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Nr. 817.
Mittwoch, 1«. Mai 1911.
59. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
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Diamanten in Deutschostasrika.
Es ist kein Ding unmöglich. Warum soll es schließlich nicht auch in Deutschostasrika Diamanten gebend Tie „Teutsch-Ostasrikanijche Rundschau" bringt, >ore wir schon erwähnten, die überraschende Nachricht, daß in der Nähe von Bagamoso Diamanten gesunden worden sein sollen. Daß man eine solche Nachricht mit größter Vorsicht aufzunehmen hat. scheint zwar selbstverständlich, in Wirklichkeit übt aber eine Nachricht, die auch noch so entfernt, nur die Möglichkeit solcher Funde eröffnet, auf weite Kreise nicht nur, erregend, sondern bringt sie alsbald in fieberhafte Aktion. Das Heer der Glücksjäger, die aus irgend- einer günstigen Konjunktur, ohne sich viel anzustrengen, möglichst viel Nutzen herausziehen wollen, ist heute übergroß und lauert ganz systematisch auf jede Gelegenheit, eine Chance zu erhaschen, so wie die Spinne auf die Fliege. Es würde also nicht. mit richtigen Dingen zugehen, wenn nicht die bemerkenswerte Nachricht der „Deutsch- Ostafrikanischen Rundschau" den Ameisenhaufen alsbald in höchste Lebendigkeit versetzen würde. Teiln da an der ganzen Sache etwas dran sein kann, muß rnan dock alle Vorbereitungen treffen, um für den günstigen Fall die Netze rechtzeitig ausgeworfen zu haben. So denken und handeln die klugen Leute unter den Glücksjägern. Aber leider ist nur eine ganz geringe Zahl klug, das Gros prüft nicht lange selbst, sondern läuft irgend einer Anregung, einem Tip nach. Und wenn nun die Nachricht von dem Diamantcnsund in Deutschostafrika erst weiter bekannt wird, wofür sehr schnell gesorgt sein wird, so. können wir bald wieder wie vor zwei Jahren eine Kolonialhausse erleben, der notwendig die große Enttäuschung folgen muß. Den:k selbst den günstigsten Fall angenommen, daß auch in Deutschostasrika sich Diamanten finden sollten, so wird doch diese Tatsache in der ersten Zeit so übertrieben werden und das Heer der Gewinnjäger wird so zahlreich sein und anwachsen, daß alle Warnungen zur Vorsicht gegen die ansteigende Flut der Unternehmungslust nichts aus- richten werden. Noch haben wir erst eine ganz bei- läufige Benierkung über die Diamantenfunde, aber schon hören wir, daß die am Ort befindlichen I n d e r die Sache finanzieren wollen. Diese scheinbar ganz nebensächliche Bemerkung regt schon den Widerspruch an. Man will doch nicht, daß dem europäischen Kapital die Möglichkeit, sich an dem großen Geschäfte zu beteiligen, genommen werde. Bald werden bestimmtere Nachrichten kommen: entweder solche, die die Nachrickl bestätigen, erweitern, ausschmücken, oder solche, die sehr rasch schon die Enttäuschung bringen müssen. Wahr-
scheinlicherweise kommen die ersteren. Darin wird stehen, was schon alles zur Sicherung der in Frage kommenden Gebiete geschehen und unternommen worden sei. Es wird sich an Ort und Stelle eine fieberhafte Tätigkeit entwickeln, noch niehr wird man aber das Kapital in Deutschland heranzuziehen suchen. An dem Erfolg dieser Bestrebungen wird es sicherlich nicht fehlen. Wenn wir vollends die kleine Kolonialaktie haben, dann kann ja auch der kleine Mann sich fast ohne Risiko heranwagen, und er wrrd es tun, so oft und so eindringlich man ihm auch sagt, daß er klüger daran täte, seine Hand aus dem Sprele zu. lassen. Wir werden sa sehr bald sehen, wie die Nachricht wirkt, zunächst auf den engeren Kreis der Interessenten, dann auf die Börse, endlich auf die große Klientel der Börse, die heute überall zu Hause ist. Daß eine solche Nachricht nicht spurlos vorübergeht, sondern starke Wirkungen ausübt, das ist sicher anzunehmen, sobald einmal festgestellt sein wird, daß es sich um keine Flunkerei handelt. Schon jetzt weißt man darauf hin, daß die „Deutsch-Ostafrikanische Rundschau" als das Organ des ostafrikanischen Gouvernements gilt, und daß deswegen kaum eine leichtsinnige und voreilige Meldung zu vermuten sei. Möglich wäre trotzdem eine Täuschung, nicht etwa aus böser Absicht, sondern in gutem Glauben. Doch sei dem, wie ihnr wolle: die Nachricht mit allen ihren auf. die weitesten Kreise wirkenden Anregungen ist jedenfalls da. Wie seinerzeit die Diamantenfunde in Südwest die Öffentlichkeit lange Zeit hindurch in Atem gehalten haben, so werden nun auch -Ostafrikas Diamanten die Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.
MoMsche Übersicht.
Die soxialdemo-kratische Oberbürgermeister- kaii-idarur.
Aus Stuttgart wird unS geschrieben: Die Kandidatur des Genossen Dr. Lindemaun für den Lberbürger- meisterposten wird voraussichtlich wichtige Folgen für die Partei haben. Bekanntlich war von den Radikalen beantragt worden, der Kandidatur nur unter der Bedingung -zuzustimmen, daß er sich allen Parteitags- und Organisationsbeschlüssen unterordne. Dieser Antrag war vollkommen ernst gemeint; er war keineswegs, wie man annehmen könnte, zum Scheine gestellt, damit seine Ablehnung der Kandidatur ein größeres Relief gebe. Natürlich ivar er eine Dummheit. Einmal würde seine Annahme die Bestätigung der Wahl fast unmöglich gemacht haben: sodann aber, diese Bestätigung, doch einmal angenommen, würde sie das persönliche Ansehen des sozialdemokratischen Oberbürgermeisters ganz bedeutend vermindert haben. Ter brave „Vorwärts" erklärt den Inhalt des Antrags, die Unterordnung des Oberbürgermeisterkandidaten unter
Fe uillet on, walfischhetze?'
Von I. C. Sörensen.
Eine Stunde später bekamen sie einen Wal in Sicht, einen riesengroßen Wnnenwal von gegen 80 Fuß. Er lag fast still draußen und schwamm hin und her, dann ging er weiter, aber unendlich langsam und gemächlich.
Sie kamen hurtig an ihn heran, er schien -das Boot nicht zu beachten oder zu sehen, schwamm nur immer da unten herum und blies in seiner majestätischen Art.
Denn er sah geradezu majestätisch aus, wie er sich da erging und seine mächtigen Strahlen in die Höhe blies, als wäre ihm alles gleichgültig. Er bewegte sich draußen im Meere, wie ein Bauer, der sein Feld bestellt, wie ein König, der sein Reich verwaltet. Er war so überaus imponierend zähe und langsam in seinen Bewegungen. Nichts kümmerte ihn, und er hatte niemals und mit niemand Streit gehabt.
„Das ist ein schlimmer Bursche", sagte der Schütze, indem er zur Kanone ging. „Denr muß man's gut in die Mitte geben." Das Boot schießt vorwärts, auf den Koloß zu. Der Schütze hat Tröffe und Harpune nachgefchen, jetzt
*) Unbeachtet von der Kulturwelt vollzieht sich im fernen Norden in den Eismeeren der gewaltige Kampf des Beherrschers der Erde, des Menschen, gegen die letzten Abkommen der Urzeit- ries'n- der Vernichtungskampf gegen den größten Vertreter der lebenden Fauna, gegen den Wal. Auch hier hat die moderne TeöMik dem Jäger neue Zerstörungswaffen geschenkt, die Harpune hat ihre ursprüngliche Bedeutung verloren, der moderne Schütze steht an der zielsicheren Kanone und Granaten wühlen in den Körpern der mächtigen Meerriescn. Der junge dänische Mchter I C Sörensen, der lange Zeit im fernen Norden das Leben an Bord eines Walfischjägers geteilt hat, gibt in eineni Buche Der Hai", das in diesen Tagen im Berlage Erich Reiß erscheint" eine ergreifende Cchilderung dieses Kampfes der Kultur gegen den Wal. aus der wir eine besonders packende Episode heute unseren Lesern vorlegeu. Die Red.
steht er draußen neben der Kanone mit der kurzen Pfeife im Munde. Das Tier erscheint immer größer, immer imponierender, je näher sie ihm kamen.
„Langsam", kommandiert der Schütze.
„Langsam", gibt der Rudergänger die Ordre in die Maschine weiter.
„Langsam", ertönt es dort unten. Und das Boot verlangsamt seine Fahrt.
„Ganz langsam", lautet die neue Order. Und das Boot verminderte seine Geschwindigkeit noch mehr.
Der Schütze mißt den Abstand vom Wal. Der hat eben geblasen und liegt draußen wie ein schwerer sinkender Schimmer.
„So leise wie möglich, sagt der Schütze. Und die Order geht von der Brücke aus weiter.
„Leise wie möglich."
„Wie möglich", antwortet der Maschinist dort unten.
Der Walfisch ist gesunken. An der Stelle, wo er sank, sah es aus, als ob die Meeresfläche ein großes, faseriges Loch bekommen hätte. Schnell läuft das Wasser zusammen und füllt das Loch aus.
„Stopp", sagt der Schütze. — „Stopp", sagt der Rudergänger.
„Stopp", antwortet der Maschinist.
Jeder Laut inr Boot stockt, und langsam und unhörbar gleitet es vorwärts zu denr großen, Slartigen Fleck, der die Stelle angibt, wo der Walfisch gesunken, ist.
Der Schütze revidiert noch einmal die Kanone und folgt mit seinem Blick der Trosse über das Deck und das Spill. Dann klopft er die Pfeife neben der Kafione aus, stopft sie und zündet an.
Es verstreicht eine Viertelstunde. Das Boot gleitet totenstill vorwärts und bewegt sich immer schwächer.
Der Wal kann zu jeder Zeit und an jeder Stelle austauchen. Plötzlich kommt Leben in den Mann oben in der Tonne. Er sitzt so hoch, daß er tief ins Wasser hinabsehen kann.
„Er kommt, er kommt", heult er und fuchtelt Mt den Armen über dem Tonnenrande.
alle Beschlüsse der Organisationen, für einfach selb st- verständlich. Das wundert bei diesem Blatte freilich nicht. Was hat nun Dr. Lindeina n n zu diesem Antrag bemerkt? Daß er gegen die Beschlüsse der Parteitage, soweit er sie kenne, nichts einzuwenden habe, daß er sich dagegen von der Organisation keine Vorschriften z. B. hinsichtlich seiner Repräsentationspflichten machen lassen könne. Merkwürdigerweise haben die Radikalen gemeint, daß die erste Hälfte dieser Erklärung die von ihnen verlangte Unterordnung wenigstens unter alle Parteitagsbeschlüsse enthalte. Wir lesen das gerade Umgekehrte heraus: Dr. Lindemann behält sich vor, die Parteitagsbeschlüsse zu prüfen: gegen die bisherigen zu polemisieren, sieht er keinen Anlaß: von einer Bindung an die künftigen ist keine Rede. Und das sagt Herr Dr. Lindemann schon als Bewerber; im Amte selbst würden ihn Pflichten und Verhältnisse sicher noch weiter auf der „abschüssigen Bahn" drängen. Oh Lindemann gewählt werden wird, kann int Augenblick noch niemand sagen: ob er in diesem Falle be
stätigt werden wird, ebenso wenig. Aber die Sozialdemokraten müßten im Interesse ihrer Einigkeit eigentlich seine Nicht Wahl wünschen: innere Konflikte nach französischem Stile sind im Falle seiner WaM sicher.
Zerrlrmnr und Kramte.
Dem Zentrum bereitete bisher die Festhaliung der katholischen Arbeiter besondere Mühe: man mußte
ihnen bedeutende Zugeständnisse machen, besonders bei den Kandidaturen zum Reichs- und Landtag. Während diese Schwierigkeiten sich allmählich sehr vermindert haben (die Arbeitervertreter wurden schnell willig, wenn sie einmal in der Fraktion waren), macht jetzt die Beamte ns chaft der Partei Schwierigke! ten. In diesen Kreisen wird sie allem Anschein nach bei den nächsten Reichstagswrhlen erheblich an Anhängern verlieren. Den Unwillen über diesen Zustand der Tinge sucht das leitende Zentrmnsblatt, die „Kölnisch: Volrs- zeitung", auf den „Bund der Festbesoldeten" abzuschieben, den sie setzt zum wiederholten Male als eine parteipolitische liberale Organisation hinstellt. Wir aiauben, sie verwechselt damit Ursache und Wirkung- Tie Beamten sind mit der Zentr u m s p o ! i t i k unzufrieden, daher kommen auch tnt Bunde freiere Anschauungen zum Ausdruck.
Deutsches Reich.
— Die Schiffahrtsabgabenkommiffion hat es, so schreibt mau uns aus parlamentarischen Kreisen, in ihrer letzten Sitzung abgelehnt. Pie erstmalige Festsetzung des Abgabeu- tarifs durch Reichsgesetz vornehmen zu lassen, und dieses Recht einschließlich der Verteilung der Güter auf die verschiedenen Tarifklassen lediglich den V e r b a nd s a u s ° schlissen Vorbehalten, in denen nur die Vertreter der
„Wo, wo", ruft der Schütze, während er blitzschnell die Kanone losschraubt und gleichzeitig zur Tonne emporblickt. Die Schraube sitzt tief unten, die Tonne hoch oben. Die Stellung des Schützen sieht fast gefahrdrohend aus. Dann ist die Kanone locker.
„Da, da", brüllt der Mann oben in der Tonne und fuchtelt weiter nach der rechten Seite zum Wasser hinab.
Der Schütze starrt auf die Wasserfläche, steht aber nichts. — Ja da ist er. Wie eine große fette Riesenseifenblase steigt das Tier durch das Wasser empor, langsam und regelmäßig, als würde es von einem Stempel schräg emporgehaben, vorwärts und aufwärts.
„Go on", flüsterte der Schütze. Seine Stimme ist heiser vor Gemütsbewegung.
Das Boot jagt vorwärts, kann aber nicht mitkommen. Der Walfisch geht immer schräger vorwärts, je höher er hinanfkommt. Nun ist er an der Oberfläche des Wassers. Sein Kopf taucht vorn wie ein großer flacher Schimmer ans und schleudert die Wassersäule in die Höhe, daß es klingt, als würde aus einem lecken Kessel plötzlich der Dampf hemusgeschleudert, daun stickt der Kopf und die Rückenflosse steigt in die Höhe, gleitet vorwärts und sinkt zuletzt ebenfalls.
Der Schütze weiß nicht, auf welchem Bein er stehen soll. Er baumelt mit der Kanone, als wäre es ein Wetterhahn. Das Boot geht immer schneller. Es hat jetzt alle Karten in der Hand, da es so nahe war, als der Walfisch zum ersten Male auftauchtc. Aber trotzdem gelingt es ihm nicht, sich neben ihm zu halten, als er zum zweiten Male auf- tauchte.
Der Schütze flucht und sieht aus, als wäre er unartig gewesen. Der Walfisch stickt.
Das Boot hat nun seine volle Geschwindigkeit wieder erlangt, es stürzt über die Meeressläche, als hätte es Flügel. Jetzt passiert es.die Stelle, wo der Walfisch sank und fährt weiter. Taucht der Walfisch zum dritten Male auf, so ist er des Todes.
Da kommt er, gerade vor dem Steven- Jetzt bricht er
