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Nr. 205.

Mittwoch, 3. Mai 1911.

59. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Wie Los KinLerschutzgrsetz versagt.

In dem soeben erschienenen Jahresbericht der preußischen Regierungs- und Gewerberäte für das Jahr 1910 sind auch diesmal wieder, wie schon in den letzten Jahren, bestimmte Einzelsragen ausführlicher behandelt worden, am eingehendsten die nach den Wir­kungen des Kinderschutzgesetzes vom 30. März 1603, wo­bei in dankenswerter Weise zugleich die Mittel erörtert werden, wie den auf diesem Gebiet bestehenden Miß­ständen abzuhelfen sei. Übereinstimmung herrscht in sämtlichen Berichten darüber, daß solche Mitzstände noch in großem Umfang bestehen, daß es mit der Aus­führung des Gesetzes, betreffend die Kinderarbeit in ge­werblichen Betrieben noch stark hapert. So betont der Bericht für Berlin, daß >ich die Beschäftigung der Kin­der zu einem großen, wenu nicht gar zum größten Teile jeder Kontrolle entzieht. Ter Bericht für den Regie­rungsbezirk Potsdam stellt fest, daß 11 Proz. der frem­den Kinder ohne Arbeitskarte beschäftigt und bet »1 Prozent der Kinder sonstige Verstöße festgestellt wurden. Für die Stadt^Tanzrg sind, wie die Gewerbeaufsicht er­mittelt hat, 351 fremde Kinder als gewerblich beschäf­tigt angegeben,- während nur 76 Arbeitskarten ausge­stellt wurden: ferner war die Hälfte, der fremden und ein Drittel der eigenen Kinder gesetzwidrig beschäftigt, im Jnspektionsbezirk Elbing sogar zwei Drittel. Für den Regierungsbezirk Cöln wurden bei einer Beschäf­tigung von 762 fremden Kindern 514 Zuwiderhand­lungen festgeschllt, und der Bericht für Marienwerder stellt fest:Aus den jetzt eingegangenen Nachweisungen der Lehrer hat sich ergeben, daß den Polizeibehörden dre Beschäftigung der Kinder zum großen Teil und die Zuwiderhandlungen gegen dasSchntzgesetz fast ganz ent­gangen sind." Wir haben hier nur die benierkenswer- testen Äußerungen weiteraegeben, aber mehr oder weni­ger kommen alle Gewerbeaufsichtsbeaniten zu dem Fazit des Berichtes für Berlin:Bon einer auch nur einigermaßen zulänglichen Durchführung des Kinder­schutzgesetzes kann also auch setzt noch nicht die Rede sein!"

Eine Besserung versprechen sich freilich die meisten Berichte. von der gewissenhaften Durchführung des Ministerialerlasses vom 5. August 1910. demzufolge die schon bisher in den Schulen zu führenden Ver­zeichnisse der gewerblich beschäftigten Kinder einmal auf die eigenen Kinder auszu- dehnen und ferner unter Angabe der Arbeitgeber und

Feuilleton.

Neuenahr.

Don Professor Otto Hesse.

Unter ven deutschen Sommerfrischen und Badeorten nimmt Neuenahr eine besonders bevorzugte Stelle ein. Noch ist es nicht Wettbad in dem Sinne wie die altbekannten Heilquellen von Aachen, Baden-Baden, Ems, Wiesbaden u. a., und dennoch ist der Ruf seiner Sprudel und ihrer Heilwirkungen nicht nur in deutschen Landen so bekannt, daß sich allsommerlich eine stattliche, auch internationale Gesellschaft um seine Quellen sammelt, deren krafterneuerude Wirkungen auszunützen. Idyllisch liegt der reizende Ort am Ausgange der Eifel, da, wo das Gebirge in die Mün- dungsebene des Ahrflützchens nach dem Rhein hin über­geht; und diese glückliche Lage allein schon würde auch ohne seine Heilquellen Neuenahr als Sommeraufenthalt schön er­scheinen lassen. Ist es doch landschaftlich bevorzugt, wie die schönsten Badeorte Deutschlands. Nach der einen Seite um» rahmt von Bergen und herrlichen Waldungen, zieht sich das Städtchen mit seinen breiten Straßen, schönen Villen und vornehmen Gasthäusern in dem Talkessel dahin, weit genug abseits von den großen Völkerstratzen des Rheines, auf denen den ganzen Sommer hindurch Tausende von Menschen aneinander vorüberhasten, und doch wieder nahe genug an jenen großen Verkehrslinien des Fremdenstromes; um seinen Sommergästen die bequeme Möglichkeit zu geben, sich nach Belieben auch in das bunte Treiben des sommer­lichen Rheinlebens zu mischen, das im benachbarten Remagen, Rolandseck und Königswinter pulsiert.

Bald jährt sich der Tag, an dem dieser herrliche Erd- fleck, jenes liebliche Seitental unseres Rheinstromes, das uns in zahlreichen romantischen Windungen durch das zer­klüftete Felsgestein hinauf in die Eifel, zur Hohen Acht hin, führt, durch eine schwere Wetterkatastrophe heimgesucht wurde. Lange andauernde Regenzeit hatte die sonst so harmlose rasch dahinströmende Ahr zu einem ansehnlichen Flusse anschwellen lassen. Die zahlreichen Krippen, welche «tue vorsorgliche Verwaliuna in seinem Unterlaufe zum

der Art der Beschäftigung durch Vermittelung des Kreisschulinspektors dem Gewerbeinspektor in halb­jährlichen Zwischenräumen zu übersenden sind. Der Bericht für Berlin weist jedoch auf einen Mangel bei dieser Maßnahme hin, daß nämlich in dem von den Schulen aufgestellten Verzeichnis keine Angaben über das Alter der Kinder und die Dauer ihrer Beschäfti­gung geinacht werden. Bemerkenswert ist auch eine m Frankfurt a. M. getroffene Maßregel, wonach alle An­träge auf Ausstellung von Arbeits­karten dem Gewerbeinspektor zur gutachtlichen Äußerung vorgelegt werden, und der Bericht für Arns­berg teilt mit, daß die Polizeiverwaltung einer größe­ren Stadt des Aufsichtsbezirkes verfügt habe, die Ar­beitskarte solle erst dann ausgestellt werden, wenn der Schulvorsteher eine solche Beschäftigung des Kindes für unbedenklich erklärt hat. Noch einen Schritt weiter ist man in Brandenburg a. H. gegangen, wo ebenfalls sämtliche Anträge auf Ausstellung einer Arbeitskarte zunächst dein Schulleiter zur Äußerung darüber zn- aehen, ob das Kind in seiner geistigen und körperlichen Entwicklung so weit fortgeschritten ist, daß ihm ohne Schädigung gestattet werden 'kann, gewerbliche Arbeit zu verrichten, wo aber vor Angabe dieser Erklärung noch der zuständige Schularzt gehört wird. Die letztere Maßnahme wird in dem Bericht für Berlin besonders empfohlen, und zwar aus zwei Gründen, nämlich ein­mal, weil die Lehrer vielfach aus Rücksicht auf die mehr­fach hervorgetretene Verschlechterung der Beziehungen zu den Eltern ein rigoroses Vorgehen gegen die gesetz­widrige Kinderbeschäftigung scheuen, und weil ferner der Arzt selbstverständlich ein besseres Urteil über die gesundheitlichen Folgen der Kinderbeschäftigung hat. Hat doch ein Berliner Schularzt festgestellt, daß 15 Prozent der beschäftigten Kinder krank oder doch leidend waren.

Mit Recht betont auch der Bericht für den Regie­rungsbezirk Liegnitz, daßeine große Schwierigkeit für die Durchführung des Kinderschutzgesetzes dessen An­der st ä n d l i ch k e i t" bildet, und zur Erläuterung der mehrfach betonten Tatsache, wie wenig selbst die zuständigen Behörden noch mit den Bestimmungen des Gesetzes vertrant sind, teilt der Bericht für Minden nnl, daß in einer kleinen Stadt des Bezirkes sogar der Polizeidiener seine noch nicht 12 Jahre alte Tochter entgegen der Vorschrift im 8 17 Zeitungen austragen ließ. Verschiedentlich wird deshalb von den Gewerbe- inspektoren vorgeschlagen, daß den Arbeitskarten Merkblätter mit einem Auszug aus den in Be­tracht kommenden Gesetzesvorschriften beigefügt werden, und die Berichte für Berlin, Merseburg, Arnsberg und Gumbinnen-Allenstein appellieren bei dieser erforder­lichen Aufklärungsarbeit noch ganz besonders an die

Schutze und zur Erhaltung der weithin bekannten Forellen­zucht in den Fluß bauen ließ, damit bei sommerlichem Wassermangel immer noch hinreichende Wasserlachen vor­handen seien, in denen diese Fische ihr Dasein über die Zeit der Not hinwegretten können, lagen tief unter dem Wasser­spiegel. Da entlud sich zum Entsetzen der Eifelbewohner an einem Maientage des verflossenen Jahres im Quell­gebiete der Ahr, in der Umgebung des Kreisstädtchms Adenau, ein schweres Unweiter. Wolkenbrüche warfen ihre Wassermassen in kürzester Frist auf das engbegrenzte Berg- gebiet um die Hohe Acht, die sich dann mit elementarer Ge­walt und Geschwindigkeit in das schmale Flußtal ergossen, alles mit sich fortreißend und vernichtend, was nicht durch höhere Lage geschützt war. In wenigen Stunden glich das ganze Tal bis nach Neuenahr hin einer schäumenden See, die fast einen ganzen Tag lang alles unter ihren reißenden Wellen begrub, ein Schrecken auch für die Tausende von Fremden, die sich in Neuenahr zur Kur aufhielten. Viele < arme Ahrwinzer verloren Hab und Gut; auch Menschenleben endeten zahlreich in den Fluten.

Diese Bilder traten mir wieder in 'die Erinnerung, als ich bei herrlichem Frühlingswetter die Fahrt nach dem alten Rhein und von ihm hinauf ins schöne Ahrtal unter­nahm. Heute keine Spur mehr von dem Schrecken jener Tage. Wie alle Jahre zur beginnenden Frühlingszeit liegt die Neuenahrer Talebene morgenschön im Sonnenschein da, der Ort selbstsrischgewaschen" wie das Landhaus eines holländischen Pensionärs am Sountagmorgen. Neuenahr bereitet sich vor, seine Sommergäste zu empfangen. Darum reges Leben überall. Die schmucken Häuser, deren Fenster- laden während des Winters fest geschlossen waren, stehen weit offen. In ihre Fenster und Türen strömt frische Früh­lingsluft und Heller Sonnenschein. Dienstfertige Hände scheuem und putzen überall, und pflanzen neue Blumen­beete in den Vorgärten der Villen an, und am grünen Ufer der Ahr lagem hochaufgestapelt die Fluren- und Treppen­läufer der Fremdenpensionen, ihrer Reinigung harrend. Neues Leben überall im Städtchen, dessen Bewohner in langem Winterschlafe hinreichend Mühe hatten, sich von den Strapazen zu erholen, die ihnen der Fremdenstrom des Vor­jahres gebracht batte.

Presse. In den Berichten für Berlin, Potsdam, Bres­lau, Merseburg und Schleswig wird als wirksamstes Mittel einer besseren Durchführung des Kinderschutz- gesetzes eine energischere Handhabung der strafgesetz­lichen Bestimmungen bezeichnet, und endlich weist der Bericht für Magdeburg noch auf die von dem Gesetz bisher leider nicht erfaßte Seite dieser Frage, nämlich die häufig beklagteübermäßige Heran­ziehung der Schulkinder zu landwirt­schaftlichen Arbeiten", hin.der die Behörden mangels einer gesetzlichen Handhabe machtlos flecten« überstehen".

Politische Ulrersrcht.

Sormldemokrattfche Anrrbirtunge«.

Um die Herbeiführung eines Großblocks im badi­schen Sinne für das Reich bemühe.' sich merkwürdiger- iveise am eifrigsten und ausdauerndsten Sozialdemo- kraten des radikalen Flügels, wie Mehring und Kautsky. Allerdings wird das WortGrobblock" ängst­lich vermieden. Aber der Vorschlag, daß Sozialdemo­kratie, Fortschritliche Volkspartei und nationalliberale Partei bei den Stichwahlen gegen den schwarzblaucn Block zusammengehen sollen, ist dock, inhaltlich genau dasselbe wie der badische Großblock. Mehring hatte die­sen Vorschlag in derNeuen Zeit" begründet. Ties trug ihm 'eine Entgegnung der gleichfalls radikalen Leipz. Volksztg." ein, die nur von einem einzigen Schlachtrufe wissen will:Für die Arbeiterklasse!" An Stelle des erkrankten Mehring antwortet dem Leip­ziger Blatte jetzt Kautsky. Er steht genau auf dem Standpunkt Mehrings. Bemerkenswert ist, daß er als Befürworter des Großblccks die längst verstorbenen Altmeister" des Sozialismus, Karl Marx und Friedrich Engels, zitiert.Wenn Marx und Engels sich stets (?) so energisch gegen das Wort von der reaktionären Masse wendeten, so geschah es, weil sie fürchteten, es werde dem Studium und der Ausnutzung der Interessen­gegensätze innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft ent­gegenwirken." Es ist allerdings richtig, daß Marx und Engels die jederzeitige Unterstützung der Demokratie und der Freihandelspartei empfahlen, weil sie in ihnen Etappen zum Sozialismus sahen. Aber das ist doch etwas ganz anderes als der Großblock. Anzuerkennen ist, daß Kautsky sachlich und innerhalb der parlamen­tarischen Formen bleibt, während Mehring seinen Bülidnisantrag an die Liberalen mit großen Unge­zogenheiten gegen die Eingeladenen verband; eine Manier, die die eigenste Eigentümlichkeit des Herrn Mehring bildet. Aber auch Kautskv macht kein Hehl, daraus, daß bei dem Bündnisse die Liberalen von den

Wer in Rheinlands schöner Musenstadt seine akademische Jugend verlebte, kennt Neuenahr und das Ahrtal schon von jener Zeit her. Mehr als einmal ist er als froher Student am hellen Sonntagmorgen von Remagen aus,wo das Siebengobirge herüber grüßt, die Ahr dem Rheine entgegen- sließt", hineingewandert ins Ahrtal und hat zum ersten Male in Neuenahr Station gemacht. Seit die Ahrtalbahn fährt, wird der Fremde, der aus demReiche" kommt und Neuenahr besuchen will, diese Bahn benutzen. Auf den großen Bahnstraßen oder auf einem schönen Rheindampfer war er von Cöln oder von Coblenz her in Remagen ange­kommen und besteigt hier den neuen Zug, der ihn in 20 Minuten, an der mächtigenLandskron" mit ihren Reben- geländen vorüber und am weltberühmtenApollinaris­brunnen" vorbei, nach dem Badeorte bringt. Um Unter­kunft braucht er auch dann nicht zu sorgen, wenn er nicht schwl vorher sein Quartier bestellt hatte. Preiswerte Woh­nung bieten ihm Privathäuser, zahlreiche Fremdenpenstonen und große Gasthöfe; auch in den Villen, die den Höhenzug bis zum Waldesrande hinauf umrahmen, findet der wohl Passende Unterkunft, dem es im Orte selbst nicht behagen will.

Den Hauptzuzug verdankt Reuenahr natürlich seinen weithin bekannten Heilquellen. Schon lange hat es ihret­wegen mit vollem Rechte den NamenDeutsches Karlsbad"; denn wirklich finden hier viele, die im Getriebe der Groß­stadt und in der Hast des Berufslebens nervös geworden sind, bei denen sich infolgedessen auch schon Störungen ernster Art im organischen Leben eingestellt haben, während der Frühlings- und Sommermonate eine unvergleichlich schöne Kur- und Erholungszeit. Die bis zu 550 Meter aus­steigende, meilenweit mit Laub- und Nadelholzwaldungen bedeckte Berglandschast ist durchzogen von wohlgepflegten Spaziergängen, auf denen man bei stundenlangen Wande­rungen im kühlen Schatten der hochragenden Eichen und Buchen das Hasten und Treiben des Alltagslebens gern vergessen mag. Ein stilles Eiland inmitten der ruhelosen Welt.. .. Wer aber den Zusammenhang mit dem geselligen Loben doch nicht ganz missen will, dom bietet sich hinreichend Gelegenheit zur Unterhaltung durch tägliche Promenaden­konzerte im schönen Kurpark, durch ein gutes Sommer-