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Derla« Langgaffe 21

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Nr« »08.

Sonntag, 2. Juli 1911.

güt die Ausnahme von Anzeigen an vorgeschriebenen Tagen und Platzen wird leine Gewähr übernommen.

SO. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Schein und Wirklichkeit.

Selten wohl hat ein Aufsatz in einer Tageszeitung so stark, man kann sagen aufwühlend, gewirkt wie der von K a r l P e t e r s unTag" über Deut j ch- s üdWestafrika. Ter Peterssche Artikel geht in den Kreisen der Kolonialpolrtiker sozusagen von Mund zu Mund und jedenfalls von Hand zu Hand. Gefähr­liche und böse Enthüllungen sind es, die von diesem doch jedenfalls äußerst ernst zu nehmenden Kenner ge­macht werden. Man mag über Peters sonst denken oder vielmehr empfinden, was man will, so bleibt er einer der Männer, die zuerst praktische Kolonisation getrieben haben und die vor allem gründlich Bescheid wissen um die Zustände in unserem afrikanischen Schutzgebiet. Was Karl Peters mm über Deutschfüd- westafrika zu sagen hat, ist geradezu erschreckend und iibertrifft mit der Düsternis der Schilderung des Tat­sachenbestandes wie der Ausblicke auf die Zukunft jede Erwartung und jede Besorgnis. Wenn Peters recht hat, dann sind wir scher Teiitschsüdwestafrika bis da­hin in unverantwortlicher Weise getäuscht worden. Der Verfasser schreibt:In Südwestafrika sind etwa

10 000 Ansiedler wohnhaft. Davon sind etwa 2000 Steuerzahler. Diese sind belastet mit einem jährlichen Ausgabeetat von 34 988 022 Reichsmark. Das macht auf den Kopf der Bevölkerung etwa 3500 pro Jahr." Peters fände es finanziell richtiger, wenn man die ganze Kolonie in die Lüneburger Heide verpflanzen und pro Kopf etwa 750 Mark Zuschuß bewilligte. Das Reich würde 10 OOOmal 8500 weniger 750 sparen. Aber eine solche Lösung sei durch den nationalen Stolz und unser Prestige auf der Erde verboten. Leider! mutz man hinzufügen. Peters fragt, warum die Zivil- verwaltung von Tcutschsüdwest 9Y 2 Millionen, die Militärbesatz u n g über 14 Millionen losten mutz. Er ist durch die angrenzenden englischen Kolo­nien gereist; nirgends war da eine Militärbesatzung: kleine Polizeiposten von sechs bis acht Mann genügen in weiten Distrikten. In Betschuanaland betrug der gesamte Ausgabsetat für 1909/10 1300 000, und dabei hat diese Kolonie 134 000 Einwohner gegen 120 000 in Südwest. Der Verfasser fährt fort:Woher komnit mit einem Male der radikale Unterschied, wenn man die Grenze nach Westen überschreitet.Südwest hatte einen großen Krieg zu führen."Rhodesien mit Betschuanaland nicht einen zum wenigsten ebenso großen?" Aber die britische Politik regelte die Frage der Sicherheit im Lande durch diesen Krieg. Auf der deutschen Seite scheint sie durch ihn nur noch verschärft worden zu sein. Und die 9Vj2 Millionen für die Zivil­verwaltung! Von britischer' Auffassung aus sind die einfach nicht zu verstehen. Wenn man die Interessen­ten in Deutschsüdwest selbst fragt, so fdjeint. es nicht, als ob sie der wirtschaftlichen Entwicklung irgendwie

nützt: sondern daß sie, umgekehrt, das wesentlichste Hindernis sür das Fortkommen des einzelnen bildet. Das, was man unter britischer Flagge Rechtssicherheit nennt, gibt es in der deutschen Kolonie nicht. Uber- Recht und Gesetz wird mitadministratlven Maß­regeln" hinweggegangen. Ich erinnere an die Kassie­rung von bestehenden Rechtstiteln unter formellen Flausen (z. B.sie seien vom betreffenden Gouverneur nicht notariell vollzogen" usw.), an nachträgliche Zoll­erhebungen, gegen das bestehende Gesetz des Landes, mit Ignorierung aktueller Gerichtsentscheidungen bei­der Instanzen in Teutschsüdwest selbst. Das ist alte gute russische Methode. Man mokierte sich früher bei uns über die Zustände in den portugiesischen Kolonien. Ich kenne beide und finde, daß wir noch sehr vieles von den Portugiesen lernen können. Ich würde mich nicht wundern, wenn deutsche Kolcnial- politiker auch noch manches in Monrovia oder Haiti zu lernen vermöchten. Das juristische Staatsexamen ist keine Panazee für allerhand Künste und Kenntnisse."

Ach nein, das ist es nicht. Vom deutschen Kolo­nisten, der in Lüderitzbucht oder in Swakopmund an Land steigt, verlangt man, sagt Peters, daß er in em wesentlich regenloses Gebiet ziehen soll, _ in welchem keinerlei Ackerbau großen Stils möglich ist, und wo Dürre auch seinen Viehstand alle paar Jahre bedroht, wo polizeiliche Bevormundung, der er unter britischer Flagge entgangen sein würde, ihn bei seinem Erscheinen empfängt, etwa wie es zu Hause im vormärzlichen Preußen war: wo er nicht sicher ist, daß Rechte, für welche er in Deutschland gezahlt hatte, von den Be­hörden anerkannt werden, und wo er ernstlich Gefahr läuft, um sein Eigentum gebracht zu werden, wenn er nicht mit der gebührenden Demut auftritt, z. B. den Hut nicht tief genug vor dem Herrn Beamten zieht. Er kommt in ein Wirtschaftssystem, das ihm sofort eine Mitbelastung von 110 Millionen Mark Schulden zumutet. Alles unter der Devise:Mit Gott für König und Vaterland!" Und das in unmittelbarer Nachbar­schaft eines breit und groß angelegten Gemeinwesens unter günstigen wirtschaftlichen Ausblicken, in denen bürgerliche Freiheit der tonangebende Faktor ist. Der Verfasser läßt weiterhin mit unangenehmer Deutlichkeit durchblicken, daß dieStaatsmannschaft in der Wilhelmstraße" mit der Möglichkeit. eines An­schlusses von Südwest an die südafrikanische Union rechnen muß. Mit anderen Worten: es sind separa­tistische Gelüste da. Als das früher einmal be­hauptet wurde, aab es die üblichen Proteste, jetzt öe- stätiat es ein Sachkenner ersten Ranges.

Aber wie ist uns denn! Haben wir noch nicht ge­nug Übles gehört und sollen noch mehr Fehler gemacht werden? Ist das schon schlimm, was Peters erzählt, so ist das noch schlimmer, was dieNational-Zeitung" erfährt, nämlich daß den Ovambo der Garaus gemacht werden soll. Von besonderer kolonialpolitischer Seite wird dem genannten Blatte geschrieben:Seit kurzem geht das Gerücht, das Kolouialamt plane eine neile Expedition gegen die Ovambo. Dieser Stamm ist der letzte in Südwest, der noch annähernd die gleiche Kopf­

zahl aufweist wie zur Zeit der Besitzergreifung. Er stellte die einzig regelmäßig erscheinenden, so dringend notwendigen Arb eit er in dem seit dem Aufstand fast menschenleeren Land. Eine weise vorsorgliche Stelle im Kolonialamt, der die Pappenheimer bekannt waren, verhinderte bis jetzt das militärische gloriose Bekriegen der Ovambo, und nun, nach Beseitigung aller Hindernisse, soll es auch diesem letzten Rest emet ohnehin kümmerlichen Bevölkerung an den Kragen gehen. Damit ist der Ruin auch der Minen- industrie in Südwest besiegelt, die dort berufen gewesen wäre, dereinst den Hauptteil des Zins-- d i e n st e s auf chre Schultern zu nehmen."

Wir fragen, wem mit diesen endlosen Kolonial­kriegen gedient ist. Grauenhaft klingt der Satz, den der Gewährsmann derNational-Zeitung" doch ver­treten zu können glaubt:Noch heute gilt vielfach der deutsche farbige Schutzgenosse als eine Trophäe, die man sich erschießt. Wenn im Ovainboland die Salven krachen, dann zeigen wir der nichtdeutschen afrikanischen Welt, wie man Kolonialpolitik im großen Stil betreibt und wirtschaftliche Schwierigkeiten behebt!"

Bitter, aber doch wohl wahr.

Politische Übersicht.

Zirm Abschied v. Krochers.

Herr Jordan v. Kröcher hat sich in der letzten Session seines präsidialen Wirkens nicht mit Ruhm bedeckt. Und man kann es ihm nachfühlen, daß er das undankbare Ge­schäft in der nächsten Session nicht wieder übernehmen will. Es mag ja zntresfen, wenn man sich erzählt, daß er als 'Grund für sein beabsichtigtes Ausscheiden angegeben habe, er wolle nicht so verbraucht werden wie gewisse andere Leute; aber der Hauptgrund wird doch wohl der sein, daß er es leid ist, sich weiter mit den Herren von der Sozialdemokratie herumzuschlagen, die er seinem berühm­ten Ausspruch gemäß nur als Objekte der Gesetzgebung anerkennt, die er aber im preußischen Abgeordnetenhause trotz aller mehr oder minder berechtigten Ordnungsrufe und aller Geschäftsordnungsfinessen nicht klein bekommen hat. Der starke Mann ist schließlich trotz seiner scheinbar unerschütterlichen Gelassenheit doch hochgradig nervös ge­worden. Manche seiner Mtionen ließen die unbedingte Unparteilichkeit, die man von ihm erwarten mußte, ver­missen. Es geschah nur zu häufig, daß die Linke bei wich­tigen gemeinsamen Aktionen als kaum vorhanden behan­delt wurde. Dicserhalb sei an ein Vorkommnis aus den letzten Tagen erinnert, wo der Präsident den Vorschlag machte, die Abgeordneten, die in Posen gewesen seien, möchten als Zeichen ihrer dankbaren Erinnerung der Stadt Posen ein KaiseMld verehren und sich die Kosten dafür von ihren letzten Tagegeldern abziehen lassen. Hierbei stellte es sich heraus, daß zu den erforderlichen Vorbe­sprechungen für diesen Vorschlag die führenden Vertreter der entschiedenen bürgerlichen Linken nicht hinzugezoge» worden waren, so daß einige Abgeordnete jenen Abzug von ihren Diäten ablehnten. Selbst dieNationalliberale Korrespondenz", die sonst in solchen Dingen einen vorsich­tigen Ton inneznhälten pflegt, ist, wie wir mitteilten, im

Feuilleton.

MrchdruS verboie».!

Der Oroschkengaul.

Von Wilhelm Scharrelniann.

Zum Teufel!" fluchte Tierk Iantzen m den Bart, was hat denn der Gaul heute abend nur?"

Er zog die Zügel straffer und gab dem Wallach einen ärgerlichen Schlag mit der Peitsche. Aber auch das schien keinen Eindruck auf das Tier zu brachen. Es trottelte ebenso langsam weiter wie vorher, alle Augenblicke mit den Vorderfüßen strauchelnd, und schüttelte nicht einmal die Ohren, wie es das Zonst tvohl zu tun pflegte, wenn es die Peitsche gespürt hatte. Dabei dampfte der Gaul wie ein Waschkessel in der kalten, stillen Nachtluft, und der Rücken glänzte voni Schweiß, als wäre er poliert.

Was mit dem Tier nur sein mochte? Es wurde doch sonst nicht naß beim Lausen? rätselte . Tierk Iantzen aus, seinem Kutschbock. Es war sa richtig, der Wallach hatte einen sauren Tag hinter sich. Seit heute früh ivar er ununterbrochen auf den Beinen gewesen. Be­sonders die weite Land tour heute nachmittag mußte ihn angegriffen haben. Dafür sollte nun diese Fahrt, auch die letzte sein für heute. Mitternacht war längst vorüber und zu dem Nachtschnellzug von Berlin konnte er doch nicht mehr rechtzeitig zum Bahnhof kommen.

Ja, der. Wallach wurde alt, das war keine Frage. Vor Jahren hatte er ihn von einem Roßschlächtcr ge­kauft, dem das abgetriebene Tier zum Schlachten noch

zu gut gewesen war. Er hatte damals den Rest seiner Ersparnisse für das Pferd bezahlt, während das kleine, einspännige Coups, das er fuhr, heute noch nicht ganz abbezahlt' war. Aber der Wallach hatte trotz seiner alten Tage noch gut verdient und sich wacker gewehrt, wenn ihm auch die Hüftknochen und Rippen verdächtig genug aus dem Leibe geschaut hatten.

Wieder stolperte das Pferd, als könne es die Fuße nicht mehr ordentlich heben: Tierk Iantzen freute sich darum doppelt, als er einige Minuten später am Ziel war und seinen Fahrgast aussteigen lassen und -stiuwen- den konnte.

Zum Teufel, wie naß der Gaul geworden war. Weißer Schaum flockte vom Gebiß und floß in zähen Fäden aus das Pflaster. Und er hatte doch nicht schneller gefahren als sonst. Wenn der Wallach mm krank wurde! Was sollte dann werden? Dierk Iantzen hatte sechs hungrige Mäuler zu Hause, die auf seinen Tagesverdienst warteten ....

Langsam, im Schritt, fuhr er nach Hause.

Tort war alles längst dunkel und still.

Er öffnete die Tür zur Einfahrt und spannte den Wallach aus, der kaum noch auf den Beinen stehen konnte und mit zitternden Knien beim schwachen Schein der Wagenlaterne über die steingepfiasterts Diele in seinen alten Stall tappte, während Dierk Iantzen das Coups an der Deichsel in die Einfahrt zog, den Riegel wieder vor. die Tür stieß und dann in den Stall,hin- überqing, um das Pferd für die Nacht zu versorgen.

Ei- rieb ihm mit einem Strohwisch den Schweiß von Rücken und Beinen und warf ihm eine Decke über, damit er sich nicht erkälte. Aber es schien wirklich

ernstlich krank zu sein. Es wollte nicht fressen und selbst das Wasser im Tränkeimer verschmähte es.

Tierk hatte sich vorhin nicht einmal Zeit gelassen, den Man lei abzulegen. Nun stand er da, ließ die Arme sinken und sah mit finsterer Miene aus das Trer. das mit gesenktem Kopf hinter der vollen Krippe stand und keine Anstalt machte, zu fressen.

Das waren ja nette Aussichten! Der Wagen noch nicht einmal bezahlt und nun vielleicht auch noch das Pferd zum Teufel! Er wußte nicht, woher er Ersatz nehmen sollte, wenn der Wallach wirklich krepierte! Seine geringen Ersparnisse waren bis setzt immer noch von der Kaufsumme, die er für den Wagen hatte an- legen .müssen, verschlungen worden und auf Ab­zahlung verkaufte ihm kein Mensch ein neues Pferd.

Vielleicht hatte er beit Wallach doch in der letzten Zeit aus dem schlüpfrigen, nassen Pflaster zu stark angestrengt, und das Tier brauchte nur einige Tage Ruhe, um sich zu erholen. Selbst der kräftigste Gaul hielt es ja schließlich nicht aus, so tagein, tagaus, Sonntag und Alltag im Geschirr! Da mußte ja der Stärkste zuletzt, marode werden. Und der Jüngste war der Wallach sa nun auch nicht gerade mehr. Er trat näher an das Tier, drückte den Kopf zärtlich an seine Backe und sagte halblaut, halb tröstend und . halb bittend:Junge, war makst du mir vor Geschichten! Verdammt, du darsfst nu doch nich krank Warden, du! Wir möten doch verdpenen, wir beide!

Wie dem Tier der Atem ging! Stoßweise und' hastig stieß es die Lust aus den Nüstern, als habe es sich außer Atem gelaufen und könne noch nicht wieder zur Ruhe kommen.