Wiesbadener Tagblatt.
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Nr. 175.
Donnerstag, 12. Mpril 1911.
59. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe-
1. Matt.
Elsaß-Lothringen.
Nehmen wir nur ruhig an, daß die Kersassungs- steform scheitern wird. Diese Annahme ist ja keine Gewißheit, auch sür uns nicht, aber wir dürfen mit ihr als einer Wahrscheinlichkeit rechnen. Nachdrücklich ist zu betonen, daß es bei dem Widerspruch der Konservativen gegen die drei elsaß-lothringischen Bundesratsstimmen und gegen die Form, in der sie abgegeben werden sollen, gar nicht so auf diese Einzelheit ankommt, sondern daß die konservative Opposition diese Frage nur gleichsanl wie eine Fahne behandelt, hinter der sich gut marschieren läßt. Wie jener Berliner Polizeipräsident einmal -über die modernen Stücke aburteilte, so empfinden und urteilen die Konservativen über die Verfassungsvor- !lage; auch sie können mit Herrn v. Windheim sagen und sagen es wirklich: „Tie ganze Richtung paßt uns nicht". Sie wollen keine Derfassungsreform, die mit der Gewährung eines liberalen Wahlrechts ein nach ihrer Meinung so gefährliches Präjudiz für Preußen jchafft. Tie in der Kommission gefaßten Beschlüsse müssen ihnen vollends gegen den Strich gehen, und wenn bereits die ursprüngliche Vorlage ihr Mißfallen erregte, um wie viel mehr muß alsdann ihr Unmut gestiegen sein, nachdem in der Kommission die erste Kammer abgelehnt wurde und § 3 des Wahlgesetzes gefallen ist, der mit dem Pluralwahlrecht immerhin Einschränkungen des demokratischen Wahlsystems bezweckte. Mas sodann das Zentrum betrifft, so wäre cs ja denkbar, >daß es immer noch für die Vorlage gewonnen werden könnte: aber, um Gesagtes zu wiederholen (überflüssig sist die'Wiederholung darum nichts, so müßte jedes Zugeständnis an die Klerikalen die Neigung auf liberaler «Seite, für den Entwurf zu stimnien, erheblich ab- !schwächen. Indessen bemüht sich Herr v. Bethmann- Hollweg tatsächlich darum, das Zentrum freundlich zu stimmen. Tie vielberufene Wahlkreiseinteilung des Unterstaatssekretärs Mandel, die von einem Zentrumsredner in der Kommission als Aprilscherz verächtlich gemacht worden war, soll wirklich unter den Tisch fallen, tmd die Mitteilung der „Germania" verdient Glauben, wonach im Reichsamt des Innern geaenwartig eine ge- lie^ItcEie Wahlkreiseinteilung für Elsaß-Lothringen aus- gecirbeitet wird, die der Kommission nach Ostern vorgelegt werden soll. Über diese Frage wird es denn wohl, nebenbei bemerkt, einige Verstimmung zwischen der Wilhelmstraße unb dem Straßburger Statthalterpalast geben. Tenn die Mandelsche Wahlkreiseinte:-
Feuilleton.
Osterei und Volkskunst.
Von Franz Pflug!.
Zu keiner anderen Zeit spielen die Eier eme so bedeutsame Rolle wie gerade zur Osterzeit, und das nicht etwa erst seit gestern unid heute, schon vor Jahrtausenden n-ayme^ sie bei den Frühlingsfesten der meisten Völker, oer Znver und Perser, Griechen und Römer, Germanen und Slawen diese hervorragende Stellung ein, wuvden den Göttern geopfert und in gewaltilgen Mengen verzehrt. Das nrmmt uns nicht wunder, ist doch das Ei eins per sprechendsten Symbole sür das aus der Verborgenheit neu anfkermende Frühlinaslebeu. Außerdem waren ja gerade in drescr L>e:t Eier in reicher Zahl und vorzüglicher Beschaffenheit vorhanden.
Auch in Brauch und Glauben haben die Eier immer eine wichtige Rolle gespielt. Sie Waren gut 'gegen „allerlei Brest und jeglichen L-ibesschaden", förderten Fruchtbarkeit und Gedeihen von Mensch, Tier und Feldfrucht, ichutzten Haus und Hof, Feld und Flur vor Feuers- und Wa,sers- uot, und schließlich haben sogar Sage und Märchen das :Ei Ritt ihrem Zauber umsponnen. Und allen -st l« bekannt, wir zu Ostern die meist rot- oder «elbgeMbten Eier dre Freude und Sehnsucht «der Kinder bilden und wie dre Kleinen fest glauben, daß sie der Osterhase gelegt habe, ^n einzelnen Gegenden Deutschlands wird dav Amt des österlichen Eierlegens dem Fuchs oder Storch zugemutet, in Belgien sogar den Kirchenglocken. Dort erzählt man riam- lich dm Kindern, die Glocke,r, die ja m katholischen Landern vom Karfreitag bis zum Anbruch des efften^Ferertages nicht geläutet werden, seien in Rom, und wenn sie von dort ZurücKämen, brächten sie Ostereier mit. z-mrum stürzen dre .Kinder, sobald nachts 12 Uhr der erste Glockenton erklingt, in die Gärten, um die Eier zu finden, die die Glocken ber «ihrem Fluge durch die Luft haben fallen lassen. Vielfach
lung hatte offenbar die Zustimmung des Grafen Wedel gefunden, und nun soll sie plötzlich nicht mehr gelten. Graf Wedel soll also ruhig Zusehen, wie eine gesetzliche Wahlkreiseinteilung die Macht des Zentrums in den Reichslanden befestigt und verstärkt, und dies soll geschehen, obwohl es ein Lebensinteresse des Reichs wie Elsaß-Lothringens sein muß, daß die klerikalen Tendenzen auf das 'Maß zurückgeführt werden, das ihr°r zahlenmäßigen Stärke entspricht, nicht aber über dieses Maß hinausgehen dürfen.
Noch einmal: nehmen wir nur ruhig an, daß die Vorlage sehlschlägt. Was aber dann? So schwer der Reichskanzler unter der Niederlage zu leiden hätte, für die er in erster und letzter Linie die Konservativen in Altspruch zu nehmen haben würde, so wenig kann da- niit gerechnet werden, daß er die Konsequenzen ziehen würde, die in parlamentarisch regierten Ländern selbstverständlich wären. Herr v. Bethmann-Hollweg wird Wegen dieser Verfassungsfrage, obwohl sie wahrhaftig Wichtig genug ist, seinen Abschied gewiß nicht nehmen und ihn jedenfalls, selbst wenn er dein Kaiser seinen Rücktritt anbieten würde, nicht erhalten. Also müßte er alles daran setzen, im nächsten Reichstag die verlorene Schlacht wieder aufzunehmen und siegreich zu Ende zu führen. Er müßte dies ebenso versuchen, wie er zweifellos dazu verpflichtet ist und diese Verpflichtung gewiß auch empfindet, die in der preußischen W ah l r e s o r m sr a g e erlittene Schlappe zu sühnen und in der nächsten Landtagssession einen neuen Wahlgesetzentwurf vorzulegen. Man spricht gegenwärtig nicht von der preußischen Wahlrechtsfrage, und es liegt ja auch keine äußerliche Nötigung dazu vor, da die gegenwärtige Session von den Kämpfen um diese Staatsnotwendigkeit ferngehalten worden ist. Aufgeschoben darf jedoch nicht aufgehoben sein. Mit anderen'Worten: Der Reichskanzler und Ministerpräsident, der es mit den Konservativen wahrlich gut meint, der nach der ganzen Struktur.seines Wesens und seiner bisherigen Laufbahn darauf angewiesen ist, als konservativer Staatsmann zu leben und zu sterben, wird durch die Gewalt der Umstände gezwungen, sich in einen Widerspruch zu dieser Partei zu stellen, von der das Wort gilt, das die Bourbonen charakterisieren sollte: Auch sie haben nichts gelernt und nichts vergessen. Wie wird' dieser Kampf enden? Tas persönliche Moment dabei ist nicht so wichtig wie der Streit der Grundsätze. Wieder zeigt es, sich, daß das starre Ost el biertu m ein Hemmschuh jeder g e- s u n de n Entwicklung i st. Wenn selbst ein Bethmann-Hollweg mit den Konservativen nicht auskommen kann, wer kann und wer soll alsdann noch mit ihnen so arbeiten, daß Reich und Staat dabei nicht Schaden nehmen?_
uerbctt die Kinder auch von den Paten mit Ostereiern belacht.
Aber nicht «m die Kinder erhalten regelmäßig ihr Osterei, auch die Erwachsenen beschenken sich gern gcgen- 'eitig mit solchen. Allerdings ist da oft an die Stelle des Hühnereis das Ei aus Schokolade, Zucker und Marzipan «treten oder allerhand Attrappen in Eiform mit mehr oder weniger kostbarem Inhalt. In verschiedenen Gegenden hat rber doch das schlichte Ei, das die Henne legte, seine Stellung behauptet. Es ist dann gewöhnlich nicht einfach cot oder gelb gefärbt, sondern meist zierlich bemalt mit Blumen und Blättern, Herzen und Sternen und dergleichen nehr Eine hübsche Sammlung solcher Ostereier befindet sich im Märkischen Museum in Berlin, noch sehenswerter ist die im Museum für österreichische Volkskunde zu Wien. Sie ist einzig in ihrer Art und infolge der bunten Völker- karte Österreichs auch überaus mannigfaltig. Besonders anziehend erscheinen die mährischen Ostereier. In Mähren, namentlich unter der deutschen Bevölkerung bei Jglau, werden gegenwärtig noch solche bemalte Ostereier als hervorragendstes Geschenk betrachtet. Dort gibt das Mädchen dem erwählten Burschen stets ein Osterei, jung und alt beschenkt sich damit, und an Angehörige, die in der Fremde weilen wird ein schön bemaltes, mit einem Spruche versehenes Ei als Ostergruß aus der Heimat versandt. Darum gibt es hier in einzelnen Dörfern kunstfertige Leute, von denen manche über tausend Eier zur Osterzeit verzieren und mit Sprüchen versehen. Besonders schön sind auch die dunkelblauen Ostereier mit Stiefmütterchen ans der Gegend von Laudenberg, die lichtroten Ostereier Böhmens und dre Salzburger. Die letzteren sind äußerst zart bemalt und gleichen auf den ersten Blick Gebilden aus Marmor oder jener Masse, ans der die bmttgeädertcn Seifenkugeln verfertigt werden.
Bei den Polen pflegen die Frauen hier «mb ^ gewöhnliche Eier auszublasen und mit farbigem Samt und allerer Fäden und Flitter zu bekleben. Das Bemalen und sonstige „Herrichten" der Ostereier bildet auf dem Lande, lwosern es im Hause für das Haus geschieht, vielfach noch ern Er-
Noliiischs §kvv(mt
Die liberale« Ginigimgsbrstrebimgs«
werden von der konservativ-klerikalen Presse mit unverhohlener Besorgnis verfolgt. Es ist ganz^ofsensichl- lich, daß dieses taktische Zusammengehen der Fortschrittlichen Volkspartei und der Nationalliberalen manche freundwillige Rechnung der Herren vom schwarzblauen Block über den Haufen zu werfen droht. Und als klug sein wollende Diplomaten versuchen sie nunmehr, den Erfolg jener Kooperation nach Möglichkeit zu verkleinern oder gar ins Gegenteil zu verkehren, um den beiden Kontrahenten das politische Geschäft nach besten Kräften zu verleiden. Nach dieser Richtung hin zeichne: sich vor allem die ultramontane „G e r m a n i a" aus, die in der bei ihr schon zur Manre gewordenen Art Zahlen- und W a h l k r e i s g r u p p i e r u n g e n vornimmt, um damit den Beweis zu führen, daß die nationalliberal-freisinnige Verständigung gar keine Bedeutung habe und daß setzt sogar mehr Wahlkreise mit liberalen Toppelkandidaturen besetzt sein würden als im Jahre 1907. Weser Beweis ist dem Blatte aber gründlich vorbeigelungen. Tie Aufstellung, wonach bei den nächsten Wahlen etwa 60 liberale Doppel- kandidaturen vorhanden sein würden,, zeigt, daß die „Germania" über die tatsächlichen Verhältnisse nicht im geringsten orientiert ist. Das erhellt schon daraus, wenn man nur einige der angeblich mit Doppelkand:» daiuren belegten Wahlkreise nennt, z. B. Dessau, Gtogau, LLben-Bunzlau. Hagenau,Grevesmühlen und Melle-Diepholz. Die „Germania" weiß iricht oder stellt sich so, als ob sie nicht wisse, daß in diesen und in einer ganzen Reihe anderer von ihr atlfgeführter Wahlkreise Doppelkandidaturen nicht stattfinden werden, und ihre liebenswürdige Besorgnis, daß eine Zersplitterung der liberalen Stimmen hier den Liberalen sehr leicht aus der Stichwahl drängen könnte, hat eben gerade die Liberalen zu einer weitgehenden V e r st ä n- digungsaktion veranlaßt. Wir hofften aber, daß sich die Zahl der Wahlkreise, in denen Liberale miteinander konkurieren, noch weiter vermindern und sich im wesentlichen auf diejenigen Kreise beschränken wird, in denen liberale Doppelkandidaturen nach Lage der Tinge gerade dazu angetan sind, die Wahlchancen des Liberalismus zu v e r b e s s e r n. Die Flaumachers: des Zentrums wird die Tatsache nicht aus der Welt räumen, daß in diesen: Jahre zmn erstenmal eine z i e lb e w u tz t e V e r st ä n d i g u n g s a k t: o n der beiden großen liberalen Parteien stattgefunden hat, e:n politisches Novum, das den Gegner,: Kopfzerbrechen bereite,: mag, aber in der politischen Geschichte Deutschlands einen wichtigen und hoffentlich segensreichen
Entwicklungsfaktor darstellt.
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■eicmiä und wird nicht selten, zumal ln Ungarn, auch mit Volksliedern begleitet. Eine ungewöhnliche Sorgfalt verwendet auch der Rumäne auf die Ausschmückung der Ostereier, und oft behandelt er nickst nur die Farben meisterhaft, sondern betätigt auch bei der Zeichnung einen überraschenden Formensinn. Der Blumenschmuck wiegt vor, ist aber auch mit reicker Blätterzier versehen. Oft werden ganze Blumensträuße auf das Ei gemalt oder die Blumen sprießen aus einem Topfe hervor, umschließen das ganze Ei und endigen es oben in eine Knospe. Mitunter läuft eine Wellenlinie um die Mitte des Eies, aus der einzeln Blätter. und Blumen hervorwachsen, unter denen die Tulpe am häufigsten erscheint, überaus phantastisch verzieren die Serben das Ei Da sieht man z. B. eine Ente, deren Füße geomettifche Ornamente, deren Flügel Blätter aus Knospen darstellen, während der Schwanz fischförmig ausläuft.
Die Kunst des Eiermalens ist gar nicht so einfach, sie erfordert eine geschickte Hand und viel Geduld; das Verfahren ist verfchicden. Im Sprecwald benutzt man z. B. ein kleines Blechnrsirumcut, in dem sich flüssiges Wachs befindet, und trägt schnell die gewünschte Zeichnung auf das zuvor sorgfältig gereinigte weiße Ei auf. Dann wird das Ei aelb gefärbt, die mit Wachs bedeckten Stellen bleiben natürlicb weiß. Damit begnügt man sich aber nicht, auf die gelbe Farbe werden wieder allerlei Verzierungen gezeichnet und das Ei rot gefärbt, so erhält man ein rotes Ei mit figürlichem Schmuck in Gelb und Weiß. Manchmal zeichnet man auch noch in das Rot hinein und legt das Ei in schwarze Farbe Um das Wachs zu beseitigen, bringt man die Eier in den heißen Ofen, hier schmilzt es rasch ab.
Anders verfahren die Eiermaler Mährens. Mit der Rinde des Apfelbaumes, die man im Wasstr kochen läßt, wird das Ei zunächst gelb gefärbt. Was gelb bleiben soll, bedeckt man mit einer feinen Wachsschicht und färbt dann das Ei rot, indem man es in Wasser kocht, dem Zwiebelschalen zugefetzt sind. Run wischt der Eiermaler das Wachs weg und ritzt mit einem scharfer: Messer oder Griffel seine Zeichnungen in die Eierschale ein, die auf dem farbigem Grunde m reiner Weiße schimmem. Es sind mehr als
