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Nr. ISS.
Dienstag, 21. März 1911.
59. Jahrgang.
Morgen ° Kusgabe.
__ 1. WLatt.
40 Jahre ..Deutscher Reichstag".
Heute, am 21. März dieses Jahres, sind es 40 Jahre her, daß nach dem blutigen Kriege 1870/71 der erste Reichstag des geeinigten deutschen Reiches zusammentrat. Tie Eröffnung, die im königlichen Schlosse zu Berlin vor sich ging, war von ganz besonderer Feierlichkeit, Wie sie der historisch bedeutsame Tag erforderte. Alle Heroen der eisernen Zeit waren unter Führung ihres greisen Kaisers anwesend, Bismarck, der dre Bundesmitglieder führte, Moltke, der das Reichsschwert rüg, Roon mit dem Szepter, Wrangel mit dem Reichspanier, General v. Peuker mit dem Reichsapfel und Graf v. Redern mit der Krone. Als die ansehnliche Versammlung im Schlosse vollzählig war, erschien der Kaiser Wilhelm I. mit einem Gefolge deutscher Fürsten und Prinzen und verlas die Thronrede, in der der Befriedigung über die errungene Einheit und die Sicherung der Grenzen Ausdruck gegeben war. Schon in der ersten Thronrede wurde das neue deutsche Reich als ein Hort des Friedens bezeichnet, dem jede Streitsucht fern liege. Das neugegründete Reich hat es bis auf den heutigen Tag bewiesen, daß die Behauptung der Thronrede keine leere festliche Phrase war. Nach dieser Eröffnung im königlichen Schlosse trat der Reichstag zum erstenmal am 21. März 1871, nachmittags '3 Uhr, in dem alten Abgeordnetenhause zusammen. Das Reichstagsgebäude, in dem jetzt der Reichstag seine Sitzungen abhält, ist bekanntlich erst in den Jahren von 1884 bis 1834 erbaut worden und am 6. Dezember 1894 eingeweiht worden. Damals mußten darum die Reichstagsabgeordneten mit dem alten Av- aeordnetenhause in der Nähe des Tönhoffplatzes vor- lieb nehmen. Tie erste Legislaturperiode dauerte vom 21. März 1871 bis zum 25. Juni 1873 und bestand aus Vier Sessionen. Die Wahlen zum ersten deutschen Reichstag hatten am 3. März 1871 stattgefunden. Tie Auslösung war am 29. November 1873 erfolgt. . In feinen vier Sessionen erledigte der erste deutsche Reichstag eine Menge wichtiger Vorlagen. Im .^ahre 187i Gcucfctntcitc beri foöcnortntcn & ß tt 5 £ I und tm Jahre 1872 die Ausweisung der Jesuiten und der diesen verwandten Orden und Kongregationen.
In den 40 Jahren seines Bestehens hat der deutsche Reichstag 12 Legislaturperioden aufzuwelsen. Tre zweite Legislaturperiode wurde durch die Wahl vom 10. Januar 1874 eingeleitet und dauerte vom 5. Februar 1874 bis zum 22. Dezember 1876. Sie umfaßte IScssionen. Tie dritte Periode dauerte vom 22. Februar 1877 bis zuni 24. Mai 1878. Die Wahl hatte _ genau 3 Jahre nach der Wahl zur zweiten Periode stattge- fundeu, nämlich am 10. Januar 1877. Dieser Reichstag hatte nur ein kurzes Leben. Er umfaßte nur zwei Sessionen und verfiel am 11. Juni 1878 der Auflösung. Schon am 30. Juli 1878 erfolgten die Neuwahlen zur vierten Legislaturperiode, die insgesamt 4_ 'Sessionen ffufwies. Sie dauerte vom 9. September 1878 bis zum
15. Juni 1881. Am 27. Oktober desselben Jahres fanden die Neuwahlen der fünften Periode statt. Tie erste Sitzung fand am 17. November 1881, die letzte am 28. Juni 1884 statt. Am 28. September desselben Wahres wurde der neue Reichstag gewählt. Die Tauer der 6. Legislaturperiode betrug kaum 2 Jahre, da der Reichstag zum erstenmal am 20. November 1884 zusammentrat und am 14. Januar 1887 aufgelöst wurde. Einen Monat später fanden die Neuwahlen statt. Ter Reichstag der 7. Legislaturperiode trat am 3. Marz 1887 zusammen und beschloß seine 5. Sitzung am 25. Januar 1890. Der nächste Reichstag, der am 20. Februar 1890 gewählt wurde, verfiel am 6. Mar 1893 der Auslösung. Ein ungewöhnlich langes Leben halte die 9. Legislaturperiode, da sie voin 4. Juli 1893 bis zum 6. Mai 1898 dauerte. Am 16. Juni 1898 fan- den die Neuwahlen zum zehnten Reichstag statt, der am 30. April 1903 seine Sitzungen beschloß. Ter nächste Reichstag, der am 3. Dezember 1903 zusammentrat, wurde bekanntlich am 13. Dezember 1906 nach emer stürmischen Sitzung vom Fürsten Bulow aufgelost. Tie Neuwahlen, die zwei Tage vor Kaisers Geburtstag mt Jahre 1907 stattfanden, brachten den ersten großen Rückgang der sozialdemokratischen Stimmen. Wenige Tage später, am 19. Februar des Jahres 1907, trat der Reichstag zu seiner zwölften Sitzung zusammen.
Bei einem Überblick über die 40jährige Geschichte des deutschen Reichstags dürfen die Relchstagsprastden- ten nicht fehlen. Ter erste Reichstagspräsident war •Dt. v. Simson, der die Geschäfte bis zum Jahre 1871 führte Im folgte in dem Amte Max v. Forckenbeck, der das Präsidium bis zum 20. Mai 1879 behielt. Ter Uinschwung der deutfchen Zollpolitik veranlaßte ihn, das Präsidium niederzulegen. Damals war die Politik des Reichstages ähnlich wie heute. Durch ein Kompromiß der Konservativen und . der Zentrumspartei Wurde ein Konservativer, nämlich der Abgeordnete v. Seydewitz, zum Präsidenten des Reichstags gewählt. In dem Freiherrn von graiickenstein, der zuni ersten Vizepräsidenten gewählt wurde, kam ein Mitglied der Zenirumspartei im deutschen Reichstag zum erstenmal zu einem Vorstandssitz. Seydewitz blieb aber nur wenige Monate Präsident, da er schon am 13. Februar 1880 von dem Grafen Arnim-Boitzenburg abgelöst wurde. Nun wechselten die Präsidenten im Reichstag sehr schnell. Rund ein Jahr später, nämlich am 17. Februar 1881, wurde v. Goßlar zum Präsidenten gewählt und noch im selben Jahre am 19. November durch den konser vativen Abgeordneten v. Levetzow ersetzt. Am 22. No yember 1884 wurde der Kammerherr Wedel-Pies borf an Stelle Levetzows gewählt. Auch in dem neuen Reichstag vom Jahre 1887 behielt v. Wedel sein Amt inue Im Jahre 1890 folgte als Präsident Herr von Levetzow. Am 27. März 1895 folgte ihm der Freiherr v Buol-Berenberg und diesem am 7. Dezember 18 Gras Ballestrem. Nach den Neuwahlen am 25. Januar 1907 mutzte ein neuer Präsident gewählt werden, da Graf Ballestrem eine Wiederwahl zu dem Reichstag abgelebnt hatte. Der damalige Block wählte den Grafen Slolberg zum Präsidenten, der späterhin durch den Grafen Schwerin abgelöst wurde.
Deutsches Reich«
Feuilleton.
Der erste deutsche Reichstag.
Zum Gedenktage seiner Eröffnung. (21. März 1871.) Von Dr. Kurt Haack.
Die Festlichkeiten vom 17. bis zum 22. März, in denen Berlin die Rückkehr des siegreichen Kaisers feierte fanden ihren Höhepunkt in der Eröffnung des effün deutschen Reichstages, die mit außergewöhnlicher madjt m ^ B Saale des Schlosses am 21. März stattfand. Am 22., dem Geburtstage Kaiser Wilhelms, folgte dann E Illumination, bei der sich die neue Reichsha'wstt dt> vo t ihrer glänzendsten Seite zeigte. Das frE.» Mildert ein
der Massen, das sich in den Straßen entfaltete, Mld^rt ^
gleichzeitiger Bericht: „Von den frohlicheil S,
Berliner Schuljugend, die vor dem Rathause P Sieacr- hatten und nicht müde wurden, rhr „Heil Dir ^ kranz" oder ihre „Wacht am Rhein und ihr ~ deutschen Vaterlande" immer aufs neue «MUstim, en,_ den Kolonnen verwundeter, in der Genesung bgN , Krieger, die ihre Baracken verlassen hatten, und auf ff Wagen, das rotweiße Kreuz voran, 'durch die Stadt fhre^ "J «SU K» «Ue»3MMlU*u, di- m >» ' Ä E
gemacht hatten, um am Anblick des neuen Glanzes me er
innerungen des alten Waffenruhmes wiederGebend« wer den zu lassen, war dies ein einziges, in «
Bild der Freude, des Hochgefühls der errungenen ^ wh
Von diesem bunt belebten Hintergrund der allgem men Volkslreude hob sich der Beginn einer neuen Regierungs- etzpche! wie er sich in der Eröffnuna des ReickstaLcs darbot.
stolz und gewaltig ab. War doch dies Parlament die Verkörperung des geeinten Deutschland in leibhaftiger Realität, nicht mir, wie frühere Versammlungen der Volksvertreter, ein Ausdruck idealer Hoffnungen, Wünsche und Tendenzen! Jenes erste deutsche Parlament von 1843 hatte zwar noch ein „größeres Deutschland" umfaßt, Österreich mit eingeschlossen, aber eben an diesem Versuch, das Ungleichartige zu vereinen und allerlei „Vorschwebungen" dieses innerlich zerklüfteten und verwirrten „Großdeutschland" zu verwirk- itchen, War es gescheitert. Und als dann 1830 wieder ein deutscher Reichstag, diesmal ohne Österreich, in Erfurt zusammentrat, da waren aus den Allzuvielen Allzuwenige geworden. Die Bayern fehlten und die Württembergs, die Sachsen und die Hannoveraner, und der neue deutsch- Bund die „Union", die man hatte begründen wollen, endete fast noch kläglicher als das Frankfurter Parlament. Und wiederum 17 Jahre später trat ein Reichstag zusammen, iMNmehr freilich nur ein norddeutscher; aber nicht mehr wie der Frankfurter, von den schwachen Idealen nationaler Schwärmereien getragen, nicht wie der Erfurter von dem guten Willen der Regierung geduldet, sondern geschaffen durch die eiserne Macht realer Verhältnisse, erkämpft auf den Schlachtfeldern von 1866, gestützt von der sicheren und starken Macht des preußischen Staates, auf festen Vertragen ruhend Der Keim, der damals sorgsam und tnebkraftig m den Boden gesenkt wurde, er war nun überraschend fchncll zur schönsten Blüte herangediehen; aus dem norddeutschen Reichstag war ein allgemeiner deutscher geworden, als der machtvolle Ausdruck des durch Kampf und Sieg im vnncrn und Äußern geeinten Deutschen Reiches Em geistvoller Historiker hat die Stimmungen und Verhältnisse von 186. und 1871 mit Verlobung und Hochzeit verglichen. Der
* Die RcichstagSlandidatur des Reichstagspräsidenien. Eine in Dc'mmin abgehaltene Versammlung des konservativen Vereins hat einstimmig de» bisherigen Vertreter des Wahlkreises Antlam-Dentmin, Reichstagsprästdonten Grafen v. Schwerin-- L ö w i tz, wieder als Kandidaten aufgestellt.
* Politische Gesinnungsschnüffelei. In welcher Weise oft Etliche Auskünfte erteilt werden, zeigt folgender Fall, den die „Franks. Ztg." mitteilt. Ern Lehrer nuferes Bezirks -war zur mMäri,schein Übung einberusen worden und sollte zum Unteroffizier befördert werden. Ehe dies jedoch geschah, erkundigte sich die Militärbehörde bei der zuständigen Ortsbehörde nach der politischen Gesinnung des Lehrers. Der betreffende Bürgermeister, mit dem der Lehrer schon feit längerer Zeit Differenzen hatte, gab dem Lehrer eine äußerst ungünstige Zensur. Donr Kompagnie- chöf zur Rede gestellt, verlangte der Lehrer die Einholung einer Auskunft bei seiner Dienstbehörde, die so günstig für ihn lautete, daß er trotz der bürgermeifterlichen schlechten Note befördert wurde. Der „Allgemeine Lehrerverein im Regierungsbezirk Wiesbaden" wird sich auf seiner in der Osterwoche in Ems stattfindenden Hauptversammlung mit der Angelegenheit bssassen. Von einem Zwergverein rst nämlich der Antrag gestellt worden, der Zentralvofftand des Lehrtzrverdins möge Schritte tun, daß in Zukunft Füy- rungsatteste nur von der Schulauffichtsbehörde, nicht aber vmr der Ortspolizeibehörde ausgestellt werden.
* Der Wahlsonds des Hansabundcs. Der Hansabund erinnert daran, daß sein Prästdmm schon im vorigen Jahr einmütig eine umfassende Wahlfoüdssammlung beschlossen, hat und gewillt ist, gemäß den Richtlinien des Hansa- bnndes „die politischen Parteien, denen ja allein die Durch- sührung der Wchien obliegt, bei Anfstellung und Durchsetzung solcher Kandidaten nachdrücklich zu unterstützen, welche die Gewähr dafür bieten, daß sie in ihrer parlamentarischen Tätigkeit von den Grundgedanken dos Hansabundes nicht abweichon werden". Er veröffentlicht jetzt einen Aufruf, in dem es u. a. heißt: „An alle Angehörigen des deutschen Gcwerbestandcs, an den Industriellen, den Handwerker, den Kaufmann, die Prinzipale und die eingestellten ergeht daher abermals der Ruf: Unterstützt d:e Bestrehungen des Hanfgbundes, welcher der ehrlichen gewerblichen Arbeit in Stadt und Land das gleiche Recht erkämpfen und ihr den ihr zukommenden Einfluß in der Leitung, Gesetzgebung und Verwaltung des Staates ver- schaiffen WM. Der Hansabund ist keine politische Parte:! Jeder kann in seine Reihen emtreien, der die Grundgedanken und die Rfchtlinien des Hanfabundes anerkennt. Die für den Wahlfonds des HansabnNdes bestimmren Gelder möge man entweder direkt an den Hansabund, Berlin NW. 7, Dorotheenstratze 36, mit der Bezeichnung
gcntralwÄhlsonds des Hansäbnndes", oder an die BaÄ für Handel und Industrie in Berlin W. 56, Schmkel- platz 1-4, mit der Bezeichnung „Zentralwahlfonds des Hansabundes" gelangen lassem
* Außerordentlicher Fortbildungsschultag. In Berlin fand am Samstag ein außerordentlicher Fortbildungs- ckultaa statt, der von Kausleuten, Handwerkern und Fort- bildungsschuklohrern zahlreich besucht war. Dvd Verffamm- lunq erklärte sich im allgerueünei: mit dem knrzüch veröffentlichten Gesetzentwurf über die Errichtung und den
Bund, der damals aus treuem festem Herzen, aber noch zögernd und suchend seinen Anfang genommen hatte, ward nun endgültig geschlossen und führte zur rnmgen Vereinigung und Gemeinschaft. Das Hochzcrtssest des Deutschen Reiches ward gleichsam in der neuen Versammlung der Volksvertreter aus allen Teilen Deutschlands gefeiert.
Inmitten der Reichsfürsten, umgeben von seinen ruhm- gekrönten Paladinen, wie er sich schon fernen Soldaten bei der Versailler Kaiserproklanration gezergt, erschien ^Karzer Wilhelm bei der Eröffnungsfeier nun auch zum erstenmal seinem Volke auf vaterländischem Boden. Zur Rechten und Linken des Thrones stand eine erlauchte Schar von Fürsten und Generälen und verlieh der Zeremonie euren höheren Glanz. Zu all dem Prunk und Schimmer des herrlichen Raumes und der reichen Uniformen aber bot dre Thronrede des Kaisers in ihrer bescheidenen Einfachheit und ruhig schlichten Größe einen tiefergreifenden Kontrast. „Wenn ich", sagte der Kaiser, „nach dem glorreichen, aber schweren Kampfe, den Deutschland für seine Unabhängigkeit siegreich geführt hat, zum erstenmal den Deutschen Reichstag um mich versamnielt sehe, so drängt es mich vor allem, meinem demütigen Dante gegen Gott Ausdruck zii geben Kr die weltgeschichtlichen Erfolge, mit denen seine Gnade die Irene Eintracht der deutschen Bundesgenossen, den Heldenmut und die Mamreszuchk unserer Heere und die opfersrendige Hingebung des deutschen Voltes gesegnet hat." Und er faßte all die Taten, Erfolge und Siege der jüngsten Zeit in den einen Satz zusammen: „Wir haben erreicht, was seit der Zeit unserer Väter für Deutschland erstrebt wurde; die Einheit und deren organische Gestaltung, die Sicherung unserer Grenzen, die Unabhängigkeit unserer nationalen Rechtsent-
