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Verla« Langßafle 21

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Rr. 278.

Donnerstag, 18. Juni 19!!,

59. Jahrgang»

Morgen - Kusgabe.

1. Matt.

Wegen des Fronleichnamstages erscheint die OchsteTagblatt"-Ausgabe am Frcitagnachmittag.

UnstirnmiZkrileil im Landtag.

Berlin, 13. Juni.

Während die Vertretung des deutschen Volkes bw kur Herbstsession der Ruhe pflegen kann, soll der preußische Landtag schon in den nächsten Wochen die vierte Session seiner 21. Legislaturperiode zu Ende führen. Ihr Verlauf und ihre Ergebnisse hän­gen diesmal noch mehr als von den: an diesem Freitag ^usammentretenden Abgeordnetenhause von dem Gang öex Verhandlungen im Herrenhause ab, da die am hei­ßesten umstrittenen Vorlagen wie das Feuerbe­stattungsgesetz und die beiden Zweckverbandsgejetze, i>as allgemeine und das für Groß-Berlin, die zweite Kammer bereits passiert haben, so daß ihr Schicksal letzt bei denerlauchten und edlen" Mitgliedern der ersten Kammer ruht. Das F e u e r b e st a t t u n g s - gesetz ist im Abgeordnetenhause bekanntlich mit nur ifoei Stimmen Mehrheit gegen den heftigen Wider­stand des Zentrums und eines Teiles der konservativen Kartei durchgesetzt worden. Die noch keineswegs ganz entmutigten Gegner der fakultativen Feuerbestattung schmeichelten sich bisher mit der Hoffnung, daß das Herrenhaus, dem man ja grundsätzliche Oppvsitton liegen die Regierung gewiß nicht nachsagen kann, inso- sern Schwierigkeiten machen werde, als es zu Abände­rungen der Vorlage entschlossen sei. Ta diese alsdann wieder an das Abgeordnetenhaus zurückwandern Müßte, so hätte das bei der knappen Mehrheit und der dorgerückten Zeit leicht mit dem Scheitern des Ge­setzes gleichbedeutend sein können. Nachdem aber jetzt die Justizkommission des Herrenhauses das Feuerbe­stattungsgesetz in der Fassung des Abgeordnetenhauses Angenommen hat, kann jene Gefahr wohl als beseitigt Kelten.

Ein ungünstigeres Geschick droht anscheinend oder angeblich den beiden Zweckverbandsgesetzen. Die Kommission des Herrenhauses hat an den Vor­tagen so viel herumkorrigiert und redigiert, daß sowohl bon den ursprünglichen Regierungsentwürfen wie von den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses ein gut Teil daran hat glauben müssen. Bestätigt das Plenum die Abänderungen seiner Kommission, so würde dadurch zweifellos der Zweck des. Zweckverbandsgesetzes wejeut- tich eingeengt, zum Teil sogar aufgehoben und anderer­seits das ganze Gesetzgebungswerk insbesondere ange­sichts der vorgerückten Zeit in Frage gestellt werden. Db dies vor allem in bezug auf den Entwurf für Eiroß-Berlin mehr Bedauern oder mehr Befriedigung auslösen würde, das ist eine Doktorsrage, die nicht so seicht zu beantworten sein wird.

Nicht weniger unsicher ist das Schicksal des Pflicht- s o r t b i I d u n g s s ch u l g e s e tz e s. dessen weiterer

i. i.ii i« .. ..

Feuilleton.

Nachdruck verboten.)

Heimisches Naturleben.

Skizzen von Walther Schulte vom Brühl.

XV.

Wmrevviirnrchrn.

Etsch! Ich Hab' aber 'ne tote Großmutter, du aber nicht", das war immer der letzte Trumpf, den ein Nach­barskind gegen meine Schwester ausspielte, wenn sie sich bt kindlichen Prahlereien gegenseitig zu überbieten trachte­ten. Und ähnlich ist's oft im Wettbewerb unter Erwachse­ner bei Liebhabereien.Wir haben aber ein Schwalben­nest über einem Schlaffimmcrscnster und einen Stachelbeer­strauch im Garten, der mitten aus der Mauer wächst; gegen >» was können eure sämtlichen Stachelbeersträucher nicht an, und ihr müßt euch das Wunder sehr bald besehen", klang es uns selbstbewußt in einem Brie? aus dem Neckar­tal entgegen. Wir bewunderten dann auch wenige Tage später im sonnigen Doktorsgarten gebührend den beschei­denen Strauch, der, blütenbedeckt und bienennmslogen, aus dem Mäuerchen gegen den Schloßberg hervorschaute. Er war dort nicht die einzige Pflanze, die ihre Natur ver­kehrt hatte mit dem Platz, der dem Keimling angewiesen war. Stachelbeersträuchern ist es gewiß nichtan der Lllege gesungen" worden, aus den Fugen einer steilen Mauer zu sprossen, gleich dem biblischen Mop, dem Kapernstrauch,der an der Wand wachset". Aber zur Er- kaltung der Art paßt sich der Strauch eben den Verhalt-

Behandlung man mit ernster Sorge entgegensetzen muß, da die Fortbildungsschule, deren Ausbciu als eine ernste wirtschaftliche und soziale Notwendigkeit ange­sehen werden muß, leider allgemach zu einem Kamps­objekt der Parteien geworden ist. Die Kommission des Abgeordnetenhauses hat an der Regierungs­vorlage,' die nach Ansicht der in erster Reihe beteiligten Kreise eine durchaus zufriedenstellende Lösung der Frage darstellte, so viele Verschlimmbesserun­gen vorgenommen, daß das Ziel des Gesetzes dadurch nicht nur in Frage gestellt, sondern zugleich der Keim zu tiefgeheuden Differenzen gelegt werden würde. Zahlreiche berufene Standesvertretungen und Berufs- Vereinigungen, wie soeben erst die in Eisenach abge­haltene Jahresversammlung des Deutschen Getoerbe- schulverbcmdes, haben vor allem gegen den 3 0- M i n u t e n - R e l i g i o n s u n t e r r i ch t, der den 6 Unterrichtsstunden der Woche noch abgezwackt wer­den soll, entschieden Einspruch erhoben, und es sollte doch wahrlich auch deii Freunden dieses zwangs­weisen Religionsunterrichtes zu denken geben, daß nicht nur aus. den Kreisen der Lehrer, sondern sogar von etlichen Geistlichen diese Proteste warm unterstützt worden sind.

Wohin der Weq gehen soll, das hat sich mit ver­blüffender Deutlichkeit bei dem Versuch gezeigt, die Fortbildungsschulen bei dieser Gelegenheit aus dem Ressort'des Ministeriums für Handel und Gewerbe herauszunchmen und sie hoffnungsvoll dem für Unter­richts- und ^geistliche .Angelegenheiten zu überantwor­ten., wobei man anscheinend weniger Wert auf die ersteren als auf die letzteren Angelegenheiten legt. Es bleibt abzuwarten, ob das Plenum trotz des Wider­spruches- der Negierung bei dieser bedenklichen Taktik der Kommission verharrt, und man wird in diesem Falle wohl hoffen dürfen, daß die Negierung festbleibt und sich gegen eine solcheFortbildung" der Fort­bildungsschule mit aller Entschiedenheit wehrt. Dem Fortgang dieses Kampfes aber wird man schon des­halb mit besonderem Interesse entgegensetzen müssen, da diese Attacke auf die Fortbildungsschule zugleich eine Attacke aus den Handels- und Gewerbeminisier S y d o w darstellt, dem die Rechte ohnehin gram ist. So kann sich der Kampf um das Pflichtfortbildungs­schulgesetz leicht noch zu einer hochpolitischen Aktion auswachsen, zu einer Aktion, die den preußischen Ministerpräsidenten und deutschen Reichskanzler abermals zur Frontstellung gegen diejenigen Par­teien zwingt, auf die er seine Politik bisher in erster Reihe gestützt hat.

Keffers SammelpölM.

Riesters kraftvolle Schlußrede auf dem Hansatag hat den Erfolg des Tages vollendet; und ^ange­sichts des kleinlichen Nörgelns, des billigen Spotts der konservativen, bündlerischen und ultramontanen Presse kann sich der Hansabund trösten mit der ein­mütigen, ja vielfach geradezu begeisterten. Zustimmung der übrigen Presse, die zweifellos in allererster Linie die erwähnte Rede des Geheimrats Riester ausgelöst

Nissen an, wird eine Mauerpflanze und könnte so manchem deutschen Prosessionisten eine Lehre geben, der selbst in der Not lieber stürbe, als etwas anderes ergriff, als was er ge­rade gelernt hat.

Ja, dieAnpassung", das ist's, was den Fortbestand verbürgt. Und hätte das Stachelbeerkernchen.' als es der Zufall in eine Mauernische bettete, gedacht:Dies ist nicht mein Grund und Boden, hier wurzle ich nicht, nicht ums Verrecken!" so würde meine Tochter kaum die Freude ge­habt .haben, uns gegenüber dies Wunder auszuspielen. Freilich, der Strauch wird unter den ungewohnten Lebens- Verhältnissen wohl ein Kümmerling bleiben, und mit seinen Früchten wird die Besitzerin kaum Staat machen können; aber er lebt doch und freut sich an Luft und Sonne. Und er ist nicht der einzige, der so ans einer Not eine Tugend macht. Gleich oberhalb ragt eine mächtige Stützmauer des Schlosses empor, und wahrhaftig, sie ist besät mit gelben, duftigen Sternen des Löwenzahns, die so herrlich sind, daß man sie in Töpfen kultivieren würde, wären sie nicht so ge­mein bei uns, sondern vornehme Ausländer. Und noch eine ganze Anzahl von Pflanzen wuchern da aus den Mauern, Pflanzen, die von Rechts wegen ganz wo anders bingehörteu und hier ordentliche Mrobatcnkunststücke mit Wurzel und Stengel machen müssen, um sich zu behaupten. Ich stelle bei­spielsweise allein am Doktorsinäuerchm fest: Taubnessel, Erdrauch, Wiesensalbei, Löwenzahn, große Wucherblume, Hundskamille, eine Buche, einige Farne und noch ein halb Dutzend Einjähriger und Stauden, alle mehr oder weniger Verkümmert, aber doch ihres Lebens froh.

Das Dasein dieser unfreiwillig zu Mauerblümchen ge­wordenen Pflanzen baut sich meist auf einem Pfusch auf. Wäre der Mörtel dieser Mauern richtigabgebunden".

hat. Es Ht darum schon der Mühe wert, aus die zweite Rede Riesters zurückzukommen.

Gesunde liberale Grundsätze waren i-s, int Messer verkündete, als er es ablehnte, gegen die Sdaldenrpkratie eure Bolitrk der ^21 u s n & i]int z* maßregeln zu empfehlen; die iLozialdemokrane, die Arbeiterschaft zur Mitarbeit an den siaai- lichen Aufgaben, an der Selbstverwaltung heranzu­ziehen, das dünkt dem Präsidenten des Hansabundes die richtigeSammelpolitik". Damit fetzte er sich in einen eklatanteir Gegensatz nicht irur zur konservativen Scharstnacherpolitik, sondern auch zur Regierung, die sich noch immer nicht von der Angeivohnheit frei machen kamt, die Angehörigen der Sozialdempkratie, soweit es in ihrer Macht steht, von öffentlichen Ämtern tern- zuhalten und die Partei dadurch zu einem festen Brock der Gegnerschaft gegen den Staat und die -Staats­verwaltung zusammenzuschweißen. Mit erfreulicher Deutlichkeit kündigte Messer alsdann die Fortsetzung des Kampfes gegen deit a g r a r d e m a g o g i s ch e n Boykott an. Und nochmals betonte er, daß der Hansabund die Verwirklichung seines Programms des Ausgleichs der wirtschaftlichen Kräfte nicht führen will als politische Partei, die der Hansabund nicht sein kann und nicht sein will. Es ist gut, ivenn unmcr wieder hervorgehoben wird, daß der Hansabund die Existenz der bestehenden politischen Parteien vollauf anerkennt und nicht eine Partei neben oder gar über den Parteien zu sein beabsichtigt. Die Ausrechterhal- .tung dieses Verhältnisses wird am besten geeignet sein, irgendwelche Mißverständnisse im Keim zu ersticken.

Den Rechtsparteien dürste aber wohl der größte Schmerz zugefügt worden sein durch die Erklärung, daß der Hansabund es ablehnc, S t ichwah l p.a r o I e n auszugeben in Fällen, wo die von ihm schon in der Hauptwahl unterstützten Kandidaten nicht in Betracht kommen. Ter Hansabund würde seinem Wesen und seinen Ausgaben direkt widersprechen, wenn er bei einer konservativ-sozialdemokratischen Stichwahl trotz seines Kampfes gegen das Agrariertum nun doch etwa, wie es die Konservativen erwartet hatten, für das Agrarier­tum sich ins Zeug legen würde. Das soll also nicht geschehen, freilich auch nicht das Gegenteil. Mit Recht betonte Messer, daß in solchen Stichwahlen die Par- teien für ihre Angehörigen die ausschlaggebende In­stanz sein müßten. Und die liberalen Parteien wenig­stens werde,! ihre Entscheidung zu treffen haben nach der Lage der durch die Hauptwahlen geschaffenen Par- teikonstellation. Es bleibt zu hoffen, daß die Herren von der Rechten nach einigem Grollen uLd Schmähen, das man ihnen ja gern konzedieren wird! es sich nach diesen runden und netten Erklärungen des Herrn Riester endlich abgewohnen werden, den HansiSünd in ihren Troß ablenken zu wollen.

Prächtig waren die nur allzu nötigen Mahnworte Riesters an diejenigen Leute aus dem Bür.zertum, die eine nervöse Angst haben vor ihrer eigenen Kurage; wir wissen sa alle, daß insbesondere der Liberalismus in den Kleinstädten und aus dem Lande am meisten zu leiden hat unter der Furcht der eigenen Anhänger, die manchmal begründet, vielfach doch aber auch rein

wären Kalk oder Zement nicht gespart und die Ritzen ordent­lich gefugt gewesen, so würden die verwehten Pflanzen- sämlinge kaum Gelegenheit gehabt haben, sich anzusiedeln. Wan .denke doch nur, was es. für einen Löwenzahn heißt, seine milchige, fleischige Wurzel, die sich sonst senkrecht in die weiche Erde bohrt, hier wagerecht in den Mörtel der Ritzen zu treiben. Das Dasein dieser Flora an der Mauer liefert uns -einen Beweis, daß sie sämtlich, wenn nicht direktkalkhold" oderkalkstetig",bodenvag" sind, wie der schöne Fachausdruck für Pflanzen lautet, die mit jeder Bodenart vorlieb nehmen. Wie jener Junge, den man beim Verzehren seines Butterbrots fragt:Wie schmeckt's Kleiner?" antwortete:I freß'^ halt so eint", so können auch sie inbezug aus den mütterlichen Boden sagen. Sonst ist's nicht jedermanns Sache, Kalk zu ver­speisen. Während er vielen Obstsorten direkt zum Ge­deihen notwendig ist, stirbt beispielsweise unsere Edel­kastanie schon eines traurigen Kalkvergiftungsio-dcs, wenn ihr Boden mehr als 3 Prozent dieses schätzenswerten Mine­rals enthält. So mögen denn auch unzählige Sämlinge, die der Wind oder sonst irgend ein Zufall in die Mauer­ritzen trug, schon im ersten Kindheitsalter elend am Kalk umgekommen sein.

Absolut wohl .fühlen sich an der küirstlichen Steilwand die echten Manerpflanzen. Da begrüßen wir einige Klein­farne, so die Mauerraute, die sich sogar auf dem Dom zu Mailand angesiedelt hat und mit ihrer Vetterschast, mit dem braunstieligen Steinfarn und dem Schuppenfarn zu einem Ruinen- und Mauercharakteristikum wurde. Und auch nur durch jahrhunderttausendlange Anpassung, denn ursprünglich lieben alle Farne die Feuchtigkeit und nicht die Trockenheit einer Steinmauer. Viele suchen sich allerdings