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Verlag L-mggafl« 21

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Gegründet 1852.

Kernsprech er-Rukr

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Nr. SOI.

Morgen »Ausgabe.

1. Matt.

Dir hruvLr Krankenfürsorge.

Eine den berechtigten Forderungen der Volksge- sundhsit wenigstens im allgemeinen entsprechend^ Krankenfürsora gibt es in Deutschland erst seit der Durchführung der großen Arbeiterverstcherungsgesetze. In fast samt! chen anderen Staaten läßt diese Fürsorge noch viel, i. manchen alles zu wünschen übrig. Bei uns umfaß die Krankenversicherung heute nicht nur die weitüb''wiegende Mehrheit der in Industrie und Gewerbe beschäftigten Personen, sondern sie erstreckt sich nach der neuen Reichsversicherungsordnung auch auf ein n großen Teil der in der Landwirtschaft De- schäftr :eri und hat außerdem eine Reihe werterer Er­werb^'>weige rn ihrenWirkungsbereich neu eingeschlossen. Die Entwicklung der Krankenfürsorge tu Deutschland bet lfft ebenso die Fürsorge für die Kranken und Ge­ck chlichen außerhalb der Anstalten, die sogenannte jene Krankenfürsorge, wie auch die den Kranken in besonderen Anstalten gewährte Hilfe, die sogenannte geschlossene Fürsorge. Tie Erkenntnis, daß eine gute Pflege des Erkrankten für den Erfolg der ärztlichen Behandlung von erheblicher Bedeutung ist, daß eine sorgfältige und sachverständige Krankenpflege ein wichtiger Heilfaktor ist, ließ es als dringend erforder­lich erscheinen, die gesamte Krankenpflege wissenschaft­lich und praktisch zu heben. Die von der Reichsregie­rung und den bundesstaatlichen Regierungen 1906 ein­geführte staatliche Prüfung solcher Krankenpflegper­sonen, die staatlich als besonders befähigt für ihren Beruf anerkannt werden wollen, hatte einen starken und willkommenen Zustrom zu dem Krankenpfegebecuf zur Folge. Diese Vermehrung konnte vom Stand­punkt der Krankenfürsorge um so wärmer begrüßt werden, da das Bedürfnis nach einer guten Kranken­pflege in den weitesten Schichten der Bevölkerung in­folge der verbesserten hygienischen Einsicht, der Steige- mng des Wohlstands und der Fortschritte der ärzt­lichen Wissenschaft erheblich zugenommen hat. Dazu kommt, daß die wohltätige Wirkung der Arbeiterver­sicherungsgesetzgebung, die Leistungen der Krankenver­sicherung und Invalidenversicherung, sowie die Tätig­keit der Berufsgenossenschaften für die Entwicklung auch der ländlichen Krankenpflege außerordentlich ge­wirkt haben. Zahlreiche ländliche Kreise wurden erst durch die Beihilfe der Versicherungsanstalten in die Zage verseht, Gemeindepflegerinnen anzustellen, auch

Samstag, 1. Juli 1911. j °Q

wurde die Beschaffung von Krankenpflegeutensilien und Wochenpflegekörben in vielen Gemeinden durch das Zusammenwirken von Versicherungsanstalten und wohltätigen Vereinen ermöglicht. Was die Kranken­kassen und Versicherungsanstalten auf dein Gebiet der Seuchenbekämpfung geleistet haben, ist bekannt, ebenso wie sie dadurch zugleich für die Ausgestaltung der Krankenpflege und Krankenfürsorge tätig gewesen sind. Auch die Unfallversicherung hat wesentlich dazu beigetragen, die Darreichung der ersten Hilfe zu för­dern, indem sie Unfallstationen, Rettungswachen und sonstige Veranstaltungen für das Rettungswesen ge­troffen oder wenigstens unterstützt hat. sie leistete damit zugleich der öffentlichen Krankenfürsorge und der praktischen Hygiene wertvolle Dienste.

Kein Gebiet der Krankenfürsorge hatte, jedoch in den letzten Jahrzehnten eine solche Entwicklung wie die geschlossene Fürsorge. Die Zahl der allgemeinen Heil­anstalten, in denen alle Kranken ohne Rücksicht auf Art und Sitz des Leidens ausgenommen und behandelt werden, vermehrte sich außerordentlich. Aber auch, die Sonderheilstätten für chirurgische Kranke, Augenkranke, Ohrenkranke, Frauenleiden, Geisteskranke, Epileptiker, Schwachsinnige, Nervöse, Tuberkulöse usw. haben sehr erheblich zugenommen. Geh. Obermedizinalrat Pro­fessor Dr. Dietrich-Berlin gibt in einer gelegentlich der Hygieneausstellung erschienenen Veröffentlichung der preußischen Regierung überEinrichtungen auf dem Gebiete des Unterrichts- und Medizinalwcsens im Königreich Preußen" eine interessante Statistik über diese Vermehrung der Anstalten für Krankenfürsorge. In Preußen kamen im Jahre 1882 auf ein Kranken­hausbett 677 Einwohner und auf ein Krankenhaus 25 882; im Jahre 1906 kanten auf ein Bett 276 und auf ein Krankenhaus 17 309 Einwohner. Der Gesamt- bedarf an Betten und Krankenhäusern hat daher in den 25 Jahren 1882 bis 1906 in Preußen ganz erheb­lich zugenommen. Noch deutlicher sind die Zahlen für das Deutsche Reich. Hier waren im Jahre 1877 insgesamt 1822 allgemeine Heilanstalten vorhanden; im Jahre 1907 war diese Zahl auf 3862 gestiegen; dem­nach in drei Jahren eine Zunahme der allgemeinen Heilanstalten um 111 Prozent. Noch weit erheblicher ist die Zunahme des Umfanges der allgemeinen Heil­anstalten gewesen, wie die Veränderung der Bettenzahl zeigt. Im Jahre 1877 hatten die allgemeinen Heil­anstalten Deutschlands zusammen 72 219 Betten, im Jahre 1907 war diese Zahl auf das Dreifache gestiegen, nämlich auf 283 201 Betten. Es war demnach in dreißig Jahren eine Zunahme von 221,06 Prozent vor­handen. Im Jahre 1900 gab es in Preußen 1792 all­gemeine Heilanstalten, nach acht Jahren war diese

j M £ (T . ? ) 59t Jahrgang.

Zahl auf 2280 gestiegen; darunter befanden sich 38 Staatsanstalten, von denen 12 Universitätskliniken zur. Ausbildung von Ärzten waren, 756 Anstalten gehörten den Gemeinden und den Gemeindeverbänden, 382 den Religionsgemeinden, 265 Leit religiösen Orden und Genossenschaften, 43 den Vereinen voin Roten Kreuz, 59 anderen Vereinen, 208 milden Stiftungen, 28 den Knappschaftsverbänden, 24 Krankenkassen und 477 Pri- vatunternehmerli. Alle Heilanstalten, einschließlich der Spezialanstalten, beliefen sich im Jahre 1906 in Preu­ßen auf 2872, darunter 638 Anstalten mit 100 oder mehr Betten. Der Staat verfügte über 71 Kranken­anstalten, darunter 39 Universitätskliniken und 32 Gefängnislazarette des Justizministeriums.

Diese Entwicklung der geschlossenen Krankenfürsorge beruht auf sehr verschiedenen Gründen. Mit den Fortschritten der ärztlichen Wissenschaft und der Kran­kenhaustechnik schtvand die Furcht vor dem Kranken- Hause. Während früher die Behandlung in den Kran­kenhäusern wenig aussichtsvoll und die Sterblichkeit in­folge der Hospitalkrankheiten eine sehr hohe war, machte die Entwicklung der Krankenpflegetechnik und der Krankenhaushygiene den Aufenthalt im Kranken­hause mit den Jahrzehnten immer mehr zu einem an­genehmen, der in zahlreichen Fällen erheblicke Vorteile vor der Behandlung in der Fainilie bot. Tie außer­ordentlichen Erfolge der neuen Heilverfahren, nament- lich diejenigen der operativen Behandlung konnten nur durch eine geordnete Anstaltspflege erzielt uxrden. Die neuzeitliche Ausbildung des Krankenpfl, gewesens regte die Bildung neuer Krankenpflegeveretnigungen an, die sehr bald zur Errichtung eigener Heilanstalten übergingen. Mit dem Anwachsen des- Wohlstandes nahnr die Geneigtheit zu, statt der billigeren abers unbequemen Familienpflege die teuere, aber bequemere und zugleich für den Kranken sichere Anstaltspflege ein- treten zu lassen. Gleichzeitig wirke der größere Reich- turn im Lande auf die Begründung nerrer Hcilanstack ten durch wohltätige Gemeinnützigkeit günstig ein.

Wie schon gesagt, ist jedoch die Reichsgesetzgebung für die Entwicklung der Krankenfürsorge vorr der größ­ten Bedeutung gewesen. Den Anfang mackte die Armenfürsorgegesetzgebung mit dem Gesetz über den Unterstlltzungswohnsitz und den auf Grund dieses Ge­setzes erlassenen Landesausführungsgesetzen. Nach diesen muß den Hilfsbedürftigen in Krankheitsfällen die erforderliche Pflege, wenir nötig durch Unterbrin­gung in einem Krankenhause, gewährt werden. Di« Gemeinden oder Gemeindeverbände als Ortsarmen­verbände, sowie die größeren Kommunalverbände als Landarmenverbände gingen bald dazu über, eigen« Krankenanstalten für die Versorgung ihrer armen

FemUetan.

Eine moderne Argonautenfahrl.

Von Thea Kaiser-München.

Auf der grusinischen Heerstraße. Die russische Riviera.

In Strömen fällt Regen auf das darnach schmachtende Tiflis herab, das uns gestern die erschlaffende Hitze der astatischen Steppe in vollem Umfange kosten ließ. Hätten wir doch heute seinen tiefdunkelblauen Himmel zur Fahrt über den gewaltigen Kaukasus, dessen sonst im Norden sichtbare Eisdome des Kasbek und Gimarai Ehoch in Wolkenfchleiern verborgen sind! Vor den Hotels stehen die Riesenautobuffe, die bestimmt sind, uns Wer den alten Paßweg grauer Vorzeit hinunterzusühren nach Wladikaw- kas. Sie passen eigentlich schlecht in diese Umgebung, zer­stören die Poesie der Ursprünglichkeit der Bergeswelt, den geheimnisvollen Zauber ihrer Unnahbarkeit, die Post- kutschenronrontik vergangener Zeiten. Als ich vor sechs fahren zmn erstell Male in der Stadt der heißen Schwefel­quellen wellte, ging es noch in vierspännigen Wagen mit je zweistündigem Pferdewcchsel zu den leuchteWen Firnen- höhen des Krestowajapasses empor. Gegen 1500 Pferde standen damals aus den Poststationen dem Verkehr zur Verfügung; eine grusinische Chanin eine Fürstin war die Besitzerin dieser Einrichtung. Es war ja eine lang­wierige Fahrt von nahezu drei Tagen, da man in Mlety und Kasbek übernachtete, aber es war idyllisch, unter dem Glockengeläute der Troika dahinzueilen auf der herrlichen, aus strategischen Rücksichten von den Russen in den 60er Fahren des vorigen Jahrhunderts erbauten grustnischen Heerstraße, die an Großartigkeit der sie umgebenden Natur alle unsere Alpenpässe weit übertrifft. Heute legt man die 200 Werst mit verscknedenon Ruhepausen in 10 bis 12 Stunden zurück; aber man gewinnt auch heute nur noch flüchtigen Einblick in die gewaltige Bergeswelt und die Eigenart ihrer Bewohner. Das Hasten und Drängen unserer Zeit aber verlangt nach dem nicht ohne Nerven­kitzel versehenen Vehikel.

So kurbelt denn morgens 7 Uhr der Chauffeur unser stahnenaeickunücktes. elssitziaes Auto an. und Wer das

holperige Pflaster des Golowinskyprospektes mit seinen imposanten Bauten tosten wir hinaus nach der württem- bergischen Kolonie Alexandersdovf, die mit ihren Obst­gärten einen ungemein freundlichen Eindruck hinterläßt. Die alte Beste Naryn-kala und das weithin sichtbare Davidslloster mit dem Grab des russischen Dichters Gri- bo-jedow winken uns den Abschiedsgruß,vc> swidania!" Ans Wiedersehen! zu. Tiflis mit seinen roten und grünen Dächern, die in die Monotonie der nackten Fels­wände, von denen sonst die grelle Sonne glühend reflektiert, Abwechslung bringen, versinkt hinter uns. Bergauf, berg­ab zieht sich die Straße hin, an einem eisernen Kreuz vor­bei, wo Zar Nikolaus 1837 einem Unglücksfall entging. Am rechten Ufer der Kura zeigen sich viereckige Höhlen, Zufluchts- oder Wohnorte der Urbevölkerung. Die Straße folgt auf 20 Werst der modernen Bahnanlage, die zwischen Baku und Batum sich hinzieht und mit jedem Zuge Massen von Petroleum bringt, und verläßt sie, den Kur übersetzend, bei der malerischen, altgrusinischen Bagratidenstadt Mzchet, in deren der hl. Nina geweihten Kathedrale Zweti Zcho- weli aus dem 4. Jahrhundert einst die Könige Grustcns gekrönt und begraben wurden. Ans den Höhen folgen altersgraue Burgruinen, auch solche aus der Zeit der Königin Tamara, und Kirchen und Klöster: unten wogen die Wasser der wilden Aragwa und vereinigen sich mit denen des Kur. Durch eine schwermütig anmutende Land­schaft, breite Täler mit üppigen Laubwäldern, fruchtbar und grrt besiedelt, eilen wir sanft aufwärts. Nur allmäh­lich treten die Berge näher. In Duschet nimmt unser Auto in Gesellschaft der uns bereits vorausgesahrenen Vehikel Wasser auf: auch stärken wir uns durch einen kleinen Morgenimbiß und steigen dann, die nötige Distanz ein­haltend, weiter empor an der wildschäumenden Aragwa nach Ananur. Welch eigenartiges Bild! Aus begrünter Felsenhöhe thronen die malerischen Trümmer einer Burg der einstmals vielvermögenden Eristawe von Aragwa. Aus 'dem üppigen, blumendurchwirkten Grün südlicher Vegetation schaute am Burghügel die schöne Kirche im ge­orgisch-byzantinischen Stil mit ihren festen Wällen und Bastionen ans manchen stürmischen Kamps während der kaukasischen Ausstände herab. Höbet md wilder werden die Berge. Elende ossetische Dörfer kleben Schwalben- nestem gleich an den Steilwänden derselben. Ruinen von

Ortschaften und Bergfesten, altehrwürdige Kirchen, Wacht­türme schauen aus Laubkronen und tauchen Wer Alpen- wiefen empor, auf denen unzählige Herden borr Rindern, Schafen und Ziegen mit ihren verwegen ausschauenden Hirten weiden.

Es wird bedeutend kühler; loir nähern uns Mlety, wo der Lunch eingenommen wird. Der Wille des Wirtes ist ja der denkbar beste, überreich fließt die iichaltreiche Suppe Okroschka, werden die tatarischen Hammelgerichts Schaschlyk und Tschiburek serviert! Aber diese National­gerichte entsprechen nicht ganz unserem europäischen Ge­schmack! Desto mehr Zuspruch finden die goto glänz enden Orangen, wenn auch 30 Kopeken pro Stück bezahlt werden müssen, der feurige kachetische Wem und das köstliche, auf unserem Wege durch den Kaukasus an verschiedenen Stellen perlend aus der Erde zutage treteWe Narsan, dev Riesentrank". Daß man in Mlety nicht mehr übernachten muß, ist ja voni Standpunkt der gewohnten Reinlichkeit nur zu begrüßen; denn die geheizten Zimmer waren nichts weniger als einladend. In airderer Beziehung ist cs schade, den Ort mit seinen originellen Bewohnern, die in primitivsten Behausungen mit HWnern, bissigen irW kläf­fenden Hunden, Schweinen uW sonstigem Viehzeug zu­sammen leben, nicht länger kennen zu lernen. Photo­graphische Aufnahmen werden die Erinnerung an jenes merkwürige Fleckchen Erd- Wohl unterstützen.

Bei Mlety steigt die Straße in 18 kolossalen Win­dungen, die aus einer Entfernung von 6Vz Kilometer einen Weg von 15 Kilometer schassen, an einer steilen WaW, dem kaschaurischen Abhang, beinahe 1100 Meter empor. Tis Anlage derselben ist ein Meisterwerk der Jngenieurknnst, die einem bei der Autofahrt manch leisen Schauer zu kosten gibt. Früher war der Transport der Waren an dieser Stelle viel einfacher, da man dieselben in ausgehöytten Baumstämmen einfach den Abhang hinabrollte. Wir siW hier auf vulkanischem Boden und blicken hinab in di« grausige Tiefe, in der die schäumeWe Aragwa fruchtbare Gefilde in tief eingeschnittenem Lavagrunde durcheilt. Eins eiserne Tafel erinnert an den kühnen Erbauer, Oberst Statkowsky, 1857 bis 1861, sicherlich der Tüchtigsten einer!

Weit über die Grenze der Waldregion blicken wir hin­über zu den kahlen, hrmmclc,nstrcbenden, rötlich grauen oder schwarzbraunen Felswänden des Kratcrberges