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Polttische Abrrstcht«

Die Aeifeprüfrrrrg.

Zur Frage der Reifeprüfung fchreibt dem »B. T." der bekannte bedeutende Pädagoge Professor Wilhelm Rein in Jena: ... ...

„Tie Einrichtung der Abrturtentenprufung u Preußen vor mehr als hundert Jahren bedeutete rn der damaligen Zeit einen großen Fortschrrtt, der Hebung der Gymnasien wesentlich bertrug und ore.en Anstalten zu einer gewissen gleichmäßigen Hohe ihrer Leistungen verhalf. Damit wurde allmählich eme starke Tradition befestigt, auf Grund deren heute von der genannten Prüfling abgesehen werden kann, ohne daß man zu befürchten braucht, daß d.e höheren Schulen in ihren Leistungen zuruckgehen

Im' Gegenteil. Tie Nachteile des Abituriew tenexamens sind heute größer als die Vorteile. Erstere bestehen vor allem in der Nötigung, eme nicht unbeträchtlicbe Quantität positiven Wissens fortwährend präsent zu erhalten. Damit wird aber die Gedächt­nisarbeit in den Vordergrund gerückt; im sprach- unterricht muß besonders auf das Formale em eni- scheidendes Gewicht gelegt werden. Man denke nur daran daß die berüchtigte E xt e m Po r a l t er­wirtschaft, ein Krebsübel unserer höheren: schulen, Um bis in die Oberprima hineinzteht! Demgegenüber treten die Bildungsclemente, die das rnnerper- sönliche Leben der Heranwachsenden ^ugend be­rühren, zurück. Über Gesinnungen kann man inch: examinieren. So wird die Prüfung auf das e r l --- bare Wissen hingedrängt, was vor allem m der Reliqionsprüfung erschreckend zutage tritt. ^

Daher muß die Beseitigung der Jlfiuu« ricntenprüsuug als eine Gesundung des gesamten S ch u l b e t r i e b e s angesehen werden und als eine Befreiung für Lehrer und

^Nicht minder auch für die Schulräte. Auch sw werden die Abschaffirng des Abtturientenexamens atz-

eine Entlastung empfinden und Itebcr durch längere, eingehende Besuche die Pflege der höheren Anstalten in Erziehung und Unterricht sich angelegen sein lassen.

Zu den Lehrerkollegien aber habe man das Ver­trauen daß sie auf Grund mehrjähriger Erfahrungen das Abgangszeugnis der Reise für den einzelnen Schüler auch ohne feierliche staatsaktton festzustellen

vermögen. ^ .. ^ . . ,

Denjenigen Schülern aber, die fich etwa durch Zurückstellung in der Obe r Prüm o benach­teiligt fühlen sollten, gebe nlan bte Möglichkeit, an einer anderen Anstalt, an der zugleich sogenannte Milde zur Abgangsprüfung zugelassen werden, den Versuch zu waaeii, das Zeugnis der Reife zu erlangen.

Professor Wilhelm Retn, Jena.'

Kerttirer Ttzratergefchichte».

L. Berlin, 20. Mai.

Im Modernen Theater, dem früheren Hebbel- Theater, wurde heute Wedekurd» schauspier „x-ic Büchse der Pandora" gegeben. Tie Aunuhrung wurde von der Theatergesellschaft Pan veranstaltet; Ne fand unter seltsamen Begleitumständen statt. Vorsitzender der Gesellschaft ist Paul Casstrer, dessen Zuiammen- stoß mit Herrn v. Jagow vor einigen Monaten wriv- bin Aufsehen erregt hatte, nachdem diese Geschichte in der Halbmonatsschrift „Pan , die im Eassiierichen Verlage erscheint, von Alfred Kerr m dw Offentlichke gebracht worden ivar. Man braucht ledoch nicht au einen Zusammenhang zwischen diesen Vorgängen und der ungewöhnlichen Fürsorge zu denken, mit der st ) die Polizei um die Vorbereitungen zur heutigen Aus­führung und um diese selber bekümmert hat. Vielmehr mochte sich Herr v. Jagow mit bemerkenswert strenger Auffassung von den Pflichten fernes Amts veranlaßt gefühlt haben, seilt polizeilichesAussichtsrecht auch gegen­über einer geschlossenen Gesellschaft mit äußerster Strenge auszuüben, da es sich um ern Handel

das nach seiner Meinung die Grenzen des >schrauchen weit überschreitet. In der „Büchse der Pandora' wühlt der Verfasser in den stinkenden. Pfützen der Unterwelt des Sexuallebens, es ist ent Pandamo- nium des gierigsten, von jeder moralischen Wie gesell­schaftlichen Hemmung losgelösten Trieblebens, uno die beispiellose Kühnheit Wedekmds gipfelt in der Szene in der die Dirne Lulu, nachdem fic beinahe rer den Augen der entsetzten Zuschauer ihr schamloses Handwerk ausgeübt hat von Jack dem Ausschlttzer den Wedekind selber gab, ermordet wird. Herr oon Jügow imn hatte der Theatergesellschaft Pan, deren Veranstaltung er freilich nicht verbieten konnte, Be- dinguno"n auferlegt, wie sie für Theaterausfuhruiigen ickwerlick jemals gestellt worden sind. Znnach-t durfte

keilten Umstände, r über,chreittzp, etwa em TrrttU des Theaters mußte also leer bleiben Ein E , n t r r t t -- nett, durfte nicht erhoben lverdeit. Ferner mutzten die Eintrittskarten auf den Namen ausgestellt wer-

den und den Besuchern wurde zur Pflicht gemacht, sich

mit Legitimationspapieren zu versehen, damit sie unter Umständen der polizeilichen Kontrolle eiitwandssrei standhalten konnten. «odann durste die Gesellschaft Pan vom Dienstag die,er Woche Q.. keine neuen Mitglieder mehr ausnehmen, wobei der Polizeipräsident von der Annahme ausgmg, daß, wer sich jetzt nachträglich als Mitglied anmelde, nur von Interessen der Lüsternheit und Nicht der Kunst ge­leitet stverde, Endlich verlangte die Polizeibehörde daß der heutigen Generalprobe schlechterdings niemand außer den unmittelbar beteiligten Personen berwoynen durfte, und daß die Darsteller nur in Kostümen z-r proben hatteii, damit sich der überwachende höhere Beamte davon überzeugen könne, ob nicht.etwa ein Mitglied in aiistößiger Kleidung auftrete. Es konnte nicht fehlen, daß alle diese strengen Vorschriften und Bürgschaften nun erst recht das Inte re s 1 e de^ Publikums, und zwar nicht bloß der 500, die der Vor­stellung beiwohnen konnten, sondern auch weiterer Schichten erregen mußte. Tie Aufführung der „Pan­dora" wurde somit zu einem Ereignis, dessen lensa- tionelles Trum und Tran geradezu auf die Rechnung der Polizeibehörde kommt, während unter anderen Umständen der Vorgang aus dem Nahmen der vielen theatralischen Experimente, an denen das Bühnenleben Berlins besonders reich ist, kaum ^her- ausgetreten wäre. Wie man auch zu Wedekmds Stua stehen mag, so hat es jedenfalls einen moralischen End­zweck. Es schildert das Laster nicht, um zu ihm zu verlocken, ioiidern um seine Scheußlichkeit a b- sch reckend wirken zu lassen. Daß dies gleichwohl keine Kost für das übliche Theaterpubliklim ist, muß selbstverständlich zugegeben werden, aber die Schwie­rigkeiten, die Herr v. Jagow der Aufführung entgegeu- turmt, machen darum doch einen merkwürdigen Ein- druck, wenn man das in diesem Falle beliebte Ver­halten mit der Duldsamkeit vergleicht, die von der Berliner Polizeibehörde anderen Verfassern und an­deren Stücken erwiesen wird. So geschieht es^ u. a„ daß gegenwärtig im „Trianon-Theater" ein Schwank unter dem Titel „Prinzchen" von Herrn Robert Misch gegeben werden kann, dessen eindeutige Gemeinheit die Entrüstung der gesamten Berliner Kritik erregt hat. Ein solches Stück also darf aufgeführt werden! Mai: weiß nicht, was man dazu sagen soll: vielmehr man weiß es ganz gut und sagt auch das Erforderliche, aber ausgeführt wird „Prinzchen" doch.

Trermmrg von Staat mrd Kirche.

Die „Ausweisung" des Geistlichen Pr. Kaufmann aus^der Erzdiözese Cöln ist noch fortwährend Gegen­stand von Erörterungen. Soweit diese die Kompe­tenz des Erzbischofs zu einer Ausweisung behandeln und einen Eingriff des Erzbischofs in die staatsbürger­lichen Rechte Pr. aufmanns behaupten, wird der Charakter der „Ausweisung", richtiger der Herrn Pr. Kaufmann erteilten Weisung stark verkannt. Die Ver-

Femüeton.

ü’Junun$ö fiter feiucu .Heiligen §eWM".

Die Aufführung des bereits so viel besprochenen Mysterienspiels von Gabriele dAnnunzw steht mmmehr le^ vor Der ..Poet der lateinrschen Rasse , per Schönheit" hat sich in die Einsamkeit eines Versmller Hotels

zurückgezogen, nur von hier aus die letzten P ^Sckatlen In dieser feierlich kunstvollen Natur, in des Sonnenkönigs zu ihm hermederblickt suhlt sich d. u nunzio zu Hause. Stolz hat er gesagt: ^ »

Franzose von Versailles , er fühlt snh ^u-underts

noch n der Sprache und im Geist des großm. tnn Gchpräch

sich'«usd,!>«-,> «an» »

über sein neues Werk, das RaoM wumy im „ Heiligen öfsentlicht, erklärte dAnnunzro, daß ' seinem Stil ver-

aS*i *■

sich wenigstens Bin ^"^prache hat seine

Dieser herMche llnchtete ihm die

Phantasie beflügelt, aus Den ^ t n Der Dichter

tttWtlf^e feine« ®Sf e M«^e6^ ^

drückt seine Gedanken n «neu. w i wilder daher- überstürzender a e ^ie unruhige Lichter auf­brausen «nd seltene uu Sebastian fuhrt er

blrtzen Deme ^Le hrung k ^ 2köe m bent bluten-

b-s tu seine erste wriMche Mythos d>as Bild des

den Jünglinge ur d 'U der ^h ' ^ ^ erschlagenen Gotte,

Mdoms verwandelt l)a , Katasatt

den die Frauen von Btblos ntederiegren^au^e^ ^ ^«cht-

von Ebenholz, m Pu p„ 6 ^ Mysterium ist in jeder

gleiche des Fruhlmg- "Me Glaubens durchglüht.

die Trunkenheit dUchmerzes und des Todes reißen alle Geister bis zu den höchsten Gipfeln des Heldentums empor. Ich habe es mir rricht entgehen lassen, den Moment rn metn Werk su bringen, der vielleicht der gewaltigste »nd der traaiscbste des chrisÄichen Bewußtseins in den ersten Zeiten war-das unerwartete Aufblitzen der Gnade, die j-rhe Er- leuchtrmg, die Plötzliche Bekehrung. Im ersten Akt bekehrt sich eine ganze Familie. Es ist wie eine christliche Umfor­mung der Niobesage. Sie können sich nicht die außerordenb licke Gewalt vorstellen, die von dieser Szene ausgeht. ^ch bin erstaunt, daß die Dichter bisher diesen so reichen und so blühenden Stofs vernachlässigt haben. Seit Corneilles Volveucte" gibt es in der ganzen Literatur keine wahrhafte Traaödie die würdig wäre, zum Himmel der Poesie empor- aeboben 'zu werden. Der zweite Akt meiner Tragödie ent­rollt sich in jener Nacht der Zerstörung und des Schreckens, da Sebastian bei dem römischen Präfekten alle die Gotzen- b-lder zertrümmert, unterstützt von den Eiferern des neuen Klaubens Die Sklaven heulen in ihren Kerkern und emvörcu sich die Menge drängt sich um den Heiligen, L die Kranken zutragend, die um Heilung flehen Alle flehen ihn, der die Götzenbilder zer- LL. n darum an, ihnen das Bild des neuen Gottes ... ,eiacn Aber Sebastian antwortet: „Sein Antlitz ist ver- boraen verhüllt sein ganzer Leib." Und als die Sklaven nnd^di'e Menge weiter drängen, spricht er: „Er hat keinen Körver mehr; er hat kein Blut mehr; er gab seinen Körper i.nd lein Blut hin Kr die Geschöpfe." Die Herzensangst des Sebastian, die Beschwörungen derer, die Gott schauen wollen brechen mit einer so pathetischen Gewalt hervor, daß ick sie nicht ohne Dränen schildern konnte. Und -das ist noch nickt der Höhepunkt, obwohl von diesem Moment an die Melle der Erregung sich nur immer höher hebt ws zum E^rdc bis zur letzten und höchsten musikalischen Entsaliung.

wie auch das Urteil der Kritik und des Publikums über mein Werk sein mag, dessen bin ich sicher, daß jeder in

der Partitur Debussys die göttlichste Quelle der Erhebung erkennen wird. Weil ich dies Musikwerk ermöglicht habe, wird man mir, komme, was kommen mag, verzeihen!"

D'Annunzio hat zu seinem Werke die umfassendsten Studien gemacht; noch immer liegen Bände über Bände in seineul Arbeitszimmer aufgehäuft. Er vertiefte sich in die Mysterienspiele des Mittelalters, aber den eigentlichen Anstoß zur Schöpfung des Werkes gab ihm die Begeg­nung mit der Tänzerin Jda Rubinstem, die ihm als i-deale Fnterpretin seiner Träume erschien. „Und ganz naÄrlich, weil sie französisch sprach und- nicht italienisch, schrieb ich französisch nach dem Stil ihrer Mysterien achtsilbige Verse, vermischt mit alten Formen, Rondels und Vilanellen. übri­gens gibt es noch einen anderen Grund, weshalb ich den „Heiligen Sebastian-" in französischen Rhythmen geschrie­ben habe. Ich habe geglaubt, daß sein Geist, um das Innerste einer Raffe zu erfassen, zu dem geheimnisvollsten seiner Heiligtümer, dem der Spmche, herabsteigen muß." DÄnnunzio hat dem Datcdlande, an das er manch unan­genehme Erinnerung hat, den Rücken gewandt; er will nun in Frankreich leben. Auch darüber sprach er: „Ja, ich bin ein großer Herr von ehedem, ein Florentiiter Seigneur, un­ordentlich und verschwenderisch. Ich lebe, ohne an mein Interesse zu denken, und meine maßlosen Wünsche, meine Begeisterung für das Schöne verstricken mich oft in schlimme Rechenfehler. Mer das macht nichts. Unglück und- Ver­bannung sind gut, notwendig und fruchtbringend. Beson­ders die Verbannung, die die Seele erfrischt. Mein Hans bei Florenz, das mir teuer war, ist jetzt ein toter Ort. Kehrte ich zufällig dahill zurück, so würden sich die Ge­spenster des Vergangenen aus jedem Schatten aufrecken und mir an die Brust springen. Ich fliehe, um nicht zu ersticken. Ach, Luft, Raum, neue Länder, wo die Seele wieder ausblüht und das Leben vor unbekannten Hori­zonten von neuem ansängt. Scheu Sie, sich erneuern ist für mich alles: sich erneuern oder stexven'," jQ> L