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w -. Sonntage ai. Mai »11«
Morgen - Ausgabe.
1. Wkcrtt.
Deutschland und Österreich-Ungarn.
Ein Moment scheint uns beachtenswert: die Kundgebungen, mit denen die Politik des Donaureichs in der Marokkofrage einen deutlicheil Trennungsstrich zwischen sich und uns zieht, kommen sämtlich aus Wien, Und bisher wenigstens ist keine parallele Äußerung aus 'Budapest hergedrungen. . Was nicht ist, kann freilich noch werden, aber es will doch beachtet sein, daß bis zur Stunde nur die Wiener Offiziösen erklärt haben, die deutschen Marokko-Interessen gingen das verkündete Reich nichts an. Diese Erklärung ist inhaltlich dieselbe, ob ste von der „Sonn- und Montags- Leitung" grob und gemein oder vom „Fremdenblatt »nit gesellschaftlicher Korrektheit ausgesprochen wird. Warum mag man in Budapest wohl. schweigen? Vielleicht hat man dort eine instinktive Witterung dafür, daß die in Wien geführte Sprache eine getmsse Re,o- nanz enthält, von der man den Eindruck bekommt, daß sie eine klerikal-feudale Toufärbung aufwerse. . nN Wien mag mancherlei Vorgehen, mag mancherlei steh vorbereiten, worauf wir sorgfältig acht zu geben haben. Ein Detail beispielAveise, das mit den Marokko- Problemen freilich gar nichts zu tun und das wir gwutz- wohl in diesem Zusammenhänge nicht übersetzen wollen und nicht übergehen dürfen, wird gerade jetzt von dorr (jenxclbßt, fofite nocf} ctu§btüc£Iid) öcitciuf
stoßen werden, daß sich Zeiten und Menschen wandeln können, daß das Morgen nicht dem Heute zu gleichen braucht. Es wird berichtet, daß die österreichischen Schützenvereine eine gemeinsame Fahrt 'nach Rom zu den Jubiläumsfestlichkelten unternehmen wollen, daß der Kaiser den Vorsitzenden des Komitees, den Grafen Trautsmannsdorsf. empfangen und ihm seine Befriedigung über den Plan ausgesprochen habe, daß der Plan aber doch nicht ausgeführt werden soll, weil der Erzherzog-Thronfolger die Meinung vertreten habe, der Papst könne sich durch den Besuch der österreichischen Schützenvereine in Rom oelerdigt fühlen. Man steht, »velche Rücksichteii der neue oder vielmehr alte klerikale Geist im Tonaureiche auf die Gefühle des Vatikans nimnit, unb man weiß, dag Erzherzog Franz Ferdinand ein gar sehr ilerlka.er Herr, ist,' der sich über die Zukunft und iiber die Rolle, die er selber nach seiner Thrpnbesteigung spielen will, ersichtlich seine eigene Gedanken niacht, ehrgeizige, heimliche, mit unseren Interessen schwerlich durchweg zu vereinbarende Gedanken. Wie groß ist die Liebe des künftigen Kaisers zu uns, zum Deutschen Reich und zum Bündnis tritt uns? Wir fragen nicht, um eine Antwort zu bekommen, wir können sie uns selber geben. Kaiser Wilhelm wird seine guten Gründe gehabt haben und noch haben, den Thronfolger mit ausgesuchter Freundlichkeit zu behandeln, aber ob die Grund-
stimmungen dadurch verändert werden können? .Jedenfalls haben wir damit zu rechnen, daß eure vielleicht nahe Zukunft Überraschungen bringen wird Von diesen Dingen wird ja nicht viel gesprochen, aber sie wirken im Untergründe, und sie mögen auch die Emp- indunael! der Ungarn beherrschen, die in einer Erstarrung des österreichischen Klerikalismus. mit Recht eine der größten Gefahren für ihr Land erblicken. Von den Ungarn erivartet niemand bei uns, daß sie sich für die deutsche Marokko-Politik begeistern sollen, aber ein begreifliches Mißtrauen gegen gewisse Strömungen in Wien legt ihnen vorsichtiges Verhalten
nQl, Arutoitd>en hat man sich überzeugen können, daß die Sonn- und Montagszeitung" gleichwertige Gesellschaft im Nachbarreiche Junten fort. Ech Lem- berger Polenblatt, das als Sprachrohr des Eisenbahn Ministers Glombinskr gilt, ließ. sich aus Wien einen Artikel schreiben, der an hämischer Gehässigkeit gegen uns würdig mit der erstgenannten Zeituna konkurrieren kann. Auffallenderweise ist dieser vom 14 Mai datierte Artikel geschrieben worden, bevor die „Sonn- und Montagszeitung" ihren Schmutzkübel gegen uns geschwenkt hatte Der journalistische Adlatus des Ministers Glombinski muß also gewußt haben, wie die. Stimmung tu oftermcfyif'drjen 81eo[i6txinc|§ft6tfcix unb ßud) tut wärtigen Stint ist. Aber warum sich überhaupt so lange' bei den Offiziösen zweiter und dritter Garnitur aufhalten, da das „Fremdenblatt , obwohl selbstverständlich im anständigen Tone, materiell dasselbe lagt wie die Mitläufer! Kein Zweifel, wir haben es bei dem Abrücken der österreichisch-ungarischen Politik von uns in der Marokko-Frage mit einem schwerwiegenden Ereignis zu tun, und was den Vorgang noch wichtiger macht, ist gerade der Umstand, daß er 'sich mit Tendenzen einer veränderten inner- politischen Richtung im Nachbarlande verknüpft. Stoch einmal — man wird cs aber in Zukunft noch öfter sagen müssen — wir haben reichlichen Anlaß, sorgsam acht zu geben.
Die Politik der Woche.
Ändern sich die Menschen oder die Zeiten oder jene mit" diesen 2 Diese so schwer zu beantwortende Frage möchte man immer aufwerfen. Wer sich der allgemeinen Bestürzung und Trauer erinnert, mit der wir vor drei Jahren die erste Zeppelin-Katastrophe auj- aenommen^haben, der wird den verhältnismäßigen G eickmu erstaunlich finden, den die ösfeniliche Meinung gegenüber der Havarie des Passagierluft- Ets Deutschland" an den Tag legt. Woran das liegt? Vielleicht haben wir, uns an den Gedanken aewöbnt daß der Kamps um die Eroberung der Luft nun einmal schwere Opfer kostet. Wir bedauern diese ^vier die leider vielfach nicht nur Opfer an Gut. sondern auch an Blut sind. Wir möchten auch wi^-
schen, daß mwl, wie es auj meiern r s A-
schielst, der reine Sportehrgeiz den Triumph der Teä-- nik verdränge Aber den im Grunde doch großen und erhebenden Kampf um diesen, wenn mau so sagen darf, neuen Weltteil möchten wir doch nicht misten ,
Minder erhebend und dabei leider auch..nicht frei von Havarien und Katastrophen sind die Kampfe, die zurzeit im deutschen Reichstag ausgefochten. werden. Von der Reichsversicherungsordnung.freilich, die so lange unter ungünstigem. Winde lavierte, hosst man jetzt, daß sie, nachdem die Sozialdemokratie von Obstruktionsversuchen Abstand genommen hat, noffi vor Pfingsten glücklich landen werde. Weit ungewst'er aber ist das Schicksal der elsaß-lothringischen Ver- fassungsreform, die schon bei den Verhandlungen m der Kommission und hinter den Kulissen so manche Havarie erlitten und so manche Reparatur notwAidig gemacht bat. Welches endgültige Ergebnis diese Flickarbeit haben wird, steht dahin, denn man soll den Tag nicht vor dem Abend und einen Gesetzentwurf nicht vor deni Plenum loben — aber auch nicht tadeln.
Allerlei Unstimmigkeiten sind nicht nur auf. dem Gebiete der inneren, sondern auch auf dem der äußeren Politik zu verzeichnen, wo die Marok ko° Frage denjenigen, die gern tm trüben sstchen, günstige Gelegenheit für dies unschöne Handwerk bietet. Freilich der Artikel der „Wiener Sonn- und Montags- zeituug", der Mißtrauen zwischen der deutschen und der österreichischen Regierung. zu säen bemüht war, stellt kein Meisterstück, sondern nur eine Lehrlmgs- pfuscherarbeit dar. Trotzdem ist es erfreulich, daß das Wiener Fremdenblatt", das Organ des Auswärtigen Amtes, jenen Vorstoß mit so rückhaltsloser Entschiedenheit als das gekennzeichnet hat, was es ist, als Unge- rehvtttjsiteit unb UitterfteHurtcjen, bic tucEjt iLt* achtung, sondern Verachtung verdienen. .
Ob' die Auslassung der „Rossja", die anscheinend die deutsch-russische Verständigung als üLauschobjekt für die Nachgiebigkeit Deutschlands in Marokko behandeln möchte, ebenso belanglos ist, mag dahingestellt sein, denn die Wege der russischen Politik sind noch immer undurchsichtig gewesen. Zwar ist in Deutschland der freundliche Empfang, der dem K r o n pr r n z e n p a a.r am Zarenhofe zuteil geworden ist, mit Befriedigung" verzeichnet worden, aber wir stehen. diesen Feststimmungen nüchterner gegenüber, und dre Bismarck- sche Einschätzung der Fürstenvisiten hat heute allgemeine Geltung. .
Auch für den Be 1 uch de s d eu t s chen K ais er-
paares in England! Zwar ist auch dort der Empfang ein warmer und freundlicher gewesen, nicht bloß bei Hofe, sondern auch seitens der überwiegenden Mehrheit "der engl.ischen Presse. Auch hat man gern davon Kenntnis genommen, daß der Kaiser selbst von diesem Besuch „die glücklichsten Folgen für die Beziehungen zwischen den beiden Ländern und den beiden Herrschern" erhofft. Aber es ist doch einmal ausgefallen, wie geflissentlich von englischer Seite der private Charakter des Kaiserbesuches betont »vird, und
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Liebesschwüre . . .
Skizze von Mn« Le Ceur.
(Autorisierte Übersetzung von Gutii Alse n.)
Wie tranig ist die Vergangenheit, wenn uns die Erinnerung an sic heimsucht. Plötzlich wird uns klar, w lang der zurückgelegte Weg ist, wie kurz der noch zu wandelnde. Und man murmelt: „Wie die Zeit entflieht.
Man möchte eine einzige Stunde, ja. nur noch eine winzige Stunde jener verschwundenen schönen, ncvcn Ze wieder durchleben. Doch niemals, — niemals findet man die gleichen Eindrücke, die gleichen Tatsachen, ^J. Menschen von einst, - niemals . ... Man kmmte bemah sagen, daß, wenn wir altern, die eine Halste unserer seere bereits tot ist. Wir haben alle bei den ersten grauen Haaren, die wir auf unserem Kopf entdecken, dasselbe empfu
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Bei mir war es eine Begegnung, E unerwartetes Zn- sammentrcsfen, das in mir diese unheilbare EnchflUdung
von Schwermut und Bedauern hervornef. M« F ^ mein T Schleichen und ich schritten aus Eorniche dahin, der einen zur Ruhe. K-r RergesstuY^ zur Liebe und zum Träumen geschaffenen Garten Mceresstrand durchkreuzt.
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strahlenden Zweigen aus, als »b sie oic
Armen trüge Sie war elegant, zart, vornehm. Ihr sckwerer von Natur rotblonder Haarwuchs ließ ihr Gesicht in einem Feuerschein leuchtenj, schien ihr Blut durch dre Hant hindurch zu durchglühen. Welch' wunderschöne Frau
^^^Eines"E?es »vollie ich mich für sie töten. Heute lächle M, darüber^ Denn ach! ich habe das Alter, das glücklich- Mer ist dem man sich uoch töten will, längst überschritten, w+c mir nicht nur eine Locke, sondern eine ganze ihres roten Evahaares geschenkt. Und wir hatten aeMworm uns ewig anzubeten. Wie seltsam! Man weiß ww eitel dieses Versprechen ewiger Liebe ist, und gibt cs baw stets von neuem, glaubt jedesmal von neuem daran, troü aller früheren, längst gebrochenen Eide. Und wie elend muß unser Dasein, wie mächtig unser Bedürfnis nach ßuneignng sein, daß wir dabei beharren, uns gegenseitig unanküörlich mit denselben trügerischen Worten zu locken.
' Solwe Gedanken hatte ich auf diesem Spaziergang neben meiner nichtsahnenden Frau. Ich dachte an meine erste Geliebte, an meine erste Jugend . . . Wie sehr solche Gedanken uns zuweilen, selbst wenn man sich liebt, von einander trennen. . - Und ich fragte mich: „Wo mag sie beute wohnen, jene schöne GrLcc?" Als ich sie kannte, war sie sünfunddreißig oder schon vierzig Jahre alt;. - kann man das denn bei jungausfehenden Frauen wissen? — sTürroirht ist sie bereits eine kleine alte Dame; elegant, ge> vsleot traurig und freundlich, und wohnt in einer gcrämm- aen"Wohnung auf irgend einem in der Provinz gelegenen Rwdtvlaü auf dem ein Springbrunnen mit steinernem ILen oder die Statue eines großen Mannes steht. .
©eitter von den Einwohnern kennt die Geschichte dieser fremden Frau. Die Männer sagen: „Sie muß einmal sehr E gewesen sein»; die Frauen: „Sie muß leichtsinnig gewesen sein»; und der Pfarrer: „Das ist eine sehr.gute __ Oder vielleicht ruht sie auch schon aus e.nem
Kirchhof der Riviera, in jener heißen Sonne, die sie so sehr liebte.
Mein Töchterchen, das Durst hatte, unterbrach die Träumerei Wir begannen alle drei einen Ort zu suchen, an dem man seinen Durst stillen könnte. Ich bemerkte auch bald ein kleines, sauberes, freundliches, vlumenumranktes Caf6 am Siraßenrand. Älls Mutter und Kind getrunken hatten, streiften sie ein wenig in dem Gärtchen des Cafes umher Ich bliöb mit dem auswaftendenMädchen und der Wirtin, einer alten, weißhaarigen Dame, die sehr würdig und ehrbar aussah, allein.
Ganz bestimmt hatte ich diese alte Dame schon irgendwo gesehen. Aber wo? Wo? ... Ich sann und sah die Dame an, die mir immer bekannter vorkam, und plötzlich, als sie mich fragte, ob ich nicht Herr Paul GSraldy sei, er- kannte ich sie.
„GrLce!»
Sie lächelte mit traurigem Kopfnicken.
„Ja, ich bin's!»
Ja, sie war es wahrhaftig, die hübsche GrLce! Die schöne, kokette, sinnliche GrLce. Würdige Caföwirtin am Rand einer Landstraße der Provence. . .
Wir sahen uns gegenseitig an, ohne zu sprechen, von Erinnerungen bedrückt. Aber plötzlich nahm ste das Gespräch mit gespielter Lustigkeit wieder auf.
„Sie sind stark geworden» Paul. Sie waren damals so mager. Auch ich habe mich verändert, nicht wahr, mein armer Freund?"
Ich erwiderte mit nichtssagender Höflichkeit:
„Nicht doch, nicht doch, gar nicht so sehr!"
„O ja, ich weiß es . . . Jetzt in meinem Alter, Si« Legreisen, — da ist es mir ganz gleichgültig. Ist die jnyge Dame Ihre Frau?»
«Ja!'
