Verlag Langgass« 21
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Morgen - Ausgabe
1. Wkakt.
Italien Lm Jukililumsjahr.
An tiefem 17. März sind, worauf wir gestern sckion ail dieser Stelle hinwiesen, fünfzig Jahre verstrichen, seit sich König Viktor Emanuel von Sardinien in ferner Hauptstadt Turin zum König von Italien prokla- mrerre. spür die Gedenkfeier der jüngsten europäischen Owoßniacht kann man ja beliebige Daten wählen, aber aav staatsrechtlich zutreffende Datum ist nun einmal . »yTy^', P ie ^ m Tage wird ein interessantes,
ungewöhnlich lehrreiches und apartes kleines Buch erscheinen worin der bekannte diplomatische Legations- ^ : Jl \ ^tolf v. Floeckher die Bilanz des modernen Italiens nach der politischen, nationalen, militärischen und wirtschastspolrtischen «eite hin zieht. Das Buch betitelt sich „Unsere Freunde die Italiener" (Berlin *l at l &H rhu§ )- Wir konnten schon vor Erscheinen Einsicht m das reiche Material nehmen, das der Fleiß oes sachkundigen Verfassers zusammengebracht hat, und wir meinen, daß es sich aus mannigfachen Gründen empfiehlt, die italienischen Jubiläumsfeste einmal von einer bestimmten Seite her, nämlich in volkswirtschast- .;cher Beziehung, zum Ausgangspunkt der Betrachtuna s" uf m ur-~ '^ach Herrn von Floeckher sind für die wirtschaftliche Erstarkung des Königreichs drei Gründe bestimmend gewesen: zunächst der Rückkauf der StaatS- ^enten vom Ausland, wodurch die internationale Zahlungsbilanz ganz wesentlich verbessert wurde, dann die auf 409 Millionen Lire jährlich geschätzten Gelü- wi S” italienischer Auswanderer; sowie die aus t 0 Millionen Lire veranschlagten Einnahmen von oen fremden die Italien besuchen, und schließlich die fj, 0 ’oÄ lndustrielle Verwertung der Wasserkräfte Landes,^ der sogenannten weißen Kohle, für elek-
F r e ^ L immer steigendem Maße den Rachteil oer fehlenden schwarzen Kohle auszugleichen Den Grundstein für die günstige italienische Volkswirtschaft hat die gesunde Finanzpolitik der Regierung geliefert, die nicht in den von so vielen modernen Staaten beliebten Fehler verfallen ist, Jahr sur Jahr neue Anleihen aut den Markt zu werfen sondern stets die eintretenden Defizits in geordneter Weise durch Steuern und Abgaben gedeckt hat. So ist es gekommen, daß die italienische Rente, welche im November l?9ch als ihr Zinsfuß noch 5 Prozent betrug, Ud) nur 7b Prozent stellte, heute aber, wo sie aus 3% Prozew konvertiert ist, andauernd mehrere Prozent über Parr sieht, also einen besseren Kurs aufweist als die preußischen Konsuls und die deutschen Reichsanleihen. Lurch die Konversion erspart das Staatsbudget an jährlichen Zinsen vom 1. Januar 1907 ab ch.0, und vom 1. Januar 1912 ab im ganzer: 40 Millio-- neu. Lire sahklichv Infolge der guten Finanzwirtschast vt am 30. ^uni 1909 zum ersten Male in dem 50- lohrrgen Leben des Königreichs Italien nach Tilgung der «chuld des Staatsschatzes das Defizit verschwunden
und ein Uberschuß eingetreten, trotzdem in diesem Jahre infolge der Erdbebenkatastrophe. 40 Millionen Lire außerordentliche Ausgaben entstanden waren und trotzdem die Steigerung der allgemeinen Staatsausgaben eine sehr beträchtliche gewesen ist. Einen wichtigen Faktor iii der italienischen Volkswirtschaft bildet die Fremdeiiindustrie. Nach glaubwürdigen Angaben betragen die Nettoeinnahmen der italienischen Hotelbesitzer aus ^em Fremdenverkehr jährlich 150 Millionen ~ ire - Tie Italien besuchenden Fremden führen außerdem zahlreiche und überwiegend hochwertige, in Italien gekaufte Gegenstände aus, die nicht zur statistischen An- saireibung gelangen. Hierfür und für andere Ausgaben werden 450 Millionen Lire jährlich angenommen, so daß ew Fremdenindustrie 600 Millionen Lire er- brmgt.^. Italien ist kein eigentliches Industrieland. Nur io von 1000 Männern widmen sich der Industrie. Ter durch die Eisenbahnen bevorzugte Norden hat zwar die Anfänge einer /Großindustrie erlebt war aber nicht imstande, den industriellen Verlust im Süden ganz auszugleichen. Die Konkurrenz auf dem Welt- markt wird durch das Fehlen richtiger Kohle erschwert. Die 81 italienischen Kohlengruben erzeugen nur Kohlen von geringerer Qualität und von ungenügender Quantität, sie können noch nicht ein Zwölftel des Konsums decken. Tie sogenannte Weiße Kohle spielt daher die Hauptrolle im industriellen Leben Italiens. Tatsächlich können hier, wo die Kohle doppelt so teuer, wie m Deutschland oder Frankreich ist, noch Wasserkräfte zrrr Erzeugung von Elektrizität benutzt werden, deren Verwendung in anderen Ländern zu teuer wäre. Immerhin liegen die Verhältnisse nicht so günstig wie beispielsweise in Norwegen, wo die Ströme gleiche cv^’ccL 2 Wasserkräfte das ganze Jahr hindurch liefern. ^ n nur btm Gletschern gesveisten Wasserlastfe emigermaßen regelmäßig, während im nbngen die Negenmassen schnell von den kahlen Bergen ca'-fiu^cn unb sich ^nui' burch Anlegen von teuren Staubecken und Atollen zum Betriebe verwerten i a,!cr i; ® ,n . ert .Begriff von der bedeutenden Ausdehnung der Elektrizriatsindustrie in Italien bekommt man am besten, wenn man bedenkt, daß das in ihr investierte Kapital sich jetzt schon auf 550 Millionen Lire beläuft L-e Verzinsung dieses Kapitals beträgt, von wenigen glanzenden Ausnahmen abgesehen, wie sie beispiels- die LOprozentige Dividende verteilende Edison- gesellschast in Mailand bildet, im Gesamtdurchschnitt nur Sch Prozent. Man kann sagen, so meint Herr von Floeckher. daß das Beispiel der Schweiz, die in bezug auf die geographische Lage und das Vorhandensein von Kohle und Eisen noch wesentlich ungünstiger gestellt ist als Italien, den Beweis liefert, daß Italien bei erriiger Anstrengung recht gut eine größere industrielle Regsamkeit herbeisühren kann. Drei Momente sind hierzu vor allem notig: zunächst die weitere Fürsorge sur die Arbeiter und ihre Versöhnung mit den herrscheichen Klassen. Sodann eine systematische Heranziehung größerer Kapitalien durch gesetzliche Begünstigung besonderer Industriezweige. Und schließlich eine Fortdauer der glücklichen italienischen Finanzpolitik und der durch sie bewirkten günstigen auswärtigen Wechselkurse
Femlieton.
Profeflot UllMllMeuberg öder feine MW- weife Internierung und Den Fall MrHnm.
, 8. & H. Weimar, 15. März.
Die Aushebung der Entmündigung der Frau Amts, gerrchtsrat Burchardt durch das Jenenser Oberlandesaericht xZ^^Uieut die Aufmerksamkeit auf die Tätigkeit der Psychiater^ in ProzeßverhanÄlungen gelenkt. Professor Lehmann-Hohenberg, her zugunsten der Frau Burchardt gegen die Gutachtertätigkeit, insbesondere des Leiters der ^enenser UniversitätsirrenMnik Geheimrats Professor vr Bmswanger aufgetreten ist und bekanntlich selbst aus Be- -7^. P?? Weiniarischen Schöffengerichts in Verfolg eines EtMschen BeleMMngsprozesses der psychiatrischen Be- guiachtung durch Gcheimrat Binswanger unterstellt werden soLte, äußerte sich dazu einem Vertreter -der „Deutschen Journalpost" gegenüber wie folgt:
Was der Frau Anrtsgerichtsmt Burchardt geschehen ist, kann täglich und überall jedem anderen Staatsbürger .pEeren. Deshalb erscheint es notwendig, in der Öffentlichkeit rmmer wieder daraus hinzuweisen, wie dringend eme schleunige Reform unseres Jrrenrechts als ein überaus wichtiger Zweig des gesamten Rechtslebens ist. Aber die Allgemeinheit hat auch ein großes Interesse zu erfahren, wie manche Psychiater tätig sind und dadurch Eigentum. Ehre und Leben bestimmter Personen gefährden und unsäg- liches Unglück in Familien tragen. Fm Falle BurchaM ist jestgestellt, daß ein Ehemann, zumal wenn er Richter ist. nur einen willfährigen Hausarzt nötig hat, um seine Frau ohne weiteres hinter den Mauern eines Irrenhauses verschwinden zu lassen. Protestiert die Frau, so bekundet sie den beamteten Ärzten gegenüber damit ihre völlige Unzurechnungsfähigkeit und wird in die Tobsuchtszelle gesperrt. .Ran braucht gar nicht zu verallgemeinern, um schon die ungeheuere ^ragik, die in diesem Einzelfalle liegt, zu ernennen Nur wer schließlich zngibt, verrückt gewesen zu sein, ioird unter Umständen sreigelassen- und hat sogar Aussicht, auch gerichtlich wieder für normal erklärt zu werden, wenn er nachzuweisen vermag, daß er das erlittene Unrecht schweigend zu tragen versteht, nichts darüber in die Sei- tungen brurgt oder gar in einer Bersammliing darüber spricht. Tut er das aber später doch, flugs sind die Psychiater wieder da und entmündigen ihn aufs neue, wie das Frau Bnrchardl von dem Oberlandesgericht Jena ausdrüMch für den Fall einer öffentlichen Behandlung ihrer Angelegenheit durch M selbst in Aussicht gestellt wurde. Wso- muß die öffentliche Meinung für die wehrlose Frau und gegM- das ihr widerfahrene Unrecht cintreten. Aus diesem Grunde habe ich mich seinerzeit verarilaßt gesehen, die Tätigkeit der Psychiater, insonderheit des Geheimrats Binswanger nachzuprüfen. Schon einmal hat ein Binswangersches' Gutachten ein FamMenlebm zerstört und einen hochgebildeten Mann unter Kuratel gestellt, der ebenfalls inzwischen durch mein Eingreifen von der entwürdigenden Entmündigung befreit wurde und jetzt wieder als Schuldirektor, von dem Herzoglich Meiningenschen Ministerium bestätigt, tätig ist.
Es ist das der frühere Kottbuser Realschnldirektor On. Rudolf Heine in Unternenbrunn bei Hildburghausen. Das Landgericht Rudolstadt verkündete damals, daß eine Entmündigung gegen diesen Mann niemals hätte ausgesprochen werden dürfen, die Entmündigung, die ebenfalls aus Grund eines Binswangerschen Gutachtens zustande gekommen War. Jetzt ist Gohermrat Binswanger im Falle
(Nall'druck verboten.)
Heimisches Naturleben.
Skizzen von Walther Schulte vom Brühl.
Es regt sich.
Die poetische Literatur springt oft merkwürdig mit der Natur um. Es kommt vielen Dichtern gar nicht darauf an, im Mat die Veilchen duften, im August Phtlomene ^ schluchzen zu lassen und im Winter ein weißes „Leichentuch" über die Erde zu decken. Passender haben Verständigere die Schneedecke als ein Schluru- niectuch bezeichnet. Aber selbst das trifft nicht vollkommen zu, denn auch unter Schnee und Eis gibt eZ für viele Organismen keine absolute Ruhe. Ein leises Entstehen macht sich überall geltend und sogar bei der schärfsten Kälte bereitet sich unmerkltch fast in den fest un:hüllten Blatt- und Blütenknospen der grüne Laubund Blütenschmuck des Frühlings vor. Jeder mildere Tag, jeder warme Sonnenstrahl aber steigert die geheime Tätigkeit, und wo die Sonne auf der Wiese den Eispanzer fortleckt, da sproßt alsbald mit seinen Spitzen smaragdenfarben das junge Gras.
Für die niedrigsten Gewächse gibt es auch im Winter keinen Stillstand. Die Baum- und Felsalgen leuchten so srendig grün oder sckiwefelgelb an Stämmen und Steinen, als befänden sie sich ganz besonders Wohl. Tre Anpassungsfähigkeit dieser Geringsten im Reiche Floras ist ja so stark, daß am Rande der heißen
Lchlammkrater Islands, bei mehr als 60 Grad Hitze, Algen fröhlich gedeihen, und wie die Hitze, kann ihnen Kalte nicht viel anhaben. Eine ähnliche Zähigkeit zeigen die verwandten Flechten. Auch die Moose furchten sich vor dem Winter nicht. Das alles ist seines Lebens selbst dann noch froh, wenn die Wem-
SfierT nerm lmb bie 33äUme ÖOr Sroft krachend
Aber auch einige „höhere Pflanzen" zeigen im Wmwr lhre gesteigertste Lebenstätigkeit, die sie zum J re, v* m? 61 ’ doden ist hart gefroren. Unmöglich für dre Wurzeln, Nahrung und Feuchtigkeit Y.erauszu,äugen und bis in die feinsten Rippchen hin- er^upumpen In sich selber, aus sich selber lebt und gedeiht die Pflanze und macht sich, blühend und fl“"?™’] 1 Gis und Schnee, darüber lustig, daß der Mensch sich vergeblich über die biochemischen Wunder in rhreni Organismus den Kopf zerbricht. Da ist vor ^ -i- eIlebonis ' die Nieswurz, die Christwurz, die in verschiedenen Arten die Alpen und einige deutsche Mittel- gebn-ge bewohnt. Oft schon zur Weihnachtszeit ent- satte. sie ihre schönen Blütensterne und mutet uns wie ein Zauberwerk an, vielleicht wie ein böser Zauber, denn die Pflanze ist scharf giftig. Mer weiß, ob es nicht gerade das Gift ist, das der Blume die weihnachtliche Urständ ermöglicht.
, Und dann das Schneeglöckchen, unser lieblichster, willkommenster Frühlingsbote, das um die Wende von Hornung und Lenzmond, wenn die Sonne im Zeichen der Fische steht, seine silbernen Glöckchen entfaltet. Oft rst die Erde noch dermaßen gefroren, daß kein mensch
licher Finger hineindringen könnte. Aber die Triebkraft in dem zarten Blumenzwiebelchen ist so gewaltig, daß dre feinen Blätter siegend die härteste Scholle durchbrechen und der Blüte als Herolde dienen. Gärtnerische Kunst hat es vermocht, eine Reihe von Pflanzen zu ti eiben, daß sie uns ihre Pracht Monate früher bieten nmssen, als jie es in der Natur tun. Veilchen, Flieder und Maiglöckchen lachen duftend hinter den Doppelfenstern in deii Wintersgraus hinaus, und einige Zweige de» Frühlingsschellchens, Barbarazwetge die ich am 6 Dezember ins Wasser steckte, blühten Weih- nachten schon in voller Pracht. Aber das Schneeglöck- chen, so las ich vor einiger Zeit, sei die eigensinnigste Pflanze: es halte seine Blütezeit ein, ob der Winter stieng oder imlde sei, und es trotze jeder gärtnerischen Liebesmüh, es zu ungewöhnlicher Zeit zur Blüte zu bringen. Mir will scheinen, als sei diese Notiz über den ^dustnn des lieb-en Blümchens eine Fabel. Auf dern bejc.,eidenen Rasen am Kranzplatz zu Wiesbaden konnte man diesnml nn ^ Januar schon eine ganze Menge «chneeglockchen blühen sehen. Es standen immer eine Ictige tote dort herum, das Wunder zu schauen, ^ener Platz liegt sehr geschützt und die heißen Quellen »ichmen unter ihm her ihren Abfluß. AlO dieser narurlichen Frühtreiberei hat die Blume nicht wider- L st'h ^ber auch sonst paßt sie sich den Verhältnissen oei Witterung an, die Heuer ungewöhnlich mild ist.
konnte ich diesmal am 8. Februar, zu einer Zeit, oa, sonst noch kein Schneeglöckchen ans Erwachen denkt f* 1 ,™ tr rn freier Gartenerde einige voll erblühte pflricken. Vielleicht hatten sie sich so schnell heraus
