Uiksbaönlkr Tsgblstt.
»erlag Langgaffe 2t Fernsprecher-Rufr
«.,«*Ärrr»v.„- WWcntlich 12 Ausgaben. ^ Gegründet 1852.
Wöchentlich 12 Ansgadcn.
Bezugs-PrerS für beide Ausgaben: 7» Pfg. monatlich, M. S.- vierteljiibrlich durch den Verla» Langaas,e 21, ohne Brmgerwhn. M. 3.- vier-eljährlich durch alle deutschen Postanstalten, ausschlieülich Bestellgeld. - Bezugs-Bestellungen nehmen außerdem entgegen: in Wiesbaden die Zweigstelle Bis- marckring 29, sowie dm IIS Ausgabestellen in allen Teilen der Stadt,- in Biebrich: die dortigen WAus- i gabestellen und in den benachbarten Landorten und im Rh-ingau die betreffenden Tagblatt-Träger,
Anzeigen-Annahme: Für die Abend-Ausgabe bis lS UHr mittags: kür die Morgcn-AuSgabe bis S Uhr nachmittags.
„T-gdlatt-HauS" Nr. 6650-53. Bon 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, außer Sonntags,
Anzeiaen-Preis für die Zeile: 15 Pfg, für lokale Anzeigen im „Arbeitsmarkt" und „Kleiner Anzeiger" in einheitlicher Satzform: SvPsg. in davon abweichender Satzausführung, sowie für alle übrigen fötalen Anzeigen; so Psg. für alle auswärtigen Anzeigen: 1 Mk. für lokale Reklamen: 2 Mk. für auswärtige _ Reklamen, Ganze, halbe, drittel und viertel Seiten, durchlaufend, nach besonderer Berechnung. — j Bei wiederholter Aufnahme unveränderter Anzeigen in kurzen Zwischenräumen entsprechender Rabatt,
Für die Aufnahme von Anzeigen a» vorgefchrieiene» Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen.
Nr. 115.
Morgen - klusgabe.
1. Matt.
Das Dertraura des Alnvarteas.
Als russischen Salat hat Camille Pelletan im „Mntin" das neue französische Kabinett Monis bezeichnet, und ebenso bunt gemischt und im einzelnen undefinierbar ist das Progranim dieses Kabinetts, welches am Montag der Kammer und dem Senat kund und zu wissen getan worden ist. Monis Programm zeichnet sich in der Tat mehr durch deu Wortreichtum als durch Klarheit aus, und die Ausnahme, welche die Regierungserklärung in der Kammer gefunden hat, stellt weder dieser noch der Regierung selbst ein sonderlich günstiges Prvgnostikum. Tie Reform des Wahlsystems und der Einkommensteuer sind zwei Fragen, an denen schon Monis' Vorgänger Briand vergeblich seine Kräfte versucht hat. Tas jetzige Kabinett will sie zu lösen suchen, indem es sich bei der Wahlreform zu den radikaleren Vorschlägen Jaurds und bei der Steuerreform zu dem Plan Caillaux' bekennt, aber was das Kabinett hierfür an Anhang auf der äußersten Linken gewinnt, wird ihm in der Mitte verloren gehen, wie das schon aus der teils ablehnenden, teils mißtrauisch abwartenden Haltung der demokratischen Linken zu ersehen ist. Was ferner die Fragen des Koalitions- und Streikrechts betrifft, so hat Herr M-onis mit seiner lavierenden Taktik die gemäßigten Elemente dadurch vor den Kopf gestoßen, daß er das Streikrecht der staatlichen Angestellten nicht anlasten will, während die Sozialisten darüber empört sind, daß er sich mit mehr Eifer für die Wiederein- ftellung der entlassenen Eisenbahner iils Zeug legt.
Also auch hier wie fast bei jedem Punkt des Programms Halbheiten über Halbheiten, so daß es nicht wundernehmen konnte, wenn dementsprechend die Aufnahme des Programms bei der Kammer eine äußerst laue, teils direkt ablehnende, teils zurückhaltende war. Freilich beträgt die Mehrheit für die Chautempssche Tagesordnung, welche der Regierung das Vertrauen ausdrückt, daß sie die Einigkeit der republikanischen Parteien durch Verwirklichung verweltlichender, demokratischer und sozialer Refornien Herstellen wird, 309 gegen 114 Stimmen, und diese Mehrheit ist eine rein republikanische. Aber wenn sich auch die Opposition nur aus der Rechten und einem Teil der Proaressisten zusammensetzt, so gab es doch in allen übrigen Parteigruppen so auffallend viel Stimmenthaltungen, für welche Taktik sich auch die überwiegende Mehrheit der Sozialisten entschied, daß das Schicksal des Kabinetts als desto unsichere r erscheinen muß, da für einen Teil der Regierungsmehrheit offenbar nur der Wunsch maßgebend war, vor der Erledigung des Budgets eine Krisis zu vermeiden. Man hat daher in der französischen Kammer das dem Kabinett Monis erteilte Vertrauensvotum nicht mit Unrecht als ein Vertrauen des Abwartens bezeichnet.
Ernstlichen Beifall hat nach den Berichten aus Paris lediglich die Erklärung über die auswärtige
Donnexstag, 8. März 1911.
Politik des Kabinetts gefunden, die freilich auch über die üblichen allgemeinen Redewendungen nicht hinaus- koiumt, aber der Linken Wohltat, weil sie die „Aufrechterhaltung des Friedens" betont, und der Rechten, weil sie „ein starkes Heer" als „eine der wirkungsvollsten Grundlagen des Friedens" bezeichnet. Wenn man sich erinnert, daß die französische Kammer unmittelbar vor dem Sturze des Kabinetts Briand mit mehr als 400 Stimmen eine von Brignd angenommene Resolution beschlossen hatte, welche die Regierung aufforderte, bei der nächsten Haager Friedenskonferenz sich offiziell zu dem A b r ü st u n g s g e d a n k e n zu bekennen, so muß man sagen, daß die jetzt mit 309 Stimmen erfolgte Zustimmung der Kammer zu dem Satze der Regierungserklärung, demzufolge der Armee und der Marine „große Sorgfalt zugswendet" werden soll, eine ebenso schnelle wie gründliche Wandlung bedeutet, die nur dadurch gemildert wird, daß man die Erklärungen der französischen Kammer im allgemeinen, nicht allzu wörtlich und nicht allzu ernst zu nehmen pflegt. Man liebt eben jenseits der Vogesen die große E e st e und die großen Worte im Guten wie im Bösen, und man schwärmt heute für die Abrüstung und morgen für die Rüstung. Zurzeit sind die Politiker an der Seine ein wenig verärgert durch die noch schwebenden Verhandlungen zwischen der deutschen und der russischen Regierung, durch die ausgeprägte Friedenspolitik des Kabinetts Asquith und durch die jüngsten französischen Mißerfolge in der Türkei, wozu noch die Nervosität über die Angriffe gegen die Fremdenlegion kommt. Behauptet doch die französische Presse, daß die deutsche Regierung sich mit der Absicht trage, die Frage der Fremdenlegion vor das Haager Schiedsgericht zu bringen, ein Gedanke, der bei den leitenden Stellen in Berlin niemals auch nur in entfernte Erwägung gezogen worden ist. Tenn es liegt auf der Hand, daß für die von der öffentlichen Meinung des öfteren erörterte Anregung: derzufolge sämtliche Nationen sich verpflichten sollten, keine Ausländer für ihr Heer anzuwerben, z. B. auch die Nordamerikanische Union, deren Heer zum großen Teil aus eingewanderten Europäern besteht, nie zu haben wäre. Im übrigen hat ja die deutsche Regierung offiziös versichern lassen, daß, man dem neuen Minister des Auswärtigen, Herrn Cruppi die gleichen freundlichen Gesinnungen entgegenbringe wie vorher Herrn Pichon. Fragt sich nur, wie lange Zeit Herrn Cruppi und dem Kabinett Monis vergönnt sein wird, Gesinnungen entgegenzunehmen und zu haben. ' _
Der Gesehenimirs filier me MIMunMulen.
Das neue, dem preußischen Abgeordnetenhause vorgelegte Gesetz über die Pslichtfortbildungsschulen bedeutet gegenüber dem bisherigen Zustand einen wesentlichen Fortschritt. Es mutz bekanntlich nach den Bestimmungen des Entwurfs in allen Orten über 10 000 Einwohner eine Fortbildungsschule errichtet und unterhalten werden. Man hat auch Kautelm dafür geschaffen, daß sich Fortbildungsschulpflichtige nickst durch Arbeitnahme in einem anderen Orte ohne Fort-
59. Jahrgang.
bildungSschule der Schulpflicht entziehen können. Es ist zu diesem Zweck die Bestimmung getroffen, daß dann jener Gemeinde durch Beschluß des Bezirksausschusses die Verpflichtung auferlegt werden kann, eine Fortbildungsschule zu errichten und zu unterhalten. Auch die Befürchtung, daß nun die nichtländlichen Orte unter 10 000 Einwohnern ohne die Wohltat einer solchen Schulart bleiben müßten, ist bis zu einem gewissen Grade beseitigt. Es sollen nämlich einander nahegelegeneGemeinden und Gutsbezirke, die zusammen 10 000 und mehr Einwohner zählen, zur gemeinsamen Wahrnehmung der in diesem Gesetz geregelten Angelegenheiten miteinander vereinigt werden können, wenn in ihnen ein den Vorschriften des Gesetzes entsprechender Pflichtfortbildungsschulunterricht nicht eingerichtet ist.
Zu den Vorzügen des Gesetzes gehört auch der, daß der Religionsunterricht nicht in den Lehrplan ausgenommen ist. Einmal würde dadurch die Zahl der Stunden vermehrt und der Widerspruch aus deu Kreisen des Handwerks verstärkt werden. Sodann würde der Religion selbst dadurch nicht genützt werden. Es würde unzweifelhaft eine gewisse Abneigung bei den im Entwicklungsalter stehenden jungen Leuten gegen die Religion als solche eintreten, wie dies alle F ach- m ä nner hervorgehoben haben. An diesem Punkte der Vorlage wird aber natürlich die Arbeit der politi- tischen Dunkelmänner einsetzen, die die Jugend auch nach dem Verlassen der Schule noch in ihren An- fchauunaskreisen festhalten möchten. Ein weiterer Vorzug des Gesetzes ist der, daß im 8 1 Abs. 2 unter den Ausgaben der Fortbildungsschule besonders die staatsbürgerliche Erziehung und der Unterricht in körperlichen Übungen erwähnt werden, Als Mangel ist hervorzuheben, daß die bei Rechtsanwälten und sonstwo beschäftigten Schreiber usw. nicht fortbildungsschulpflichtig bezeichnet werden. Außerdem wären wünschenswerterweise noch Bestimmungen zu treffen, dahingehend, daß der Unterricht nicht allzusehr die praktische Ausbildung der Lehrlinge hindert. Tie Beratungen in der Kommission, der der Entwurf sicherlich überwiesen werden wird, werden zu Verbesserungen noch genügend Gelegenheit bieten.
K
Tic wichtigsten Bestimmungen des Entwurfs
sind außer den oben besonders genannten die folgenden:
Zum Besuche dieser Fortbildungsschulen sind sämtliche in den betreffenden Gemeinden in öffentlichen oder privaten Diensten beschäftigten männlichen Personen unter 18 Jahren 3 Jahre verpflichtet. Arbeitslosigkeit hat innerhalb des Schulhalbjahres eine Befreiung vom Schulbesuch nicht zur ^Folge, Von der Verpflichtung zum Besuch der Fortbildungsschule sind diejenigen befreit, welche eine Jnnungs- oder andere Fortbildungs- oder Fachschule besuchen oder,besucht haben, sowie diejenigen, die jene Kenntnisse und Fertigkeiten Nachweisen können, welche das Lehrziel der Fortbildungsschulen bilden. Der Unterricht in der Fortbildungsschule umfaßt für jeden Schüler jährlich 240 Stunden, die in der Regel auf 40 Wochen zu verteilen sind. Der Pflichtunterricht ist auf die Werktage und in die Tagesstunden von 7 Uhr morgens bis 8 Uhr abends zu legen. Im Wege statutarischer Bestimmung ist eine Schulordnung zu erlassen. Durch Statut kann auch bestimmt werden, unter welchen Voraussetzungen Nichtsortbildungsschulpflichtige zum Besuch der Fortbildungsschule
Femllelon.
Kloreutmer Villen.
Torre dkl Gallo.
Von Katharina Bombe-Giese (Florenz).
Wenn -die Regenschauer des Vorfrühlings den ersten warmen Märztagen gewichen sind, und wenn der Cupolonc von Florenz sich in harten Umrissen aus dem tiefblauen Himmel herausschneidet, dann erwacht in uns Nordländern, die wir sonst so dankbare Gäste der lieblichen Arnostadt sind, eine unbezwingliche Lust zum Wandern. Unser Auge folgt entzückt den sanften Linien der Hügelkette, die bei der Piazza Michelangelo beginnt und, malerisch wie Kulissen hinter der Stadt aufsteigend, oberhalb der Porta Romana endet. Weiße Billen leuchten aus dunklen Gärten, die Marmor- sassa-de von S. Miniato strahlt über dem zarten Graugrün der Olivenhaine, dem duftigen Schmuck der Abhänge, und den höchsten Punkt der Berglinie überragt der zinnengc- krönte Turm der Torre del Gallo.
Wir wandern langsamen Schrittes über den Ponte Vecchio, jenen kühn angelegten Marktplatz der Juwelenhändler und Goldarbeiter, und die blitzenden Geschmeide aus Rubinen, Smaragden und Diamanten, dir langen Ketten aus runden schneeweißen Perlen, die gierig das warme Sonnenlicht einzusaugen scheinen, machen uns cm wenig ungläubig gegen den oft mit Begeisterung gesungenen Vers: „Reichtum allein tut's nicht auf Edden." Doch die glückliche Frühlingsstimmung läßt keinen Hader mit unserem Geldbeutel auflommen, wir eilen über das letzte Stück der Brücke und wenden uns links der steil aufsteigenden Cost
Scarpuccia zu. Die Häuser werden kleiner und niedriger, die Kinder, die in der Sonne Murmel spielen, zahlreicher und ungewaschener; wir durchwandern ein Arbeiterviertel. Doch die Frauen, die vor den Türen fitzend Strohhütr flechten oder nähen, blicken versonnt aus großen dunklen Augen hinab über die Stadt und ihr Häusermeer, auf dem die Domkuppel zu ruhen scheint. Der Arno zieht sein glitzerndes Wasserband unter den leicht geschwungenen Brücken dahin und verliert sich nach Osten in den Büschen der Eascinen, während uns auf der anderen Seite die Berge des Äretiner Appennins, die als stolzes Zeichen ihrer Höhe nach blendend' weißen Winterschnee tragen, seinen Anblick abschneiden. Der Luftzug trägt ein vielstimmiges Glockenläuten zu uns hinauf, das den seltsamen Akkord der Frühlingsstimmung harnionisch schließt. Die schmale Costa S. Giorgio führt uns an das Tor gleichen Namens. Trotzig und fest wehrte es den Eingang in die Stadt von den Höhen her, zu seiner Verteidigung hatte Michelangelo bei der Belagerung seiner geliebten Stadt hier eine Bastion errichtet, die später durch Bernado Bnontalenti zu einer starken Festung „La Ginovra" ausge- baut wurde. Aus der grünen Umrankung des Tores hebt sich malerisch das Fresko in der Lünette, Maria mit dem Kinde, San Giorgio und S. Leonardo. Aus der Außenseite des Tores zeigt uns ein Steinrelies den heiligen Georg zu Pferde. Die Straße San Leonardo führt uns unserem Ziel, der Torre del Gallo entgegen, doch schon nach einer kurzen Steigung machen wir Halt vor der kleinen Landkirche. S. Leonardo, mit unvollendeter Fassade. In dem halbdunklen Kirchenschiff erhebt sich auf schlanken Säulen die reichgezierte Kanzel. Sie ist das Erbgut des alten Kirchleins S. Piero Scheraggio. wohin sie der Sage nach im Jahre 1010 aus der Bavia von Fiesole gekommen sein soll.
Als beim Bau der Uffizien die Kirche am Arno fiel, brachte man das Kunstwerk in die Bergkirche von Arcetri. Aus drei Seiten zeigt die Kanzel in primitiven Skulpturen Darstellungen ans dem Leben Jesu, die trotz ihrer Unbeholsen- heit einen fast genrohasten Charakter tragen. Die zur Kirche gehörige Wohnung des Priesters birgt Tafelbilder von Neri di Bicci und eines der wenigen Werke des Lorenzo di Niccolo.
Nicht weit von der Kirche erheben sich die geschichtlich denkwürdigen Paläste del Barduccio, die bei der Belagerung von Florenz eine bedeutende Rolle spielten. Zu ihnen gesellt sich der Palast der Familie della Luna. Den Tod des Letzten dieses Geschlechtes hüllt die Sage in düsteres Grauen, er soll von Giovan-Carlo dei Medici, da er nicht mit ihm den Besitz der Margherita Salvethi teilen wollte, betrunken gemacht und zu nächtlicher Stunde in dem dunklen Teich des Giardino dei Semplici ertränkt worden sein. Der Wog führt zwischen hohen, weißen Gartenmauern dahin, man liebte cs nicht, seine Paläste den neugierigen Blicken des Volkes preiszugeben. Doch hier und dort erblickt man durch ein offenstehendes Tor wildverwachsene Parkanlagen, Zypressengruppen und Rosengänge, weite Hallen mit gemalten Deckengewölben und Säulenhöfe, die alten Besitzungen von Poggio Imperiale oder ruhmreicher Florentiner Geschlechter. Immer näher rückt die Bekrönung von Torre del Gallo und endlich stehen wir dem mächtigen Gebäude gegenüber.
Einer Festung gleich beherrscht die Villa mit dem starken Eckturm die Gegend, vor sich das weite Arnotal, hinter sich die Ebene der Ginllari und das Tal der Ema, die selbst an Erinnerungen so reich. Viel tausend Fremden war sie Ziel der Wanderung, die ihre grandiose Schönheit und die hier ausgespeicherten Kunstwerke bewunderten, und die sich
