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Verlag Langgaff» 81

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Nr. 155.

Samstag, 1 April 1NL1.

58. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

_ 1. Matt. __

Die Zunahme der Studenten.

Gegen die Errichtung einer Universität in Frank­furt am Main sind Einwendungen aus den verschieden­sten Beweggründen erhoben worden, aus partikularist:- schen und Konkurrenzmotiven benachbarter Universi­täten, aus konservativen Besorgnissen vor der Entwick­lung einer Hochschule, die von manchen Hemmungen, wie' sie in den Traditionen der Universitäten beruhen, durch ihren Ort und durch ihren Ursprung frei sein würde. Es äst aber auch eingewendet wordeil. daß-wir schon gerade genug und eigentlich übergenug Gelegen­heiten zum bequemen Universitätsstudium haben, _ und daß der erneute und verstärkte Anreiz zum Studieren sozial wie volkswirtschaftlich Bedenken erregen müßte, insofern das Angebot von Akademikern höher als o-e Nachfrage werden könnte. Aus denselben Gründen haben sich auch manche Stimmen in Hamburg dagegen erklärt, daß dort eine Universität errichtet werde. Der Widerspruch gegen neue Hochschulen stützt sich aus Wahlen, die, wenn man sie nur als Rohmaterial be­trachtet, in der Tat bedenklich erscheinen könnten. Während die deutsche Bevölkerung ini letzten Jahre um 1,4 Proz. gestieaeu ist, hat sich die Zahl der Univerft- tätsstudsnten um 1,6 Proz. vermehrt, von 82 407 auf 64 822. Seit 1890/91, wo sie 28 359 betrug, hat sie sich beinahe verdoppelt. Dagegen nahm die Bevölke­rung von damals bis heute nur um etwa 30 Proz. zu. Andere, dies Bild ergänzende Zahlen können wir bei­seite lassen; das Bild selbst wird dadurch nicht ver­ändert, sondern nur schärfer herausgearbeitet. Oben- hin angesehen, könnte man also wirklich meinen, daß die Zunahme der Universitätsstiidenten eine Gefahr für die Gesamtheit der nationalen Interessen bedeute, zu­nächst für die studierende Jugend selber, insofern ein großer Teil von ihr um ihre Hoffnungen gebracht und einer proletarischen Existenz zugeführt wird, sodail-.r ober auch, wie selbstverständlich, für die Nation, als Ganzes " Steht es nun aber wirklich so übel mit diesen Tniaen^ Eine einfache Erwägung bereits müßte zur Vorsicht und zum nützlichen Verzicht auf übereilteUrterle mahrlen. Und nun müssen wir doch noch ern paar Zahlen heranziehen: Im Winter 1871/72, betrug dw Zahl der Universitätsstudenten 15 227 rm Muster 1899/1900 schon 32 834. Dieselben Befürchtungen, die heute aus dem schnellen Ansteigen der betreffenden Ziffern herqeleitet werden, hätten also auck für zerren Zeitraum Geltung zu beanspruchen gehabt. Kann man nun aber ernstlich behauvten, daß dre ^^doppe- lung der Zahl in den 29 Jahren, bm 1871 bis « irgendwelche Mißstände mit sich gebracht hat? Ilca.r

Femllelon» Rückblicke.

(Nachdruck verboten.)

Wür bar „Wiesbadener Tagblatt".)'

Bon Julius Rosenthal.

Sxx Edward Grey (wenn er's so meint).

Der allerneu'st« Friedensfreund.

Der Kühne, der im heur'gen Märzen S» ganz nach Berta Suttners Herzen Ei» tönendes „die Waffen nieder Hat hören lassen treu und bieder,

Sir Grey finid't noch nicht überall Den wohlverdienten Widerhall,

Der, wär' Europa friedbeflissen,

Unfehlbar hält' erfolgen müssen.

Europa aber ist zurzeit

Denn doch noch lange nicht so weit,

Daß es den friedlichen Schalmeien Den zarten, süßen Melodeien,

Wie Grey sie vortrug schlecht und recht.

Auch nur zu lauschen schon vermocht.

Aus diesem klugen Erdteil stocken Noch heut' die „Pax vobiscum -Glocken,

Sobald die „Para bsllaui"-Hörner Zum Sammeln Vlasen jetzt und ferner.

Europa ist auf Krieg erzogen Und weiß auf Men Friedenswogen Nur ungewandt sich zu bewegen,

Die Lust fehlt, diesen Short zu pflegen.

I» Waffe« starrt, sich zur Beschwerde,

Dies kleine Stückchen großer Erde,

Und jeder Staat trägt als Vignette

.Das Sprüchlein: „Toujouxs en vedette,

kann es nicht, sondern die Universitätsjugend rst. rü­dem sie ihre Grade durchlief und ins Leben erntrat. von den nationalen Bedürfnissen und Anforderungen m organischer Weise aufgesogen worden, urch diese Tar­sache, die durch vereinzelte Ausnahmen nur gleichsam au der Peripherie modifiziert, in ihrem Kern aber nicht berührt wird, beweist am besten, daß sich hier ein noi- wendiger Prozeß vollzogen hat. Bei so großen Zahlen ist es ja nur natürlich, daß die individuellen Schicksale oft aenua auch gegen die Norm verlaufen. Dem einen Studenten fehlen'die Mittel, dem anderen die Fähig­keiten, dem dritten die Eharaktereigenschaften, ohne die der gewählte Weg nicht beendigt werden kann. Äußeres und inneres Unglück, Entgleisungeil und widrige Umstände stellen sich hindernd, oft genug ver­nichtend entgegen. Das war immer so und wird stets so bleiben. Das war so im Jahre 1840, wo es an sämtlichen deutschen Unrversitäten erst 11567 Studen­ten gab, und das ist heute nicht schlimmer geworden, wo sich diese Zahl verfünffacht hat, wo allem die Zahl der Mediziner mit 11 240 ungefähr so groß rst wre rm ->ohre 1840 die Zahl sämtlicher Studenten. Ja, man kann ruhig sagen, daß sich die Möglichkeit, dreser ge­waltigen Armee von Studierenden in der Gegenwart wirtschaftlich lohnende und sozial befriedigende Stellun- geir zu eröffnen, im Vergleich zu früheren Jahrzehnten nicht verfünffacht, sondern verzehnfacht hat. Tenn i-r ungeheurem Maß ist, dank unserer außerordentlichen ökonomischen Entwickelung und dank dem erhöhten Niveau des ganzen nationalen Lebens, der Bedarf an intellektuellen Kräften auf jedem Gebiete gewachsen. Früher war es das Ziel jedes Studierenden (nur die Mediziner machten eine selbstverständliche Ausnahme), eine Amtsstellung zu erreichen; heute wenden sich oft genug gerade die tüchtigsten Akademiker den freien Berufen zu. Es komnit hinzu, daß eur enormer Prozentsatz der Gesamtziffer der Studie­renden von den Besuchern der Technischen Hoch­schulen gestellt wird, daß diese Kategorie also von der mächtig entwickelten I n d u st r i e willig aufgesogen wird. Nirgends erblicken wir im Umkreis der akademischen Welt eine drohende oder gar schon in be­unruhigendem Grade vollzogene Proletarisierung.' Ge­wiß gibt es Wellenbewegungen., und namentlich die juristischen Fakultäten zeigen ein manchmal erstaun­liches Anschwellen und Abichwellen der Frequenz, aber auch hier setzt sich zuletzt die Bewegung doch immer ins Gleiche, und jedenfalls kann man nicht zugeben, daß sie in entscheidender Weise durch ein Mehr oder Weni­ger an Universitäten, durch die Ziffer der Hochschulen, bestimmt werden, mag. So wollen wir uns denn keine Sorgen machen; der Bereich des akademischen Lebens gehört bei uns immer noch zu den gesundesten, einem natürlichen Wachstum normal sich aupassenden Gebieten der Volksgesamtheit.

DeMches Deich.

* Reichseinnahmen im Februar d. I. Der vorletzte Monat des Etatsjcchres 1910 ist, wie die jetzt vorliegende amtliche Übersicht ergibt, für die H a-up iei-mvahmequeilen des Reiches nicht ungünstig verkaufen. Insbesondere haben die Zölle über 8 Millionen Mart mehr einge­bracht als im Februar vorigen Jahres, und die Bvau- steuer zeigt eine Mchreinnaihme um fast 3 Millionen Mark. Auch die Börfensteuer hat Widder eine Steigerung um mehr als 1 Million Mart erfahren, und die Talon- steuer zeigt zum erstenmal eine bedeutende Einnahme,. die um mehr als 2 Millionen Mark über der vorjährigen liegt. Ebenso weisen Leuchtmittelstouer und Zündwaren- steuer «ine Zunahme auf und erreichten beinahe den Monatsamteil des Etatsanschlags. Dagegen bleiben die Zuckersteuer und die BranntwernverbrauchS- a b gäbe um »er 1 Million Mark hinter der vorjährigen Eirmcchrne zurück, -und auch der GruNdstücksübertragnngs- stempel und die Erbschaftssteuer konnten den Ertrag des Februar 1910 nicht ganz erreichen. Vergleicht man die Einnahmen der ersten elf Monate des zu Ende gehenden Etatsjahres mit dem EtatsaNschüag, so -ergibt sich, daß zu dm Einnahmen des Etats im ganzen etwa noch 91 Millionen Mark fehlen. Da die Einnahmen des April voraussichtlich mindestens 130 Millionen Marl betragen werden, werden die gesamten Einnahnren des Reichs an Zöllen, Steuern und Gebühren den Etatsan- schlag um etwa 40 Millionen Mark über­steigen. Acht von dm 23 einzelnen Einnahmequellen haben bis zum Ende Februar dm Ansatz des ganzen Etats- jahres bereits überschritten; am meisten der GruNd-ftücks- übertragungsstempel, der 14 Millionen mehr ergeben hat, als der' Etat vorausfah, und der Kaufstempel bei Börsen­geschäften, der schon einen Überschuß um l\k Millionen Mark eingebracht hat. Auch die Erbschaftssteuer hat bereits 3 % Millionen Mark mehr ergeben, als der Etat annahm. Am meisten zurückgeblieben ist bisher gegenüber dem Etatsanschlag die Verb rauch sab gäbe von Brannt­wein, die unter Berücksichtigung eines Ätankos bei der Be- triebsauflage noch um 4314 Millionen Mark unter dem Etatsanfatz liegt. Es ist zweifellos, daß hier ein sehr erheblicher Ausfall stattsindm wird. Die Zölle haben bisher 604 Millionen Mark ergeben, während der Etat eine Einnahme von 632 Millionen Mark voraussetzt. Man kann bei dem Zollertrog auf einen Überschuß um mm- dostens 25 Millionen Mark rechnen.

* Die Jmmediatkommifsion zur Borberatung der Ber- waltungsresorm wird der „Post" zufolge am 3. April eine Vollsitzung abhalten zu dem Zweck, die Vorschläge zu be­raten, die der Finanzausschuß in bezug auf die Verein­fachung des Rechnungs- und Kastenwesens gemacht hat. Dabei kommt neben -einer Reihe von Verwaltungsanord­nungen auch eine Änderung der Gesetze »er die Obsrrrch- nungskaMmer und den Staatshaushalt in Frage.

* Zu der Ankündigung einer Reform der Personen- fahrkartensteuer bemerken die „Berl. Pol. RAchr.": Der Er­trag dieser Steuer hat sich zum erstenmal gegenüber dem

Und jeder zeiget dem Beschauer Die nämliche Musketenmauer,

Ein ewig krieg'risch, trüg'rrsch Hasten,

Ein stetes Rüsten ohne Rasten,

Ei« lauernd-es, beständ'ges Starten,

Ein dauerndes „Den Feind- erwarten".

UNd dabei doch von Ort zu Orte Stets Friedensworte bester Sorte,

Und wirklich auch in allen Staaten Viel große, wack're Friedens tat en.

Und dennoch immer schlechtes Wetter Für alle guten Friedens-götter,

Und Mars im zwanzigsten Jahrhundert -Gleich wie im ersten still bewundert.

Sir Grey auch wird trotz edlem Streben Manch' neuen „Dreadnought" noch erleben. Gar manche Streitaxt noch begraben Und manchen „Bagdad"°-Fall noch haben,

Eh' endlich ihm (wie uns bedünket)

Der heiß ersehnte Palmzweig Winkel.

Doch Dank gebührt der Friedensneigung, Respekt dem Mut der Überzeugung!

Der tönerne Koloß im Osten Läßt fich's viel Müh' und Arbeit kosten,

Mit China in Konflikt zu kommen.

Das Zwietrachtsünkchen, halb verglommen»

Wird immer wieder angeblasen,

Bis „Väterchen" -gewissermaßen Als armes Unschuldslamm entdeckt wird,

Das vom Chinesen roh geneckt wird.

Wird s o der Funke nnn zur Flamme,

Dann lie-gt's nicht an dem ReußeNlamme, Bewahret — Rußland glänzt ja immer In hellstem, reinstem Friedensschimmer.

Darum nur stellt es Friedensposten Behutsam auf in Asiens Ostech

Damit es eh'r vermeiden könne,

Daß ganz dahinten Streit.entbrenne.

Rußland ist Chinas hoher Gönner,

Ein braves L-and — und brave Männer Regieren's ehrlich, treu und g'rad',

Sie sind- ein Staat für diesen Staat,

Nicht nur die fälschlich oft verdammten Zahllosen kleineren Beamten,

Auch Stolypin, der fast geschaßte,

Beim Volk mit Unrecht so verhaßte,

Ist zwar ein bischen sehr despotisch,

Dach sonst recht lieb und patriotisch,

Dem, wenn er einmal „Ruhe" schasst,

Das Blut selbst — kein besondrer Saft Der „Ordnung" brach er viele Lanze«,

Der Mann ist gut und paßt zum Ganzen.

*

Dach, lassen wir die Newa lieber UNd geh'n zum frohen Strand des Tiber. Den -Gang vom Zwang zum Frei-heits-trubel, Von schwerem Drang zum Einheitsjubel. Jtalia ist so begeistert.

Vom Rausch der Freude so bemeistert,

Daß selbst die hohen Staats-Minister,

Die, seriös und- sehr illüstre,

In äußerst schwierigem Amtieren Des Königreichs Geschäfte sühre«.

Die hohe Feier dadurch würzten.

Daß sie von ihren Sesseln stürzten.

Die Ovation, bequem und billig,

War dennoch ziemlich unfreiwillig.

In konstitutionellen Staaten Bringt sowas leinen Dauerschaden.

Wie 's gerad' des VoWes Gunst erwog.

Ist morgen hoch, wer gestern flog.

Es ist das Vorrecht freier Länder,

Daß sie Minister wie Gewänder