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WSiheutllch 12Ausgabe». _ Gegründet 1852.
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Nr. 1»».
Sonntag, LN. März 1DLI.
SS. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
___ 1. gstotf.
Konnlagsgedankrn.
in.
Unrecht tun, ist nicht so schlimm, wie Unrecht leiden.
Ties Wort wird die meisten überraschen. Das Christentum sagt das Gegenteil, und wir alle stehen unter dem Einfluß der christlichen Äuffassnng. Und wenn auch manche christliche Lehre von der Kraft moderner Auffassung weggeschwemmt wird, so bleiben wichtige christliche Moralgrundsätze doch naturgemäß fest in uns haften.
Aber daß der gesunde Menschenverstand mit der Auffassung, daß Unrecht leiden. besser als Unrecht tun sei, nicht ohne weiteres übereinstimmt, fühlen wir schon als Kinder sehr lebhaft. Es gilt als Feigheit, wenn Kinder sich von anderen viel gefallen lassen und etwas in sich hineinmurmeln von christlicher Geduld. Und Feigheit ist wenigstens für einen kräftigen Jungen der schlimmste Vorwurf, der ihm gemacht werden kann.
Sieb Unrecht gefallen lassen — daran haftet etwas von Sklavenmoral. Das Christentum hat hier vom Judentum ein Kuckucksei übernommen, und zwar dom späteren. Das ältere Judentum hatte ganz andere Grundsätze. Er kannte nur den Satz: Auge um Auge, Zahn um Zahn, während es in der Bergpredigt heißt: wenn dich jemand auf eine Backe schlägt, so halte ihm auch noch die andere hin. So hatten die Juden gedacht, als sie politisch ohnmächtig geworden waren und sich mit passiver Ausdauer wappneten. Politisch vorwärts schreitende Völker tun lieber Unrecht, als daß sie Unrecht leiden. Daß die Juden aus der Not eine Tugend machten und das Unrechtleiden zur Tugend erhoben, hat ihnen zweifellos Vorteil gebracht. Sie sind dadurch das Volk geworden, das in der Welt die meiste Geduld und Zähigkeit gezeigt — und allerdings
so alle überdauert hat .
Ähnlich haben die Märtyrer m der ältesten Christenheit den stärksten passiven Widerstand leisten können. JbreStandhaftigkeit hat ungemein tröstend gewirkt und manche Schwankenden gestärkt und etwas von der ansteckenden Seliakeit des Trotzes verbreitet.
Aber der aktive Mut ist doch noch wichtiger ob öer passive. In diesem Punkts hat Nietzsche nicht unrecht wenn er dem Christentum gegenüber eine Umwertung aller Werte verlangt. Durch mutiges Unrechtleiden ermutigt man gar leicht die _ anderen, m 'ihrem Unrecht fortzufahren. Das Christentum hat denn auch nicht die Sklavenbefreiung durchgesetzt, sondern die philosopbische Aufklärung.
In der Politik ist die Empfehlung des Unrecht- leidens äußerst gefährlich. Die Verteidigung des Satzes der christlichen Ethik, daß der Christ keine ^Revolution machen dürste, ist daher meist recht oberflächlich.
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
GWckZtraum.
Won Franz Farga, Paris.
Als Fräulein Sophie, die Direktrice des großen Modegeschäftes, ihr gewohntes: „Feierabend für heme. in den Saal gerufen hatte und die lustige Madchen- schar wie ein aufgescheuchter Vogelschwarm durchem- anderflatterte, um möglichst schnell den Hut aufzujetzen, die Stirnlöckchen zurechtzuzupfen und nnt erugen Abendarüßen die Treppe hinabzulaufen, bueb Luzanne absichtlich sitzen und nähte mit Feuereifer an ihrer angefangenen Arbeit weiter.
Erst als der Saal leer war und nur die stimmen der Kassabeamten aus dein N-b-nzimmer herüber, schallten, brachte sie langsam ihren ArbeMrsch Mei nung und griff zögernd nach ihrem Handtaschen. Fräulein Sophie kam in diesem Augenblick zurncc.
„Ach, Susanne, Sie sind noch hier? Fas ist ^ gerade recht — ich wollte «re bitten, diese Mrs Vorbeigehen bei Martens abzugcben. ~ er - alt ' ist zufällig nicht hier."
„Recht gern, Fräulein." „ w vor
„Sie kommen mir heute ganz verander , Kleine 1 " fuhr die Direktrice fort. „Ganz iote _' gen — und die Augen strahlen, als wäre ^hnen große Los zugefallen. Dazu eine neue Bluse 1 Sie am Ende kokett werden, Suzannec
<7Spip mar feuerrot geworden. .... .
.„Ich weiß nichts davon", lachte sie verlegen, wahrend
Luther verlangt, daß man die rebellischen Bauern, die das Unrecht mit Gewalt abzuwehren suchten, mit Feuer und Schwert ausrotte. Die Folge war, daß sie noch Jahrhunderte im Elend blieben. Tie moderne Arbeiterbewegung ist nur vorwärts gekommen, als sie anfing, gegen das Unrecht mit schärferen Mitteln vorzugehen. Wenn die Abwehrmittel nicht immer ideal gewesen sind, mit denen man das Unrecht bekämpft hat, nun, ohne Blitz und Donner wird nun mal die Gewitterschwüle nicht beseitigt.
Natürlich ist Unrechttun immer unrecht, selbst wenn es nicht so gefährlich ist als Unrechtleiden. Wenn der Mensch auch lickber Hammer sein will als Amboß, und wenn man auch zuweilen empfiehlt, auf einen Schelmen anderthalb zu setzen, so ist es natürlich das Ziel, die Verhältnisse so zu entwickeln, daß es weder Unterdrücker noch Unterdrückte gibt — daß jeder von dem Schlag, mit dem er gegen andere ausholt, selbst getroffen wird. Tie Gegenwehr des anderen ist das beste Strafmittel. Doch das ist freilich nur ein Ideal — ein fernes Ziel. Bis dahin helfen die Gesetze, bei denen aber auch jeder Objekt und jeder Subjekt sein muß.
In jedem Falle ist es eine gesunde Moral, wenn Goethe sagt:
Allen Gewalten zum Trutz sick» erhalten,
Nimmer sick beugen, kräftig sich zeigen.
Rufet die Arme der Götter herbei.
Pastor H. K ö t s ch k e.
Deutsches Deich.
BO. Die Bevölkerung des Deutschen Reichs. Nach dem vorläufigen Ergebnis der Volkszählung vom 1. Dezember 1910- betrug die ortSaMvesettdv Bevölkerung für das -gesamte Reich 64903423 (32 031967 männliche und 328714« weibliche) Personen. Die VoWSzählung vom 1. Dezember 1905 hatte 29 884 851 -nrännli-che und 30 756 638 weibliche, zusammen 60641489 Personen -ergeDen; somit ist die Bevölkerung in den Letzten fünf Jahren um 4 261934 Personen oder um 7,03 v. H. -gswachsen. Die männliche Bevölkerung hat um 2147116 Personen oder 7,18 v. H., die weibliche um 2114 818 Personen oder 6,88 v. H. zugenommen. Ans je 1000 männliche Pe-rfonsn kamen im Jahre 1910 1028 weibliche. Seit der Volkszählung 1865 ist in allen Bundesstaaten eine Zunahme der Bevölkerung -ei-ngetreten. Am größten war sie. abgesehen von -den drei Hansestaaten Lübeck, Bremen und Hamburg, wo sie 10,1, 13,4 und 16,i v. H. erreicht» im Großherzogtum Oldenburg (9,9 v. H.), im Königreich Preußen (7,7 v. H.), im Königreich Sachsen (8,5 v. H.), in Baben (6,5 v. H.), in Sachsen-Kotburg-Gotho (Sft v. 4) und im Großherzogtum Hessen (6,0 v. H.). — Die Zahl der Großstädte, d. h. der Städte mit mehr als 109 000 Einwohnern, ist seit 1805 von 41 auf 47 gestiegen, sin diesen 47 Großstädten, die insgesamt 13709 863 Einwohner oder 21,12 v. H. der gesamten Reichsbevölkernng zählen ist noch eine Landgemeinde mit 'mehr als 100000 Einwohnern hiuzugetretM, nämlich Hamborn mit 101713 Einwohnern.
* Ganz wie bei uns. Unsere Agrarier wollen es nicht wahr haben, daß Deutschland zum weitaus überwiegenden Teile Industriestaat geworden ist. .In Österreich ist es ebenso; und welche Mittel dort augeweudet werden-, um darzutun, daß die ländliche Bevölkerung Werwiegt, daraus weist jetzt die Wiener Handelskammer hin. Es wurden nämlich bei früheren WoMzählnng-en die in industrieMen, Handels- und gewerblichen Betrieben -als HWArüste mit- tätigen FamNenangehörigen vielfach als „Berufslose" angegeben, während -dagegen bei landwirtschaftlichM und insbesondere bei bäuerlichen Betrieben nicht bloß die Haushaltungs-Vorstände sowie deren Drenftboten und Arbeiter, sondern auch Frauen und Kinder als mithelfende Familienmitglieder verzeichnet wurden'. Da sich hieraus zugunsten der Landwirtschaft eine den wirklichen Verhältnissen nicht entsprechende z-aihlenmäßige Berschiöbung in der Gliederung der beruflich tätigen Bevölkerung ergabt machte die Kammer -anläßlich der Volkszählung- sämtliche Gcwech-e- genossenschaisteil in Wien und auf dem flachen Lande darauf aufmerksam, -daß die -genaue statWsche Erfassung der in gewerblichen Betrieben nnttätiaen Familienangehörigen von größter Wichtigkeit ist, um -das Verhältnis der gewerblichen zur agrarischen Bevölkerung richtig feststellen zu können.
Karlermerrtarrschss.
Die Bingerlochschleuse in der Kommission. In der
Schisfahrtsabgaben--Kom>mW-on des Reichstags gab am Freitag Minister v. Bveitenbach eine Erklärung ab, wonach die in der Vorlage anfgejführlien Strombauten den Vorrang bei der Ausführung haben sollen. Von national- liberaler Seite wurde festgestellt, daß die Aufnahme neuer Projekte in $ 1, der die Strombauverbände begrenzt, lediglich die BefahruNgsabgab-en begründe, -aber nicht die in ß 2 vorgesehene Priorität bei -der Bauausführung. Wolle man diese erreichen, so müsse man die in § 1 M genommenen über die Vorlage hinausg-eh-enden neuen Projekte auch in § 2 ausuehm-eu. Ein Zeutrumsredner sprach sich -gegen die Vertiefung -des Rheins auf 2 50 Mater -aus. Diese Vertiefung liege nur im Interesse des Kohlen ko n-tors und man schädige die -kleinere und mittlere -Schiffahrt. Jetzt seien, wenn das Fahrwasser etwas klein sei, die -großen Reeder genötigt, die kleineren Schiffer für den Transport ihrer Güter in Anspruch zu nehmen. Ein sozialdemokratisches M-ctglicd wandte sich gegen die Regierungsausiass-ung, daß die Tarife bei Aufnahme der neuen Projekte bedeutend -erhöht werden müßten. Es müßten -da -auch -andere Einnahmen in Rechnung gestellt worden. Der Redner ist -ein Gegner der geplanten Bingerlochschleuse, die eine natürliche Staustufe Larstelle. Er befürchte eine Senkung des W ässevspie-gels ob er Haft b des Binger Lochs, die im landwirtschaftlichen wi-e rm landschaftlichen Interesse durchaus nachteilig sein würde. Außerdem werde die Schleuse wed er den voraus gesagten Verkeh r bewälti gen können noch -werde dadurch -eine größere -Sicherheit für die Schiffahrt geschaffen. Im Gegenteil befürchteten die Interessenten größere Gefahren davon. Prinzipiell sei er kein Gegner der Schleusenaula ge, wenn ihm uachg-ewiefen werde, daß sie eine technische Verbesserung darstelle. Durch den technischen Kommissar dies preußischen Ministeriums
sie sich so schnell, als es ihr unsicherer, etwas hinkender Ganq erlaubte, gegen die Tür hinbewegte. „Die Kameradinnen sind so elegant, daß man doch etwas auf fern Äußeres verwenden muß, um nicht gar zu sehr von ihnen abznstechen."
Sie drückte sich eiligst hinaus.
Vor dem Hause blieb sie eine Weile stehen und sah in den Trubel, der um diese Zeit, da Fabriken und Ge- schäfte ihre Angestellten freigaben. wahrhaft verwirrend war. Sonst hatte ihr dieser Menschenstrom, durch den sie sich ängstlich und vorsichtig durchwinden rnußte, nur eine dumpfe Beklemmung eingeslößt.
Aber heute war ein solches Leuchten und Smgen in ihr, daß sie mit völlig anderen Augen um sich blickte. Tie Luft war lind und weich itnb Men sich tote mit leisen Sordinen über den geschäftigen Lärm ringsum zu breiten. Die Kastanienbäume der Alleen hoben ihr junges, zartgrünes Blattwerk, das mrt den aufbrechenden ' Blütenknospen durchstickt war, wre triumphierend empor. Über den Häusern lag der grelle Abglanz der Sonne, die Schwalben ragten einander hoch oben mit munterem Gekreisch, und die Menschen schleuderten langsanier, behaglicher oaym, mit lächelnden Mienen, wie berauscht von dem Zauber des Frühlingsabends.
' Suzanne hatte das Paket zu Martens getragen und Ving nun langsam auf den Park zu, der vom Ende d-'r Straße mit dem grünen Dämmern semer Lanb- maffen berüberwinkte. Sie sah sich verstohlen um, ab ihr nicht am Ende eine der Freundinnen folge. Aber ih'-e Sorge war unnötig. Sie hatte sich sonst so un- aliickftch gefühlt, wenn die anderen ihr an.der Straßenecke flüchtig LUgenickt hatten und sie bald darauf «me
jede am Arm des Liebhabers sich entfernen sah. Sie blieb stets allein; zwanzig Jahre war sie alt geworden, ohne daß sie je ein junger Mann angesprochen bätte. Wieviel Nächte hatte sie deswegen durchweint, daß sie nicht so war wie die übrigen, nicht sorglos umhertollen konnte, tanzen und springen! Ach, tanzen vor allem — sie malte es sich so herrlich aus und neidete es den andereir so brennend, wenn sie von den Kränzchen erzählten, die sie des Sonntags besucht hatten, oder von irgend einem Ausflug ins Grüne.
Sie tastete mit der Hand nach der Tasche ihrer Jacke, woselbst sie ein Päckchen Briefe verwahrt hatte, und sie mußte an sich halten, um nicht jubelnd auszu- lrchen.' Nun hatte auch sie ihren kleinen Roman! Aber sic würde sich hüten, davon ein Wort laut werden zu lassen' Nein, dieses Glück wollte sie nur für sich haben, für sich ganz allein! Wer weiß, ob sie nicht von den anderen 'tüchtig ausgelacht würde, falls sie ihnen die Briefe zeigte, die ihr seit Monaten zukamen. Sie stcnn- inelten eine so schüchterne Sprache, atmeten eine so demütige Anbetung, daß sie im innersten Herzen davon gerührt war. Den ersten Brief hatte ihr eines Morgens ein kleiner Junge auf der Straße überreicht und 'war spornstreichs davongelaufen, ehe sie sich noch von ihrer Überraschung erholt hatte. . Er enthielt nur die Bitte, unter der Chiffre „8" ein postlagerndes Schreiben zu erheben. Ties hatte sie zagend getan und hatte mit einem Schauer des Entzückens erfahren, daß es einen Unbekannten gäbe, der sie kannte, ihr ungesehen folge, sie anbete — sie liebe! Oh, wie hatte ihr dieses Wort, als sie es zum erstenmal gelesen, glerch einer zauberischen Musik geklungen! Es würde also auch für sie ein Glück geben, für sie, die Bemitleidete,
