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Nr. 123 .

Dienstag, 14. März ID 11.

59. Jahrgang.

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Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Aas neue Nolgesrh.

Die Geschichte des § 15 des Zolltarifgesehes ist für die Reichstagsmehrheit, welche seinerzeit den Zolltarif mit denmildernden Umständen" diesessozialen Ver­söhnungsparagraphen" beschlossen hat, nichts weniger als ruhmreich. Der fragliche Paragraph sollte bekannt­lich eine Entschädigung der unbemittelten Volksschich­ten für die namentlich ihren Verbrauch schwer belasten­den Lebensmittelzölle des neuen Zolltarifs darstellen, Und zwar sollte diese Entschädigung in der Einführung einer Witwen- und Waisenversicherung auf Grund eines Teils jener Zolleinkünfte bestehen. 8 15 des Zoll­tarifgesetzes bestimmte hierüber:

Der auf den Kopf der Bevölkerung des Deutschen Reiches entfallende Nettozollertrag der nach den Tarrf- stellen 1, 2, 102, 103, 105, 107, 107a und 160 zu ver­zollenden Waren, welcher den nach dem Durchschnitt, der Rechnungsjahre 1898 bis 1908 auf den Kops der Bevölkerung entfallenden Nettoertrag derselben Ware übersteigt, rst zur Erleichterung der Durchführung einer Witwen- und Waisenversorgung zu verwenden."

Bei deir unter diesen Tarifstellen zu verzollenden Waren handelt es sich um Roggen, Weizen. Mehl, Rind­vieh, Schweine, Schafe, Fleisch und Schweinespeck, also um die wichtigsten Volksnahrungsmittel. Die im 8 15 vorgesehene Witwen- und Waisenversicherung sollte bis zum 1. Januar 1910 durch ein besonderes Gesetz geschaffen werden. Tw man schon damals von einem berechtigten Pessimismus in bezug auf die Einhaltung des Termins erfüllt war, wurde gleichzeitig bestimmt, daß für den Fall, daß das Gesetz nicht bis zum 1. Januar 1910 in Kraft trete, von da ab die Zinsen der ange­sammelten Mehrerträge, sowie die eingehenden Mehr- erträge selbst den Jnvalidenversicherungsanstalten zum Zweck der Witwen- und Waisenversorgung überwiesen

werdet! sollten. _ . , 0 ,

dieser sogenannten lex ^runborn ist es aber ebenso gegangen wie mit der im Jahre 1900 auf Ver- cinlassuno des Zentrums dem Flottengesetz eingesügten Vorschrift. derzufolge Mehrforderungen für dre Marinenicht durch Erhöhung oder Vermehrung der indirekten, den Massenverbrauch belastenden Reichs­abgaben aufgebracht werden dürfen". Wie zu dieser Reservatio die beiden Reichsfinanzreformen paßten wie die Faust aufs Auge, so ist auch der 8 15 des Zolltarif­gesetzes bisher ein Wechsel auf die Zukunft geblieben, den man, statt ihn einzulösen, jeweils am Verfalltage prolongiert. Die erste Prolongation erfolgte durch das sogenannte'Notgesetz vom 11. Dezember 1909, durch

Feuilleton.

Zrankreichs Lessing.

(Zum 200. Todestag Boileaus, 13. März.) Von De. Paul Landau.

welches der 8 15 des Zolltarifgesetzes und zugleich der § 2 des Gesetzes, betreffend die Hinterbliebenenversiche­rung und den Reichsinvalidenfonds, abgeändert wurde, daß die Witwen- und Waisenversicherung statt, wie es im Zolltarifgesetz vorgesehen war, am 1. Januar.1910 in Kraft zu treten, bis zum 1. April 1911 hinausge- sckoben werden sollte. Und zwar wurde vorgesehen, daß die Witwen- und Waisenversorgung durch die Reichsversicherungsordnung eingeführt werden sollte, die mithin ebenfalls am 1. April 1911 das Licht der Welt hätte erblicken müssen.

Am 1. des kommenden Monats wäre also der Wech­sel abermals fällig, und da der Termin der Fertig- stclluna der Reichsversicherungsordnung fürs erste noch ganz unabsehbar, ja da angesichts der erheblichen Meinungsverschiedenheiten zwischen der Regierung und der Reichstaqsmehrheit die Verabschiedung der um­fassenden Vorlage noch ungewiß, wenn auch wahrschem- lich ist, so sieht die Regierung sich abermals zu einer Prolongation dieses Wechsels genötigt. Der, wre nnt- geteilt, dem Reichstag zugegangene Gesetzentwurf, der also ein neues Nolgesetz nach bewährtem Muster dar­stellt, bestimmt, daß die im 8 15 des Zolltarifgesetzes und dem 8 2 des Gesetzes, betreffend den Hrnterbliebenen- versicherungsfonds und den Reichsinvalrdensonds, vor­gesehene Witwen- und Waisenversicherung abermals, und zwar bis zum 1. Januar 1912, hmausgeschoben wird, bis zu welchem Termin also auch die Reichsver- sicherunasordnung, in deren viertes Buch die Hinter­bliebenenversicherung hineingearbeitet tvorden ist, in Kraft treten müßte.

Wenn dieser nunmehr dritte Termm eingehalten werden soll, so wäre dazu zunächst eine Verständigung der Mehrheitsparteien untereinander und mit der Re­gierung über die mannigfachen strittigen Punkte der Reichsversicherungsordnung erforderlich. Bei den Kowmissionsberatungen waren noch nicht einmal die Ansätze zu einer solchen Verständigung zu verzeichnen, hoffentlich finden sie sich in der zweiten Lesung rm Plenum. Wenn aber auch, wie zu hoffen steht, die Reichsversicherungsordnung mit der Hinterbliebenen- Versicherung endlich zustande gebracht werden sollte, so ist es doch mit den Mitteln zur Durchführung des Ge- ietzes noch schwach bestellt. Von den ungezählten Millionen, die man einst aus dem 8 16 an Zollein- nahmen für die Witwen- und Waisen herauszuwirr- schaften hoffte, ist recht wenig geblieben. Bisher wurde aus den Nettozollerträgen mit Zinsen nur ein Betrag von 5114 Millionen Mark, der sich im Kurs­wert nur auf 4614 Millionen Mark beläuft, ange­sammelt, ein Kapital, dessen Zinsen natürlich nur einen recht bescheidenen Beitrag zur Witwen- und Waisenversorgung darstellen. Wenn also die abermals verschobene Hinterbliebenenversicherung nun auch end­lich am 1. April 1912 in Kraft treten sollte, so wird sie

Ein streng gegliederter, weit und klar sich dehnen­der Architektur-Garten mit seinen strengen klassischen Linien und dem harmonisch gleichen Licht, mit seinen wohlerzogenen antiken Göttergruppen und künstlich angelegten Spring­brunnen, mit sauber beschnittenen, geometrisch geforinten Bäumen und Hecken, mit den monotonen stolzen Lauben- gängen, ein Kunstgebild aus« Natur und Vernunft, Schönheit und Würde steht vor uns, wenn wir uns in die Welt Boileaus vertiefen, in seine Lehre, sein Werk und sein Wesen. Unter den großen Männern des klassischen franzö­sischen Knlturzeitalters ist der Schöpfer derArt poetique'. Wir dürfen Boileau wohl denLessing Frarckreichs" nennen, wenn auch zwischen der behäbigen Persönlichkeit des jovr- alen Spötters und Weltmannes und der gewaltigen Natur des heroischen Vorkämpfers unserer Klassik kaum eine Ähn­lichkeit besteht.

AlsSohn, Bruder, Onkel, Vetter und Schwager von Juristen" wurde Nikolaus Boileau, der sich später zum Unterschied von seinen schreiblustigen und witzigen Brüdern den Namen Despräaux hinzufügte, am 1. November 1b3b ganz in der Nähe des Pariser Gerichtspalastes geboren, als ein echtes Bürgerkind wie Pascal und Molitzrc, gegenüber dem Hause, in dem 58 Jahre später sein großer Nachfolger Voltaire das Licht der Welt erblickte. Der rabulisttsche, rn Wortlämpfen und spöttischen Intrigen große Advokaten­geist. der in den älteren Brüdern Jacques und Gilles zu literarischer Rauflust ausartete, lebte auch in Nikolas «u,e fort, aber ganz aufs Literarische gerichtet und durch vor­nehmen Dali gebändigt. Er sollte sich erst der Theologie widmen, studierte -dann Jura, brachte aber den größten Teil seiner Zeit mit unermüdlichem Lesen zu, so daß schon der

doch, wenn die erforderlichen Mittel nicht auf anderen Wegen beschafft werden und wie sie beschafft werden sollen, weiß man noch nicht!- zunächst auch weiter das bleiben, was sie bisher war: ein Wechsel auf dre Zukunft! __

Jüngling heimisch wurde in dem phantastischen Labyrinth der damaligen, von ihm dann so hart befehdeten Abenteuer­romane und des pathetisch geschraubten Modestils. Ws der strenge Vater starb, schlug dem Einundzwanzigjährigen die ersehrtte Stunde der Freiheit. Im Besitz eines mäßigen Verurögens, konnte er sich von da an ganz seinen schön­geistigen Neigungen widmen. Er schuf sich nun einen Freundeskreis aufstrebender Genies, schloß mit La Fontaine, Molitzre und Racine jenen berühmten Bund, in dem er selbst angeregt wurde und wieder befruchtend wirkte. Bor den so viel besprochenen Zusammenkünften imWeißen Hammel", bei den gmnÄnsamen Ausflügen aüfs Land formten sich die Gedanken und Verse seiner ersten Satiren, die er voll jugendlichen Übermuts vortrng. DieseJungen" von 1660 überschütteten natürlich dieÄltcn" der damaligen Literatur mit ihrem Hohn; die Hauptzielscheibe war der rhetorisch-schwülstige Ehapelain, dessen beliebtes Epos Die Jungfrau von Orläans" als der Inbegriff alles Lang- weiligen der Tafelrunde desWeißen Hamurels" zum Straf­vollzug für schlechte Witze diente: Der Delinquent mußte eine Anzahl Verse lesen, doch nicht mehr als eine Seite, ans Besorgnis für sein Leben. Das helle Echo solcher drastischcn Kritik sind Boileaus Satiren, die schon vor ihrem Erscheinen überall in den Kreisen der Gesellschaft verbreitet waren und eine Literaturrevolution entfesselten, mindestens ebenso um­wälzend, ebenso viele Skandale und Pamphlete erzeugend, als 100 Jahre spater der deutscheSturm und Drang und weitere 100 Jahre danach unsere Naturalisten. Eine Anzahl der ehrwürdigsten Perücken fingen an heftig zu wackeln und der frische Wirbelwind dieser ebenso elegante:, wie mokanten Verse lies; dicke Wolken trocknen Phrasen­staubes aus bisher hoch gerühmten Dichtungen hervor-

staub^m dllann. der diesgroße Reinemachen" in der

Literatur so gründlich vornahm, war ein Kritiker, den, der heilwe Ernst hinter der lachenden ironischen Mrenc hervor­leuchtete Für ihn war die Kunst kein dilettantisch be­triebener Zeitvertreib derNeben- und Erquickstunden" wiv für die Ehapelain, Benserade, Balzac u, a., sondern das

UMtlschr Merstcht.

Dev Mai desMädchens Mv «Ass".

A Berlin, 11. März.

Nachdem der Reichstag den Neichshaushalt in zwei­ter Lesung behandelt hat, kam er heute zum umfang­reichsten Ressort, dem Reichsamt des Innern, der ge­wöhnlich die Rolle des Mädchens für alles spielt, weil zu ihn, über alle möglichen Tinge von der Arbeiter­versicherung an bis zu dem Arbeiterschutz, Bereinsgesetz, Mittelstcwdspolitik, Gesundheitswesen usw. gesprochen wird. Gleich der erste Titel, Gehalt des Staatssekre­tärs, entfesselt in der Regel einen schier unabsehbaren Redefluß und bringt ein Ragout von wunderbarster Mischung.

Leider setzte heute die Debatte gar nicht . rn der Stimmung eines heraufziehenden Gewitters ein, son­dern wie gewöhnlich an den Samstagnachmittagen wie an einem schwülen Sommertag, wo kaum ein Lüftchen sich regt Die meisten Abgeordneten waren nack) Hause geflohen. Ten Reigen eröffnete der Generalsekretär des katholischen Volksvereins, Herr, Pieper, ein Mann, der ziemlich viel weiß, aber etwas im Tone des Sonn­tagsnachmittagspredigers spricht. In seiner Mappe hat er über alle möglichen Punkte Material gesammelt, und er spricht so ziemlich das ganze Gebiet der Reichs­gesetzgebung von der Wirtschaftspolitik bis zum ge­wünschten Reichstheatergesetz durch. Dann übergibt ec das Redeszepter dem Potsdamer Tischlermeister Paul,, der die Welt mehr von den Kenntnissen des Leimtopfes und der Hobelbank aus betrachtet. Er will die Bremse an der sozialpolitischen Maschine noch mehr anziehen, obwohl man ja heute schon kaum noch etwas von ihrer Tätigkeit merkt. Jetzt kommt der Sozialdemokrat Fischer an die Reihe. Wie ein Gießbach sprudelt sein Redefluß. Auf das Zentrum wirft er sich rnit voller Gewalt und wirft ihm Verrat an den Arbeiterinteressen vor. Doch auch er kann keine Stimmung erwecken. Ruhig schlummert Herr v. Liebermann auf dem braunen Lcdcriopha an der Wand und ruht ans kampfmllde von der Gießener Wahlschlacht. Müller-Meiningen be­sitzt einen tüchtigen Privatsekretär, der ihm regel­mäßig reichhaltiges Material zur Verfügung stellt. Freund Jagow muß herhalten. Tie Wahlbeeinflussun­gen der Amtsvorsteher und Landräte werden gestreift, er verlangt einheitliche Wahlurnen und macht auch sonst zu anderen Fragen manche anregende Bemerkung. Ten Beschluß des Tages macht der Freikonservative

Einsetzen der höchsten Seekenkräste für eine große Kultur- ansgabe, die die ganze Hingebung eines genialen Künstlers forderte. Nicht zum Spatz drauflos reimen hieß bei chm Dichten, wobei unter einem Wust von schlechten Versen auch ein paar gute stehen konnten, sondern gleichmägrge Vollendung eines ganzen Gedichts, unermüdliches Formen und Feilen.

Der Stil, den Boileau bekämpfte, war der der entarteten Renaissance, jener barocke Drang nach Schwulst und Über­maß, dem Lessing später im Laokoon cntgegentrat. Was an diesen Dichtern und selbst an dem bedeutendsten unter ihnen, Ronsard, störte, das war das Gewaltsame und Ge­quälte ihrer Empfindungen und Worte, ihre Entfernung vom Natürlichen. Die späten Nachfolger dieses immerhin noch grandiosen Stilüb erschwaugs, dre Zeitgenossen Boileaus, boten überhaupt nur noch aus Büchern Erlerntes, mühsam Ausgeklügeltes. Die große Weisheit derArt Pootique" ist also vor allem die immer wieder gepredigte Rückkehr zur Natur, zur Wahrheit. Den höchsten Wert logt der Poetiker derDichtkunst" auf die Form, aus die schwere Kunst,mit Mübe einen leichten Vers zu machen." Neben der Klarheit und Nettigkeit" des Ausdrucks, die auch Lessing empfahl, neben der Mäßigung und Noblesse, der Vermeidung des Niedrigen und Gemeinen fordert er die Heilighalttmg der Sprache, als des höchsten Gutes einer Nation, die Vollkommenheit der Form. Hier zeigt sich der große Kritiker, dem zum Dichter die plastische Phantasie und die Stärke des ursprünglichen Erlebens fehlte, doch auch in seinem eigenen Schassen als ein echter Künstler. Seine Manuskripte mit ihren unzähligen Korrekturen lassen er­kennen, daß er nach seinem Verse handelte:Schreib ich vier Worte aus, so streich ich dreie aus." Diese tvundervoAe Delikatesse der Form, die in ihrer Eleganz und Leichtigkeit, ihrem Wohllaut und den glücklichen Pointen der beste Be­weis für sein seines Ohr, seinen Wien Geschmack und sicheres Urteil ist, verleiht ein paar Dichtungen Boileaus, einigen seiner Satiren und Epistel, seinem viel nachge­ahmten komischen EposDas Ehorpuli" noch heute ihren ästhetischen Reiz. Seine- Bedeutung als Theoretiker und