Wiesbadener Tsgblstt.
»*rt0fi SSNggaffr 21 AVV , . , 4n . n ..T-gdl-tt-H-u»" Nr. «650-53.
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Nr. »78.
Mittwoch, »2. April 1911.
59. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
_ 1. Matt. _
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Zur Taktik der Konservativen bei den nächsten Mahlen.
Die Taktik der Konservativen für d.ie nächsten Reichstagswahlen geht jetzt, nachdem auch die Reden der Herren v. Puttkamer und v. Wedel-Piesdorf im Herrenhause darüber keinen Zweifel gelassen haben, offensichtlich dahin, durch Einschüchterung der Liberalen für sich noch möglichst gute Stichwahlchancen herauszuschlagen. Sie sagen: als überzeugte Gegner der Sozialdemokraten wollen wir euch Liberale bei allen Stichwahlen unterstützen, bei denen ihr mit den Sozialdemokraten im Kampfe liegt; wir verlangen aber, daß ihr uns dafür auch in allen den Stichwahlen wählt, die wir mit den Sozialdemokraten auszufechten haben. Wenn ihr das nicht wollt, so werden wir unseren Wählern wohl oder übel Stimmenthaltung empfehlen müssen. Die Konservativen, die diese Taktik Vorhaben, vergessen dabei nur eins: daß die Waffe, die sie hier gegen den Liberalismus zu schwingen glauben, ein sehr zweischneidiges ^Schwert ist. Sie würden damit zwar vielleicht in einer Reihe von Wahlkreisen den Liberalismus schädigen, aber sich bei einer Unzahl ihrer eigenen Wähler selbst den Nimbus nehmen, daß sie die einzig wahren und konsequenten Bekämpfer der Sozialdemokratie seien und daß sie kein lebhafteres politisches Ziel hätten, als die Vernichtung des „Umsturzes", der „Partei der Revolution". Nun wird zwar die konservative Parteileitung im gegebenen Falle sagen: die Liberalen sind den Sozialdemokraten gleich zu uch>m, weil sie uns nicht in der Stichwahl unterstützen wollet; aber der konservative Turchschnittswähler, der auch die lebhaften Gegensätze zwischen den Sozialdemokraten und den Liberalen in seinem Wahlkreise kennen gelernt hat, wird darauf antworten, daß man den Liberalen und den Sozialdemokraten vernünftigerweise doch nicht in einen Topf werfen kann, und gerade aus seiner naiven Gegnerschaft gegen die Sozialdemokratie heraus wird er sich sagen, daß seine Parteileitung es mit dem Kampf Legen den Umsturz doch nicht so ernst meinen könnte, wenn sie aus irgend einer politisch- taktischen Erwägung heraus der Sozialdemokratie zu Mandatserfolgen verhilft. Für das Prinzip: Auge um Auge, Zahn um Zahn, hat wohl der fanatisierte Bund-
ler, der eingefuchste konservative und antisemitische Parteimann Sinn, aber nicht der schlichte Wähler, der es nicht begreifen wird und der unsicher an seiner Partei werden muß, wenn diese in ihren Reden zwar die Sozialdemokratie als den Feind der bürgerlichen Gesellschaft und des Staatswesens bis aufs Messer bekämpft, ihr dann aber Mandatezuschanzt, weil eine andere Partei sich angeblich gegen die Konservativen nicht nett benommen hat. Wo bleibt da der Patriotismus, wo bleibt die Konigstreue, so wird man in konservativen Kreisen fragen, wenn nun mit einem- mal die Kampfesfahne gegen den Umsturz zusammengerollt werden soll! Und in welche komische Situation würden all die königlichen und kaiserlichen Beamten kommen, denesi bisher stets die bedingungslose Niederstimmung der Sozialdemokratie — vom liberalen Standpunkt aus zu unrecht — zur Beamten- und Staatsbürgerpflicht gemacht wurde! Wir haben es ja dutzende von Malen erlebt, daß Beamte gematzregelt wurden, weil sie von ihrem Staatsbürgerrecht Gebrauch gemacht hatten, sich der Stimme zu — enthalten. Soll denn diesen Beamten diese früher verpönte Stimmenthaltung nunmehr zur Beamten- und Staatsbürgerpflicht gemacht werden? Und wer wird es übernehmen, die abhängigen Leute jetzt dahin zu instruieren, daß es nunmehr „patriotisch" ist. sich der Stimme zu enthalten und bei einer liberal-sozmldemokratlschen Stichwahl gar nicht etwa für den bürgerlichen Kandidaten einzutreten? Es leuchtet ohne weiteres ein, daß gerade die zahlreiche Beamtenschaft in der konservativen Partei der jetzt in Aussicht genommenen Taktik der konservativen Parteileitung mit den gemischten Gefühlen qegenüberstehen muß, und es ist mehr als wahrscheinlich, daß die Durchführung jener Stichwahlparole, wenn sie erst einmal praktisch werden würde, in der konservativen Partei selbst wie Sprengpulver wirken müßte. Denn wenn auch unverkennbar die Agrardemagogie in der konservativen Partei die Führung an sich gerissen hat, so sind in derselben doch immer noch so viel altkonservative, rein royalistisch-antisozialistische Elemente vorhanden, daß die Durchführung jener nackten Vergeltungs- und Verrungenierungstaktik zweifellos auf sehr lebhaften Widerstand in den eigenen Reihen stoßen würde. Die Wähler sind eben keine Maschinen, die sich bei den Stichwahlen willenlos hin und her schieben lassen; sie haben sehr oft für die „feineren" taktischen Erwägungen ihrer Führer wenig Verständnis. Das dürften die Konservativen wohl auch gewahr werden, wenn sie, entgegen, ihren Politik
scheu Worten und Taten, eine Politik der mindestens indirekten Unterstützung der Sozialdemokratie treiben wollen. Die Liberalen können dahep der Entwickelung der Dinge ohne Nervosität entgegensehen und sie werden sich in der politischen Taktik, dick sie einzuschlageii haben, nur von den politischen Notwendigkeiten, aber nicht von irgendwelchen Drohungen beeinflussen lassen.
Das Fegionskomtter.
Von Erwin Rosen-Hambuvg.
Das Jahr 1911 hat der uralten Frage der Fremdenlegion eine Entwicklung gebracht, die geradezu überraschend erscheinen muß. Seit vielen Jahren war es Gepflogenheit gewesen — die Gepflogenheit hoher amtlicher Stellen wie eines rticht geringen Teils der deutschen Öffentlichkeit — das Legionsproblem als ein BlüMlein Rührmichmchtan zu betrachten; mehr noch: Man stand auf dem Standpunkt» die deutschen Fremdenlegionäre einfach als Fahnenflüchtige im wirklichen wie im moralischen Sinne zu betrachten, mit einer Art Achselzucken, es sei nicht schade drum . . . Um die Psychologie der verschiedenen Motive, die diese jungen deutschen Menschen in die Legion führten und die sie bei näherer Betrachtung sehr häufig als brave und brauchbare Menschen erscheinen lassen, kümmerte man sich gar nicht.
Die jüngsten Erklärungen des deutschen Kriegsministers und anderer deutscher Minister nun zeigten, daß ein entschiedener Umschwung in der amtlichen deutschen Auffassung eingetreten ist. Die Erklärungen erkannten: im allgemeinen die Notwendigkeit der Aufklärung über die Fremdenlegion an und gipfelten in der Hoffnung, daß die Zeit nicht mehr fern sei, wo durch Abmachungen zwischen den Regierungen Deutschlands und Frankreichs der Eintritt in die Fremdenlegion für Deutsche unmöglich würde.
Schon vorher hatten der preußische Minister des Innern und die Kultusminister von Dachsen, Württemberg und Hessen in amtlichen Erlaflen angeordnet, daß in den Schulen durch Aufnahme von Lesestoff in die Schullesebücher und mündliche Vorträge für die Aufklärung per Jugend über die Fremdenlegion gesorgt würde an Hand eines geeigneten Buches, dessen Verfasser zu meiner großen Freude ich bin.*)
Es ist bekannt, daß die sehr vorsichtige und nichts weniger als weitgehende Erklärung des deutschen Kriegsministers im Reichstag einen Sturm der Entrüstung in Frankreich auslöstc und die vielleicht kurze Zeit später erfolgende Erklänrng des französischen Kriegsministers Mit- verurfachte, daß Frankreich in Anbetracht der niedrigen
*) „In der Fremdenlegion. Erinnerungen und Eindrücke". Von Erwin Rosen. Verlag von Robert Lutz in Stuttgart.
Fe uillet on.
Oer Kpril im Staudengarten.
Von Karl Foerster.*)
Das Luftgcbräu wird reicher, der Amselsang jauchzender, das Wolkenweben gewaltiger. Baum- und Strauch- welt blicken noch herb und ungläubig drein, bis aus einige unternehmende Frühlingserscheinungen und manch wunderliches, schon im ersten Vorfrühling beginnendes Blühen in fast herbstlichen Farben und Düsten, gleichsam das erste noch zahnlose Lächeln des jungen Jahres.
Die zarten, bunten Blumen der Stauden gehen mutig voran. In vollen Flor treten jetzt mancherlei Gewächse, die in manchen Jahren oder Gegenden schon die letzten
Märztage schmücken. nT ,
Schlüsselblumen und Leberblümchen leuchten als blau- gelbe Farbenbänder durch leichte Schnee- oder Hageldecken, Krokus, von Märzbechern überragt, öffnen breite, zitternde Schalen den ersten Bienen oder schließen sie den letzten Flocken; schon beim Anffteigen dunMr Wocken Hullen sich die 5trokusblümen spitz zusammen, auch wenn der Hemmet oben noch heiter ist und die Bienen brummen.
Die lange Zeit der Schneeglöckchen, an -deren ersten Blüten oft noch die letzten Schlittschnläuser vorbei; chw eben, scheint jetzt schon weit zurückzuliegen! . mr ...
Da das Nebeneinander und Nacheinander der B.utc- zeiten in der Strauch- und Staudenwelt m jedem ^ahre
*1 linker Leitaller, das so viele Forisihriite auf allen Ge 1 ’ wQ„(,Y„a mifWift bot ouck der Natur neue Wunder
d^Geheimniff? des ^ftanzllcheu Wachsens und Blüh-ns ab- 'unaen' Re Zauberhand des Gärtners und Züchters hat ümenwesen von nie gesehener Schönheit und Eigenart hervorlockt die uns nun m vielgestaltig bunter »uue entgegen ckkn Besonders in der Welt der Standen, diesem farbenächtigen anmutsvollen Zwischenreich zwischen Baum, Strauch d rasch vergänglicher Sommerblume, sind überraschende fer^rungen erschlossen worden. In dieses liebliche Paradies c Gmtenftennde und Gärtner führt uns ein soeben im Der- re von I, I. Weber erscheinendes Wert „Winterhärte Bluten- nden und Sträucher der Neuzeit" von Karl Foerster em. isselnd weiß der Verfasser seinen Stoff nicht nur nnt der Fach- intnis des erfahrenen Gärtners, lindern auch mit dem mmen Ausdruck seiner geistigen und Gemutsbeziehungm r Blumen- und Stcrudenwelt darzustellen. Wrr geben rm lgenden den Abschnitt wieder, der den Staudengarten un nil behandelt. Die Red.
wechselt, so muß man, um manche FarbenaKorde recht sicher und lange zu gewinnen, frühe und späte Gattungen mancher Staude zusammettpflanzen, also den rosafarbenen Seidel- baststrauch mit Schneeglöckchen und Märzbechern umgeben, den gefüllten Mandelstrauch und das „Frauenherz" mtt den frühen und späteren Zwergschwertlilien und der frühen einfachen und späteren gefüllten Arabis.
Der kahle, strauchbepslanzte Zaun hat sich in eine goldene Wand über blauem Grunde verwandelt: For- sythien-BWtemnaffen über blauem Scillatepptch. Tage- und wochenlang fällt gelegentlich unser Blick aus den Fenstern der Wohnung ans solche Farben, die das heitere Wappen ganzer Zeiten und Stimmungen bilden, während in dm Nachbargärten oft noch alle bunten Farben schlummern. Die unverwüstlichen Scillatrupps mit ihrem kindlichen quellenden Blau sind oft älter als der sinnende Beschauer!
Noch leuchten die Farben der Blüten weithin durch die Gärten, bald beginnt das Laub die frühlingshasten Land- und Himmelsfernen zn verschleiern, die großen Kuppeln und Wölbungen, Schirme und Gänge zu füllen, vergessenes, unerschöpfliches Raumglück bereitend.
Bilder aller Jahreszeiten fluten, durcheinander: dicht neben braunem Laube dringt junger Blntenschcin der weißen Waldanomone hervor, auf Krokuswiesen liegen Schattennetze kahler, grell besonnter Baumriesen, zu denen man erwartungsfroh ausblickt wie zu den Masten eines reichbeladenen Schisses, das nun bald alle Segel setzen wirv. Weiter hallt der letzte Donner eines abziehenden Fruhlings- göwitters, während die Veilchenpolster schon wieder von Zitronenfaltern und Bienen umflogen sind. . , , . .
Man atmet Veilchendust und blickt zu den blendenden Schlachten ungeheurer Wolkengostalten auf, berm Walten auch in idyllische Laudschasts- und Gartenbilder einen
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bald der Wunsch, das stürmende Werden zu dampfen. -er Frühling ist ein Feuerwerk, das nie im richtigen -empo
«bgebmnnt ^ ^ Naturunkundigen in Park und Wildnis das zauberhaft schnelle üppige Erstehen des wilden Bienensauas und so mancher Wograndkrauter und -pflanzen, deren ganzen Aufbau er dem neuen Frühling zuschreibt, ohne zu wissen, daß sie zu den unterirdisch lang- ausdauernden Stauden gehören,
Im Beet am Bienenhause bilden Primeln dichte rote,
gelbe und blaue Blmnenknppeln. Immer neue, halbver- gessene BlNmengestchter erschließen sich. Wie das in der Seele und unterm Schnee schlummerte und sich nun „suß verschlafen" begrüßt!
Älpril und Mai sind Primelmonate. Es folgen einander niedere bunte Primeln, lila und weiße Htmalaya- prtmeln, rosenrote Primeln der feuchten Himalayaw'.esen, hohe Samtprimeln uNd SanttaurMeln. — Die Farben- skala der Aurtkel, dieser vornehmen Alpcnprimelart, erinnert an alte persische Teppiche in Blaßlila, SamMla, Rosa, Goldbra-nn, Samtschwarz uNd Kaltgelb. Sie duften wie Rokokoriechfläschchen aus Mozarts Tagen, wahrend die Gartenprimeln ihren zarten Dust aus Aprikosen und gelben Rosen mischen. Aurikeln halten bis in den hohen Norden ohne Decke im Freien aus, wie ja elegante und zarte Leute oft heroische Eigenschaften in sich tragen.
Zuletzt erblühen die japanischen Primula Sieboldu, in ihren kühlen Farben und zarten Düften wie aus anderen Welten, obwohl sie sich in der unseren leicht und sicher einbürgern. Auf eiuem Beete stehen hier Winterhärte Blumengowächse aus dem Orient, Sibirien, Japan. Zentralasten, Kanada, Kleinasien und Europa im besten Befinden und Einvernehmen beieinander. Immer mehr Pflanzen und Menschen verschtcldener Weltsegenden finden sich heute in dem gleichen Lande zusammen, ircue Eigenschaften dort offenbarend und erwerbend.
Das höchste Blühen im Garten und in der Geiste s- knltur beruht auf Kreuzung ferner Verschiedenheiten.
Schneeglöckchen, Primeln, Märzbecher, Veilchen, Trompetennarzissen sind die ersten Schntttblutnen aus dem Freien. Es hat etwas Bewegendes, diese ersten, aus feuchter, urweltlicher Frühlingsfrische emporquellenden Schätze im strahlenden Lampenlicht und Kristallglase vor sich zu haben.
Die stärkste Wachstumbildung des April rst die meterhoch wachsende Kaiserkrone. Ihre geheimnisvollen Blüten bergen silberne Spiegel; sie verbreiten einen Geruch wie Raubtierkäfige. Das Staudenreich enthalt manche solcher Gebilde grotesken, seltsam vorweltlichen EharakterS.
Neben Silberspiralen der Farne breitet die Sockel- blume rote, orchideenhafte Blütenschileier über die schme- weisen Sterne der kanadischen Blutwurz, die als schönster Frühlingsanemonenersatz unverwüsttich auch an Stellen aushält, an Denen Anonwnen nicht gedeihen. Verletzt man
