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Rr. 208.

Dienstag, 2 Mai 1911.

59. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Mtcrtk.

Deutschland in der WeLtwirtschust.

Im Jahre 1865 betrug der Außenhandel Teuiül',- lands 2^4 Milliarden Mark, der französische über 4% Milliarden, der englische nahezu 10 Milliarden. Marl. Im Jahre. 1609 hatte nach den Übersichten deZ Statisti­schen Jahrbuchs des Deutschen Reichs Großbritännren 22,3, Deutschland 16,3 und Frankreich 9,2 Milliarden Ges am taußenh and ei. Derjenige Englands hat sich also mehr als verdoppelt, derjenige Frankreichs unge­fähr verdoppelt, der unserige dagegen versieben- facht. Auch wenn man einen kürzeren Zeitraum in Betracht zieht, sind die deutschen Fortschritte erstaun­lich. So ist der Kohlenverbrauch in dem Jahrzehnt von 1898 bis 1908 von 1939 auf 2799 Tonnen auf den Kops gestiegen. Wir entnehmen diese Zahlen einem Aussatz von Eduard Bernstein im Maihest der „Neuen Rund­schau" (Berlin, S. Fischer), und wir unterstreichen dre Ziffern, wett sie mit ihrem gigantischen Anschwellen die ganze Schärfe der Problemstellung ergeben, vor­der wir uns befinden, des Problems nämlich, wie es mit der enormen Steigerung der deutschen Leistungs­fähigkeit werden soll, wenn sich eines Tages Stockun­gen einstellen, wenn namentlich das Ausland Mittel und Wege findet, mit denen es sich von uns unabhängig nrachen kann. Mancherlei ernste Fragen drängen sich auf, vor denen man bei uns im gewiß berechtigten Hoch­gefühl über unsere Erfolge zumeist die Augen ver­schließt. So gilt es als erweisbar und erwiesen, daß sich die großbritannische Weltwirtschaft ans dem Rück­züge vor der übermächtig werdenden deutschen Wirl- schaft befindet. Aber man höre ein von Eduard Bern­stein mitgeteiltes Detail, und man wird einigermaßen bedenklich werden. Tie englische Ausfuhr von Fabri­katen, die tut Jahre 1900 einen Wert von 229 Millionen Pfund Sterling repräseniiert, ist bis zum Jahre 1910 auf nicht weniger als 315 Millionen Pfund gestiegen. Ties Wachstum rst doch wohl um einiges größer als das unserer Ausfuhr, und gerade in einer Reihe von Ge­werben, welche die höchsten Anforderungen an die Tecy- nik stellen, hat England seine Position auf dem Welt­markt behauptet, wen» nicht verbessert. Als Tatsache gilt es bei uns vielfach, daß unsere Elektrizrtäts- industrie diesenige Englands weitaus iibertrifft. Für jetzt mag das noch gelten, aber die britische Elektrizi­tätsindustrie hat neuerdings doch alle Schwierigkeiten überwunden, und den Wert ihrer Ausfuhr ist im Jahre 1910 auf eine nie zuvor erreichte, Höhe gestiegen, näm­lich auf über 4 Millionen Pfund Sterling. Wir nrüsien damit rechnen, daß andere Völker und Staaten gerade .. —..

weil unser Vorbild sie anspornt, bestrebt sein und es auch erreichen werden, sich ebenfalls die Vorteile zu verschaffen, die wir durch unsere Schulen, durch unsere intimen Beziehungen von Wissenschaft und Industrie, durch die Universalität der deutschen Erziehung, durch die Anpassungsfähigkeit unserer Kaufleute, durch die Intelligenz und Geschicklichkeit unserer Arbeiter er­langt haben. . Warum soll das nicht nachgeahmt werden können? Es war bei uns ja auch nicht immer so, wie es heute ist, wir waren arm und bescheiderl. und so nahmen wir uns Engländer und Amerikaner gum Vorbild und kamen voran. Heute ahmen uns wieder die Engländer nach, erschreckt und aufgerüttelt durch unsere Fortschritte, und sie tuir es mit sichtbarem Er­folg. Wir haben natürlich keinen Grund zum Pessi- mismus, aber wir dürfen uns ailch nicht in Selbst­gefälligkeit einwiegen lassen. Nun wird uns geraten, in Erwartung einer verschärften Konkurrenz auf dem Weltmarkt die agrarische Grundlage unserer natw- nalen Wirtschaft gehörig zu erweitern. Das braucht nicht abgelehnt zu werde», und wir wissen uns von parteipolitischer Befangenheit frei. Zutreffend heißt es in deni angezogenen Aufsatz in der „Neuen Rund­schau": Selbst tyenn es gelänge, für Deutschland dre landwirtschaftliche Selbstversorgung herzustellen, würde es doch bei Strafe des Rückgangs seiner Bevölkerungs­ziffer darauf angewiesen bleiben, Jndustw.erzeugnisse auszuführen. Damit sind aber schon alle Bestrebungen verurteilt, jene Selbstversorgung durch Mittel zu er­wirken, die Verteuerung der Lebenshaltung der ar­beitenden Klassen der Nation bedeuten. Wem die vor­geführten Beispiele aus England ungenügend er­scheinen, der blicke nach den Vereinigten Staaten, deren Regierung in dem Augenblick, wo die heimischen Lebensmittel fühlbar im Preise steigen, den Gegen­seitigkeitsvertrag mit Kanada betreibt, der Öffnung der Grenzen für kanadische .Agrarpolitik heißt. Tie klugen Uankees wissen, von welchem Wert billige Lebensmittel für die Erhaltung und Steigerung ihrer L e i st u n g s f ä h i g k e i t sind, und handeln demgemäß. Dabei sind sie für ihre Stapelindustrien in ungleich günstigerer Lage als wir für die Deutsch­lands. _ Wir müssen die Rohprodukts, unserer Haupt­industrien in steigendem Maße vorn Ausland beziehen, während die Amerikaner sie fast durchgängig im Lande haben. Für 3 Milliarden Mark führt Deutschland jährlich mehr an Rohprodukten und Halbfabrikaten ein, als es ausführt. Man denke etwas über diese Tatsache nach. In den vier Jahren von 1906 bis 1969 wurden im ganzen für etwas über 19 Milliarden Rohstoffe und Halbfabrikate in Deutschland eingeführt und nur für 7,3 Milliarden ausgeführt. Hier haben ivir einen weiteren zahlenmäßigen Anhaltspunkt dafür, wie sehr Deutschlands Zukunft in der Weltwirtschaft heute von seiner M e n s ch e n k u 11 u r abhäugt.....

Die Rsjegger-Sttstung.

Von den deutschen Waldbergen rer Steiermark aus ließ Rosegger vor zwei Jahren den Ruf an die Reichen des deutschen Volkes ergehen, durch Zeichnen von je 2000 Kronen eine Summe von 2 Millionen Kronen zur Gründung und Erhaltung deutscher Schulen an den Sprachgrenzen zu sammeln, nicht zum Angriff auf Nachbarvölker, nur zum Schutz unseres eigenen Volks. Am 3. März 1910 wurde der tausendste Baustein ge­zeichnet, die 2 Millionen waren zusammen, aber die Sammlung wurde fortgesetzt: jetzt sind 2 800000

Krone,» gezeichnet und in Kürze wird man wohl die dritte Million erreicht habe n. Das meiste haben die Deutsch-Österreicher selbst gezeichnet, von den 1100 Bausteinen stammen höchstens 140 aus dem Reiche. Für Messina hatten wir Reichsdeutsche schnell 9 Millionen zusammen: die Sache unserer Stammesbrüder an der Sprachgrenze, denen auch der Boden unter den Füßen schwankt, scheint manchem sonst gebefreudigen reichsdeutschen Herzen be­deutend ferner zu liegen. Auch unter den Deutsch- Österreichern blieben viele von denen abseits, auf die Roseggers Ruf in erster Linie geniünzt war. Mögen immerhin so strammdeutsche Adlige wie der Fürst Fürstenberg, der Graf Asiens, der Fürst Auersperg, der Graf von Nostiz für di? Ehre des deutschen Namens eingestanden sein, es haben doch noch nicht 100 Adlige gezeichnet; mögen immerhin so bewährte Förderer des Deutschtums lvie die Fabrikbesitzer Tittrich in Schön­lind, Braß in Hohenstadt, Richter in Prag, Pfeiffer.in Rumburg durch ihre großen Spenden gezeigt haben, daß tüchtiger Geschäftssinn und nationaler Geist sich gut miteinander vertragen: die glänzendsten Beispiele völkischen Opfermutes haben die Leute aus dem Mittelstand gegeben, die Letzte mit einem Einkomincu von 1500 bis 6000 Kronen. Ergibt doch eine Prüfling der Geberliste, daß Beamte einzelner Fabriken Bau­steine gezeichnet haben, aber ihre Arbeitgeber nicht. Ein kleiner Beamter aus Kärnthen gibt die ihm eben auS- aezcchlte Lebensversicherung von 3000 Kronen her, ein Jurist opfert die 2000 Kronen, die er durch Verwal­tung einer unbesetzten Stelle verdient Hai. Gegen 90 Bausteine zu je 2000 Kronen sind von Beämtengruppen gezeichnet, von Postbeamten, Kindergärtnerinnen, Pro­fessoren, Ratsbeamten. So hat sich bei der R o s e a g e r - S t i f t n n a der Mittelstand deutlich als b e st e Stütze des deutschen Gedankens, als Träger tatkräftigen Opfermutes erwiesen.

Glücklicherweise will man nicht nur die Zinsen der Sammlung verwerten, sondern dort, wo nationale Be­drängnis herrscht, greift'man mit größeren Summen ein. Schon sind mehrere Schulen niit dem Gelds er-

^ . ...

(Nachdruck verboten.)

Himmelserschmmmtzen im Mai 1911.

In der Zunahme der nördlichen Deklination der Sonne tritt im Mai bereits eine starke Verlangsamung ein, denn im nächsten Monat gelangt die Sonne an ihren nördlichen Wendepunkt, das Sommersolstttium (22. Juni). Am 1. Mai beträgt die Deklination + 14° 48' 30."7 und am 31. Mai -st 21° 47' 32."8. Daraus ergibt sich folgendes Wachstum der Mittagshöhe der Sonne: für den Parallel von 54° (Norddeutschland) von 50° 48.'5 ans 57° 47/5, für den Parallel von 51° (Mitteldeutschland) von 53° 43/5 auf 60° 47/5 und für den Parallel von 48° (Süddeutsch­land und Österreich, etwa die Polhöhc von Wien) von 56° 48/5 auf 63° 47/5. Die T a g -e s d a u e r erfährt dadurch eine Verlängerung von 15 aus 16% Stunden im nördlichen Deutschland, von 14% auf 16% Stunden im mittleren Deutschland und von 14% auf 15% Stunden im südlichen Deutschland, in der Schweiz und in Österreich. Wesentlich länger ist natürlich die Tageshelligkeit, denn die Dämme­rungen rücken immer mehr gegen Mitternacht zusammen, ja in den nördlicher gelegenen Gebieten herrschen im Mai be­reits die Hellen Nächte, in denen die Abenddämmerung um Mitternacht unmittelbar in die Morgendämmerung über­geht.

Die Phasen des Mondes treten im Mai zu nach­stehenden Zeiten ein: Erstes Viertel am 5., um 2 Uhr 14 Min. nachmittags, Vollmond am 13., um 7 Uhr 10 Min. vor­mittags, Letztes Viertel am 21., um 10 Uhr 23 Min vor­mittags, und Neumond am 23., um 7 Uhr 24 Min. vormit­tags. Der Mond steht am 15. Mai um 8 Uhr nachmittags in Erdferne bei einem Abstande von 63.6 Erdradien und am 28. Mai um 6 Uhr nachmittags in Erdnähe bei einem Abstande von 56.0 Erdradien ä 6378 Kilometer.

Am 13. Mai ereignet sich eine nur in südwestlichen Gegenden sichtbare pänumbrale Mondfinster­nis, bei der der Mond aber nicht den Kernschatten, sondern

nur den matten Halbschatten der Erde berührt. Der Beginn der Finsternis findet um 4 Uhr 46 Min., die Mitte um 6 Uhr 56 Min. und daS Ende um 9 Uhr 7 Min. statt. Da der Mond für den mitteleuropäischen Meridian schon um 4 Uhr 18 Min. vormittags untergehl, bleibt für diesen das Phänomen verborgen.

Von den großen Planeten beherrschen die Venus und der Jupiter den gestirnten Himmel, in der ersten Nacht- hälste die Venus den Westen und der Jupiter den Südosten, beide durch ihren Hellen Glanz alle anderen Sterne weit überstrahlend. Der sonnennächste Planet, Merkur, bleibt unsichtbar, denn er gelangt am 5. Mai, um 7 Uhr abends, in seine untere Sonnenkonjunktion; am 10. Mai, um 12 Uhr mittags, und am 29., um 3 Uhr morgens, ist er mit Saturn in Konjnnktion. — Venus, der funkelnde Abend­stern, tritt Mitte Mai aus dem Sternbilde des „Stiers" in das der „Zwillinge" über; sie geht anfangs gegen 11 Uhr abends, zuletzt nickst lange vor Mitternacht unter. Ihr Erdabstand vermindert sich von 1.21 auf 1.00 Erdbahnhalb­messer ä 149.48 Millionen Kilometer, ihr scheinbarer Durch­messer wächst daher von 13."9 auf 16."9. Am 30. Mai, um 4 Uhr morgens, hat Neptun mit Venus Konjunktion. Wie diese, so fallen auch die beiden Konjunktionen des Mondes mit der Venus am 1. und 31. Mai in die Tageshelligkeit, nämlich die erste auf 2 Uhr nachmittags und die letzte auf 6 Uhr vormittags, doch bildet der zunehmende sichelförmige Mond an den Abenden des 1. und 30. Mai noch, vezw. schon eine recht auffällige Stellung mit dem Planeten. Beide Male bewegt sich der Mond nördlich am Abendstern vorüber. — M a r s durchwandert das Sternbild des „Wassermannes" und tritt im letzten Monatsdrittel in das Bild der „Fische" über; er erhebt sich Anfang Mai kurz nach 3 Uhr, Ende Mai schon gegen 2 Uhr früh über dem östlichen Horizont, doch hindert die zu diesen Zeiten schon herrschende helle Morgendämmerung seine Sichtbarkeit für das bloße Auge. Mit einem Opernglafe wird man dagegen den Mars locht finden, wenn am Morgen des 23. Mai der Mond ihm nahe kommt; um 3 Uhr nämlich steht die ab­nehmende Mondsichel 2% Grade südlich (rechts unten) vom Mars. Der Planet nähert sich uns von 1.52 auf 1.34 Erd-

bahnradien, sein scheinbarer Durchmesser vergrößert sich da­bei von 6."2 auf 7."0. Seine Erdnähe erreicht der Mars im November d. I. bei einem Abstande von 0.51 Erdbahn- Halbmessern und einem größten scheinbaren Durchmesser von 18."3, der nur wenig größer ist, als uns Ende Mai die Scheibe der Venus erscheint. — Jupiter befindet sich an der westlichen Grenze der „Wage" und bleibt während der ganzen Nacht als glänzendes Gestirn sichtbar; am 1. Mai kulminiert er um Mitternacht, Ende Mai schon um 9% Uhr abends. Er steht am 1. Mai, um 5 Uhr vormittags, in Opposition, der Sonne gerade gegenüber. Seine Entfer- nung von der Erde betrügt zuerst 4.42, zuletzt 4.54 Erd­bahnhalbmesser; sein Scheibendurchmesser nimmt infolge­dessen ab von 45."1 auf 44."1. Am 12. Mai, um 6 Uhr vor­mittags, hat der Mond mit Jupiter Konjnnktion, wobei der Mond 1% Grade südlich vom Jupiter steht. Vorher, wenn es noch dunkel ist, und auch schon am vorangehenden Abend verlohnt es sich, dem Gestirnpaar einen Blick zu widmen, obwohl der fast volle Mond dann noch eine Strecke weiter westlich (rechts) vom Jupiter weilt. — Saturn befindet sich am 1. Mai, um 7 Uhr vormittags, in Sormen- konjunktion; Saturn, Sonne, Erde und Jupiter bilden mit­hin an diesem Tage eine Gerade, wenn auch nicht in streng mathematischem Sinne. Am 1. Mai ist der Abstand des Saturn naturgemäß am größten, 10.20 Erdbahnradien; er wird von jetzt an wieder kleiner, am Schluffe des Monats ist er schon auf 10.09 Einheiten zurückgegangen. Selbstver­ständlich bleibt Saturn vorläufig, bis Anfang Juli, ver­borgen. — Uranus, nach wie vor im Stcrnbilde des „Schützen" in sehr südlicher Deklination, kulminiert Mitte Mai gegen 4% Uhr morgens, ist daher auch für Fernrohre nur noch ungünstig zu beobachten. — Neptun, in den „Zwillingen", gehört dem Abendhimmel an und bleibt an diesem zunächst noch etwa 5 Stunden für große Instrumente sichtbar. Seiner Konjunktton mit Venus am 30. Mai haben wir schon oben kurz gedacht; Venus steht bei dieser 2° 59' nördlich von Neptun.

Sternschnuppen sind im Mai recht spärlich zu beobachten, nur zwei unbedeutende Schwärme werden in den ersten Tagen und am 22. von der Erde gekreuzt.