Wiesbadener Ts-Mat!.
Verlas Lemssafl« SL ^ ^ ^ ., . . 10KS1 „Tagbi-tt-H-us" Nr. ««so-ss.
Wöchentlich 12 Ausgaben. ^ x*k»m Gegründet 1852. -»rÄ"'"*
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Nr. 147 .
Dienstag,
L 8 . März 190. 5 ». Jahrgang.
Morgen - Kusgabe.
_ 1. Matt. __
Iüv öcrs 2. Guavtac 1911
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„Wiesbadener TagblatL"
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We mkikleiidnslslhe NerMiMm.
Tie Erklärung des Großherzogs von Mecklenburg, daß er angesichts der Unerreichbarkeit einer Einigung mit den Ständen auf die am 18. November 1910 her- ausgegeüene Verfassungsvorlage verzichte und sich de- treits der weiteren Behandlung der Verfassungsreform „die freiest? Entschließung" Vorbehalte, ist verschiedentlich so ausgelegt worden, als werde der Großherzog jetzt überhaupt nichts tun, sondern die Verfassungsfrag? m der Sackgasse lassen, in der sie sich durch die Weigerung der Stände befindet. Wir halten diese Deutung sur unmöglich und wir wissen uns in dem Vertrauen darauf, daß die mecklenburgische Verfassungsresorm vor der Versumpfung bewahrt bleiben soll, einig mit Pcr- sönlickkeiien in namhafter politischer Stellung. 3'it der Tat ist es nicht denkbar, daß ein Unternehmen, an das der Großherzog persönlich seine Kraft gesetzt hat, sang- und klanglos aufgegeben werden soll, bloß weit der Starrsinn der mecklenburgischen Ritterschaft auch nicht d n kleinsten Teil von allerdings einträglichen Vorrechten aufgeben will. Was aber fernst geschehe», um den Trotz der Junkerschaft zu brecheii? Der Gedanke liegt nahe, daß ein kühner Entschluß dazu führen könnte, einfach eine Verfassung zu oktroyieren. Indessen wäre das ein regelrechter Staatsstreich, eine Revolution von oben, und so nützlich und erstrebenswert der Endzweck wäre, so wird sich kein besonnener Beurteiler, keiner ferner moralischen Mitverantwortlichkeit bewußter politischer Betrachter dazu verstehen wollen, einer solchen Lösung des Problems das Wort zu reden. Überdies wäre das Unterfangen nicht einmal de» Erfolges sicher. Die an Eigentümlichkeiten so, reiche mecklenburgische Verfassung enthält eine bchonders merkwürdige Bestimmung, hervorgegangen aus veni gegenseitigen Mißtrauen von Landesherrn und Ritterschaft, die sich beiderseitig nicht über den Weg trauen.
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Lchnepfeujagö.
Jüngst kam mir ein alter, haW vergessener Schiiepfen- it wieder unter die Augen: „Bringt Okult auch Sonnen- iu, — So kommen sie gesegelt, — Und streichen quarren ch den Hain, - Pst! Pst! wie liebt stch s «utvm gm n, So hat's der Herr geregelt. — Doch wgen Sturme durch Wakd, — Friert's noch in Schlag und Auen, Dann zum Lieben noch zu kalt. — Brauchst ga>r mcht nach-
neulich am Abend vor Okuli vergeblich aus dem uepfenstrich ivar, bei bitterer Kalte und lckMidendem lvind, konnte die Tatsache einmal ivieder feststellen, Rnn i wirklich eine Schnepfe, so strich sie stumm, hoch und jeyr ell. Tritt mitten in der Zeit des Schnepsen^gs w.ede .st ein, dann wird bei unserem Langfchnabcl 1
yenmeister, und die Liebesgedanken vergchan vor v n frungssorgen. An solchen Abenden ans dl ■ .,
en, ist ein zweifelhafter Genuß. Z»m SchEenstrich
ört einmal ein warmer, ruhiger, wirklicher üi h rn^s
nd. wie sie uns leider jetzt so selten besch n siud^^ ia nicht des bloßen Schießens wegen, ^»Mau t. Aber so in stiller Wakveichamkert fem vom alltäglichen Lebens, nur von dem en Jagidgefährten, dem Hund, beglertei, z ^ -
beobachten, dabei geht einem das Her «uf! Überall m Natur ist an solch sonnigem FEmssabm^ wmn Wsia zu Ende gehen will, Lust und Leuen, tf . be. Noch ist es zu früh, um den eul-^opftgen D ^ gssalter erwarten zu können, «?" w.e schn e gcm t 4äacr der Herz und Auge sur die
tur offen hat. in solcher Umgebung dre Zeü. M b -ht
^mmeiurn herein. Vas erfahrene DU vernimm! o
Es gibt nämlich eine ständige „Kompromißinstanz", ber der die Ritterschaft den Großherzog einfach verklagen kann, wenn er sich über die Schranken der ständischeü Verfassung hinwegsetzen möchte. Solche Klage hat auch wirklich schon stattgefunden im Fahre 1848, und die „Kompromißinstanz" entschied gegen den Großberzon. so daß damals das Bemühen um ern bißchen liberale -Verbesserung der Verfassung scheitern mußte. Bei der „freiesten Entschließung", die nunmehr der Großherzog vo-.i Mecklenburg-Schwerin für sich in Anspruch nimmt, braucht man also an efne oktroyierte Verfassung nicht zu denken, zumal sich ein anderer Weg zeigt, von dem wir allerdings nicht wissen können, ob er eingeschlagen werden wird, der aber, falls er gewählt werden sollte, aus die willkommenste Weise zmn Ziel führen würde. Wie man weiß, hat sich der Bundesrat bisher stets aus den Standpunkt gestellt, daß die Reichsverfassung keme Handhabe bietet, die beiden Großherzogtumer Mecklen- fcm-a zum Erlaß einer Verfassung mit dem Kernstück einer gewählten Volksvertretung zu notigen. Indessen der Bundesrat würde voii dieser Auffassung, ohne sich mit sich selbst in Widerspruch zu setzen, sofort abgehen können, wenn die Großherzogtümer selber erklärten, daß sie eine Mitwirkung deS Reichs für zweckmäßig hielten. Andeutungen in der Richtung, daß die bis dahin festgehaltene unbedingte Autonomie der Großherzogtümer vielleicht nach der angegebenen Serie hur ailkgegeben werden könnte, hatte man schon aus einer frÄeren Kundgebung der Schweriner Regierung herauslesen können. Warum also sollte die „freieste Eni- schlicßung" nicht bedeuten, daß fortan der Weg über das Reich eingeschlagen werden soll? Wir wiederholen, es ist nichts bekannt geworden, was eine derartige Der- Nlutung sachlich begründet erscheinen ließe, sondern es harrdelt sich eben nur um eine Vermutung, aber wir wissen, daß sie verschiedentlich gehrgt wird. An dem Tage, wo Bundesrat und Reichstag f tue .Verfassungsänderung beschließen würden, wonach jeder Vmidesstaat eine wirkliche, gewäblte Volksvertretung haken muß, an demselbelr Tage wären die mecklenburgischen Ritter gezwungen, ihren Widerstand aufzugeben. Leicht wäre die Arbeit, die alsdann der Grobherzoglichen Regierung harrte, noch lange iiicht, aber nran würde doch erneu Ausweg sehen. Abgesehen von allen anderen Gründen möchte man eine Regelung der mecklenburgischen Verfassungsfrage schon darum wünschen, weil es einen ungewöhnlichen Reiz haben müßte, bei dieser Gelegenheit eine verschärfte Wiederholung. des Zweikampfes Keydebrand-Bethmann im preußischen Abgeordnetenhause zu erleben. Beschleicht die Konter- variven erhebliches Unbehagen bei dem Gedanken, daß Elsaß-Lothringen ein liberales Wahlgesetz bekommen soll, 'so müßte es sie in den heftigsten Zorn versetzen, wenn die gesinnungsverwandte mecklenburgische Ritterschaft zur Nachgiebigkeit genötigt würde. Einstweilen freilich sind wir noch nicht so weit._ -
LocktSne. mit denen sich die Voge'lpärchen zur Schlafstätte rufen. Leise raschelt es im dürren Laub, ein Igel hat feinen nächtlichen Streifzug zum Müusefang schon begonnen und Mnzell erstaunt, das niedliche Naschen sichernd in den Wind gehoben, nach der fremden Gestalt, um dann vor- flcfttiq seitwärts abzuschwenken. In der Dickung warnt laut eine Schwarzdrossel: „Tschak, tschak!" Sollte gar auch Reineke schon unterwegs sein? Mancher Rotrock uüd manche wildernde' Mietz, die auch weiß, daß Vogekbraten besser schmeckt als magere Mäuse, ist bei Gelegenheit des Schnepfenstrichs schon in die ewigen Jagdgründe befördert, ^-er Jäger macht sich schußfertig. Da bewegt es sich auch schon am Rand der Dickung, aber leider ist es nur eine alte Häsm, aalscheiuetth. eine uralte Großmutter, die beschaulich angehoppelt kommt, dem regungslos stehenden Jäger bis vor die Füße. Dann ein plötzliches Erkennen, ein entsetzter Seitensprung, und sie ist in der Dickung verschwunden. Ans dem Gesicht des Hundes, der regungslos vor seinem Herrn gesessen hat — nach alter Jägerregel läßt man beim Sckmepsenstrich den Hund sich nicht legen, sondern setzen, iveil er dann bessere Umschau halten und die von ihm mit seinen feineren Sinnen lange vor dem Jäger entdeckte Schnepfe diesem durch sein Mienenspiel, ein umnerkliches Hochziehen der Behänge, anzei-gen kann — i-st die Spannung gewichen und die Behänge hängen wieder glatt am Kopf herunter. Wer es Nlcyt glauben will, daß der yochintelli- gente Hühnerhund, der in der Sprache der Wissenschaft nicht umsonst Qaois venaticus sagas, der „weise", heißt, Menschenverstand hat, vielleicht oft mehr wie manche sogenannte Herren der Schöpfung, daß er wie ein Mensch denkt und mit voller Überlegung handelt,. der sehe sich nur den Hund einmal näher in solchen krrtischM Lagen an. Da werden ihn schon die Augen, die eine ganze Sprache reden, vom Gegenteil überzeugen!
Jetzt ist der erste Stern am lichten Abendhimmel erschienen, und nun heißt cs auspassen, denn mit dem ersten
Was derAnlimMermjieneid bedeutet.
Wie viele Theologieprofessoren den Antimodernisten- eib in der Stille schon geleistet haben, man wird cö nicht genatl erfahren, aber man braucht es nicht genau zu wissen. Denn von denen, die ihn. nicht leisten zu wollen öffentlich erklärt haben, hat man schon verschiedentlich gehört, und was die anderen betrifft, von denen man das nicht gehört hat, so läßt sich von ihnen eben vermuten, daß sie sich die Worte des Papstes zu Herzen genommen haben werden, der sie zwar von der Leistung des Eides. dispensiert, ihnen aber gleichzeitig (in dein Briefe an den Kardinal Fischer) die Beleidigung an den Kopf geschleudert hat, sie würden bei Nichtleistung als elende' Feiglinge anzusehen sein. Was dre Milderungen auf sich haben, die hinterher in den Brief an den Kardinal Kopp eingeflochten worden sind, darüber wird es hüben und drüben keine großen Meinungsverschiedenheiten geben. Wenn unsere Regierung hier und die Kurie dort so tut, als seien es erhebliche Mit- dernngen, so könnten sie sich wie Augurn anlächeln. Wie es nun aber mit dem Antimodernisteneide steht, darüber kann man keine Stelle mit größerem Nutzen befragen als eine, die den Katholizismus sozusagen in Fleisch und Blut in sich hat, denn wir anderen sehen diese Dinge zum Teil doch immer nur von außen an, der Katholik aber fühlt das, worauf es ankommt, in allen Nerven. Ein solcher Wann, der uns Bescheid geben kann, ist der treffliche Karl Jentsch, einer der lautersten und wackersten Männer unserer Tage, ein Kenner und ein Urteiler wie wenige. Tenn er war katholischer Priester und er ist aus diesem Bann herausgetreten, weile sein Gewissen es forderte. Wir verdanken Karl Jentsch viele nützliche Einblicke in klerikales Wesen, wir danken es ihm auch jetzt, daß er uns in einem ausgezeichneten kleinen Aufsatze, den wir vor Erscheinen eiiisehen konnten (in der Monatsschrift „Neue Rundschau", Berlin, S. Fischer), mit prächtiger Bestimmtheit auseinandersetzt, um was es sich in Wahrheit handelt. Einiges aus diesem Aufsatze ser hier wiedergegeben. .Jentsch sieht sich den Professor der katholischen Theologie näher an und schildert ihn also: „Sein Beruf ist es, diese Dinge zu studieren und über sie nachzudenken. Er weiß, daß die ersten Jahrhunderte der christlichen Ära vom Primat des römischen Bischofs nichts gewußt haben, daß dieser Primat ein Produkt der historischen Entwickelung ist, daß die Kurialisten dieser Entwicklung mit Fälschungen nachgeholfen haben (daß er daran erinnerte, war eines der Verbrechen des unglücklichen Prinzen Max). Er weiß, daß die frän- kischen Bischöfe des neunten Jahrhunderts den G l a u° b c n an Hexerei als sündhaften Aberglauben verpönt haben, daß dagegen ein Papst des fünfzehnten Jahrhunderts diesen Aberglauben als Bestandteil des chriftlichen Glaubens verkündigt, die Aufspürung und
AtzenÄstem kommt auch die erste Schnepfe, und lange dauert ‘feie Sache überhaupt nicht, an schönen Wenden kaum eine haVbe Stunde. Also „Himmelwärts den Späherbück gerichtet, stcih' ich lauschend, voll Erwartung da". Es ist ja zwar alle Tage Jagdtag, aber nicht alle Tage Fangtag, und manchen AbeNd steht der Jäger da, vergeblich, spähend, und auf idas ersehnte sonore „Quarr, quarr" oder >das leise „Pst, pst" lauschend, aber was linacht das? Auch die Beobachtung, wie allmählich das Leben in der Natur verstummt, "ist ja vom unendlichem Reiz. Immer vereinzelter ertönt der Gesang der Vögel; Meisen, Rotkehlchen und Zaunkönige sind schon znr Ruhe gegangen, auch die meisten Drosseln schweigen, nur ein besonders eifriger Sänger schmettert noch vom höchsten Baumgipsel in überquellender Lebensfreude sein Liebeslied in den wonnigen Frühlings- abend hinein. Jetzt ist auch er verstummt, sei erliche Stille 'liegt über dem schweigenden Wald, in allen Wipfeln ist Ruh', und der Jäger kann den Heimweg antreten, denn mit dem letzten Aniselschlag endet auch der Abendstrich; der Eulenruf kündet an, daß jetzt die Nacht in ihre Rechte getreten ist.
Wenn die ersten Hausrotschwänzchen im allen Standquartier wieder eingetroffen sind, die Schocker in lärmenden Scharen von uns Abschied nehmen, um nach den Moossteppen der nordischen Tundra zurückzukehren, wenn Amfelst und Singdrosseln mit weitschallendem Sang des Frühlings Ankunft feiern, wenn im noch kahlen Gebüsch die Rotkehlchen, aus fchwa-rzen Äugelchen den Jäger so klug und so vertäut anstehend, ihr Keines Liedchen singen, froh, den Räuberhänden der italienischen Caceiatori-Jäger, 5 . h,, was nran dort so nennt! urch Vogelsteller noch einmal glücklich entgangen zu sein, dann darf man an schönen Abenden die Schnepfe ertvarten. Schwellen aber die Knospen im Laubholz, zeigt sich das erste Grün junger Vogekbcer- bäumichep, lassen sich die ersten Rauchschwalben sehen, so hat der Strich für diesmal sein Ende erreicht. Etwaigen Nach-
