Wiesbadener Tsgblstt.
Derlag Langsasse SL «HS& „ , . . ^. K ^ „T-sslatt-Hnus" srr. ssso-sg.
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Nr. » 08 .
Dienstag, 4. Juli 1811.
59. Jahrgang.
Morgen * Ausgabe.
1. Matt.__
Pfarrer Traud zum Fall Jatho.
Die von Pfarrer T r a u b herausgegebene „Christliche Freiheit" äußert sich an der Spitze ihrer neuesten Nummer zum Fall Jatho:
Pfarrer Jatho ist abgesetzt. Er ist unterlegen, aber nicht besiegt. Es sind uns unvergeßliche Stunden dort im Sitzungssaal. Jätho wich keinen Schritt zurück, ja -r ging unbekümmert um alle Folgen immer weiter vorwärts. Sein Mut war keine Pose, sondern selbstverständliche Natürlichkeit. Er redete nur, wie es ihm ums Herz war, ohne jede weltkluge Angst um die Formel. Sorget nicht, wie. oder was ihr reden sollt' Erquickeibde Mannesritterlichkeit stand hier als leibhaftiges Erlebnis vor uns. Nur einmal wurde er sichtlich bewegt: als er von seiner C öl wer Gemeinde sprach. In diesem Augenblick standen Manche Herzen im Saal still und ich sah im Zuhörerraum Tränen in Männeraugen. Ter Spruch ward verlesen in seiner vollen Unpersönlichkeit und ohne jeden Hauch spürbarer Erregung. Da drehte sich der Mann, dem er galt, mit kurzem Ruck um und ging so kerzengerade, wie wir ihn noch nie sahen, aufrecht und allein durch die Tür. Sein Herz war leicht und frei, leichter und freier als das derer, die hinter dem grünen Tisch ihm nachsahen. Nein! unterlegen ist Jätho der Kirche und der hinter ihr stehenden Staatsgewalt, aber b e si e g t i st er nicht.
Im Saal stand auf dem Tisch vor dem Präsidenten ein großes marmornes Kreuz; ein geradezu entsetzlicher Anblick. Schasst künftig dieses Kreuz weg! Es ist genug an dem, was man sonst tragen muß. Man habe so viel seelischen Geschmack als Christ, daß man sich nicht unter das Kreuz stelle, an dem Jesus allen vergab und dem Schächer den Himmel öffnete- und zugleich verkündigt: laut Paragraph soundsoviel ist die Stellung des N. N. dergestalt, daß . . .
Pfarrer Jatho ist abgcsetzt. Cr hat dem Protestantismus gewaltigen Dienst getan. Ich denke nicht an die zahllosen Menschen, denen er unwidersprochen Halt i:n Leben und Kraft zum Sterben geworden ist. Tie Zeugnisse von Gottes Geist sind gewaltiger, als daß sie sich von einem Spruchkollegium die Ufer abzäunen ließen, in denen sie strömen dürfen. Nein! ich denke daran, daß Jatho das Prahlem religiösen Lebens neu gestellt und mit dem Opfer seines Amtes bezahlt hat. Das werden wir ihm nie vergessen.
Zugleich hat er Anlaß gegeben, den inneren W l d e r s p r u ch des S p r u ch h o f e s vor aller Welt darzutun. Das Spruchgericht ist gerichtet: nicht die einzelnen Richter, aber die Einrichtung: nicht um
FenlUelon.
(Nachdruck verboten.)
KmmelserschrLnungen im Juni 1911.
In ihrer elliptischen Jährcsbahn gelangt die Erde am 8. Juli, 8 Uhr vormittags, in ihr Aphel, die Sonnenferne: ihr Abstand von der Sonne beträgt zu dieser Zeit 151,99, Millionen Kilometer, wogegen sich ihre Entfernung von ! ber Sonne in dem am 3. Januar durchlaufenen Perihel, der Sonnennähe/aus 146.97 Millionen Kilometer stellte; der Unterschied der Abstände beträgt also rund 5 Millionen Kilometer. Im Aphel besitzt der scheinbare Durchmesser der Sonne den Wert 31' 27."66, im Perihel den Wert 32' 31."86.
Nachdem die Sonne am 22. Juni, Sommersanfang, ihren höchsten Stand für die nördliche Halbkugel erreicht 'hat, sinkt sie. zunächst noch langsam, im Juli aber schon schneller zum Süden hinab. Ihre Deklination beträgt am 1. Juli 4- 23° 10’ 51."4, am 31. aber nur noch 4- 18° 30' 14."1. Die sich daraus ergebende Mittagshöhe der Sonne ist fit den Parallel von 54° (Norddeutsch- land) 59° 11' am 1. und 54° SO' am 31. für den Parallel von 51° (Mitteldeutschland) 62° 11' am 1. und 57° 30' am 31., endlich für den Parallel von 48" (Süddeutschland und Österreich, etwa die Polhöhe von Wien) 65° 11' am 1. und 60° 30' am 31. Juki. Durch die Verkleinerung der Tagbogen der Sonne vermindert sich die T a g e s l ä n g e im nördlichen Deutschland von 17 ans 15% Stunden, im mittleren Deutschland von 16% ans 1514 Stunden und im südlichen Deutschland, in der Schweiz und in Österreich von 16 auf 15 Stunden. Während des Juli erfährt jedoch die Dauer der Tageshelligkeit durch die noch sehr langen Dämmerungen eine bedeutende Verlängerung.
Die Zeit der Hellen Nächte, die um das Sommer- solstitium überall nördlich des Parallels von 48° 32' eintre- ten. W in der Nähe dieses Parallelst d. h. im südlicheren
dieses Spruchs willen, sondern weil es eins innere Unmöglichkeit und eine Unerträglichkeit ist für alle, die im Protestantismus den Schein als die Sünde beurteilen gelernt haben. Es kam klar zutage: es gibt keine ob j e k t i v e n M a ß st ä b e der Lehre. Einzig die subjektive Empfindung entschied. Es war ein sichtbarer, mit Händen zu greifender Trug, als ob irgendwo ein Maßstab wäre, an dem gemessen werden könnte. Was aber dem Richter recht ist, ist dem ange- klagten Geistlichen billig: subjektive Wahrhaftigkeit ist der einzige Maßstab protestantischen Handelns. Es ist ein Unding, den Schein zu pflegen, als ob mit zweideutigen Worten das Wesen einer geistigen Macht, wie sie das Christentum sein will, begrenzt werden könnte. Es ist ein Unding, den Schein zu pflegen, als ob auf der einen Seite eine feste, sichere Gedankenwelt bestünde, die ein geistiges Vorrecht hätte. Es ist ein Unding, Menschen mit der Gesetzeskraft auszustatten. über geistige Dinge kollegialiter per majora zu richten. Diesen Hohn auf den Protestantismus zu bekämpfen, — bis zum letzten Atemzug geloben wir's!
Die Gemeinde Jäthos ist _ ihm nicht genommen, aber der Kirche innerlich verloren. Tie Kirche soll auch diesen Verlust an Vertrauen fühlen und tragen müssen, den sie so leicht zu nehmen scheint. Sie soll erfahren, daß das Interesse bei Tausenden, die sich ihr wieder zuzuwenden im Begriff waren, vollständig erfriert. Cöln wird es nicht vergessen, daß die Kirche es war, die ihr ihren Pfarrer genommen, hat, die — Mutter Kirche!
Wir kämpfen so lange, als es uns möglich ist, in der Kirche gegen diese Bekenntniskirche, zu deutsch Parteikirche. Wir setzen alles daran, sie nicht ganz an eine Partei auszuliefern, sondern sie zur wirklichen Volksküche auszugestalten. Nur ist es kein freudiger Ernst mehr, der uns beseelt, sondern herbe Bitterkeit legt sich in diesen Ernst. Ten Glauben freilich kann uns niemand rauben, daß der Geist siegt. Wenn auch noch so und so viele Opfer setzt fallen werden — denn der Fall Jatho ist nicht das Ende, sondern der Anfang einer unaufhörlichen Bewegung — die Kirche des Protestantismus gehört nicht der alten halbkatholischen, sondern dem protestantischen Modernismus. Verwehrt die Kirche diesen Schritt, so wird sie zur Sekte. Darum vorwärts! Das ist der beste Dank an Jätho.
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Ein neuer Vorstoß der evangelischen Orthodoxie.
Tie orthodoxe Geistlichkeit Schleswig-Holsteins, an ihrer Spitze Pastor Paulsen-Kropp, eröffnet jetzt einen Feldzug gegen Professor Baumgarten -Kiel, den Führer der Kirchlich-Liberalen und Verteidiger I a t h o s. Schon 1902 beantragten 193 orthodoxe Geistliche der Provinz beim Kultusminister erfolglos die Am t s e n t s e tz u n g Baumgartens. Ter Minister erklärte ihnen damals, es fehle an jeder gesetzlichen
Deutschland, schon im Juni zu Ende gegangen; sie wird in Mitteldeutschland Mitte Juli und in Norddeutschland Ende Juli und Anfang August aushören.
Vom 24. Juli, an dem die Sonne in das Kalenderzeichen des „Löwen" eintritt, bis zum 24. August, an dem sie in das Zeichen der „Jungfrau" kommt, rechnet man die Zeit der Hunds tage, die zu den allerältesten Jnsti- tuitionen gehören, denn sie blicken schon aus das ehrwürdige Alter' von 4000 Jahren zurück. Seinen Ursprung hat der Begriff Hundstag im alten Ägypten, wo man den Frühanfgang des Hundssterns, d. i. des Sirius, ägyptisch Sopdet. vor der Sonne am 19./20. Juli unter allgemeinen Feiern festlich beging.
Die Phasen des Mondes sind im Jnli folgende: Erstes Viertel am 3., um 10 Uhr 20 Min. vorm., Vollmond am 11., um 1 Uhr 53 Min. nachm., Letztes Viertel am 19., um 6 Uhr 31 Min. vorm., und Neumond am 25., um 9 Uhr 12 Min. nachm. Der Mond befindet sich am 9. Juli, um 4 Uhr morgens, in Erdferne bei einem Abstand von 63.7 Erdhalbmessern und am 24. Juli, um 11 Uhr vormittags, in Erdnähe bei einem Abstand von 56.5 Erdhalbmessern ä 6378 Kilometer.
Recht günstig gestaltet sich im Juli die Beobachtung der großen Planeten. Der sonnennächste, Merkur, bleibt unsichtbar, da er am 4. Juli, um 2 Uhr vorm., in obere SonuenkonjuMur gelangt, also hinter der Sonne und am Tage -über dem Horizont weilt. Am 8. Juli, um 3 Uhr nachm., befindet sich Merkur mit dem sonnensernsten Planeten, dem Neptun, in Konjunktion, wobei der erste 2° 19' nördlich von Neptun sicht. Am 29. Juli, um 3 Uhr nachm., kommt Merkur mit dem Fixstern 1. Größe Regulus im „Löwen" in sehr nahe Konjunktion; der Planet steht bei dieser nur 10' nördlich vonr Regulus. Zur Beobachtung der Annäherung, die an den unmittelbar vorangehenden und auch an den folgenden Abenden schon bedeutend ist, bedarf man eines Instruments; das Gestirnpaar steht am frühen Abendhimmcl im Westen. — Venus hält sich cben-
Handhabe für die Entfernung Baumgartcns ans seinem akademischen Lehramt. Jetzt geht der von Pastor Paulsen geleitete Kropper „Kirchliche Anzeiger" mit dem gröbsten Geschütz gegen den hervorragenden Theologen vor. Professor Baumgarten hat, sagt wörtlich das orthodoxe Organ, von Kiel aus den heiligen KrieggegendasChristentum proklaniiert, wie die Mohammedaner ihn schon bei Begiyn der Kreuzzüge führten. Damals sind die Ungläubigen durch alle Lande gezogen, brennend und verheerend. _ Jetzt heißt der Sultan der Ungläubigen nicht Saladin, . sondern Baumgarten. Es ist traurig, daß der Staat die Mittel dazu hergibt, um die Kirche, die ihn selbst groß gemacht hat, zu zertrümmern. Schlimm ist es, daß so viele junge Leute in Kiel ihren Glauben einbüßen müssen. Es sollte wirklich etwas gescheben, damit die Kirche sich derer erwehren kann, die unter so ungläubiger Leitung ausgebildet werden, um dem Teufel Beistand zu leisten im Kampf gegen das Christentum.
— Tie Herren in Kropp können also beinahe ebenso gut mit dem Ton der christlichen Liebe fertig lverden, wie man das im Vatikan versteht.
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Ein halbes Jahrhundert evangelischer Kirchengcschichte!
Pfarrer Sintenis in Magdeburg 1841 — abgesetzt. Konsistorialrat Schulz in Breslau 1845 — abgesetzt. Pfarrer Rupp in Königsberg 1845 — abgesetzt. Pfarrer Wislicenus in Halle a. S. 1846 — abgesetzt. Pfarrer Schröder in Freirachsdorf 1871 — abgesetzt. Pfarrer Hanne in Stettin 1871 — nicht bestätigt. Rektor Gittermann in Esens 1873 — abgesetzt. Pfarrer Porti g in Hannover 1873 — nicht bestätigt. Dr. Ziegler in Hiegnitz 1873 — nicht bestätigt. Pfarrer Klap» in Osnabrück 1875 — nicht bestätigt. — Vikar Veesen- yreyer in Osnabrück 1880 — nicht bestätigt. Pfarrer Sydow in Berlin 1872 -*• abgesetzt. Pfarrer Hatzbach in Berlin 1877 —- nicht bestätigt. Pfarrer Schramm in Berlin 1877 •—■ nicht bestätigt. Pfarrer Werner in Berlin 1877 — nicht bestätigt. Pfarrer Kälthoff in Nickern 1878 — abgesetzt. Pfarrer Lau in Berlin
1879 — nicht bestätigt. Pfarrer Hasenclever in Berlin
1880 — nicht bestätigt. Pfarrer Lühr in, Eckeruförde
1881 — abgesetzt. Pfarrer Schremps in Stuttgart 1892 — abgesetzt. Pfarrer Weingart in Osnabrück 1899 — abgesetzt. Pfarrer Römer in Remscheid 1305
— nicht bestätigt. Pfarrer Hein in Berliir 1905 — nicht bestätigt. Pfarrer Cäsar in Dortmund 1906 — nicht bestätigt. Pfarrer Jatho in Cöln 1911 — ab- gcseht.
Weitere Kundgebungen.
Die gesamte Züricher Studentenschaft, ohne Unterschied der Natioir und Richtung, wird eine große Kundgebung zum Fall Jatho veranstalten. Unter den Rednern wird der Rektor der Züricher Universität Professor der Theologie A. Meyer, ein persönlicher
falls im Sternbild des „Löwen" am Abendhimmel auf; die Dauer ihrer Sichtbarkeit nimmt jetzt aber schnell ab, sie verringert sich von iy% auf % Stunde. Am 7. Juli, um 4 Uhr nachm., erreicht Venus ihre größte östliche Ausweichung von der Sonne, 45° 29', sie nähert sich dann schnell ihrer un- ieren Konjunktion, die sie am 9. September durchläuft. Ihr ErdobstaNd nimmt im Juli von 0.75 bis aus 0.51 Erdbahn- Halbmesser L 149.48 Millionen Kilometer ab, wodurch ihr scheinbarer Durchmesset von 22."4 auf 32."9 wächst — ihr wahrer Durchmesser beträgt 12 037 Kilometer, steht also dem der Etde mit 12 756 Kilometer nur wenig nach. Schon in einem -kleineren Fernröhr erscheint daher der Planet jetzt als ein ansehnlicher Körper, dessen Phasengestalt der des MoNdes zur Zeit seines Ersten Viertels ähnelt. Am 23. Juli, um 10 Uhr abends, zieht der sichelförmige Mond 5% Grade nördlich am glänzenden Abendstern vorüber. — Mars wandert Mitte Juli ans dem Sternbild der „Fische" in das des „Widders", er erhebt sich anfangs bald nach, schließlich schon vor Mitternacht über den östlichen Horizont und lenkt durch seinen fortgesetzt zunehmenden roten Glanz schon jetzt die Aufmerksamkeit aus sich. Er nähert sich im Juli der Eide von 1.17 bis auf 1.00 Erdbahnradien, wobei sich sein scheinbarer Durchmesser von 8."0 auf 9."3 vergrößert. Am 1. Juli, um 10 Uhr nachm., erreicht Mars seine Sonnennähe, was im Hinblick ans seine im November d. I. bevorstehende Erdnähe von einer gewissen Bedeutung ist, diesmal allerdings in ungünstigem Sinne — je längere Zeit nämlich das Perihel des Mars vor öder nach seine Erdnähe fällt, um so weiter bleibt der Planet auch bei seiner Opposition von der Erde erntsernt. Am 19. Juli, um 8 Uhr nachm., hat der Mond mit Mars Konjunktion, bei der der Mond 1° 53' nördlich vom Mars steht; später, nachdem die Gestirne ausgegangen sind, erblickt man das Letzte Viertel schon ein Stück nach Osten von dem Planeten sortgerückt. — Jupiter befindet sich ans der Grenze der Sternbilder „Jungfrau" und „Wage"; er geht anfangs noch nach Mitternacht, am Ende des Monats aber
