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Wiesbadener Tsgblstt.

Wttriaß PönaaatT* 21 /?35? .Tagtla»t-H«uS" Nr. LSSO-K».

«^ifssrsrfw--. Wöchentlich 12AusMm. _ Gegründet 1852. -"ä""

bis s Uhr abends

Wöchentlich 12 Ansgaten.

märckrmgA, Iowic'"Äe'irs ÄüsgÄestellen"in"allen Teile,i'der"8tädt; in Biebrich: die dorligen W Aus- gabestellen und in den benachbarten Landorten und im Rheingau die betreffenden Tagblatt-Träger«

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Tagblatt-HauS" Nr. 6650-3i». Ban 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends» außer Sonntags.

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Bei wiederholter Aufnahme unveränderter Anzeigen ,n kurzen Zwi>lycnr»mnen enrivremenoer nauan.

Mr die Aufnahme «on Anzeigen an vorgeschriebe,len Tagen und Plätzen wird leine Gewähr übernommen.

Nr. 17V.

Sonntag, 16. April 1911.

59. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Wegen des Osterfestes erscheint die nächste Tagblatt"-Ausgabe am Dienstagnachmittag.

Ostergriiße!

Freundliche Oster grüße! so heißt es vuf den mannigfachen Osterkarten, die jetzt uns ins Haus flattern. Wir freuen uns, daß inan unserer gedenkt mit ein paar lieben Morten, und die Veilchen oder die Tulpen auf den Kartell sind Boten vom Frühling. Nur hier und da zeigt vielleicht eine Karte ein christliches Symbol ein Bild aus der biblischen Geschichte. Wir leben nicht rnehr in den bib^ lischen Erzählungen, wir grüßen uns nicht mehr mrt dem altchristlichen Gruß, den noch heute in Jerusalem am Ostermorgen die Christen einander zurufen: Christus ist auferstandenI Auf den biblischen Geschichten liegt für uns zwar noch der Schmelz der Jugend die Mutter hat sie uns mit leuchtenden Augen erzählt Ulld die Lehrer haben sie uns mit viel Aufwand an­schaulich zu machen gesucht. Ter Zauber der.Poesie und der Phantasie, der auf ihnen ruht, wirkt noch immer. Die Kunst hat sich ihrer bemächtigt unv den Gekreuzrg- len und Auferstandenen uns nahe zu bringen gesucht.

Das Osterfest und der Osterglaube haben in unse­rem Volk ihre Geschichte. Sie haben Großes geleistet und wir haben zurzeit nichts, was Ersatz bieten konnte. Heldengeist umfängt uns, wenn wir lesen aus der Zeit der Gegenreformation in Schlesien, als die österreichi­schen Tragonaden viele protestantische - Dörfer ,WW. hatten und keinen protestantischen Gottesdienst dulde- ten, und wie damals die Bauern in der Osternacht Stunden weit wallfahrteten, um eineir protestantischen Gottesdienst und die Auferstehung Jesu in ihrer Weise feiern zu können, und wie viele Haus und Hof ver­lassen haben, als man es ihnen unmöglich machte, ihres Glaubens zu leben.

Ter alte Glaube ist ein teures ehrwürdiges Ver­mächtnis der Eltern, wie ein Jubelgesang, der m schwerer Zeit das Volk fröhlich und sicher gemacht hat. Aber wie sprechen heute andere Zungen. Tie Glutwinde der Wissenschaft sind gekommen und habe,: dre lieb­lichen Blüten schöner Geschichten vernichtet. Die Kritik ist wie ein Schneegestöber hereingebrochen und hat uns den Zweifel rns Herz gelegt. Wir haben nicht mehr den Glauben der Väter, an einen strafenden Gott, der in seinem Sohn ein Opfer für sich, für seinen Zorn

haben mußte und dessen Tod zugleich ein Abwaschen der Sünden der Menschheit bedeuten sollte. Wrr^ den­ken heute anders über Gott, Jesu, Erlösung, Sünde, Welt, Auferstehung.

Aber allerdings der neue Glaube, den wir an die Stelle des alten setzen wollen, ist ziemlich unsichtbar. Er ist noch keine Macht. Er ist erst wie die keimende junge Saat auf dem Felde, von der man noch nicht weiß, was aus ihr werden wird. Aber der neue Jdealisrnus ist vorhanden. Viele edle Geister sind am Werke, eine Weltanschauung aufzubauen, eine Welt­anschauung der Weltseliakeit und Welterhebung. Und nicht nur die Gedanken werden gesponnen, sondern von unten her entwickelt sich ein neues Gemeingefühl zwi­schen den Menschen ein Gemeingefühl. das oas Ganze über den einzelnen stellt und den einzelnen doch trage,r will als ein wichtiges Glied des Ganzen, erfüllt von der Losung: die Maste muß zusammenhalteir.

Mag der Papst in Rom und der evangelische Qber- kirchenrat in Berlin von dem Wehen des neuen Geistes nichts spüren und mit Kanonenstiefeln die juiige Laat tot treten wollen, weil sie ihre Art nicht verstehen: noch heute ist das Blut der Märtyrer der Same der Küche. Und dräut der Winter noch so sehr, es inuß doch Früh­ling werden!

Wenn wir unseren. Osterspaziergang halten und mrt Faust unseren mürben Geist erquicken lassen an der ewig jungen Natur einem kräftigen Heilmittel, nrcht nur für blasierte Seelen, so soll uns auch em Gefühl durchzucken von der ewigen Jugend des Menschen­geschlechts, von der stets sich erneuernden Kraft des menschlichen Geistes. Und alle die, welche ringen an den Menschheibsproblemen, mit neuer Jugend und neuen Ostern die Menschheit erfüllen wollen, die grüßen sich ganz besonders zum Osterfest, die reichen sich über die Schranken.des Raums hinweg d,e Hand zu einer Kette freier opferwilliger Geister.

Pastor a. D. K ö t s ch k e.

Deutsches Reich.

* Das Ausführungsgesetz zum Rerchsviehseuchengesetz. Dem Abgeordnetenihause ist aus den« Landwirtschafts- Ministerium der Entwurf eines Ausführungsgesetzes zum Reichsviehseuchengosetz zugegangen. Der Entwurf enthält die den Einzelstaaten vovbehältenen Bestimmungen''Wer das Verfahren, über die Form, von deren Beobachtung die Gültigkeit der aus Grund 'des Gesetzes zu erlassenden An­ordnungen abhängt, über die Zuständigkeit der Behörden und Beamten und über die Bestreitung der durch das Ver­fahren entstehenden Kosten, ferner unter Beachtung der reichsgesetzkichen Grundsätze nähere Vorschriften darüber,.

von wem die Entschädigung zu gewähren, wie sie ^auszu-

bringen und wie sie im einzelnen Falle zu ernüttem um» festzustelleu ist. Der Gesetzentwurf zerfällt wie das Aus- sührungsgosetzes vom 12. März 1881 ln 4 Mschmtte: Ver­fahren und Behörden, Entschädigungen, Kosten und Schluß- bestimmungen.

+ Der kaufmännische Geist bei den Behörden. In der Stadt Liegnitz ist kürzlich ein neues Dienstgebäude für das Hauptzollamt errichtet worden. Der Bau hat erhebliche Mittel in Anspruch genommen. Man sollte nun meinen, daß die Verwaltung eines Zollamtsgebäüdes von vorn­herein und ans ihre eigenen Kosten sich das moderne Ver­kehrsmittel des Telephons zulegen würde. Aber wert ge­fehlt! Da das Telephon Geld kostet und das Telephonieren auch den Gewerbetreibenden, die mit dem Zollamt zu tun haben, gelegentlich einen Botengang ersparen mag, so ist dre obere Zollbehörde in Breslau ans den klugen Gedanken ge--, kommen, sich das Telephon von 'den Firmen bezahlen zu lassen, die wohl oder übel mit dem Zollamt des öfteren verkehren müssen. Im Auftrag der Vorgesetzten Behörde hat, wie wir demLicgn-itzer Anz." entnehmen, das Haupt­zollamt an die in Betracht kommenden Firmen em Zirkular gerichtet mit der Anfrage, wie große Beihilfen l'.e eventuell zur Unterhaltung eines Fernsprechers rm Lreg- nitzer Hauptzollamt jährlich zu zahlen gedächten. Und an­gesichts solcher Anforderungen sagt man «mner noch, unsere Behörden hätten keinenkaufmännischen Geist I

* Eine Arbeitszcntrale für die Privatbcamtenversiche- rung, die beabsichtigt, einen Gesetzentwurf zu der Vorlage eines Angestelltenversicherungsgesetzes auszuastbeiten, ist, wie die FachzeitschriftDie TeMwoche" erfahrt, rn Brl- duirg begriffen. Neben einer Anzahl von Verbanden der selbständigen Kaufmannschaft wie der Vereinigung der deutschen Privatversicherungen, dein Zentralarrsschiltz der Prinzipalverbände in Sachen Pensionsverficherurrg der Privatangestellten, des ZontraWerbattdes des deutschen Bank- und BcmKergewcstbes ist auch eine Anzahl führender Verbände der Angestellten beteiligt, wie der Banlbcamten- verein und der Deutsche Privatbeamtenverein.

Deutsch-französische Berkehrsfragett. Der Verkehrs­ausschuß des deutsch-französischen WirffchaftZvcreins tritt am Sarnstag, den 22. April, in Berlin zu einer Sitzung zusammen, für deren Tagesordnung bisher folgende Punkts vorgesehen sind: 1. Vorschlag einer deutsch-französischen Konvention über den gegenseitigen Bezug von Zeitungen und Zeitschriften im Wege des. Postabonnements. 2. Ver­billigung des deutsch-französischen Telegrammverkehrs. 3 . Anregung eines deutsch-französischen Postvereins. 4. Ein­richtung internationalen Postscheckverkichrs zwischen DeUtfch- land urtd Frankreich. 5. Förderung von Studienreisen Deutscher in Frankreich und umgekehrt. 6. Freigepäck und Rundreiscbilletts in Frankreich. Herren, welche sich etwa für den einen oder anderen Punkt der Verhandlungen mter- essieren, können eventuell der Sitzung als Gast beiwohnen

getttMtftt«

(NaSdruck erwiinfcht.)

Ostermorgen.

Von Gertrud Westphal.

Ein paar magere Kinderhände zucken auf der Tecke hin und her, ein dünnes Körperchen' bewegt sich kurz und hastig, ein leises Stöhnen wird hörbar, dann ist es still, unheimlich still ... , ^ ,

Die Frau, die an dem weißen Krnderbettchen sitzt, löst die Hand, die krampfig das Gitter umklammert hielt, und streicht leise über die bleicheKrnderstirn, an der kaltevSchweiß klebt.Schlaf ruhig, meinLiebting", finstert sie aber kein Zug verändert sich in dem übernächtigten Frauenantlitz. Ihre glanzlosen Augen schauen geistes­abwesend in das zusammengefallene Gesichtchen. Tann sinkt ihr Kopf schwer auf die Brust.

Auf Zehenspitzen kommt ein Mann herein. /Sein erster Blick gilt dem Kinde. Aber sein dumpfes Ächzen bleibt ihm rn der Kehle stecken, als er die zusammenge­sunkene Frauengestalt sieht. Mit angstvollem Griff umfaßt er sie. Aus müden Augen schaut dre funge Frau ihn an und raunt:Bubi schläft. Heute ist die Krisis. Er wird gesund." Dann läßt sie sich willenlos von ihrem Manne absühren.-

In wildem Fieber lag Frau Hanna rm Bett, als ste den kleinen, spitzenbesetzten Weißen Sarg davontrugen. Auch nicht derVater qab demFrühentschlafenen das Ge­leit Ter saß mit anqstdurchwühltem Gesicht an dem Berte seines Weibes und hielt dessen siebexglühende Hand in der seinen.

Hatte der Tod an dem einen Opfer noch nrcht ge­nug? Wollte er noch ein zweites blühendes Leben zer­treten? _ .

Aber die junge Frau genas. Das ffreber lretz nach. Tie wilden Phantasien, in denen sie wre irrsinnig nach ihrem Kinde schrie und nach dem Mann mit geballten

Fäusten schlug, verloren sich allmählich in stillem Brü­ten und traurigen Seufzern. In diesem Zustands trug man sie zum ersten Male aus dem Bett nach dem Liegestuhl am Fenster. Willenlos ließ sie es geschehen. Ihr starrer Blick schweifte in weite Fernen, die blassen Hände ruhten gefaltet auf dem schützenden Fell, "so lag sie nun Tag um Tag eine Stunde im leuchtenden September-Sonnenschein. Ihren Mann, der sie mit rührender Geduld umhegte, hatte sie schon lange er­kannt. Sie rief ihn beim Namen, aber ihr Blick blieb fremd und abweisend. Wenn er ihre Hände streichelte, zog sie sie kaum merklich zurück, wenn er leise seine Lippen mir ihre Strrn drückte, wandte sie müde den Kopf zur Seite.

Als Frau Hanna endlich allein aufstehen konnte, zog ihr Mann sie sanft an sich und blickte ihr ernst in die Augen.Hast du mich denn nicht mehr lieb, Hanna?" fragte er mild und zärtlich, wie man zu einem kranken Kinde spricht. Ein wehes Zucken glitt über das blasse Frauenantlitz.Ich weiß nicht, Gerd", erwiderte sie tonlos.Ich weiß nichts und denke nichts und fühle nichts, als nur das eine, daß ich zum Ster­ben müde bin. Ich möchte am liebsten da sein, wo der kleine Ewald ist." .

Ihr erster weiterer Gang war zum Friedhof. Bitte, laß mich allein gehen, Gerd", hatte sie gefleht. Ich muß Bubi für mich allein haben."

Ängstlich wartete der Mann auf ihre Rückkehr. Er fürchtete, sie von neuem fchmerzerfüllt zu sehen, aber sie war ruhig und gefaßt, als sie heimkebrte. Nur eine seltsame Starrheit lag in ihren Zügen. ^re blieb. Ter Arzt zuckte die Achseln:Das Leiden sitzt inwendig. Da gibt's nur eine Arznei, die heißt: Liebe."

Gerd Mirbach ließ es nicht an Liebe fehlen. Wie mit einem weichen warmen Mantel wollte er sein armes Weib mit seiner Liebe einhüllen. Wie zart wollte er ihre Tränen trocknen! Seine Liebe, die sich. stark genug fühlte, Berge zu versetzen, sollte nicht einmal

n verzweifeltes Frauenherz gesund machen können?

- Er vergaß, daß es ein Mutterherz war!^

Wochen und Monde gingen ins Land. Frau Hanna ieb die gleiche. Sie tat ihre Arbeit, sie verrichtete wie ihre Pflichten, vielleicht noch pünktlicher und ge- issenhafter als vordem, aber ohne inneren Anteil, hr Auge war immer wo ande/s, als bei der Arbeit, hre Blicke schienen durch die Dinge hindurch und dar« oer hinaus zu dringen in weite Fernen . . .

Nie sprach die junge Frau von ihrem toten Kinde, -ur einmal, als ihr Mann sie mit schmerzlichem Un- -stüm an sich reißen wollte und sie wie immer müde ehrte, stieß sie gequält hervor:Ich kann nicht, Gerd, ch kann nicht! Meine ganze Seele war eine einzige coße Flamme. Die ist nun ausgebrannt. Kein! unken glimmt mehr in der Asche."

Da brach in dem Mann auch ein wilder Groll her«, or:Willst du mich denn ganz unglücklich machen,

>anna?. Denkst du denn nicht an mich?"

Ein Begreifen zuckte in den todtraurigen Augen er Frau auf, und dann geschah etwas, was Gerd conatelang nicht mehr erlebt hatte:_ Eine werche rauenhand glitt zart und leise über seine Wange und )g sich dann scheu zurück, als wolle sie sich verstecken.

Von diesem Tage war der heimliche Widerstand in stau Hannas Wesen gebrochen. Mit sanftem Lacyeln sie alles mit sich geschehen. Sie duldete willig dre iebkosungen ihres Gatten, und dann und wann gab e sie zaghaft wie in ihrer Mädchenzert zuruck. Aber iwas war und blieb in ihrem Wesen, was Gerd beun- uhiqte suchte er den Blrck rhrer Augen zu er-

aschen,' aber er glitt an ihm vorbei oder über ihn hin« >eg in unbestimmte Ferne.

Ihre Seele ist fort", ging es ihm schmerzlich durch enSinn. Ja, ihre Seele war fort. Die saß Tag und iacht an einem kleinen Hügel und weinte . . .

^er Winter mit seinen langen, dunklen Abenden rar vorüber. Die Tage wurden länger, aber ein ein-