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Nr. 188.

Freitag, 21 . April 1911.

59. Jahrgangs

Morgen ° Ausgabe.

_ 1. Matt.

Wie Kleine Leute leben.

Es ist viel wichtiger für Deutschlands Zilkllnft, daß die unteren Schichten der Bevölkerung wirtschaftlich gc- hoven werden, als daß die Schichten überhandnehmen, die an ihrem Reichtum physisch und psychisch zu Grunde gehen. Deswegen wenden wir unseren Blick vornehm­lich dem Ergehen der Schichten zu, die von unten nach aufwärts streben und die volkswirtschaftlich als Kraft­quellen bezeichnet werden können. Daß sie vorwärts kommen können, mutz das ernste Bestreben unserer Wirtschaftspolitik sein, datz sie vorwärts kommen müssen, darüber belehren uns die zahlreichen Erhebun­gen und Untersuchungen über Wirtschaftsrechnungen und Haushaltskosten solcher Familien, die zu den ge­ring und minder bemittelten Schichten der Bevölkerung gehören. Einen neuen Beitrag zur Kenntnis der Le­bensweise dieser Schichten liefert neuerdings Das statistische Amt der Stadt Halle, das eine Bearbeitung der Wirtschaftsrechnungen von 49 kleinen Haushaltun­gen in Halle a. S. und Umgebung bekannt gibt. Die Arbeit ist um so aktueller, als die Wirtschaftsrechnun­gen für das Jahr 1909/40 gelten. Von den 49 berück­sichtigten Familien hatten 6 ein Einkommen von 900 Mark, 5 ein solches von 9001200, 25 ein solches von 12001600, 9 ein solches von 16002000 M. und 4 ein solches scher 2000 M. Die Mehrzahl der Familie.i hatte demnach ein Einkommen von 1200 4800 M., d. h. monatlich 100133 M., womit sie ihre sämtlichen Leberlsbedürsnisse befriedigen müssen. Vor 25 Jahren war mit dieser Summe noch erheblich mehr, anzufangen wie heute; heute hat sie gegen damals eine so ver­ringerte Kaufkraft, datz sie der damaligen Einkommens­stufe von etwa 9001200 M. entsprechen wurde. Tie Einnahmen, die iii der Untersuchung des statistischen Amtes der Stadt Halle monatlich ersaht werden, schwanken im Laufe eines Jahres außerordentlich starr. Irr den untersten Einkommensklassen ist die Verteilung des Einkoinlnens aus die einzelnen Monate -Lchwcmkun- gen bis zu 60 Prozent unterworfen. Dadurch werden die Ausgaben stark beeinslutzt. Es macht sich m den Ausgaben überall einsich nach der Decke strecken" be­merkbar Einnahme und Ausgabe werden einander anzupassen versucht. Unter den Ausgaben stehen die Beträge für Nahrungsmittel obenan. Die Hauptaus­gabe bildet die Ausgabe für Fleischwaren; unmittelbar danach kommen Brot und Backwareii. Es folgen daun Butter, Schmalz, und Milch. Alle übrigen Nahrungs­mittel spielen deii aufgeführten gegenüber eiiie ziem­lich untergeordnete Nolle. Iii der niedrigsten berncksich

tigten Einkommensstufe bis 900 M. kommt auf die Familie im Durchschnitt noch nicht einmal für 26 Pf. Fleisch auf den Tag. in der nächsten Stufe nicht ganz 47, in der dritten 50 und in der obersten 63 Pf., also 2s/2 mal soviel als in der niedrigsten Stufe. Dabei steigert sich nicht etwa die Ausgabe für Fleisch im Ver­hältnis zur Gesamtausgabe, sondern^ zeigt sogar, ein Sinken mit Ausnahme der untersten Stufe, In dieser erscheint der Fleischverbrauch auch gegenüber den ande­ren Nahrungsmitteln gering. Während in den drei übrigen Stufen die Ausgabe für Fleisch etwa Vs der Ausgabe für Nahrungsmittel überhaupt ausmacht, ist sie in der ärmsten Klasse bedeutend geringer. Auf Kosten der Fleischnahrunq bilden Schmalz, Kartofseln, Brot und Kaffee die Hauptnahrungsmittel. Was den Drotverbrauch betrifft, so machen in der Stadt drei Ausgaben hierfür etwa auch V> der gesamten Aus­gaben für die Ernährung aus; auswärts stellt sich der Anteil etwas höher. Es liegt dies wohl daran, datz auf dem Lande die Ausaaben fi'r andere Nahrungs­mittel als Fleisch, Eier, Kartoffeln usw., niedriger als in der Stadt siiid, und so erscheint der Ausgabeiianteil für Brot als hoch, während die wirkliche Ausgabe auf den Kopf des erwachsenen Mannes hinter dem in der Stadt zurückbleibt. Der Brotverbrauch auf dein Lande ist aus dem Grunde geringer, weil dort, vornehmlich abends, noch vielfach Kartofseln, die man ja meist selbst erntet, verzehrt werden. Vielleicht erklärt sich so auch der geringe Brotverbrauch in den städtischen ärmeren Familien. Der Konsum von Fetten zeigt in den ver­schiedenen Familien weniger nach der Quantität starke Unterschiede, Wohl aber nach der Qualität; mit zu­nehmender Wohlhabenheit überwiegt die Butter. Tie Wohnungsverhältnisse werden im großen iliid gMizen Zs günstig bezeichnet. Meist sind die Räume licht und freundlich wohl bei einigen iii Hinterhäusern gelegen, doch fast regelmäßig so, datz Licht und Luft reichlich Zutritt haben. Fast überall ist das Bemühen sichtbar, durch Ordnung und Reiiilichkeit das Heini behaglich und den Aufenthalt darin angenehm zu machen. Der Mietzins der berücksichtigten Familien schwankt im Durchschnitt der vier Einkommensstufen zwischen 106,05 und 275,80 M. im Jahre. So niedrig diese Mieteii ini Vergleich zu ben Wohnungspreisen in den besseren Vierteln auch sein mögen, so ist doch die Belastung der Ausgaben durch die Miete überaus stark. Das äußert sich darin, daß schon im Monat vor dein Zinstermin an den übrigen Ausgaben sehr gespart werden mutz, ,iur dmnit die Miete pünktlich bezahlt werdeii kann. Nur wenig Geld bleibt, wie man sich lebhaft vorstellen kann, zur Befriedigung geselliger Bedürfnisse übrig, wie sie sich im Besuch voii Theatern, Konzerten und Vorträgen, in der Beteiligung an Vergnügungen und Ausflügen darstellen. Etwas größer sind die Summen, die" für Zeitungen, Bücher, Beiträge für politische,

religiöse, berufliche, gesellige und Sportvereine, Porto,

Schreibpapier usw. aufgewendet werden. Diese Aus­gaben zeugen von dem wachsenden Bildungsbedürfnis, das in biefert Schichten weit reger und ernster vorhan­den ist als in den reich begüterten Kreisen. Dieses rege Wachsen des Bildungsbedürfnisses gerade in Den ärmeren Schichten der Bevölkerung, wo es trotz der Ärmlichkeit der wirtschaftlichen und sozialen Verhält­nisse nicht mehr unterdrückt werden kann, ist ein Zei­chen vielversprechenden Vorwärtsstrebens, über das der Volkswirt ebenso wie der Politiker nur Genugtuung empfinden kann. _

Politische Kirrrstcht.

..Mahlfrage«."

In der ihm eigenen geistreichen Art versucht de, Abgeordnete Herne in einem ArtikelWahlfragen" i» denSozialistischen Monatsheften", die Wahlparole der Sozialdemokratie, im ersten Wahlgange stets _ für einen eigenen Kandidaten einzutreten, zu rechtfertigen, Man kann, so führt er aus, den Scharen, die darauf brennen, ihre Überzeugung im Kamps zu bekennen und zu betätigen, nicht. einfach zumuten, datz sie von vornherein unter fremder Fahne ins Gefecht ziehen. Das wäre nur möglich bei einer sehr großen politi­schen Erfahrung und Schulung, die wir m Deutsch­land heute noch nicht haben, auch nicht haben können, oder einer politischen Charakterlosigkeit, die wir nicht haben wollen." Heine verkennt nicht die Schwäche, die in der geringeren Tirigierbarkeit der deniokratischen Massen liegt; aber sie ist nach ihm das unvermeidliche Korrelat der stärkeren inneren Kräfte, die aus einer demokratischen Politik erwachseii sollen. Man merkt es dem Verfasser an, datz er innerlich die Taktik der Sozialdemokratie doch nicht recht billigt, aber er inuß sie vor sich und den Anhängern mit Den möglich besten Gründeii zu verteidigen suchen. Aber er hebt doch gleich hervor, daß schon der erste Wahlkampf in einer Weise qeführt werden solle, die ein Zusammen­gehen bei ben Stichwahlen möglichst erleichtert, und er bestreitet nicht, daß in dieser Beziehung auf sozial­demokratischer Seitehier und da , sagt er euphemistisch, wir «iöchten sagen sehr häufig! Fehler gemacht worden sind. .

Im zweiten Teil seines Aufsatzes beschäftigt sich Heine mit der Frage, was denn geschehen würde, wenn es gelingen würde, in den nächsten Reichstag eine Mehrheit der Linken zu entsenden. Er fuhrt eme Reihe voir Dingen an, die die Mehrheit m diesem Fall schasfeli oder verhindern könnte, spricht voii dem Wider­stand des Bundesrats und der Emzellandtage und meint, zu einer Politik, wie sie getrieben werdeii müßte, um die Jahrzehnte alte Herrschaft der Konser-

ZeurllLton.

wiener SLratzenbiider.

Wien, im April.

Wer jetzt von Wien erzählt, der muß unbedingt und unweigerlich beginnen: in Berlin . . . Aus die Dauer wird das freilich ein bisschen e:Nsörmig und wenig unterhaltsam. Aber es ist nicht anders: die Berliner Straße ist sozusagen eine Durchgangsstation, eine hastig durcheilte Verbindung vom Ausgangspunkt zum Ziel: der Wiener aber verweilt sich Die Wiener Straße ist Promenade, Kinderspielplatz und ab und zu GeschWslokäl. Die Wiener Straße . . Der FrerNdc denkt natürlich aii bat Ring, an dre prunkvoll ge­putzte Feststraße der Kaiserstadt mit den hundertmal ver- nörgelten und tausendfach geliebten Talmirenaissance­valästen, erfüllt von schöngekleideten, lustwandelnden Men­schen flankiert von wundervollen Gartenanlagen und deko­rativ belebt von einer Unzahl össcntlcher Gebäude. Aber auch davon weih man schon genuig. Und -auch d<ls wrrd auf die Dauer wenig amüsant. Die Ringstraße ist zwar riesen­groß, man braucht eine volle Stunde; um sie ganz zu nm- fchreite«: aber schließlich Hai eine Stadt mit 40 000 Häusern und über 2 Millionen Menschen auch andere Straßen, als die eine und einzige, die Wiener Straße par excellence Und wenn man es recht bedenkt, sind diese anderen Wege des Werkchrs, diese Gassen und Gäßchen nicht nrnder inter­essant, nicht minder eigentümlich und für das tätige Wiener Leben vielleicht sogar charakteristischer, als der festuche Gürtel rings uni die innere Stadt. Wer aus diesem ewigen

C'rculns der Wiener Schilderer einmal heransgerah der

durchschlcüdert an einem einzigen Tag die Fnednchstraße die Pariser Boulevards und die zweitgrößte ftchechische Stadt. Er braucht zu diesem Zweck nur von^ der Nordbahn zur Westbahn und von der Westbahn zur Sudbahn M fah­ren, und zwischendurch wird er einen Augenblick am Rhern,

einen Moment lang in einer verschollenen altdeutschen Kleinstadt und in irgend einem norditalienischen Renaissancenest W weilen glauben. Die Wiener Straße hat tausend Gesichter. Hier stehen prunkhaft breite Paläste, dort schlanke Nntzbauie», Zinskasernen mit fünf und sechs Stock- werkai, da wiederum ganz schüchterne, gleichsam von der Zeit vergessene Hänschen, denen ein hochgewachsener Mann mit der Hand aus das Dach greisen kann, und ganz am Ende des Stadtbilds sind zierliche Villen mit reizenden Vorgärten

hingchetz ^ ^ Praterstraße, die in der guten, alten Zeit des Vormärz, ehe ihr der Ring den Rang ablief, als schönste Straße unserer Stadt gegolten bat. Wacklige Omnibusse, sichere Straßenbahnwagen, rasende Automobile, vornehme Fiaker und herab gekommene Einspänner: ein

ruheloses Hanen, ein- ÄnemaNder-Vorüber nNd Miteinan- der-Um-die-Weite; ein Höllenspektakel kreischender Räder, lärmender Signale, schimpfender Zuruser. Dazwischen gellen die Reklainestim-men heiserer Ausrufer, ächzt das Stöhnen heitzgelaufener Grammophone, schmettern die Plakate unzähliger BergnügimgsetaEssemenis.. In jedem Laus ein Nachtcafe, ein Automatenbüfett, ein Kabarett zweifelhaftester Sorte. Die Straße ist ständig mit einer breiartigen Kotschicht überdeckt, bunte Papierfetzen, dre einem die Ausrufer in die Hände zwingen, liegen auf dem Pflaster und aus den Trottoirs schiebt sich langsam und zähflüssig ein Strom nichtstuerischer Gelegenheitsmacher, eine ganze Kolonne bedenklicher Existenzen, hin. Dazwischen knällilg geputzte Weiber, verderbte junge Burschen. Und dann wieder grad bürgerliche Familienväter, an jeder Hand ein Kind, das schläfrig und abgemüdet aus^dem Wnrstol- prgter heimtrottet. Gerade jetzt, in dieser Stunde, in der diese Straße erst aufznleben beginnt im Glanz von tausend Lichtern, im verzweifelnden Rausch. katzenjämmerl cher Amüsements, im verführerischen Zwielicht verstohlener Vergnügungen, hart an der Grenze des Verbrechens. Wirk­lich: man aläubt einen Moment lang in Paris zu sein, ans den bedenklichen Teilen des Boulevards m wandeln, m

jetten Gegenden der Seinestadt, die sie pars pro toto immer noch zum Schreckgespenst machten.

Und dann biegt man irgendwo, rechts oder links, scrtav und man ist in einem völlig arideren Landstrich, ist in der schurmneriigen RembraNdtatmosPhäre der Niederlande, steht pittorcÄe Gestalten mit langen, schreiend roten Patriarchen- barten; Gestalten, die lange Kittel tragen, mit scheuer Ge­schäftigkeit voiüberhasten oder mit lärmenden Gebärden gestikulieren, über ein Viertel Jahrtausend, seit 1625, ist hier die Judenstadt, das Ghetto, das freilich spater, als man di« Juden 1699 auswies und zur völligen Bereinigung der Gegend an der Stelle ihrer Synagoge eine Kirche des Landespatrons errichtete, rrach diesem Landesheiligen von Niederöftcrreich Leopoldstadt genannt wurde. 20 k r die Juden kamen wieder, siedelten sich wieder hier an und leben hier bis auf den heutigen Tag. In diesen Stadtteil nmß man an Sommerabenden hehen, wenn die schreienden sim - der, die schimpfenden Weiber und die feilschenden Männer aus der Straße spielen, zanken und handeln.Der halbe Inhalt des Kramladens, Trödlermöbel, abgenutzte Kleider und vertretene Schuhe sind aus die Gasse. gestellt, der In­haber steht davor, schreit die Vorzüge ferner --'«rat aus und sucht die Vorübergehenden zum Kauf Zu verlocken.

Dann, am diametralen Ende der Stadt, die bis 1Z90 aus 10 Bezirken bestand, im Westen dieser alten «tadch das Gegenbild der Pratcrstraße. Dort das vaworrene Durch- einander des schlendernden Vergnügens der Talnnschrnuncr einer aufaedonnerien Herabgekommenhert, hier dre sichere Lurtiakeit des Erwerbs, die gediegene Allüre des Wohl­stands Hier auf der Mvriahilserstraße, gibt es keine Prnnk- aleschen und keine Luxusmenschen; hier ist alles aus Nütz- licbkeit und den znverlMgen Gmnd eines festen Vermögens a^tellt Man vermeint irgendwo in Berlin zu sein, nicht aerade in der Friedrichstratze, weil dazu alles zu solid, viel zu wenig marktschreierisch ist; eher schon in der Potsdamer oder in der Leipziger Straße, wo stch Geschäftshaus an Ge- schästshMs reiht, nur in viel größeren Dimensionen, in zehnfach intensiverer Regsamkeit. Seltsam, wie sich hier in