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Wiesbaum Tagblatt.

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Nr. 151.

Donnerstage SO. März 1911.

59. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Zur Frage des preußischen Vorstoßes gegen Elfnß^Aolhringen.

Im neuesten Hefte der Preußischen Jahrbücher fetzt sich Professor Delbrück stark ein für die Haltung des Kanzlers in der Frage der elsaß-lothringischen Ver­fassung. Um so schärfer bekämpft er natürlich den Vor­stoß der Konservativen. Er sagt darüber:

„Das preußische Abgeordnetenhaus hat mobil ge­macht gegen die preußische Reichspolitik. Daß Herr v. Heydebrand die Gelegenheit benutzt, sein preußisches Gemüt leuchten zu lassen und dem Herrn Reichskanzler Schwierigkeiten zu machen, mag man ja am Ende ver­stehen. Im höchsten Grade bedauerlich bleibt es aber, daß auch Herr v. Zedlitz als Führer der Freikonserva- . tiven sich diesem Pronunciamento im Abgeordneten- hause angeschlossen hat. Man versteht kaum, wie dreser sonst so feine Taktiker, dem es wahrlich nicht an Ver­ständnis für den deutschen Gedanken fehlt, so hat, er verzeihe den Ausdruck, entgleisen können. Die Antwort, in der Herr v. Beil,mann-Hollweg diese Angriffe ab- wies, war in jeder Beziehung meisterhaft. Prächtig und zu Herzen gehend die Auseinandersetzung, daß Preußen überhaupt nicht im Gegensatz zum nationalen Interesse gebracht werden könne und dürfe, schlagend die Zurückweisung der widersinnigen Redewendung, daß Preußen ein Opfer gebracht habe, indem es, sich in das Reich eingliedernd, dieses schuf.

Ist Kaiser Wilhelm II. etwa weniger in der Welt, als es weiland König Friedrich Wilhelm IO. war, den man zum Pariser Kongreß nur so nachträglich zuließ, weil er doch eigentlich keine ganze volle Großmacht re­präsentiere? Ist der monarchische Gedanke trotz alles Wachsens der Sozialdemokratie nicht heute unendlich viel fester und sicherer, als er vor 60 Jahren war? O wir kennen ihn nur zu gut, diesen preußischen Par- t'kularismus, der angeblich das wahre Preüßentuui vertrat, indem er Preußen verhinderte seine welt­historisch nationale Aufgabe zu erfüllen! Dre Klerst- Re.tzottx und Verlach wollten nicht dre Gründung ue* nationalen Großstaats, weil sie sahen, daß rn dresem Staat der Liberalismus Einfluß gewinnen ntu h t., und aus diesem P a r t e i i n t e r e s s e heraus haoen sie mehr als irgend jemand sonst von 1866 bis lb.i Bismarck Schwierigkeiten gemacht. Damals hatte ouye preußisch-konservative Gesinnung wenigstens eine ge- wisse knorrige Große — heute ist der Gegenstand, cnx dem sie exerziert, im besten Falle eine Bagatelle

Delbrück äußert sich dann weiter darüber, daß man in Straßburg mit den drei Bundesratsstimmen eigent-

Feuillrron.

Vom Hau§ und seinen Teilen.

Eine sprachliche Umzugsplaudorpr.

Von Dr. Richard Böhme.

Die Wohnung ist zu klein geworden, die Ausstattung genügt nicht -mehr und der Wirt will den, wie man glaub-r, billigen Wünschen nicht Nachkommen, die Gegend pasu nnyr wehr, da alle Verwandten und Bekannten . wert entfernt wohmn, oder welcher von den tausend Gründen sonst zu- trisft, — kurz, man hat sich zum Umzug entschlo sen und hat dann gesunden, daß das Mieten einer Wohnung nur theoretisch ein leichtes Geschäft ist; man ist durch die halb- oder auch durch die ganze Stadt gelaufen, treppauf, ireppao gestiegen, hat grobe und höfliche Wirte und. ihre VeU t angetroffen, sich, wenn man choleriseyer Natur ist, geärgert, wenn man mehr zum Optimismus nergt, ge­wundert; jetzt aber, wo der große Umzugstermm, de April-Anfang naht, Hai man eine Wohnung gesunden, dl-, wie man hofft, allen Bedürflrissen entspricht, rn eurem

Hause, in dem sich hausen läßt. oxorickuna

Unterrichtet uns nun dre ethnographische über die Entstehung des Hausbaues und über dre g graphische Verbreitung der verschiedenen Haustypen, r g uns die Kunstgeschichte die Reihe der Gebaudestrle : ( wenden wir uns an die Wissenschaft der dmtschen Drache nur mit recht ungewissem Erfolge, wenn wir wissen woucn. woher das Wort „Haus" denn ergentlrch stamme w unser neuestes Wörterbuch, die fiinste Auslage des ,,W gand" die kürzlich fertig geworden ist, sagt, daß der a

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sächsischen hydan und dem griechischen Imutbe.m, dem

„verbergen" bedeuten, durchaus nicht sicher sei, »u^.he. müsse man von der Bedeutung bedecken". Weiter w:.d mff die Möglichkeit hingewiesen, daß das Haus ursprünglich

lich nicht viel anfangen könne, weil Preußen eben doch den Bundesrat in jeder Beziehung leitet. Der Ministerialdirektor Althofs, der ein feiner Menschen­kenner war, teilte die Politiker ein rn solche, dre nach der wirklichen Macht, und solche, dre nach dem Schern der Macht streben. „Die drei Bundesratsstrminen haben", fährt Delbrück fort, „mit Ausnahme des Falls, daß einmal spezifisch reichsländische wirtschaftliche Interessen in Frage kommen können, nur einen Ho;- Irchkertswert. Deshalb kann Preußen, das dre reale Macht im Reiche hat, gern auf drese Stimmen für sich verzichten, die Elsaß-Lothringer aber, dre ohneyrn im Reiche nur ein so kleiner Partikel sind, leyen Wert darauf, daß ihnen wenigstens __ in der Form der Machtübung eine Stellung gewährt werde, und es rst deshalb wahrhaft staatsmännisch gehandelt,, daß ihnen diese Konzession gemacht wird. Nur aus diesem Wege fft es einmal möglich, den alten deutschen Stamm auch innerlich unserem Volkstum zurückzugewinnen, was wir in den 40 Jahren des Zusammenlebens ja noch inkmer in sehr mäßigem Grade erreicht haben."

Delbrück hält die Straßburger Frage für so wichtig, daß die Regierung unter Umständen sich zu größeren Zugeständnissen bereit erklären müßte. Um das natw- nale Ziel zu erreichen, dürfe sie vor nichts zurück­schrecken, und wenn es schließlich die sozialdemokrati­schen Stimmen sein sollten, die die Majorität schassen. Lassen sich die Herren von rechts nicht gewinnen, so würde Delbrück das Opfer nicht für zu groß halten, in der Gestaltung des Wahlrechts der Linken noch einen Schritt weiter entgegenzukommen, um ibre Stimmen hereinzuholen. Denn welche Schmach wäre es vor dem gesamten Ausland, wie würde man jubeln in Frankreich, wenn nach solchem Anlauf und Ilgährigem Warten es sich herausstellte, daß die Deut­schen immer noch nicht wissen, was sie mit dem erober­ten Elsaß-Lothringen anfangen sollen!

Deutsches Deich.

ch- Naumann über die innere Lage. Herr v. Heyde­brand hat bekanntlich bei der Besprechung im Abgeordneten- hause über die elsaßckothri'ugfiche Frage das Wort vorder Selbstverleugnung Preußens in ironischer Form abg-e- lehnt. Abg. Naumann nimmt diese, Tatsache zum Anlaß eines Artikels in der neuen Nummer der „HAse", in der er folgendes anssührt: „Selbstverleugnung ist „eine schätzens­werte menschliche Tugend", sie ist aber keine preußische Eigenschaft. Als Mensch und Christ kann man Selbstver­leugnung üben, aber als P ccu zc muß man solche ^ruckur- und RcKaionsschwachheiten überwunden haben. Es ist r, er m ' fc. heydebrand nicht zweifelhaft, „daß unsere lüstovische Machtstellung sich auf der SÄbstverleuguung nickt aufbaut". Damit spricht er ein richtiges Wort über das innerste Wesen seiner Klass e, ob er über für den Staat

'HEinschli-ßeNde, Haltende sei und zum Vergleich das koschas „Behälter, Scheide, Vorratskammer. Kckabkammer", das titanische kausche „Hirnschädel" und das altnordische Hautz „Schädel" herangezogen, schließlich nock die Herkunft von Hauen als möglich hingestellt, wobei die Verfasser wohl an die behauenen Steine des Hauses denken, was mir Friedrich Rückerts „Spruch" in Erinnerung

bringt. MM du, daß wir weit hinein

^rr das Haus dich bauen,.

Laß es dir gefallen, Stein,

Daß wir dich behauen."

Welches a. r auch immer die Herkunft des Hanfes sei, wir sehen in ihm die Stätte des Friedens und der Ruhe. Wem das Hans und damit die Heimat verloren gegangen ist, der bat den Boden unter seinen Füßen verloren, und unsere Sprache spiegelt diesen Zustand wieder, wenn sie von einem Menschen, der aus dem Gleichgewicht gekommen ist, sagt: er ist aus dem Häuschen geraten. Und da das Haus zu­gleich der Ort ist, von dein uns jeder Fleck vertraut und bekannt sein soll, so hat es der Wendung: in etwas zu Hause sein, die Bedeutung gegeben: genau Bescheid damit wissen Erwähnen möchte ich noch, daß das französische Wort 'für Haus, maison, das vom lateinischen mansio kommt, eigentlich nichts weiter als „die Bleibe" ist und an die berlinische Redensart „keine Bleibe haben" erinnert.

Wenn wir aber zu den einzelnen Teilen des, Hauses übergehen wollen, so gibt uns Ludwig Uhlands „Zimmer­spruch" einen guten Wegweiser, dessen letzte Verse wir hierher setzen; er wünscht:

-rn die Stube Fleiß und Frömmigkeit, ktn die Küche Maß und Reinlichkeit,

Kü den Stall Gesundheit allermeist,

5!n den Keller dem Wein einen guten Geist:

Die Fenster und Pforten woll' er (Gott) weryn.

Daß nichts Unselige? komm' hereur.

Und daß außer dieser neuen Tur Bald fromme Kindlein springen für.

Unsere Stube begegnet uns heute noch in der englischen Sprache als stove, das durch seine Bedeutung .Ofen“

das rechte Wort sprach, ist eine andere Sache. Staaken, dir den Kulturzusam-menhang, der km Worte Selbstverleug- nung liegt, .mißachten, können sich nur militärisch erhalten. Sie haben keine andere Sprache als die Sprache des ge­schliffenen Säbels. Diese Sprache aber kann man nicht sprechen, wenn man keine treuen Soldaten hat. Wie aber soll ein moderner Großstaat treue Soldaten haben, wenn er im Innern nach den Ansichten des Herrn v. Heydebrand regiert wird? Mit diesem sekbftveÄengnunHslosen Preußen­geiste kann man keinen Patriotismus der Masse gewinnen. Der Patriotismus von 1813 und 1870 bemhte auf dem Ge­danken, daß man um der Nation willen Opfer bringen müsse. Mefe Tradition aber streicht Herr v. Heydebrand: keine Opfer, kein Entgegenkommen! So stehen sie beide vor dem Kaiser, denn mehr zn Hm reden sie als zu uns. Er solle ^entscheiden, ob er einen Kanzler mit SeWstver- leugrmng haben will oder einen ohne sie. Uns kann es recht sein, wenn er einen Mann nach dom schönen Herzen des Herrn v. Heydebrand Nimmt. Dann wird wenigstens Klacheit. Dann gibt es Rechts odorLiNks, Preußen-grist oder Deutschtum, Ostwind oder Westwind. Das, was jetzt da ist, ist eine Halbheit. Herr v. Heydebrand ist unser Gegner, aber darin unterstützen wir ihn, daß er wissen will, woran wir sind. Der Minister „über den Parteien" soll Farbe be­kennen! Rechts oder Links!"

* An die Körn gl. preußische Staatsregierung richtet die Zeitschrift „Deutscher Bauernbund" sölgertde berech­tigte Anfrage: Wenn der Köüi>K. preußischen Staatsregte- rung daran liegt, ihren unparteiischen EharaAer zu wahren, dann wird sie es nicht dulden, daß Beamte den behörd­lichen Apparat in den Dienst einer Partei steÄen, wie das jetzt wieder vom Kömgl. Drstrittskommissar Blasius, DistriktSamt 1, Bureau Gncsen, geschehen ist, indem er fol­gendes Schreiben an die Guts- und Gemeiüdevorstcher versandte: „Gnesen, den 1. März 1911. Den Guts- — Ge­meinde- — Vorsteher ersuche ich um FeststellMg und Mit­teilung binnen 8 Tagen, wieviel zahlende Abonnen-ten ans die „Ostdeutsche Warte" daselbst vorha^d^en sind. Masius." Wir bitten die Köntgl. preußische Staatsregierung, öffent­lich zu erÄärcn. ob sie die Manipulationen ihres Distrikt- komMisfars Masius billigt oder mißbilligt.

* Noch keine Ermäßigung der Kabelgebühren. Die PreffemeMrng, rmck der die englische Postvevwaltung Mit- geteilt habe, daß durch eiir ttberpinkommen der großen Kabelgesellschaften die Kabclgebühren für offene Dele- gramme um 50 Prozent erniedrigt werden sollten, wird als einstweilen noch unzutreffend bezeichnet. ^ Die Bethand- lüngen werden aus neuer Gmndlage sortgeführt.

+ Der Segen der Allmende. Der Segen, den das Vorhandensein öiner Allmende bringt, ist deutlich aus den Verhältnissen der StL'dt Bunzlan ersichtlich. Diese hat ans ihrem aus Gemeinde gründet gen tum bestehenden Besitz, meist Waild, so viel Ertrag wie aus den gesamten direkten Steuern, die nun insolgedeflen trotz großer Schulbauten und sonstiger Aufwendungen größerer Geld- mittÄ sehr mäßig sein können. Daß es sich hier nm einen städtischen GemeiUdebofltz handelt, tut nichts zur Sache,

darauf hinweist, daß die Stube ein heizbares Gemach sein soll und es also ein Unfug ist, Raume ohne Ofen als Stuben mitzurechnen, wie es ab und zu bei Wohnungsangaben ge­schieht. Dasselbe Wort findet sich übrigens auch als Stuka, ostnka, etuve in den romanischen Sprachen, und man ist wieder im Zweifel, woher es stammt. Während die einen es von einem mittellateimschen „extafare", „mit Dampf Heizen" ableiten wollen, halten andere an der deutschen Herkunft von „stieben", „wie Staub in die Luft gehen" fest, uüd wieder andere find der Ansicht, daß die Bedeutung des Wortes durch eine Kreuzung des roma­nischen mit dem deutschen Stamme zu erklären ist. Fast noch interessanter ist und weitere Ausblicke gewährt das der Stube zur Seite tretende „Zimmer", das ursprünglich die Bedeutung „Bauholz" hat und in dieser auch noch in Mundarten und anderen Sprachen vorkommt, z. B. englrsch timber. Das Wort ist aber verwandt mit dem griechischen demein, von dem wieder das lateinische doorus herkommt, das in dem Namen „Dom" des Gotteshauses auch bei uns verbreitet ist. Das griechische deinem ist nun wieder ver­wandt mit dem griechischen damäo, dem lateinischen domo „bändigen", das wieder in unserem deutschen „zahm" ver- tretm ist. So finden wir auch hier, daß die Sprache halb unbewußt das Haus als Stätte des Friedens bezeichnet.

Die Mche ist uns sicher aus denk romanischen Sprach­gebiet überkommen, als Ableitung von dem volksmäßig lateinischen coquina; ob der Kuchen auch aus dieser Quells stammt, ist fraglich. Der Stall, der ja ohne Zusammen­setzung den Tierstall, d. h. Pferde- und Ochsenstall bezeich­net und auch von Uhland so gemeint ist, aber auch in Zu­sammensetzungen wie Holzstall vorkommt, ist wohl dem lateinischen stabutum gleich, aber auch mit dem Stadel verwandt. Unser Fenster hat Philipp von Zesen in seinen Sprachreinignngsbestrebungen recht unglücklich mit „Lage- leuchter" verdeutscht. Es kommt wahrscheinlich aus dem Griechischen her; sein Starmnwort ist „phainein", „deuMch, sichtbar machen", dem das Wort „Phänomen" verdankt wird.; von phainein ist dann das lateinische ienestra ahtzelettetr das daraus zu uns gekommen ist. UW auch in den rondb-