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Wiesbadener Tagblatt.

Stob»« Sansaaffe 21 /ff-hs .. , , • r W* „Ta,bl«tt-H»us" Nr.össo-ss.

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Nr. 123. Montag. 13. März 1911. 59 ‘ Jahrgang.

klbend-Ausgabe.

1. Matt.

Pro Preußen.

Tie Weiterberatung des elsaß-lothringischen Ver­fassungsentwurfs in der betreffenden Reichstag-Kom­mission, die am Dienstag wieder zusammentritt, darf man mit Spannung erwarten. Noch ist keine Gewähr dafür vorhanden, daß sich die Kommission mit dem Ent­gegenkommen, wie es rn der bekannten Erklärung des .Staatssekretärs Delbrück ausgedrückt worden ist, zu­friedengeben und auf die weitere Geltendmachung der darüber hinausgehenden Mehrheitswünsche verzichten wird. Inzwischen mehren sich die Anzeichen dafür, daß die Bedingungen, unter denen die elsaß-lothringi­schen Bundesratsstimmen gewährt werden sollen, auf immer stärkeren Widerspruch bei Parteien stoßen, die sonst durch eine tiefe Kluft voneinander getrennt sind, die aber in diesem Falle das seltene Beispiel einer gemeinsamen Bert re tu ng preußischer Interessen bieten. Ein vielbeachteter Leitartikel der „Vossischen Zeitung" mit dem bedeut­samen Titel „Selbstverleugnung oder Demütigung?" machte kürzlich darauf aufmerksam, daß die bezüglichen Vorschläge eine gesetzmäßige Verkörperung des Miß­trauens gegen Preußen und eine Verschlechterung der Stellung Preußens im Bundesrate bedeuten. Ter mit Wärme geschriebene Aufsatz beklagt es lebhaft, daß es vierzig Jahre nach der Aufrichtung des Kaiser- chronS als 'bedenklich, gefährlich, verhängnisvoll gilt, eine Einrichtung zu schaffen, die Preußen unter Um­ständen zur Verstärkung seines Einflusses benutzen könnte. Ter Vorschlag, daß die reichsländischen Stim­men nur dann nicht gezählt werden, wenn die Präst- dialmacht Preußen durch sie die Mehrheit erlangen oder mit ihnen den Ausschlag geben würde, sei eut Triumph des Mißtrauens gegen Preußen. Die Ver­bündeten Regierungen hätten die Genugtuung erlebt, daß Preußen selbst diesen Vorschlag machte; wäre er von anderer Seite gemacht worden, so hätte Preußen alles Recht dazu gehabt, ihn mit großem Nachdruck zurückzuweisen. Diese Sprache, bei der man wreder einmal daran erinnern darf und muß, daß gerade die Teutsche Fortschrittspartei schon im Jahre 1867 gegen die Benachteiligung Preußens bei der zahlenmäßigen Zusammensetzung des Bundesrats protestiert hatte, hat

.nun_und das ist das Merkwürdige und doch auch

wieder Verständliche an der Sache — ein kräftiges Echo bei den Konservativen erweckt. Die Beschwerde des freisinnigen Berliner Blattes darüber, daß vier Jahrzehnre nach dem Frankfurter Frieden ein für das preußische Gefühl so peinlicher und demütigender Vor­gang rnoalich war, wird jetzt von der „Kreuzzeitnng," stark unterstrichen. Im ersichtlichen Einverständnis mtt den konservativen Führern wendet sich das leitende Blatt der Rechten, indem es seine Freude über die Wiederbekundung der nationalen Traditionen der alten preußischen Fortschrittspartei ausdrückt, . ebenfalls gegen den Kompromitzvorschlag der Reichsleitung, und es drückt die Hoffnung aus, daß sich eine nationale Mehrheit im Reichstag gegen diesen Vorschlag zusam­menfinden werde, auch ohne daß der preußische Land­tag zu dieser Preußen im höchsten Maß berührenden Änderung der Reichsverfassung seine Stimme. erhebt. Ob sich diese Erwartung nun aber erfüllen wird, will uns doch fraglich erscheinen. Bleibt sie unerfüllt, so kann man sich nach der Ankündigung der Kreuz- zeitung", auf eine interessante und jedenfalls unge- wöhnliche Verhandlung im Abgeordnetenhause gefaßt machen, wo alsdann die Konservativen die Regierung nach den letzten Gründen für ihre Nachgiebigkeit be­fragen würden. Das Neue und Besondere an dieser Debatte aber wäre es, daß die Freisinnigen m diesem Falle mit den Konservativen so manche Berührungs­punkte aufweisen würden.

Wünsche mit den Richtungslinien, von denen sich der Reichskanzler und Ministerpräsident leiten läßt, stark emvjunden wird. Die „N. A. Z." stellt fest, daß die Bedeutung der Rede des Ministerpräsidenten nicht nur im Jnlande, sondern auch im Auslande zutreffend erkannt. worden ist; eine Ausnahme hätte, neben den bekannten radikalen Berliner Blättern, nur jene Zu­schrift an die „Kreuzzeitung" gemacht, die den An­schein erwecken könnte, als ob sie „den Interessen der konservativen Partei eine maßgebende Rolle in dieser das Gesamtwohl des Landes berührenden Frage zuteile". Man muß sagen, das ist nicht übel zugespitzt. Herr v. Bethmann-Hollweg gibt den Herren auf der Rechten ebenso moquant wie deut­lich zu verstehen, daß sie e r k a n n t worden sind, daß ihnen, freilich ohne sonderliches Mitleid, vielmehr mrt einiger Ironie, nachgefühlt wird, wie heiß ihre Sehn­sucht darnach ist, es nur ja nicht mit dem Zentrum zu verderben, sich nur ja das Wohlwollen der Verbündeten Partei zu erhalten. Um dieses edlen Zieles willen soll also, wenn es nicht anders geht, das Gesamtwohl des Landes in Frage gestellt werden, so will es die konser­vative Taktik. Kein Zweifel, daß all das in der Aus­lassung „von besonderer Seite" steckt. Jedenfalls hat Herr v Bethmann-Hollweg wieder einmal einen nütz­lichen Blick in die Psychologie der Konservativen tun können.

Dir Auslassungen der „Norddeutschen Mgem-inen Zeitung".

Die „Nordd. All«. Ztg." schreibt in ihren Rückblicken: „Die zweite Debatte im preußischen Abgeordnctenhause über die päpstlichen Dekrete- ist mit Vorsicht und Mäßigung geführt worden. Die Darlegungen des Ministerpräsidenten grenzten mit großer Sorgfalt das Gebiet ab, Wo Interessen des Staates berührt werden, und bezeichneten die Punkte, wo mit der Möglichkeit von Konflikten zu rechnen ist. Alle Glaubens- und Gewissensfragen schied er aus, warnte vor konfessioneller Gcfichlspolitik und sprach als der Leiter eines paritätischen Staatswesens, der nur staatliche Interessen und diese auch gegenüber der Kirche zu wahren hat. In der Schilderung der durch das einseitige Vorgehen der Kurie geschaffenen Situation und ihrer gefährlichen Konsequenzen ließ es der Ministerpräsident an warnendem Ernst nicht fehlen. Gleichzeitig gab er die Mittel an, die dem Staat zur Abschwächung von Konfliktsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Dabei ging er davon aus, daß es sich nicht darum handele, dem Vatikan ein Paroli zu bieten, sondern um Maß­regeln, die geeignet sind, die Reibungsflächen zu verkleinern. Dies gilt insonderheit von der Stellung, die die Regierung bei der Übertragung von Staaisämiern an Geistliche einnehmen wird. — Die Bedeutung der Rede des Ministerprästdenten ist nicht nur im Jnlande, sondern auch im Auslande, soweit uns bisher Stimmen vor-liegen, zutreffend erkannt worden. Eine Ausnahme machen selbst­verständlich die bekannten radikalen Berliner Blätter, außer­dem auch eine Zuschrift an die „Kreuzzeitung" von besonderer Seite, die den Anschein erwecken könnte, als teile sie den Interessen der konservativen Partei eine maßgebende Rolle in dieser das Gesamtwohl des Landes berührenden Frage zu. Für den Ministerpräsidenten schieden bei der Behand­lung dieser Angelegenheit parteipolitische Erwägungen ganz aus. Wir glauben, daß Absicht und auch Ergebnis seiner Ausführungen mit den Worten eines freikonftrvativen Red­ners richtig wieder gegeben wird, daß der Ministerpräsident durch seine Ausführungen dom konfessionellen Frieden in Preußen einen großen Dieirst erwiesen hat."

Immer noch die ..desondere Seite".

In sehr interessanter Weise beschäftigt sich eine offiziöse Auslassung in der „N. A. Z." mst der Zu­schrift „von besonderer Seite", durch dereirAbdruck dre „Kreuzzeitung" eine so eigentümliche Stellung zur Rede des Ministerpräsidenten über die papstlicyen ~e- fre+e und den Antimodernisteneid eingenommen harte. Aus dem kleinen Artikel des Regierungsblattes ersteht man, daß die „besondere Seite" verdientermaßen ernst in der Wilhelmstraße genommen wird, daß ihre - ck - merkungen als der Ausdruck der Ansichten und Wunsche gklten die in leitenden konservativen Kreisen gehegt werden, sind daß der. Widerspruch dieser Ansichten und

§jß§ Vrinzregeuteo-IulMuN in Kayeru.

wb. München, 12, März. Strahlende Sonne, Fahnen und Festschmuck an allen Häusern, in der Straße hin- und herwogende dichte Menschenscharen waren das äußere Zeichen, wie München den Festtag des Regenten beging. Salutschießen der Artillerie, TagesreveMe der sämtlichen Militärkapellen hatten schon in den frühesten Morgrnstun- den zahlreiche Zuhörer angelockt. Bei den Festgottesdiensten in allen Kirchen der Stadt waren dieselben bis auf den letzten Platz gefüllt. Von dem militärischen Festgottesdienst zogen die Truppen der Garnison nach dein Maximilians- Platz zur Parade. Prinz Ludwig nahm den Vorbeimarsch der Truppen ab. Reben ihm befanden sich die Prinzen des Königshauses, darunter in der Uniform des 1. Feld- artillerie-RegiMents der 10 jährige Urenkel des Regenten, Prinz Luitpold. Zu gleicher Zeit kam vom Oberwiesenserd der Aviatiker Wienziers auf seinem Flugapparat und umkreiste rrrvter lebhaftem Julbel der dicht'eu Menschienmen'ge die Residenz. Im Anschluß an die Parade wurde vor dem Armeomuseum das Denkmal von Otto von WittclSbach ent­hüllt. Hier hielt Prinz Ludwig eine Ansprache dre Ge­schichte des Hanfes Wittelsbach und das Lebm des Prmz- regenten schildernd, dessen Treue gegen das Relchfich be­währte Naebdrm der Prinz den Befehl zum passen der Hülle gegeben hatte, zeigte sich das von FprdinaNdv. Miller geschaffene Denkmal, das von einem Gönner 8^et pt, der ungenannt bleiben will. Der Krregsmrmster Graf Horn antwortete mit einer Dankesansprache und schloß mrt einem

Hoch auf den Prinzregenten. Der Regent begab sich heute vormittag znnr erstenmal nach der Erkrankung ferner Schwester, der Herzogin AdolMN-de von Modena, mrt dieser zur Messe in die Allerheiligenhofkirche. Im Laufe des Tages waren von über hundert Fürstlichkeiten Glückwunsch­telegramme eingetroffen, äußerst herzlich gehaltene von Kaiser Wilhelm, Kaiser Franz Joseph, dem Präsidenten Fallitzres, dem Zaren und allen BundeMrsten, dem Reichs- kamzler, dem preußischen Krtsgsmintster namens der preuhi- schen Armee, Staatssekretär v. Tirpitz namens der Marin« und vom Reichstag. Heute vormittag machte der Regent eine Spazierfahrt durch die Straßen, und besichtigte wiedsrnm die Dekorationen, von der Menge jubelnd be­grüßt. Der Prinzregent übersandte Kaiser Wilhelm eine goldene Portraitplatette zum Andenken und dem Reichs­kanzler sein Bronze-ReliefbildÄs. Heute nachmittag fand in der Residenz große Galatafel statt. In dem alten Rat­haussaal versammelte sich die Bürgerschaft zu einem großen Festessen. Zahlreiche Korporationen hielten Festdiners und andere Veranstaltungen «ft. Den Abend beschloß heute eine Festvorftellung im Hostheater und ein großer Rout beim Ministerpräsidenten v. Podcwils» wozu die Prinzen und Prinzessinnen erschienen waren. Zum Festnm'hl der Münchener Bürgerschaft ans Anlaß des Geburtssest^» des PrinzrSgenten im alten Rathaus hatten sich nahezu- 669 Personen cmgesuNden, darunter mehrere Minister und Staaisräte, der preußische Gesandte v. Schlözer, Gesandte der übrigen Bundesstaaten sowie der von Österreich-Ungarn, Airgehörige aller Stände und zahlreiche Mitglieder der Münchener Presse. Die Rede ans den Prmzregen.en hielt im Hanptsaal Oberbürgermeister Dt. v. Borscht, int Reben- faa'l Bürgermeister v. Brunner. Im Laufe der Festtafel traf ein herzlich gehaltenes Telegramm vom Magistrat und den Stadtverordneten von Berlin ein.

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Die Feier in Berlin.

vb. Berlin, 12. März. Zu Ehren des 90 jährigen Ge- bnrtsscstes des Prinzregenten von Bahnern fand heute mittag im königlichen Schlosse Galatasel statt. Der Kaiser erschien in der Uniform feines bayerischen Infan­terie-Regiments mit dem Bande des Hubertus ordens, die Kaiserin hatte eine blau-weiße LoWette und einen eben­solchen Schmuck angelegt. Bei ihrem Erscheinen führte die Kaiserin den Prinzen Wilhelm, der bei dieser Gelegenheit zum erstenmal im größeren Kreise gezeigt wurde, an der Hand. Zur Tafel waren der 'bayerische Gesandte, Gras Lerchenfeld, der das Band des ihm zu Ehren des Festes seines Souveräns verliehenen Schwarzen Adlerordens trug, sowie sämtliche Mitglieder der bayerischen Gesandt- schnst und die hier anwesenden bayerischen Bevollmächtig- ten des Bundesrats geladen. Ferner nahmen an der Tafel die hier weilenden Prinzen, der Reichskanzler, sämtliche Siaatsministor, Staatssekretäre, die hohe Generalität, di« Chefs der Kabinette und die Hofstaaten teil. Von hervor- raa enden Bayern waren auch Frhr. v. Hertling und Fürst zu Löwenstern Felad'en. Während V-er Tafel erhe^b sich der Kaiser und trank auf das Wohl des Prinzregenten als des Sinn- und Vorbildes aller Fürstentngenden. Der Kaiser verglich die kernige, mannhafte Persönlichkeit des Regenten mit einer tief im Boden wurzelnden deuisckstn Eiche. Während die Jngendtage des Herrschers in die An­fänge des vorigen Jahrhunderts zurückreichten, habe ihm die Mittagshöhe des Lebens die aktive Teilnahme an dem großen Aufschwung des deutschen Volkes gebracht und ihm gestattet, sich gleich hervorragend im Kriege wie im Frieden zu bewähren. Als Förderer der Kunst und aller kulturellen Interessen werde er getragen von der Liebe seines Bayern- Volkes und von der Verehrung jedes echten Deutschen. Treu zu seinem Volke, treu zum deutschen' Vaterland habe er sich alle Zeit erwiesen, und ebenso habe sich um ihn und dre drei deutschen Kaiser allezeit das Band gegeiiseitig-r Treue geschlungen. Zum Schlüsse bat der Kaiser den .bayerischen Gesandten, doch seinem Souverän der Dolmetsch der Ge- sühle zu sein, die den Kaiser und sein Volk an diesem —age bewegten. — Von allen königlichen und allen reichs- und preußischen Staaisgebäuden weht zu Ehren des Geburts­tags des Prinzrcgenten Flaggenschmuck.

Der R e i ch s a n z e i g e r" begrüßt den Prinzregenten Luitpold "zu seinem 90. Geburtstag mit ehrerbietigen und innigen Glückwünschen. Der edle Fürst blicke auf etn Leben zurück, dessen Inhalt deutsche Treue war, Treue gegen 'fern bayerisches Land und das deutsche Volk, gegen das Reich und gegen sein königliches Hans. Dem Nestor der. deut­schen Bundessürsten möge die Liebe seines Volkes und die Verehrung aller Deutschen noch lange erhalten bleiben. — Die „Norddeutsche Allgemeine Zertung" schreibt"n. „Ganz Deutschland nimmt freudigen Anteil an der Feier im Hause Wittelsbach und gedenkt bei diesem ANlaß mit warmer Erkenntlichkeit der reichstreuen Ge­sinnung, die der Prinzregent jederzeit betätigte. Im Lause der letzten 25 Fahre an die Spitze !des zweitgrößten deut­schen Bundesstaates gestellt, versagte der Prinzregent nie, wenn es galt, an der Entwicklung des Reiches und der Hebung der nationalen Wohlfahrt mitzuwirken. Das 25jäbrige Jubiläum der Errichtung des Kaisertums wie erst kürzlich die 40. WedeAchr jenes unvergeßlichen Tages,