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Wiesbadener

Verlag Langgaffe 21

„Tagblatt-Haus".

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Nr. 134.

Montag, 20. März 1911.

59. Jahrgang.

Kbend-Ausgabe.

1. Matt.

Abrüstung oder UerstündLgung?

Der Altreichskanzler Fürst Bismarck hat einmal bas Verhältnis der Mächte zueinander mit dem zweier Wanderer verglichen, die sich in einem düsteren Wald begegnen und von denen der eine seinen Revolver ab­schießt, während der andere den Hahn spannt. Alles in allem ist die Weltlage seitdem etwas friedlicher ge­worden. Mit dem Abschießen des Revolvers ist inan nicht mehr ganz so schnell bei der Hand, aber den Hahn hält man gespannt. Der Weltsrieden ist noch immer ein bewaffneter, und in den Reden aller Staats­männer kehrt die Wendung wieder, daß eine gute Rüstung die beste Sicherung des Friedens sei. ^ Zar Nikolaus von Rußland hat einmal für die Abrüstung geschwärmt, aber fast unmittelbar darauf fand die blutige Abreckmng zwischen Rußland und Japan statt. Neuerdings hat sich Präsident Taft für die Abrüstung begeistert, aber gleichzeitig verstärken die Amerikaner ihre Seerüstunaen und zwar ebenfalls gegen Japan, während sie zu demselben Zweck den Panamakanal be­festigen. Auch der englische Minister des Auswärtigen hat sich'jetzt, zwar nicht etwa für eine Abrüstung, aber immerhin, wenn auch freilich in sehr verklausulierten Wendungen, für eine Begrenzung der Flottenrustungen ausgesprochen, aber diesen Anregungen sind soviel Ein­schränkungen hinzugefügt worden, daß der Weg von der grauen Theorie zur Praxis freilich schwerlich so leicht beschritten werden dürfte, wie dies ans dem starr optimistischen Echo geschlossen werden könnte, welches die Rede Sir Edward Greys hier und da gefunden hat.

Ter englische Staatsmann hat als Vorbedingung für jeden Schritt auf dem Gebiete dieser heiklen Frage die vorher von dem ersten Lord der Admiralität McKenna abgegebene Erklärung bezeichnet, daß die enalftche Flotte so stark jeiit müsse, um ihre Übermacht nicht nur gegenüber den beiden nächststarken Seemäch­ten sondern gegenüber jeder überhaupt denk­baren Kombination zu behaupten, Wenn man auf seiten Englands bereit ist, unter erner solchen Bedin­gung einer Begrenzung der Flottenrustungen zuzn- stimmen, so erinnert das doch sehr an dm bekannte Ge­schichte von jenem Goldschmied, der emem besorgten Vater, welcher über den Trübsinn ferner Achter klagve, als allein wirksames Heilmittel ^chmucksachen cmg- iabl worauf der Vater erwiderte: Sie sind eben Gold­schmied. mein Lieber! Tie gleichen Worte wird man auch den Engländern zurufen können, nachdem letzt dcw Unterhaus den Antrag auf eine Verminderung der

Heeres- und Marineausgaben, den das Kabinett Asquith für unannehmbar erklärt hatte, mit über­wältigender Mehrheit abgelehnt hat.

Trotz alledem und alledem, trotzdem man gut daran tun wird, in bezug auf die praktische Wirkung der Greyschen Anregung sich einer sehr zurückhalten­den Auffassung zu befleißigen, behalten doch die rück­haltslosen, durch ehrliche Friedensliebe ausgezeichneten Erklärungen der englischen Staatsmänner ihre volle Bedeutung. Wenn der deutsche Reichskanzler erst unlängst im Reichstag in bezug auf die deutsch-engli­schen Beziehungen erklärt hatte, daß er die offene und vertrauensvolle Aussprache über die wiri'chaftlichen und politischen Interessen als das sicherste Mittel zur Beseitigung jeglichen Mißtrauens wegen des gegenseitigen Kräfteverhältnisses anwhe, so bedeutet es einen Schritt vorwärts auf die­sem Wege, wenir auf die jüngste Rede Sir Edward GrevS von deutscher offiziöser Seite geantwortete wor­den ist. daß, wenn Vereinbarungen etwas zur Beseiti­gung des Mißtrauens beitragen könnten, man deutscher­seits gern bereit wäre, dazu die Hand zu bieten.

Man ersieht also daraus, daß auf beiden Seiten die R e i g u n g zu einer Verständigung vorhanden ist, ja man wird es für möglich, wenn nicht sogar wahr­scheinlich halten können, daß eine solche V e r st ä n d i- g u n a über die gegenseitigen Absichten ber d e n F l o t t e n r ü'st ungen bereits stattgefunden hat. Ob darüber hinaus ein wirkliches Abkommen in bezug auf die Flottenrüstungen zu erzielen wäre, das wird wohl nach wie vor als einigermaßen unwahr­scheinlich gelten müssen. Weiß man doch, daß schon vor Jahren, nämlich bei der vielerörterten Begegnung Kaiser Wilhelms mit Eduard VII. auf Schloß Cron- berg, von diesen Dingen die Rede war, und seit der Zeit'ist oft genug betont worden, daß ein Abkommen über eine Begrenzunq der Flottenrüstungen, wenir es praktische Bedeutung haben sollte, sich einmal nicht nur auf die Schiffszahl, sondern auf das Deplacement, die Typs, die Armierung usw. beziehen und daß es zwer- tens eine allgemeine internationale Ver­ständigung zur Vorbedingung haben müßte. Dieselben Schwierigkeiten bestehen noch heute, und in dieser Be- ziehuna verdient dre Erklärung, welche der Minister­präsident K h u e n - H e d e r v a r y iu der Samstag- Sitznng des ungarischen Abgeordneten­hauses abgegeben hat, Beachtung, daß zurzeit kein Anlaß zu einer Initiative in bezug auf die Frage der Flottenrüstungen vorhanden sei. Auch in den Kreisen unserer Regierung glaubt man nach wie vor, trotz aller Bereitwilligkeit zur Erörterung dieser Fragen leider nicht an die Möglichkeit einer praktischen Verwirklichung des Gedankens einer Begrenzung der Rüstungen, Wohl aber verspricht man sich von der offenen Aussprache und dem

FeniUrto«.

Der Kiglon.

Der Morgen des 20. März 1811 dämmerte trübe über Paris herauf. In den Tuiterien herrschte em unruhiges Treiben und gespannte Erwartung; der Hof und alle Würdenträger warm versanrmelt; man erwartete die Ge­burt des ersten Kindes Napoleons. Am Tage vorher hatten Extrablätter verkündet, daß die Geburt des Katsersprossm unmittelbar bevorstehe. Volksmassen wogten m. den Straßen und drängten nach dem Tuilertmpark. um dw Kunde o gleich mit Jubel aufzunehmen. Der Karser war in höchster Erregung, dem, die Geburt gntg mcht letckst von statten, und ein operativer Eingriff erwies sich als notwendig Napoleon beschwor die Ärzte, nur an die Rettung seiner Frau zu denken; ganz verstört und gebrochen wankte er ins Nebenzimmer und drückte die heiße Stirn gegen^dre -

scheibe, um Fassung zu suchen. So traf rhn d e Nach ch von der Geburt seines Sohnes. Sein sehnlichster Wunsch war erfüllt; er stürzte zu seiner Gemahlin und umarmte st - Noch hatte der Neugeborene kein Lebenszeichen von sch ge­geben; erst als man ihn in warme Tücher gehüllt rnduitt Wasser befeuKtet hatte, stieß er euren schwachen 0^ «'

Freudentränen raunen über des Weltbeherrscheres g , vielleicht die ersten, die er in seinem Leben • •V

Dem Kaiserrinde, das damals, vor nun hundert W>yrm. von seinen Eltern und von einem ganzen Volke begrüßt, das Licht der Welt erblickte, war em tragrscy s Schicksal beschieden, das nicht zu den Hohen ^.^Ehren- des Ruhmes, sondern in die Tresen innerer stlb,tv Vyr n der Qual und in frühen Tod führte. Selten ^ A Mges noch vor der Wüte gebrochenes Leben die Phantasie d Nachwelt so sehr beschäftigt wie das in Ehrgeiz und Zehnen verglühende Dasein dieses Kaisersohnes, dm stin Da e n den Windeln zum König von Rom machte, der dann a Herzog von Reichstädt in Mer Zurückgezoge-ihett zum ^üualina bcranwuchs und in dem die ^ranzoien oen Lon dm jungen Adler, sahen, dessen ii-ue Sonnenfluge

sie zu neuer Größe führen sollten. In Romanen und Dramen hat man ihn später verherrlicht, und Gdmond Rostand hat reine ganze gefühlvolle Pathetik aufgewandt, um dies zarte, blasse Leben mit dem goldigen Schimmer einer romantischen Verklärung zu umhüllen.

Ein lebendiges historisches Bild von der kurzen Spanne Zeit die ihm ans dieser Erde zu wandeln beschieden war, entwirft O. Robicek in „über Land und Meer". Wie alle Erstgeborenen, galt auch der kleine Napoleon schon in der Wiege als ein Wunderkind. Bereits einen Monat nach seiner Geburt schrieb Erzherzog Ferdinand an den Groß­vater, seinen Bruder Kaiser Franz: „Der Kleine sieht wie das Leben aus und könnte nicht gesünder und schöner sein, als er ist." Der überglückliche Vater widmete dem Säug­ling'all seine freie Zeit und wollte ihm mit einem Monat „schon zu essen geben!" Später wurde das Kindlein, das in einem seidengefütterten, von zwei weißm Schäfchen ge- rogcnen und rnit der Kaiserkrone geschmückten Wägelchen spazieren fuhr, der Liebling des Volkes, Bittschriften aller Art wurden ihm überreicht; seine Erzieherin, die Gräfin Montesquieu, hielt dm Knaben schon früh zu Wohltaten an. so daß sie der Kaiser einmal mit Rücksicht auf seine Kaste scherzend bat, sie möge doch bisweilen einsamere Wege stur die Spazierfahrten wählen. Das verwöhnte Kind war mit- unter sehr eigensinnig. Einmal sing es so« aus irgenD einem Anlaß wieder furchtbar zu brüllen an und wälzte sich au, deni Fußboden herum. Da stand die Gouvernante rasch aus und schloß die Fenster. „Was machst du da?" schrie er sie an Glauben Sie", erwiderte die Gräfin Montesquieu, „daß die Franzosen ihren zukünftigen Kaiser achten könnten, wenn man ihn hinaus bis auf die Straße schreien hört? Sofort beruhigte sich der Kleine und bat um Verzeihung.

Die schönsten Stunden verbrachte er bei seinem Vater; da durfte er nach Herzenslust herumtollen, warf selbst die strategischen Pläne und Karten durcheinander und unter­brach" die Vortragenden Minister mit seinen vergnügten Rufen Als der Kaiser nach dem unglücklichen russischen Feldzuge geschlagen zurückkehrte, mied er zunächst die Öffent­lichkeit und beschäftigte sich am liebsten mit seinem Söhnchen. - Einst trat er in sein.Schlafzimmer und wollte ihm Gute­

beiderseitigen Willensausdrnck, die schon durch die finan­ziellen Kalamitäten bedingte Übertreibung der Rüstun­gen zu vermeiden, bedeutsame praktische Erfolge für di- Sache des Weltfriedens im allgemeinen und für die Förderung der deutsch-englischen Beziehun­gen im besonderen. Wenn es sich also nur um einen ganz kleinen Fortschritt handelt für die Friedenssache, ein gewisser Fortschritt liegt doch vor.

Deutsches Deich.

* Hof- und Personal-Nachrichten. Kommerzienrat Förster, der Generaldirektor der Firma Seidel u. Naumann, A.-G. zu Dresden, ist plötzlich gestorben.

* Neue Gerüchte über Verlobung der Prinzessin Viktoria Luise Eine Wiener Korrespondenz weiß aus Berlin zu melden, daß 'bie Gerüchte sich bestätigen, die schon seit geraumer Zeit umgehen und denen zufolge die Prin­zessin Viktoria Luise van Preußen als die zukünftige Ge­mahlin dos Erzherzogs Karl Franz Joseph zu be­trachten fest Es würden bei der Anwesenheit des deutschen Kaiiserpaaros ist Wien verschiedene Fragen besprochen wer­den, die mit diesem Berlobungsplan znsauvmenhängen. — An Berliner unterrichteter Stelle erklärt man, von diesem Verlobungsprojekt nichts zu wissen; immerhin wird man sie trotz ihrer UnwachrscheiNlichkeit, die sich ja schon ans der konfessionellen Frage -ergibt, registrieren muffen.

* Der Präsident des preußischen Statistischen Landes- amts, Geh. Rat Blenck, hat zum 1. Juli um seine Ent­lassung ans dem Staatsdienst nachgesucht. Er steht im 79. Lebensjahr. Als Nachfolger Dr. Blencks wird dem „L.-A." zufolge Oberregierungsrat Ebert genannt. Er ist seit langem Stellvertreter des Präsidenten.

* Die „Norddeutsche" zur elsaß-lothringischen Ver- faffungsresorm. Die „Rordd. Allg. Ztg." schreibt: Der elsaß-lothringische LaNdosausschuß nahm am Donnerstag einen Antrag an, der bezüglich der Versassungsresorm eine Reihe radikaler Forderungen ausstellt, über deren Unan- nehmbarÄit sich auch die Urheber des Antrags keinem Zweifel hingeverr dürfen. Wenn die elsaß-lochringischLN Elemente, bk im Lande Unzufriedenheit und sich Agi­tationsstoff erhalten wollen, diesen RadikaMsmus nach Kräften schüren, um die Vorlage zu Fall zu bringen, so mag das faktisch verständlich sein. Wen denen, die prin­zipiell Mit dem von der Regierung oingeschlagenen Weg öinverstandLn ststd, witd aber die Gefahr einer solchen Taktik Nicht verborgen bleiben. Nachdem der Bundosrat unter entschiedener Ablehnung der aus einen lebenslänglichen Statthalter und binen selbständig«; Bundesstaat gerichteten Anträge die Verleihung von drei BuNdesratsstimmen an Elsaß-Lothringen vorgeschlagen hat könnte warn erwarten, daß die große Bedeutung bietet Verleihung von jeden;, der die weitere Entwicklung des Reichslandes zu größerer Selbständigkeit ehrlich wünscht, richtig gewürdigt würde. Voraussetzung für ein günstiges

nach» sagen, da kniete der Kleine vor einem Kruzifix und sprach eben den Schluß seines Nachtgebetes: »Lieber Gott, laß doch Papa Frieden machen, zum Wohle Frankreichs, zum Wohle der ganzen Menschheit." Schweigend verließ der Kaiser das Zimmer; auf St. Helena hat er noch kurz vor seinem Tode diese Szene den wenigen Getreuen erzählt und bitterlich geweint. Und bald kam der Augenblick, wo Napoleon sein Kind zum letztenmal umarmte und es schluchzend den Offizieren der Nationalgarde zum schütz empfahl. Wenige Monate darauf trug man den kleinen König von Rom mit Gewalt aus den Tuilerien zu dem Wagen, der ihn nach Österreich führte, während er sich schreiend sträubte und schrie, er habe seinem Vatcr^ver- sprochen, ihn in Paris zu erwarten. Als er an der Serie seiner Mutter die Schönbrunner Schloßtreppe hinausstieg, mtib bie Damen bes Wiener Hofes nicht mnbe würben, ihm die kleinen Hände zu küssen, da war er schon ein Prinz von Parma, und nicht lang danach ivurde der Erbe eine-- Welt­reiches zum Herzog der kleinen Herrschaft Reichstadt.

Am Wiener Hofe erhielt er nun, von den guten Groß­eltern freundlich ausgenommen, eine treffliche Erziehung; aber schon von frühester Jugend an war sein- Phantasie auf­geregt hing mit leidenschaftlicher Verehrung an dem Vater und wühlte sich in die vergangene Glanzzeit hinein. Früh­reif unruhig, stets gequält von jugendlich hochfliegenden Plänen, verzehrte er sich in dem heißen Feuer eines un­fruchtbaren Ehrgeizes. Nur mit Geschichte und Kriegs- Wissenschaften wollte er sich beschäftigen; wenn er aus seiner gewöhnlichen Zurückhaltung einmal hervortrat, quälte er seine Erzieher mit Fragen nach seinem Vater. Der Tod des Angebeteten erschütterte ihn tief. Als er mit 19 Jahren zum erstenmal beim Ball des englischen Botschafters in der Öffentlichkeit erschien, war seine schwermütig schöne Er­scheinung das Entzücken aller Damen. Seine elegante, biegsam schmächtige Gestalt, die großen blauen Augen mit den schweren Schatten und die müde Blässe seines Gesichts ließen aber auch bereits ahnen, daß er den Keim des Todes in sich trug. Der fiebrige, zähe Eifer, mit dem er sich den Strapazen des militärischen Dienstes hingab, itug dazu bei, ihn völlig zu entkräften. Er litt an entsetzlichen Husten--

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