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Nr. SS».
Montag, SS. Juni LSL1.
SS. Jahrgang.
Kbend-Ausgabe.
1. M«tt,___
Die erste Absetzung.
Das Spruchkollegium der evangelischen Landeskirche hat seine erste Absetzung ausgeiprochen. es wird nicht die letzte sein. Tenn wenn sich auch Pfarrer ^arho etwas sehr weit vorgewagt hat, hinter ihm liehen Hunderte von Geistlichen, die nicht mel anberj &enfcn, die aber vielleicht nicht die Bewerfe des Geistes und
der Kraft aufweifen können. ^ ^
Ja. er hat sich weit vorgewagt, das ser unumwunden anerkannt. Wenn er die Gottherrschaft ^eiu lernet. so tun das heute alle freidenkenden Pfarrer. Es ist das Zeichen eines wissenschaftlich denkenden wen sc ien, stzk) Jesu nicht als Gott, sondern als Ätenscheu, als religiösen.Genius vorzustellen, .^atho hat aber o seinen Richtern außerdem erklärt er glaube nicht an einen persönlichen Gott. Das werden wenrg Geistliche so aussprochen. vielleicht auch wenige denken. Ter Glaube an einen persönlichen Gott hat un allgemeinen als sicherstes Zeichen eines Christen gegolten. Und es würde nicht ganz richtig sein, wenn Jatho glauben sollte, daß er in diesem Stucke noch den Glauben^esu hätte. Denn Jesu hat sich Gott lehr perlcmlia, mit Wunderartigem Eingreifen rn dre Welt gedacht. Aber was sind Formulierungen? Professor B aumaarten hat als Verteidiger schon ausgefuhrt, dan Jathos starke Seite nicht dogmatische Darlegungen sind sondern überquellende sortreißende Empfindungen. -Sicher muß auch der Ausdruck Persönlichkeit mindestens auf Gott in ganz anderer Weise angewandt werden als auf uns Menschen. Wir kennen Personen nur in menschlicher Form, und die Gottheit ist sicher, wenn man sie noch als Person bezeichnen will, etwas ganz anderes, als was wir unterPerson verstehen und uns auch nur überhaupt vorstellen können. Es hat darum auch eifrige und hervorragende Christen gegeben, die sich zum Pantheismus bekannt haben. So alle Mystiker. -Und die Mystiker des Mittelalters, Tauler, Suso und vor allem Meister Eckhardt, waren Männer von aller größten Wirkungen. Meister Eckhardt war der hervor ragendste deutsche Theologe vor Luther. Auch Schleiermacher hat man wohl des Pantheismus bezichtigt. In feinen Reden über die Religion finden sich tatsächlich Gedankengänge, die nur pantheistifch zu verstehen find. Äus allen diesen Gründen ergibt sich, daß theologische Formulierungen für den Christen und den Geistlichen erst von zweiter Bedeutung sind. l.. macht Jatho alle Ehre, daß er gerade in seinem Verhör alle Verschleierungen abgelehnt und sich vielleicht noch schärler ausgedrückt bat, als es sonst seine Art ist. Er wollte eben eine grundsätzliche Entscheidung. Tie Hauptsache ist. was leistet ein Pfarrer, gehen von ihm religiöse Wirkungen aus? Und rn der Bezrchung rst Jathos Persönlichkeit über alle Zweifel erhaben. Professor Baumgarten ist selbst anfangs rm Zweifel gewesen, ob Jatho noch auf die Kanzel gehört Aber erbat sich von seiner außerordentlich segensrerchen Wrrk-
samkeit überzeugt. Die Briefe, die er bei der Verhandlung verlas und die Jathos herzerhebende und befreiende Tätigkeit schilderten, haben fast auf alle Anwesenden den allerstärksten Eindruck gemacht. Und das ist doch auch ein altchristlicher Grundsatz: an ihren Früchten sollt ihr sch erkennen. In ernem biblischen Gleichnis wird als einziges Merkmal für den Christen angegeben, was man «getan hat an den Armen, Kranken, Notleidenden.
Daß fast eine ganze Gemeinde hinter Jatho steht, kann auch das Spruchkollegnrm kaum bestreiten. Tue Denunziationen gegen Jatho gingen immer nur von einer einzigen Persönlichkeit aus. Tie Gemeinde hat alles getan, was sie nur konnte, um ihren Pfarrer zu halten. Sie hat erklärt, daß Jatho sausende der Kirche wieder zugeführt und.-aus ihnen geradezu neue Menschen gemacht hat. daß ohne Jatho ihr Gememde- leben den schwersten Erschütterungen ausgesetzt ser. In Cöln gehören zur evangelischen Gesamtgemeinde acht Pfarrer, davon ist außer Jatho uur noch einer liberal. Gibt es also in der Gemeinde Personen, die Jatho nicht mögen, so ist für deren Pflege reichlich gesorgt.
Das aber ist uralter lutherischer Grundsatz, daß über den Geistlichen die Gemeinde zu bestuninen hat Sie soll ihn wählen, sie soll ihn auch absetzen. Das ist selbst in Freikirchen so, wie in Amerika. Wie viel nötiger muß es bei uns in der -staats-.irche sein, wo der Staat mit den Geldern aller Steuerzahler die Kirche unterstützt und verpflichtet ist, für die Gewissensfreiheit einzutreten! Ter Staat kennt kein ^.ogma, und zur Landeskirche gehören allerlei Menschen, auch solche, die ihre Kinder nicht mehr taufen und konfirmieren lassen und selbst nicht mehr getraut sind, solange die -Staatskirche gegen ihre Glieder außerordent- lich tolerant ist, ist es ein Widerspruch, wenn sie von dem Pfarrer einen bestimmten Glauben verlangt, über dessen Jiihalt lediglich ein sehr gesiebtes Zwölfmännerkollegium entscheidet, das vermöge der Art, wie es zustande kommt, in keinem Fall beanspruchen kann, die o'f f e n t l i ch e Meinung innerhalb der evangelischen Kirche darzustellen.
Man kann auch als freidenkender Mensch zugeben, dast es Fälle gibt, wo es richtig ist, daß Geistlicher und Gemeinde sich trennen. Unter der Hand werden heute bereits eine Menge solcher Fälle, die auf persönlichen Konflikten beruhen, erledigt. Man zwingt dabei so gar Geistliche mit schweren persönlichen Mängeln an deren Gemeinden wieder auf. Wir können uns z. B. auch denken, daß Geistliche katholisieren und deshalb liicht mehr in die evangelische Kirche gehören. Aber selbst hier muß in erster Linie das Gemeindeprinzip beachtet werden Die Ge m e i n d e hat zu befinden. Denn für die Gemeinde ist der Geistliche da, nicht für iraend wen, den zufällig Machtverhältnisse an die entscheidende Stelle gebracht haben.
Man muß auf die Urteilsbegründung gespannt sein " Nach welchen Grundsätzen wird man entschieden haben? Ein Dogma gibt es bisher in der evangeli- schen Kirche nicht. Die sogenannten Bekenntnisse sind jahrhundertealt. Selbst die -Orthodoxie richtet sich nicht mehr danach. Jetzt wird man allmählich dre
entscheidungen sammelt. Diese sollen ein neues Kom« oendium der Bekenntnisse abgeben. Ta könnte es frei» lich dann passieren, daß es allmählich zu Heu größten Widersprüchen kommt, und daß später vielleicht einmal die Liberalen mit demselben Recht die Orthodoxen absetzen könnten, wenn sie wollten. Denn es hat oe- kanntlich Zeiten gegeben, wo die ganze Kirche liberal gewesen ist.
Das ist unseres Erachtens auch die A u f g a b e^oe» freier gerichteten Protestantismus, daß er den Fall Jatho benutzt, die Orthodoxie von dem bevorzugten Piedestal herunterzuwerfen, auf das sie keinen Anspruch hat. Die Orthodoxie hat es durch allerlei Wahl- künste und durch die Gleichgültigkeit der jreieren Den- ker verstand-eii, die Synode und das Kirchenregiment völlig zu beherrschen. Hier heißt es, a n d i e A r b e i t! Aus diesem Grunde ist es auch gut, daß Jatho mit seinen Anhängern nicht aus der Kirche a'.lstreten will. Den Orthodoxen wäre das viel lieber. Jatho aber will bleiben und für eine Erneuerung der Kirche tätig sein. Er kommt nicht in Not, er erhalt seine Pension. Ein Fonds, ihm eine reiche Wirksamkeit zu sichern, ist bereits vorhanden. Durch weitere Sammlungen wird er verstärkt werden. Am ganzen Rhein und über ihn hinaus wird man . dem edlen Kämpfer die Türen öffnen, daß er künftig noch viel mehr Leuete erreichen kann als bisher, weil er nicht mehr an den Ort gebunden ist. -Seine Absetzung, wiewohl sie endgültig ist, ist deshalb auch keine Nie- d erläge. So sieht auch Jatho selbst sie nicht an. Seine Augen leuchteten, weil er sich innerlich seinen Richtern gegenüber als der Stärkere fühlte, und erhobenen Hauptes verließ er den Saal.
In der öffentlichen Meinung aber dürfte die Stimmung, die nach Trennung von Staat und K i r ch e ruft, einen starken Aufschwung nehmen. Wenn die Kirche sich zu einer dogmatischen Lehranstalt entwickelt, mag sie unter sich ihre Verhältnis;? ordnen, das sei ihr unbenommen. Aber der undogrnatische neutrale Staat muß dann die Verbindung mit ihr läsen. Das sti ohne jede Voreingenommenheit gesagt.
Pastor a. D. K ö t s ch k e, Berlin.
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Jathos Gruß an seine Kölner Gemeinde In welcher Gemütsverfassung Jatho selber der zweitägigen Verhandlung beigewohnt hat, das geht hervor ans einem Gruß, -den er seiner Cölner Gemeinde in fernen „Gemeiub-ena-chrichten" ans dem Spruchkollegium entbietet. Er lautet: „Wenn -das Blatt den Lesern und Leserinnen rn die Hände kommt, stehe ich vor dem Spruchkollegium m SSetltit mir £Ut (Seite treue Areunbe uub bi£ Menschen, i.i£ meinem Geist am nächsten stehen. Mir gegenüber würdige Männer, zum großen Teil mir unbekannt, welche die Frage lösen sollen, -ob ich noch ferner geeignet sei, meiner Colner Gemeinde zu dienen. In den ganz verhängten Saal dringt nur gedämpftes Licht. Mir aber ist es hell rn der seele, nicht west die Wahrscheinlichkeit eines Freispruchs mir zu groß erschien, sondern weil in dem einen oder anderen Falle mein Empfinden für meine Gemeinde unberührt blerbt von dem Urteil, das man über mich fällen wird. Wir wissen, was wir voneinander haben. Wir hielten uns zwei ^-ahr-
FemÄetom
Aus Kunst und Leben.
Paul Wallot, der Erbauer des Reichstages.
(Zu seinem 70. Geburtstage am 26. Juni 1011.)
Paul Wallot, der berühmte Erbauer des deutschen Reichstag-Gebäudes, feiert heute am 26. Jmn fernen 70. Geburtstag. Da er durch den ersten Bau des Parlaments- g-öbäudes der geeinigten deutschen Staaten sur das gesamte deutsche Volk eine große Bedeutung erlangte, so werden einige Angaben über sein Leben von Interesse fern, zumal diese Angaben zugleich eine Geschichte der Erbauung des Reichstags-Gebäudes in sich schließen. Wallot rst am 26. Juni 1841 zu Oppenheim am Rhein geboren. Nach- dem er seine ersten Studien ans der Gewerbeschule rn Darmstadt gemacht hatte, studierte er vom Jahre 1859 ab auf dem Polytechnikum zu Hannover, nmtm^ahre IdbO vre Berliner Akademie zu beziehen. Rach einem vorübergehendem Aufenthalte in Gießen, wo er die Universität besuchte, zog er wieder nach Berlin, um bei den bedeutendsten Baumeistern Berlins Hitzig, Gropirrs und Lucae seine Studien zu vollenden. In dieser Schule und ans einer Kunstrerse in Italien eignete er sich die Formensprache der Renaysance an Er machte sich bald von Frankfurt ans, wo er seinen Wohnsitz genommen hatte, einen guten Namen, um rm Jahre 1882 mit einem Schlage ein berühmter Mann zu werden, als er bei -dem zweiten Wettbewerb, der um das -deutsche Reichstags-Gebäude ausgeschrieben wurde, den ersten Preis bekam und nach Berlin berns-en wurde, um hier das Denkmal des geeinigten Deutschen Reiches zu
schaffen Den ersten Preis hatte er mit 19 gegen 2 Stimmen bekommen. Das Preisgericht hatte sich also in überwältigender Majorität für seinen Entwurf entschieden. Aber trotzdem sollte ihnr die Ausführung des Baues nicht sehr leicht gemacht werden. Es dürste noch in der Erinnerung sein, daß der Entwurf mehrere Male umgearbeitet werden mußte, da er die Billigung der maßgebenden Faktoren nicht gesunden hatte. Die Geschichte -des Baues des Reichstags-Gebäudes weist soviel Konflikte au, -wie vielleicht keine andere Baug-eschichte. Zum Beweise dafür sei nur die Tatsache mitgeteilt, daß der in dem preisgekrönten Entwurf vorgesehene Eingang am Kömgs- -platz beseitigt wurde, und daß -dafür ein ungeheurer R-ampenausbau geschaffen wurde, der einen Eingang darstellen soll, aber recht unmotiviert ist. Auch das großartige einheitliche Treppenhaus des ursprünglichen Entwurfes ist beseitigt und durch nichts Besseres ersetzt worden. Das größte Aussehen hat schon damals die Geschichte der Kuppel gemacht, die über der Halle angelegt war, aber tatsächlich über dem großen Saal gebaut werden sollte. Die äußere -Fassade hat auch mehrere Umänderungen erlitten, rn die Wallot schweren Herzens und der Not gehorchend ern- williate. Der Bau wurde 1884 begonnen und im ^ayre 1892 eingewetht. Wallol wurde bei der Einweihung zum Geheimen Baurat ernannt. Im Jahre 1894 wurde er zum Professor der Akademie der Küisste in Dresden ernannt. Von anderen bedeutenden Gebäuden, die Wallot zum Urheber haben, sei nur noch das Wohnhaus des-Reichstags- Präsidenten in Berlin erwähnt. W-allot hat naturgemäß viel wohlverdiente Ehrungen in seinem Leben erfahren. Er ist Mitglied vieler gelehrter Körperschaften, so z. B. der Akademien von Berlin, Rom und Petersburg.
— Residenz-Theater. Das Oporetten-Ensemble des Herrn Direktor Norbert-Magdeburg brachte wiederum eine Novität: „Das Puppenmädel" von Leo Fall, und hat damit wiederum einen glänzenden Erfolg erzielt. Das Stück ist einer älteren französischen Komödie nachgebildet und als „Vaudeville" bezeichnet; ein unterhaltsamer, lustiger Sckwank, dem eine reizende Musik erhöhte Anziehung verleiht. Das Puppenmädel ist «ine ganz originelle Figur- ein durchtriebenes, doch im Grunde warmherziges Mädel das seine Puppe als eine Art Schutzgeist mit ins Leiben hiuausnimmt, so daß auch den pikantesten Situationen durch solch harmlose Tändelei die Spitze abgebrochen wird. So kann das Puppenmädel trotz der Flucht nach Paris hier haben die Autoren einen besonders hübschen kleinen „Zug" eingeengt, der lebhaft beklatscht wurde) und trotz des verschwiegenen „Palais im Park Monceau" und trotz ihrer Theater-prinzesstn-Ersolge dennoch zum Schluß ihrem treuen Liebhaber glücklich in die Arme sinken. Für die Interpretation dieses vielgeprüften Pup- penmä-dels Yvette hätte vielleicht noch etwas mehr Charme und Stimme nicht geschadet, doch erfreute auch Frl. G r a s durch ihre Dezente und muntere Wiedergabe: ihr zierliches Couplet „Was sagst denn du, mein Püppchen, dazu" — wurde besonders freundlich ausgenommen. Den jungen Liebhaber Tiborius gab Herr Schorn — ebenso be- lnstigend als schüchterner Freier wie als spanisch ange- seuerter Bonvivant: sein Antrittslied „Ich soll mich verlieben" und das musikalisch reizvolle „Eisenbahn-Duett" mit Yvette fanden mit Recht allgemeinen Beifall. Noch frischere Farbe gewinnt -das Stück im 2. und 3. Akt, wo die Spanierin Rosalila in die Handlung oingreist. Diese . Figur findet schon, ein -Vorbild, und zwar in der Felixsche«
