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„Tagblatt-HanS".

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mururiiig-2, ,<W,C rau» «usgaocneuen «n allen Teilen der Stadt: in Biebrich: die dortigen 82 Aus- gabestcllcn und IN den benachbarten Landorten und im Nheingau die betreffenden Tagblatt-Träger.

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Für die Aufnahme von Anzeigen an vorgeschriebenen Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen.

Nr. io».

Sonntag, 5. März 1911.

59. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Komttagsgedankrn.

ii.

Morgenstunde hat Gold im Munde.

Wie ein Märchen aus fernen Tagen mutet uns Städter und besonders uns Großstädter das Sprich­wort von der Morgenstunde an. Die Morgenstunde rennen heute nur noch die Landleute. Ter Förster, der auf die Birsch geht, frühmorgens wenn die Hähne krähen und wenn der Wachtelruf erschallt. Oder die Torfmagd, die, ehe die Sternlein schwinden, früh scholl am Herde steht, um Feuer zu zünden.

Ter Städter ist ein Langschläfer. Er macht die Nacht halb zum Tage. Das Nachtleben auf dem Asphalt ist ihm vertraut. Die Morgendämmerung rennt er nicht. Wenn er ja einmal etwas früher er­wacht, legt er sich schleunigst auf die andere Seite. Der Sonntag ist chm deshalb so angenehm, weil er da noch eine Stunde länger schlafen kann.

Das Abweichen von der göttlichen Ordnung ist durchaus verkehrt. Es ist nichts schöner, als die erste Morgenstunde. Das wissen die Vögel, die früh am freudigsten jubilieren. Wer einmal in einem Forsthaus wohnt und er öffnet früh das Fenster, wenn die ersten Strahlen des Morgenrots den Himmel färben, und er hört den überwältigenden Gesang der Vögel, die sich in ihrer Freude gar nicht genug tun können, und schaut hinaus in die taufrische Natur, wenn die Blumen sich langsam öffnen und die Käser erwachen, wenn die Nebel ihre letzten Schleier weben und das Wild sich scheu in den geheimnisvollen Wald zurückzieht, wenn der junge freudige Tag den Kampf mit der Nacht beginnt — ja, dann kann man sagen, dann geht leise nach seiner Weise der liebe Herrgott durch den Wald.

Welch lockendes Bild hat Moritz Schwind in seiner Morgenstunde gezeichnet: Ein junges Mädchen hat sich soeben von seinem Lager erhoben. Wir blicken hinein in ein schlichtes Stübchen, in dem alles so ordentlich und sauber ist, daß eiirem das Herz lacht. Der eine Laden ist noch geschlossen, aber um so leuchtender flutet durch das andere geöffnete Fenster der sonnenfrohe Morgen herein mit all seiner taufrischen, neuerstande­nen Herrlichkeit. Das junge Mädchen scheint völlig versunken in die leuchtende Pracht da draußen. Der junge Tag erfüllt auch sie mit neuer Kraft, öffnet ihre Lippen wie von selbst zum Gebet.

Man hat gesagt, in der ersten Morgenstunde ver- nnmnt der Mensch die Stimmen seines Genius. Von jedem Tag erwartet der Mensch etwas Neues, Schönes,

Feuilleton.

(Nachdruck verboten.^

Oie Korrespondentin.

Von C. D. Leslie.

Übersetzung aus dem Englischen von Marie Eisner.

James und John Moxon hatten die Londoner Agentur für Jällands merkwürdigen amerikanischen Eiskasten, der sich im Winter in einen Gewächshaus­ofen umwandeln ließ.

Wenn James und John auch nicht wie ihre Namens­vettern im Kinderreim allabendlich um lO 1 /^ Uhr zu Bett gingen, so waren sie doch brave junge Leute, die durch unermüdlichen Fleiß das Kommissionsgeschäft hoch gebracht hatten.

James war 28, trug kurzen Bart, Umlegekragen und rote Krawatte: in der Theorie war er Sozialist und Anhänger Bernhard Shaws. John zählte 26, be­vorzugte weiche Schlipse, die einen entschieden künstleri­schen Anstrich hatten, war glatt rasiert und las mit großer Begeisterung Marie Corellis Romans. Aber beide kannten als echte Briten nur ein einziges Vor­haben — und so vernachlässigten sie ihre künstlerischen Steigungen über ihrer wichtigsten Lebensaufgabe — dem Verkauf von Jallands Eiskalten.

Das Bureau der Agentur befand sich in Holborn, und ein Laufbursche bildete seinen Personalbestand. Jetzt aber ließ die stets wachsende Arbeitshäufung doch eine Vergrößerung desselben ratsam erscheinen.

„Wie wär's, wenn wir eine Korrespondentin engagierten, die uns die Schreibarbeit abnehmen könnte?" schlug James vor.

„Eine Dame?" meinte John zweifelnd. „Warum denn nicht einen Sekretär?"

„Eine Dame kommt billiger und leistet ebenso viel", erklärte der Ältere. .

Großes.. Selbst der Kranke auf seinem Schmerzens­lager fühlt etwas von dem Erwachen der Geister, von dem köstlichen Labetrunk, den die ewig junge Natur jeden Morgen aufs Neue spendet.

, Jeder Morgen sieht uns mit hellen zukunftfrohen Kinderaugen an. Jeder Tag ist ja im Kleinen ein Menschenleben. Der Morgen die Kindheit, der Mittag der Zenit, des Lebens, der Abend das nachdenkliche Alter. Wie oft wird der Mensch jung und wieder alt, wenn er jeden Dag mit Vernunft durchlebt! Wenn er jeden Tag ausnutzt und täglich ein Steinchen seinem Lebensbau hinzufügt, wie herrlich kann er den Bau gs'stalten! Wie kann er an sich arbeiten, sich bessern und veredeln.

Jeden Morgen sei jung und fange mit neuen Kräf-' ten und Vorsätzen den Tag an! Wer auf hoher Berges- spitze einmal so recht der erwachenden Sonne ins Auge geschaut und von der ganzen machtvoll berauschenden Glut, die nach und nach alle Berge überzieht und alles in ihren Bann zwingt, sich hat erfüllen lassen, der wan­delt in gehobener Stimmung seines Wegs. Und wem es an so manchem Morgen 'wie eine Offenbarung aus dem erwärmenden Urgrund seines Lebens ausgegangen ist uud wie., von hoher Zinne, ehe die zernagenden Wür­mer der täglichen Sorgen sich gemeldet haben, einen Blick in die fernen Ziele des Lebens getan — den tragen die Füße über die Unebenheiten und an den Ab­gründen der Tageskämpfe leicht hinweg.

H. K ö t s ch k e, Pastor a. D.

Dolitrsche Akerstcht.

Dev Kaiser und Karde».

Wie nran sich erinnert, endigte die Prozeßsache Harden-Möttke mit der Verurteilung Hardens zu einer Geldstrafe, und die erwartete Fortsetzung in der Be­rufungsinstanz blieb aus. Harden beschiel» sich bei dem Urteil der Berliner Strafkammer und verzichtete aus weitere Rechtsmittel. Nunmehr teilt Dr. Max Jaenecke im „Hannoverschen Kurier" mit, daß Harden, als er auf die Berufung Verzicht leistete, „der Bitte des Grafen Moltke und zugleich der der h öch st e n Regie­rungsstelle — die Dokumente darüber liegen vor — nachgab". Das ist eine Enthüllung, die man überall mit begreiflichem Interesse lesen wird. An ihrer Rich­tigkeit ist natürlich nicht zu zweifeln. Dr. Jaenecke würde diese Angabe nicht machen, wenn er nicht Ein­blick in die „Dokumente" erhakten hätte, die den Beweis dafür erbringen müssen, daß „die höchste Regierungs­stelle" Herrn Harden einen entsprechenden Wunsch hatte zugehen lassen. Weitere Aufklärungen über den Vor­gang wird man schwerlich zu erwarten haben,. es sei

„Gut", pflichtete der jüngere Sozius nach einiger Überlegung bei. „Aber sei um Himmelswillen vor­sichtig in deiner Wahl. Wir wollen doch keine von der Sorte, die ausgeputzte Blusen und unechte Perlen trägt und sich das Haar aufbauscht."

„Natürlich nicht!" stimmte James zu.

„Und dann, weißt du, können wir kein Mädchen gebrauchen, das gewöhnlich spricht, mit uns flirtet oder uns in Ehebande zu fesseln sucht. Nimm ein zuver­lässiges, anständiges Mädchen mit guten Manieren."

„Versteht sich!" sagte James.

Noch am selben Tage hatte er eine Unterredung mit einer würdigen älteren Dame, die ein Institut leitete, das den grausamen.Zweck verfolgte, Korre­spondentinnen auf die leidende Menschheit loszulassen. Die Matrone hörte ihm aufmerksam zu, machte kurze Notizen und verpflichtete sich, die Mare sicher zuzu- .stellen — wie Mr. Jalland sich ausgedrückt haben würde. Miß Ffinch erfüllte dieses Versprechen und stellte sich am folgenden Tage den beiden Kompag­nons vor.

Miß Ffinch war hübsch, zierlich und zweiundzwanzig; ihr Wesen trug den Stempel von Selbstbeherrschung urid Bescheidenheit. Sie hatte ein gut sitzendes blaues Cheviotkostüm an, das ihre stattliche, graziöse Figur vorteilhaft hervorhob. Nachdem sie eine kurze Prüfung im Maschinenschreiben Md Stenographie abgelegt hatte, wilrde sie sofort engagiert und begab sich gleich an die Arbeit.

Am nächsten Tage kam es zu Uneinigkeiten zwischen der Neuangekommenen und dem Laufburschen, der sehr gegen ihr Engagement gewesen war. Der Jüngling halte das Amt: Herein" zu rufen, wenn Kunden an­klopften, ein paar Priese abzuschreiben uild zu beför­dern — und sein Gehalt einzuziehen. Dabei behielt er reichlich Zeit, Pfefferminzbonbons zu essen und sich in die Abenteuer von „Tesperade Dick, dem Schrecken der Pampas" zu vertiefen. Miß Ffinch erhob Ein-

denn, daß Herr Harden durch die Form etwaiger Zwei- sßl an der Nichtigkeit der Jaeneckeschen Darstellung ge­nötigt werden sollte, frei mit der Sprache herauszu­gehen. Aber dieser Fall ist unwahrscheinlich. Man hat Wohl nirgends die Empfindung, daß die pikante Enthüllung des Herrn Jaenecke ohne genügende Unter­lage erfolgt sein könnte. Hiernach kann es also als feststehend erachtet werden, daß die höchste Regierungs­stelle, unter der doch der Kaiser verstanden werden niuß, an Herrn Harden einen Wunsch hat richten lassen, dem die Erfüllung selbstverständlich auf dem Fuße folgen mußte. In welcher Weise das geschehen ist, kann gleichgültig bleiben, aber der Vorgang selbst ist eine Tatsache.

Keine Feuerbestattttng i» Urerrße»?

Tie Erwartung, daß der Gesetzentwurf über die Feuerbestattung vom Abgeordnetenhause angen 0 m- m e n werden könnte, hat nach der Stellung der Mehrheit zu dieser Frage niemals groß sein können; sie kann jetzt vollends aufgegeben werden. Das Zentrum wird gewiß nicht für den Gesetzentwurf stim­men. den Konservativen aber müßte die Staats­regierung sehr dringliche Vorstellung machen, sie müßte ihnen förmlich mib Bitten und mit freundschaftlichen Überrredungskunsten hinter den Kulissen kommen, um sie dieser Reform geneigt zu machen. Inzwischen äußerr die „Kreuzzeitung" bereits die Hoffnung, daß der Landtag der Vorlage die Genehmigung versagen werde. Das bedeutet also gewissermaßen eine Richt­schnur für >as Verhalten der Konservativen, und die Erwartung auf das Zustandekommen des Gesetzes muß hiernach, wie gesagt, fallen gelassen werden. Da die Staatsregierung einen solchen Ausgang voraus­sehen konnte, so hatte sie es freilich nicht schwer, ihre Geneigtheit zum Entgegenkommen gegenüber jahre­lang vergeblich gehegten Wünschen zu bekunden. In­dessen wollen wir zugunsten der Regierung doch an­nehmen, daß sie die Vorlage mit der ernstlichen Absicht, ihr einen Erfolg zu verschaffen, und nicht etwa bloß darum eingebracht hat, um ein akademisches Wohl­wollen zu zeigen, das vor der Gefahr, beim Wort ge­nommen zu werden, vorweg sicher ist. Zu dieser Auf­fassung ist man schon deshalb verpflichtet, weil Herr v. Dallwitz als Staatsminister von Anhalt dort die fakultative Feuerbestattung ja wirklich eingeführt hat,

H

Eine große Kundgebung zu dem Gesetzentwurf über die Feuerbestattung werden die preußischen Feuer­bestattungsvereine voraussichtlich noch in diesem Monat in Berlin veranstalten. Die Feuerbestattungsvereine wollen durch die geplante Kundgebung versuchen, dis Staatsregierung für eine größeres Entgegenkommen zu gewinnen.

wände gegen die Pfefferminzbonbons, oder vielmehr gegen den Geruch, der sich verbreitete, während der Bursche sie konsumierte. Er wiederum machte Em- wünde gegen ihr Einwanderheben und variierte zu die­sem Zweck eine Rede von „Desperade Dick". Die Dame aber unterbrach ihn — mit einer Ohrfeige. In diesem Augenblick kamen die Chefs, die zum Lunch ausgewesen waren, zurück, und der beleidigte Jüngling legte nun de» drei Zuhörern sein Ultimatum vor: er oder sie

müsse weichen. James und John aber waren schon so außerordentlich zufiieden mit der neuen Korrespon­dentin, daß sie ohne Zaudern den Sprecher sofort ad- lehnten. Mit erhobenem Haupte ging er von dannen, und in seinen Abschiedswortsn lag besonderer Nach­druck: „Es wird Ihnen leib tun, Herr Moxon, daß Sie jemals ein Mädel, ins Bureau genommen haben, sie ist falsch. Alle Mädels sind falsch, und die da beson­ders Wird Unheil ins „traute Heim" bringen."

O prophetischer Ausspruch!

Der Laufbursche erhielt keinen Nachfolger und Miß Ffincki erwies sich als musterhafte Angestellte. Sie war stets pünktlich, gesetzt, gleichmäßig, heiter und er­ledigte schnell und fleißig die ihr anvertraute Arbeit. Ein paar echt weibliche Züge, die ihr eigen waren, er­höhten — ganz im geheimen — nur ihren Reiz in den Augen der Brüder. So hatte sie ständig Veilchen ange­steckt, wechselte aber jede Woche mit der Farbe — ein­mal violette, dann wieder weiße wählend. Und ihre beiden rosengeschmückten Florentinerhüte kannte man bald: zu den weißen Veilchen trug sie den mit den weißen Rosen — in der dunklen Veilchenwoche aber den mit den roten. Selbst ihre goldene Uhr steckte eine Woche im Armband, die nächste im Gürtel.

Schnell war Miß Ffinch so vertraut mit der Leitung des Bureaus, daß man sie ihr selbständig überlassen konnte, wenn beide Kompagnons fort waren.

Die Brüder fanden die junge Dame von Anfang an anziehend, und nach wenigen Wochen schon waren