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Nr. 212.
Samstag- G Mai 1811.
28. Jahrgang.
Kbenö-Kusgabe.
_ 1. Matt.
Die Politik der Woche.
Der Mai ist gekommen- und mit dem Wonnemonot sind auch die geplagten Parlamentarier, deren Ostererholungsurlaub in den diesmal besonders launischen April fiel, wieder an ihre Arbeit zurückgekehrt, deren sie ein voll gerüttelt Maß vorfinden. Tie Lage und die Aussichten im deutschen Reichstag sind noch völlig ungeklärt, und es muß als sehr zweifelhaft gelten, ob in dem Taguugsabschnitt bis Pfingsten wirklich oas vorgesehene Programm, nämlich die Reichsversicherungs- crdnung, die elsaß-lothringische Verfassungsreform, das Schiffahrtsabgabengesetz und der mrt recht wenig Begeisterung aufgenommene Handelsvertrag mrt Schweden auch nur der Zeit nach erledigt werden können, ganz abgesehen von den großen parlamentarischen Schwierigkeiten, die der Durchdringung dieser heiß- umstrittenen Vorlagen entgegenstehen.
Ein recht stattliches Arbeitspensum hat auch der preußische Landtag noch zu erledigen, und wie man im Reichstag zu dem Aushilfsmittel einer Herbstseßron greifen, will, so gilt es bereits als einigermaßen ircher, daß der Landtag seine Pforten noch nicht ZU Psrngsten schließen, sondern bis in die zweite Hälfte des hinein tagen wird. Denn trotzdem Reichstag und Landtag unter 'Ausschluß sitzungsfreier Tage gleichsam m Permanenz erklärt werden sollen, muß man sich doch auf ein starkes parlamentarisches Defizit gefaßt machen, und die Volksvertreter werden deshalb nicht im Mm
feiern dürfen. , * ,. ,
Auch mit der Maifeier der Sozialdemokratie war es diesmal alles in allem recht schwach bestellt, obwohl die hier und da verbreitete Neigung zuni blauen Montag de>- Agitation für den Weltwiertag zugute tarn. An einzelnen Orten haben die Arbeitgeberverbände auch diesmal wieder auf die widerrechtlich erzwungene Arbeitsruhe mit'einer mehrtägigen Aussperrung geantwortet, doch ist es zu ernstlichen Konflikten aus Anlaß der Maifeier irur in Frankreich gekommen, wo sich jo wollo Äreije ber Pedölle^ung Tttcut bsitfc nur 0.1 die revolutionären Winzerunruhen und an dre um- fassenden Streikbewegungen — feit tangerer Zeit Ul fieberhafter Erregung befinden.
Man könnte sogar vielleicht behaupten, daß dupe Schlag auf Schlag folgenden Krawalls in Frankreich alles ln allem blutiger und verlustreicher sind als der Bürgerkrieg in Marokko, wenn mon nämlich von den Alarmnachrichten aus dem Scherifenreiche alles das abzieht, was die Phantasie der französischen Berichterstatter und noch mehr die durchsichtige Taktik der leitenden Männer in Frankreich den wirklichen Geschehnissen h i n z u d i ch t e n. Sogar der Major Brämond, den die Pariser Blätter den „Heldentod auf marokkanischem Boden hatten sterben lassen, wellt, wie sich setzt herausgestellt hat, bereits seit einer Woche wohlbehalten in Fez, und Muley Hafid, der ja emen entscheidenden Sieg über die Aufrührer errungen haben soll, dürfte froh sein, wenir er seine „Beschützer" wieder mit einem blauen Auge los wird. Fürs erste aber scheinen die Franzosen, noch keine Neigung zu haben, vo'n ihrem Spaziergang zurückzukehren, und es wird unter Umständen noch stärkerer Beschwörungen be dürfen- als es die. jüngste Note der „Nordd. Allgem Ztg." war. Macht sich doch auch in Spanien eine ernsthafte Beunruhigung, die der Ministerpräsident Cana- lejas vergeblich zu dämpfen sucht, über das Vorgehen der französischen „Beruhigungsarmee" geltend, und sogar im englischen Unterhause, wo der Kampf um die Oberhausreform wieder um eine weitere Etappe ge fördert worden ist, sind an die Regierung besorgte Anfragen gerichtet worden, ob etwa eine Tunisierung Marokkos in Vorbereitung sei. Will man dock auch den Plan einer weiteren Verstärkung der Festung Gibraltar mit diesen Dingen in Verbindung bringen.
Es ist ohne weiteres verständlich, wenn die eure päische Diplomatie einer Zuspitzung der marokkanischen Frage, wie sie bei einem weiteren Vorgehen der Franzosen unvecrneidlich wäre, mit Besorgnis entgegensieht, da es zur Zeit im nahen wie in fernen Orient gerade genug Beunruhigüngsbazillen gibt. Bisher haben sich alle Bemühungen der freilich durch die chronische Kabinettskrisis in ihrer Aktionsfähigkeit geschwächten türkischen Regierung, des Aufstandes in Albanien Herr zu werden, als fruchtlos erwiesen, und die Arnauten, die sich trotz aller Proteste der Pforte nach wie vor der liebevollen, wenn auch nicht offiziellen Unterstützung seitens Montenegros erfreuen, sollen sogar den türkischen Truppen ernst siche Verluste bewebracht haben.
Recht bedenklich klangen, einige Tage lang auch die
Nachrichten aus Can ton, wo der Aufruhr sich dies- inal nicht in erster Reihe gegen die Fremden, sondern vor allem gegen die Regierung, gegen die Mandschu- dynastie selbst richtete. Hoffentlich erweisen sich die Maßnahmen der Mächte als hinreichend zum Schutz der Europäer, für die der Boden im Reiche der Mrtte um so heißer wird, fe mehr das erwachende China sich zum Sammeln seiner schlummernden Kräfte gegen die weißen Teufel anschickt.
Vom Revolutionsschauplatz in Mexiko klingen die Nachrichten dagegen wi-^r beruhigender, und dre Frie- densverhandlungen scheinen setzt ernstlich in Gang zu kommen — trotz der amerikanischen Vermittlungsaktion, die zur Beruhigung Merikos etwa ebenso viel beigetragen hat wie die französische Emmlschungstaktik zur Pazifizierung des Scherifenreiches.
Nolttikche Mi-rstcht.
zrmvige Kd-rraichiing.
/V Berlin, 5, Mai.
Das war also heute der erste erwartungsvolle Tag. an dem sich zeigen sollte, in welcher Art sich der Riejen- entwurf bewältigen läßt. Man kann nicht anders sagen als: Stehe da, es ging sehr gut, geradezu ausgezeichnet. Man brachte es heute schon bis zum Paragraphen 91e, größere Debatten gab es überhaupt nicht. Alles war bemüht, sich kurz zu fassen. Zwei, drei Minuten lang —'das waren die Turchschnittsreden. Abänderungsanträge lagen eine Unmasse vor. Gegen 100 alleiii zum ersten Buch. Aber mit Leichtigkeit überwindet inan sie, wie im Automobiltempo geht es über Stock und Stein. Wo zu den einzelnen Paragraphen keine Anträge vorliegen, faßt maii mehrere Paragraphen zusammen. Zu etwas lebhafterem Streu kam es nur bei zwei Punkten: bei der Frage, ob dre Versicherungsämter an die unteren Verwaltungsbehörden sich anschließen oder selbständig werden sollen. Tie Sozialdemokraten sind für das letztere, aber ihr Antrag fällt. Sodann bei den Wahlen der Versicherungsvertreter. In diesen Fällen gab es nanrentliche Abstimmung, wobei sich zeigte, daß etwa 300 Abgeordnete anwesend waren.
Ter glatte Gang der Sache erregte im Hause cin- gemeine 'Freude. Alles atmete förmlich erleichtert aus daß die vermeintlichen Schwierigkeiten, das Riesenwerk zu erledigen, wie weggeblasen waren. Wenigstens soweit sich nach deni heutigen Vorgang überschauen läßt. Man soll freilich den Tag nicht vor dem Abend loben. Mit dem ersten Buch hofft man schon morgen fertig zu werden. Dann werden wohl die Sozialdemokraten einen größeren Kampf beginnen bei der Frage der Selbstverwaltung der Krankenkassen. Aber in der übernächsten Woche hofft man bereits mit dem ganzen Werk fertig zu werden, ivenn keine Überraschungen kommen. Tie Sozialdemokraten scheinen sich in ihr Schicksal ergeben zu haben, daß ihre Anträge abgelehni und das Werk gegen ihren Willen Gesetz wird.
Generawirektor KaUin «bsr AdslfMoepman«.
In den „Hamburger Nachrichten" veröffentlicht der Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie, Alberi Ballin, folgenden interessanten Artikel über den am Donnerstag verstorbenen Adolf Woermann:
„Mit Adolf. Woermann ist ein Mann dahingegangen, der das Urbich eines Hanseaten war. Ter Staatssekretär Ternburg selbst sagte mir einst, daß er sich wohl bewußt sei, daß seine Leistungen für die Kolonien niemals diejenigen erreichen können, die Adolf Woermann unter den deckbar schwierigsten Verhältnissen vollbracht habe.
Wohl nie hat ein Privatreeder solchen Wagemut gezeigt, wie wir ihn in der Woermannschen Reederei verkörpert sehen. Ohne staatliche Subvention, im Gegenteil unter Überwindung von Hemmungen mannigfachster Art, wie sie vom grünen Tisch zu kommen pflegen, hat Woermann die Verbindung zwischen Deutschland und seinen afrikanischen Kolonien in einer Weise ausgebaut, an welche man selbst in England nicht heranreichen kann. Verlustreiche Jahre haben seinen Wagemut nie erschüttert, er hatte sein Ziel fest im Auge und fast mü jedem Schiffe, das er im Interesse der Verbindung des Mutterlandes mit seinen Kolonien erbauen ließ, schaffte er etwas Vollkommeneres und steigerte das ungeheuere Risiko, das er persönlich auf sich zu nehmen hatte. Er trieb praktischen Patriotismus, ohne auf die Hilfe anderer und besonders ohne auf die Hilfe des Staates zu rechnen.
Und nun ist er gestorben in Verbitterung —. Konnte seine hünenhafte Gestalt uns schon an den eisernen Kanzler erinnern, so trat eine Wesensähnlichkeit in den letzten Fahre frappant hervor. Es ist bekannt, daß man Woermann nach Abschluß der kriegerischen Wirren in den Kolonien den Vorwurf machte, er
habe das Reich übervorteilt. Diesen Vorwurf hat er nie verwunden, und wenn die Leute, die damals gegen ihn zu Felde zogen, auch darauf Hinweisen können, daß das Schiedsgericht, welches die Ansprüche des Reiches prüfen sollte, einen Z?eil dieser Forderungen als richtig anerkannt habe, so ist das eine unzureichende Verteidigung. Denn klar ist nur geworden, daß Woermann, der allem Bureaukratismus abhold war unb auch juristischen Rat bei Abschluß seiner Verträge nie in Anspruch genommen hat, bei Abschluß dieser Verträge mit dem Reich nicht diejenige Sorgfalt hatte walten lassen, welche in seinem Interesse notwendig gewesen wäre. Daß er das Reich übervortcilt und Riesengewinne sozusagen aus der Not des Reiches gezogen habe, wird durch die Tatsachen auf das schärfste widerlegt. Er hatte sich der Aufgabe, die Kriegstransporte zu besorgen, mit der ihm eiaenen Großzügigkeit gewidmet und hat diese Aufgabe glänzend gelöst. Um diese unübertreffliche Leistung durchführen zu können, hatte er ferne Flotts um eine große Zahl von Schiffen verstärkt und^ dis Folge davon war, daß nach Erledigung der Aufgabe Woermann selbst einsehen mußte, daß er seine Kräfte überschätzt hatte. Tie Tarife, welche Woermann mit dem Reichs vereinbart hatte, sind damals von meinem verstorbenen Kollegen, dem Generaldirektor des Norddeutschen Lloyd, JDr. Wiegand, und von mir selbst als durchaus angemessen begutachtet worden. Fm Gegenteil, wir beide haben erklärt, daß unsere Gesellschaften zu diesen Sätzen die Leistungen, welche Woermann übernommen hatte, nur mit einer geringen Anzahl von Expeditionen übernehmen würden. Woermann _ hat alles anders bewältigt und sah nach Abschluß dieser gewaltigen Leistung sich genötigt, einen Teil der übergroßen Last, welche er dadurch auf seine Schultern geladen fyatte, auf die Hamburg-Amerika-Linie überzu- leiten.
Sein eiserner Wille wäre auch ohne diese Mitwirkung niit der Sache fertig geworden. Inzwischen halle man aber angefangen, ihn mit Kot zu bewerfen, und als die Regierung offiziell Stellung gegen ihn genorn- men hatte, trat bei ihm jene Verbitterung ein, von welcher ich vorhin gesprochen habe. Alle, welche ihm während der letzten Fahre hgbpn nahe sein dürfen, werden es nicht ohne aufrichtige Trauer bemerkt haben, wie dieser große Vaterlandsfreund zum bitteren Kritiker geworden war. Diese große Enttäuschung hat auch seine Gesundheit gebrochen und in den letzlen Jahren haben wir ihn nur noch als kranken Mann gesehen. Es ist das Tragische im Leben Adolf Woer- manns, daß diese eigenartige,, starke und nur auf sich vertrauende Persönlichkeit das große Werk, das sie auf sich genommen hatte, schließlich .doch nicht allein hat tragen können, und daß ihrem im tiefsten Sinne des Wortes patriotischen Wirken mit Undank gelohnt worden ist. Das soll uns nicht hindern, dem großen Vaterlandsfreund und tatkräftigen Politiker, dem Ham- burgischen Patrioten, dem wahrhaft königlichen Kaufmann und dem größten, wagemutigsten und opferfreudigsten Privatreeder- den die Hansestädte jemals gesehen haben, den Zoll unserer Anerkennung darzu- bringen und ihm eine herzliche Dankbarkeit für alle Zeiten zu bewahren.
Holt die Flaage arif Halbstock, Ihr Hanseaten, der größte Hanseat ist tot!" ^
Herrn Eduard- Wöstmann ist vom Kaiser aü- Karlsruhe folgendes Telegramm zugegangen: Tie
Nachricht .von dem plötzlichen Tode Ihres Bruders Adolf Woermann hat mich schmerzlich berührt. Sein Hinscheiden bedeutet einen großen Verlust für die deutsche Reederei, um die er sich unvergängliche Verdienste erworben hat. Ich spreche Ihnen und allen Hinterbliebenen meine herzlichste Teilnahme aus.
Dentfcker Reichstag.
(Fortsetzung des DrabtberiLis in der Moraen-AuSaabe.)
A Berlin, 5. Mai.
In der fortgesetzten zweiten Lesung der Rcichsversicherungsordnung
beantragen zu § 34 der Kommiffionsvorla ge, wonach die Versicherungsämter bei den unteren Verwaltungsbehörden errichtet werden sollen, die Sozialdemokraten, daß die Versicherungsämter als selbständige Behörden zu errichten sind und verlangen über diesen Antrag namentliche Abstimmung. Nach Z 36 der Kommissionsvorlage können die Versichcrungsärnier als selbständige Behörden ausnahmsweise in solchen Bundesstaaten errichtet werden, in denen nur ein Oberversicherungsamt besteht.
Vizepräsident Dr. Spahn schlägt im Interesse der Freiheit und Beweglichkeit der Anssprache vor, innerhalb des Abschnitts Wer die Versicherungsämter sich nicht an den einzelnen Paragraphen gebunden zu erachten.
Dem wird zugepimmt.
