»erlag Sanggaff« 21
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Sonntag, 14. Mar 19is.
59. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
,_1. Wtcrtt.
Frauentum und Mode.
Eine Sonntagsbetrachtung.
Sonntag ist's und blühender Mai, und gerade war der .Kaiser da. Kein Wunder, daß sich Wiesbaden lchmückte wie eine schöne Frau. Den schönsten Schmuck
ent'te ihr freilich die Natur, die ewige Zugend: nicht die steifen Fahnenmasten auf der Wilhelmstraße.
. Nim mag's erlaubt sein, da wir unser Wiesbaden ernmal niit einer geputzten Frau verglichen, ein wenig bei der Frau überhaupt zu verweilen, und zwar in der Lpezialausgabe Dame und mit Hinsicht aus die heutige ^dode. _ Wir wissen im voraus, daß wir damit sehr unvorsichtig sind und in Brennessetn greifen. Abex'über -Schriftstellerfinger wächst eine Hornhaut. Wir haben auch den Mut, ungalant Zu sein, wenn's nötig ist, und ganz besonders dann, wenn's im Interesse der wirklichen Wertschätzung der Frau liegt, können wir aus unserem männlichen grauenideal heraus sogar grob werden.
Unter uns sei das gesagt, heut machen wir's noch glimpflich.
Hat man schon darüber nachgedacht, so möchte man angesichts der heutigen Frauenmode fragen, daß in der Mode der Mensch seine Photographie überreicht? Er gibt damit dem urteilenden Beschauer den Gradmesser seiner Persönlichkeit ab, was er für eine Sorte Mensch ist. Es ist geradeso, wie bei dein Ladeninhaber das Schaufenster, und noch ein bißchen mehr. Denn der Ladeninhaber will zuerst verkaufen, und der Mensch in seiner.Mode will darüber hinaus auch noch etwas s ein. Und ube., sehr Übel ist's, lvenn er sich dailtl unbewußt lächerlich maast, wenn der .Mensch in seiner äußereil Aufmachung und Behelligung einherstolziert als letzte Kulturerrungeilschast und weiß nickt, daß er sich schlimmer zugerichtet hat, als ginge er im allerältesten Werktagskleid. Tenn das hieße nicht schlimm zugerichtet, wenn das Werktagskleid in seinein Verbrauch von ehrlicher Arbeit zeugt wie bei dem Soldaten die Felddienst- unisorm.
Die heurige Mode aber, der Hunipel- und Hosenrock verschandelt die Frau; und der Strohhut müht sich, in seiner bunten strohernen Ausspitzung bis zur Narrenkappe, das Seine zu tun.
Meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, reden wir nunmehr von der Mode als einer tiefernsten Offen- barung des menschlichen Zeitgeistes. Was sagen wir heutige Menschen von den vorigen Modetorheiten? Wir lachen darüber, und die Nachkommen werden über die heutige Mode lachen. Nur der Menschenfreund wird nicht lachen, wenn er ein Frauenideal hat, sondern grimmig werden und auf den Tisch schlagen. Was betont denn die heutige Mode als die Hauptsache an der Frau? Ist das die weibliche Wohlgestalt, die auf Stöckelschuhen und mit gefesselten Knöcheln ans uns zuwandelt? Oder ist's vielmehr nicht so, daß die edle schöpferische Linie des schöneren Geschlechts nicht wieder
zu erkennen ist an dieser steifen Puppe, die hölzern vor beistöckert als eornmeilkaut?
Ist die Frau eine Sensation für den Mann in einer Laune?
Warum lassen unsere Frauen sich das gefallen, daß man sie an der Hand unserer heutigen Mode so gering einschätzt, als hätten sie nichts Besseres als das? Es gibt auch eine Sittlichkeit der Mode, eine Frauenehre, die sich in ihrer Kleidung äußert, was sie sein will im Auge der Männer.
„Diese modernste Modetorheit ist im Auge ernster Männer — eine Diskreditierung der Frau!
Sollte es hart klingen, klinge es hart. Aber die Folgen zeigen sich als schwere soziale Not. Die moderne Ehescheu der Männer mag hundert verwerfliche Gründe haben bei unseren hartgesottenen Junggesellen. Aber andererseits überlegt sich's einer auch hundertmal, ob er nrit semand, der sich so vetschimpfieren läßt, lebens lang zusammen sein will als Mitmensch.
Denn als Mitmensch, als Kanrerad, als gütige Hand, die ihm den Mutterplatz wieder gewinnen hilft, wünscht sich der ernsthafte Mann die Frau, nicht aber als „Weibchen".
Ein Doppeltes ist freilich gerechterweise zu sagen. Einmal, daß der Mann übergroße -schuld hat an der Modetorheit der Frau, denn die Frauenmade ist im -Spiegel gemacht, im Hinblick auf das Gefallen beim Manne. Der Mann in seiner Gesamtheit hat keineswegs ein Recht, über Frauenmode zu schelten. Er vcr- dient's nicht besser.
Und das zweite? Es wird besser in der Frauenwelt. Man nimmt sich als Mensch ernsthafter und erfaßt einen Beruf. Man wischt nicht bloß -Staub und steht traumend vorm Spiegel und wartet im Tanzsaal auf das beglückende Winken der Männerhand, die men nicgt einmal darauf ansehen darf, vb unter den weißen Glacäs saubere Finger sind. —
©§ ist Mai; .junges Laub weht im Sonnenwind. Wollen Itnr mast endlich auch Natur werden —- Menschen! Fritz Philipp-.
Aas marokkanische Labyrinth.
s. Paris, 12. Mai.
Nochefort bleibt noch immer, wenn er sich der persönlichen Angreifereien enthält, in seinen trotz seines hohen Alters mit bewunderungswerter Regelmäßigkeit täglich erscheinenden kaustischen Betrachtungen der Beobachter, der den Nagel auf den Kopf trifft. Er wettet nun uni jeden beliebigen Betrag, daß von zehn Personen, die man auf der Straße in Paris und in der Provinz um ihre Meinung über die Zustände in Fez und die Zukunft Marokkos ausfragen wollte, neun mindestens die den höchsten Grad der Gleichgültigkeit ausdrückende Antwort geben würden: „Je m’en bat l’oeil." Der alte Pamphletist würde diese Wette sicher gewinnen. Trotz aller geschickt zugeschnittenen Alarni- meldungen aus dem Scherifenreiche, trotz aller einphat!- schen Hinweise auf die „marokkanischen Nolwendin- keiten" für Frankreich wegen feines nordafrikanischeil Kolonialreiches, trotz der mit unermüdlichem Eifer
wiederholten Versicherungen, Frankreich schulde es seiner Ehre und seiner Machtstellung, Ordnung in der Nordwestecks Afrikas zu schaffen, da sonst andere nebeu- buhlerische Mächte diese Polizei- und Gendarmerie- Rolle übernehmen würden, trotz der Beteuerungen, die Republik halte sich mit ihrem Vorgehen im Rahmeii der Akte von Algeciras und besonders des deutsch-französischen Abkommens von 1909, dessen Text mit Vorliebe in fetten Lettern den französischen Lesern eingebläut Wird, bleiben die Massen k ü h l bis ans Herz hinan. Sie wollen absolut nicht erkennen, daß für Frankreich in Marokko etwas Ersprießliches zu holen wäre, ain wenigsten „gloire".
r aber die Kolonial- und Geschäftspolitiker in, schonen ^ Bunde mit Revancheträumern und „Camelots du roi nichts zu erreichen vermögen, erzielen die ruhige n und sachlichen Klarsteller des Sachbestandes langsame, aber sichere Erfolge Man lrest mehr als je die „Humanitä" und die „Action", in denen Jaurös, der ehemalige Bautenminister Puech und Henry Bsrenger vor den gefährlichen Abenteuern warnen, in die man Frankreich hineinzureißen im Zuge ijr. -scharfe Zweifel werden darüber bekundet, ob der Vormarsch auf Fez init den Abmachungen von Algc- ciras und den später zur Ergänzung mit dem Deutschen Reich getroffenen Abmachungen auch wirklich überein- stimmt. Die stärkste Empörung ricktet sich aber gegen die beabsichtigt erscheinenden „Unklarheiten" der gan- zen Lage, gegen das Herumziehen der Meinung an der Nase. Das Scherifenreich wird ein Labyrinth genannt, m das man ungezählte Opfer schicke, um sie dem Minotaurus, der unersättlichen Bande der Kolonial- po.iffker, vorzuwerfen. Und man verlangt nach einem sheseus, der das Ungeheuer zermalme, und nach einer Urradne, um den Faden zu erhalten, der aus denk furchtbaren Irrgarten herausleiten könnte.
. Mit vielen teile ich die Überzeugung, daß wir einer innerfranzosischen Marokko - Kr i s e entgegengehen, die gewaltig in dem bisherigen Regierungs- und Volksvertreter-Personal aufräumen dürfte. Mit der Ablenkung des garenden Volkszorns nach außen auf lf£n ICn nÄ Deutschland wird man schwerlich Glück fci F bPeichnend, daß schon von republikanischen, nicht lozialistischen Zeitungen eine neue mV ^krrnationalisie r u n g" '■
Marokko-AngelegenW'it verfingt wird. Darin glaubr ! ' mn den Auadnefaden zu finden. Das hätten sich die Kolomalausbeuter und Moire-Trompeter gewiß nickt träumen lasse,;. Man versteht ihr Entsetzen, sie fühlen daß die stunde der Abrechnung doch recht bald herankommen konnte.
Deutsches Deich.
* Des Reichskanzlers Arbeitsplan. Wie im Reichstage ■*“***' Reichskanzler den Wunsch geäußert, die elsaß-lotynngische Versaßungsvorlage nach der Erlediquna der Rcichsversicherungsordnung zur zweiten Beratung in der Vollversammlung zu stellen, da er den Wunsch hegt di- Aorlage noch vor der Sommertagung verabschiedet zu sehen. Auf eine weitere Beratung im Ausschuß legt die Regierung keinen Wert mehr. Die Regierung hält cs
FemlieLmr.
(Nachdruck verboten.)
Der LSbenZreLLer.
Von Bertha Freifrau von Nauendorf.
Aus der Terrasse des eleganten Hotels hatte sich eine internationale Gesellschaft zusammengesunden. Die „schöne Witwe", wie man sie allgemein nannte, Frau Hellwangcn, lachte perlend auf.
„Denken Sie nur", rief sie ihreni Nachbarn in ihrer lebhaften Art zu, „was mir meine Freundin schreibt! Sie teilt mir den Tod ihres Hundes mit, als handle es sich um einen Menschen Von der Bahn ist er ihr überfahren worden, und sie bchaupiet, noch immer sein Schmerzgeheul in den Ohren zu haben. Sein Tod gehe ihr so nahe, daß sie - inan sollte es doch Wirklich nicht für möglich halten —,
daß sie eine Gesellschaft abgesagt habe-" und wieder
ertönte das perlende Lachen.
Der alte Herr an ihrer Seite zuckte zusammen, sein bräunliches Gesicht war blaß geworden. „Ich verstehe nicht, wie Sic übe'- so etwas lachen können", sagte er ernst, „für so herzlos hätte ich sic nun doch nicht gehalten."
Der letzte Satz sollte wohl scherzhaft klingen, eine leise Anspielung auf ihre Sprödigkeit ihm gegenüber, aber es dar ei,, mißglückter Scherz. Die Worte klangen streng und schwer.
^ „Ach, gehen Sie. Signor Stecchi«, schmollte die schöne Stau. „Huh was für ernste Augen. Ich bitte Sre, sich so anLusiellen wegen eines Köters. Und wenn Sie erst sehen
könnten, wie häßlich das Vieh ist, respektive war. ich vergaß ja, daß wir von einem teuren Entschlafenen sprechen."
Unter den ernsten Blicken Paolo Stccchis klang das Lachen doch etwas unsicher.
„Bitte, caro amico, nicht böse sein, es ist ja doch nur ein Hund." Mit reizender Schelmerei und Koketterie streckte ihm die schöne Frau bittend die Hand entgegen. Aber Signor Stecchi schien die kleine Hand zu übersehen'.
„Rur ein Hund", wiederholte er. „nur ein Hund und doch", fuhr er langsam und eindringlich fort, „verdanke ich es einem Hund, daß ich noch heute als geachteter Mann unter ihnen sitze."
Paolo Stecchi sah die schöne Blondine fast feindselig an.
In der Gesellschaft war cs längst ein -offenes Geheimnis, daß Signor Siecchi um Frau Hellwangen warb, und man erwartete täglich, daß beide sich als Brautpaar empfehlen würden. Das wäre ein würdiger Abschluß für die gelungene Saison gewesen. Am meisten hofft» und wünschte es die blonde Witwe selbst, daß der Italiener sich erklären möge, wenn sie es ihm auch nicht verriet. Durch kluge Berechnung, absichtliche Kälte, die mit katzenhaster Schmiegsamkeit abwechselte, hatte sie es verstanden, das Herz des alternden Mannes in lodernden Brand zu setzen. Und das wollte sie, denn sie brauchte — — sein Geld. Aber sie wollte ihn sesthalien, wollte ihn mit dem Band der Ehe unzerreißbar an sich schmieden. Er war alt, über 69 Jahre, und sic 23.
Na, also, das Nechenexempel mußte doch stimmen, nach menschlicher Berechnung. ....
^o sah es im Herzen der schönen Witwe aus.
In dem kleinen Kreise war die leise Verstimmung, die zwischen Beiden herrschte, bemerkt worden, und um über die Situation hinwegzugleiten, rief , ein dicker Russe: O
ich bitte serr, Sie wollen uns nicht errzällen?" " '
Paolo Stecchi entzündete erst stillschweigend eine Zigarre, und als er alle Augen erwartungsvoll auf sich ge- richtct sah, fing er an zu sprechen: „Also, wenn es Sie interessiert, ich will Ihnen allen die Geschichte sehr'gerne erzählen. Ich wußte nicht, daß ich eines Tages eine große Erbschaft antreten sollte, die mich zu dem machte, was ich heute bin: reich und unabhängig. Durch verschiedene unvorhergesehene Todesfälle kan- die Erbschaft an mich aber das nur so nebenbei, das hat mit der Sache nicht viel zu tun.
Vor 35 Jahren hatte ich nur einen, ehrlichen Namen sehr viel guten Willen, eine Frau und- drei Kinder und fine verantwortungsreiche, aber sehr schlecht bezahlte staatliche Anstellung. Am Ende eines joden Monats rnußte ich den Unterboamtcn die Löhne auszahlen; cs waren im ganzen 20 000 Lire. Die Sun,me bekam ich immer einige Tage tnt voraus cingehändigt. Das viele Geld machte mir aucy viele Sorgen. Kein Platz im Hause kein Safe war mir sicher genug. Und trotz 'der Warnungen meine.. Freunde, der Bitten meiner Frau trug ich das Geld stets bei mir in einer ledernen Brieftasche.
Ich war schon damals ein leidenschaftlicher Jäger und ging auf die Jagd, wenn es das Wetter für den Weidmann nur irgend zuließ. An einen, herrlichen Sommertaae zog ich wieder hinaus: wie ein Schuljunge freute ich mich ^eni einen srercn Tag. Es war Ende des Monats ^ dadA.ch auch wieder die Brieftasche mit wohlgemhlien 20 000 Lire der n„r trug. Ich wollte Bekassinen schießen von denen es dort - ich stand in Reggio Calabria - ^
