, Schwarzenberg und Windischgrätz in dm beängstigend schmalen Gäßchen des Stadtinnern Raum verschafften. Diese Läufer in phantastisch bunten Kostümen liefen nun zum Maikorso den Weg von Prater-
stern zum Lusthcms um die Wette, die gewaltigen Kastanienalleen des Nobelpraters hinunter, in der jetzt die byntgeputzten Wagen in langsamem Paradeschritt schaukeln. Uralt ist die Geschichte vom Blumenkorso. Aber diesmal hat er eine neue Nuance bekommen. Mitten unter den Equipagen und Fiakern, den Zwei- und Vierspännern; fuhren zum erstenmal die Automobile. Doch man muß schon sagenz' daß ihnen die Fahrzeuge von gestern weit überlegen sind; diese Neulinge haben eben noch keine Tradition hinter sich, sic haben die Technik noch nicht weg, sich mit Blumen heraus zustaffieren und glauben — wie alle Neulinge — durch ihr bloßes Dasein schon genug Sensation zu machen. Aber die Fiaker — die verstehen es famos. So ein Blumenkorso ist wirklich ein entzückendes Fest. Die kleinen Blumensträußchen fliegen ans den Karossen, zu den Tribünen und mitten ins Gratispubliknm hinein, vom Publikum wieder in die Wagen zuttick und ziehen ’ einen Bogen freudiger Verbrüderung durch die Luft.
Es ist das eines der letzten mondänen Schauspiele, die die Gesellschaft agiert, wie das Traberderby und das Rennen um den Hunderttausend-Kronen-Preis des Jockeiklubs in der Freudenau. Davon ist weiter nicht viel zu erzählen, denn die Hustmepidemie dezimierte dis Nennungen und spielte die höchste österreichische Turs- trophäe einem ganz uninteressanten Maideupferd zu. Das Freudenauer Derby wurde von seinen gesellschaftlichen Generalproben, der Armeesteeplechafe und der Offiziers- Reitkonkurrenz, weit überholt. Das sind die Festtage des' militärischen Waffenrocks in der Rennsaison. Aus ganz Österreich kommen die Offiziere zusammen, aus galizischen Grenznestern und ungarischen Garnisonen, aus Tirol und der Steiermark. In allen möglichen Akzentuierungen — bald slawisch weich, bald magyarisch breit gequetscht, dann wieder mit devbpolternder Betonung — klingt einem dis „deutsche Armeesprache" in die Ohren. Es gibt ein rundes Miniaturbild von unserem Militär, einen prägnanten überblick über unser Offizierkorps und eine große Beruhiguns
