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Nr. 91.
Donnerstag, S» Februar 1811.
58. Jahrgang.
Morgen - Kusgabe.
1. Matt. _
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Air Regierung als Retterin in der konfrrvntiven Rot.
Im Herrenhaus hat, wie mrtgeteilt, der konserva tive Heißsporn Graf Mirbach-Sorguitten erneu hon der gesamten alten Fraktion unterschriebenen Antrag angebracht, der die Regierung unter das kaudrnrfche xr>och des schwarz-blauen Blocks beugeir will. Die Regierung soll also ersucht werden, in geeigneten, msbesondere kleineren Organen, d. h. natürlich im wesentlichen m den Kreisblättern, eine offizielle, gemernverstandlrche Darstellung des Inhaltes der Reichsfinanzreform von 1909 zu geben. Ferner soll die Regierung sich der Mühe unterziehen, eine Darstellung der durch dre Steuersätze bedingten Preiserhöhungen im Gebiete der Konfumsteuern eben daselbst zu veröffentlichen. In der sich durch höchst verschrobenes Deutsch auszerchnenden „Bearündung" des Antrages wird weiter behauptet, daß "vielfach ganz unberechtigte Preiszuschläge über dre Steuererhöhung hinaus im Handelsverkehr gefordert würden.
Wir wissen nicht, ob dieser wunderliche Antrag, den bedauerlicherweise auch der alte Nationalökonom Prof. Adolf Wagner mit unterzeichnet hat, von der Regie- rung heruntergeschluckt oder abgelehnt werden. lmrd. Er bedeutet jedenfalls das Eingeständnis der Aorar-Konservativen, daß sie selbst ohnmächtig sind, eine populäre und das Volk befriedigende Darstellung der Reichsfinanzreform und ihrer Folgen zu geben. s:e verlangen Hilfe von der Regierung in ihrem Kampfe geaen die Linksparteien, die das schmähliche Verhalten der Konservativen natürlich in das rechte ^.icht rucken werden. And sie wünschen, daß die Regierung sich selbst Lügen straft, die bekanntlich — allerdings unter einem anderen Kanzler — eine Finanzreform wollte, die ganz anders aussah als diejenige, die schließlich unter dem Szepter der Konservativen und des Sutrums zustande gekommen ist. Die Herren vergesien auch, daß sie mit ihrem Antrag Herrn von Bethmann- Hollweg, ihrem anscheinend so verehrten agrarischen Reichskanzler, arg desavouieren wurden, der bekanntlich früher amtliche Veröffentlichungen über die Güte und Nützlichkeit der Finanzreform mit der Motivierung ab gelehnt hat, es wurden dadurch oie
Gegner ihrerseits erst recht mobil gemacht werden und die Aaitation gegen die Finanzreform ganz besonders scharf'inszenieren. Und in der Tat würde ja auch die Annahme des Antrages Mirbach und seine etwaige gehorsame Ausführung durch die Regierung Nicht eme Milderung, sondern eine Verschärfung der Kämpfe zur Folge haben. Denn die Opposition würde in keinem Fall darauf verzichten, den Veröffentlichungen in den „kleineren Organen" ihrerseits durch eine Äufrollung der Kämpfe um die Reichsfinanzreform entsprechend entgegenzutreten. Besonders willkommen wird es der Linken sem, nachzuweisen, wie die neuen Konsumsteuern tatsächlich Handel rnid Wandel geschädigt haben und wie gewissenlos das agrarische Gerede von den übermäßigen Preisaufschlägen ist, die die Kaufleute und die Gewerbetreibende über den Betrag der Steuern hinaus erhoben haben sollen. Wenn also das Herrenhaus ein Tänzchen wagen will, so wag es es nur sagen, man wird ihm schon aufspielerr. __
PolMsche Übersicht.
Die Umwandlung verschiedener reitender Batterie« in fahrende.
Von militärischer Seite wird uns geschrieben:
Tie deutsche Armee hat 11 Abteilungen reitender Artillerie zu 2 Batterien, und zwar 3 preußische und je eine sächsische und bayerische, die für einen Kriegs fall den Kavallerie-Divisionen zugeteilt werden. Sie haben teils hohen, teils mittleren Etat. Außerdem besteht noch je eine reitende Abteilung zu 3 Batterien mit mittlerem oder kleinem Etat, bei 6 preußischen Regimentern und 2 einzelne reitende Batterien bei dem 11. badischen und 25 grotzherzoglich hessischen Regiment. In der neuen Heeresvorlage ist nun bekanntlich aus Sparsamkeitsrücksichten die Umwandlung der letzteren 20 Batterien in fahrende vorgesehen, wobei die 6 zu Abteilungen formierten, Feldhaubitzen erhalten sollen.
Von verschiedenen Seiten wird diese Maßnahme der Militärverwaltung lebhaft bedauert. Die reitende Artillerie stellt gewissermaßen eine Elitewaffe' dar, und jeder Offizier, Unteroffizier und Kanonier fühlt sich glücklich und gehoben, dieser Waffe anzugehören. Auch blicken diese Batterien fast alle auf eine ruhmreiche und alte Vergangenheit zurück. War es doch schon Friedrich der Große, der die reitende Artillerie schuf. Von den Offizieren wird dieser Schritt ganz besonders schmerzlich empfunden werden, denn die betreffenden Batteriechefs verlieren 2 ihnen bislang zustehende eigene Pferde und die Leutnants ein solches Pferd und ein Chargenpferd, dafür wird ihnen dann allerdings ein Tienst- pferd gestellt. Tie Offiziere haben also eine gleiche Rationsgebührnis wie ihre Kameraden bei der Kavallerie.
Trotzdem muß man dem Vorgehen unserer Militärverwaltung zu stimmen. Ter Etat dieser Batterien ist. wenn auch nicht, was die Mannschaften betrifft, so
doch an Pferden viel höher, denn die Bedienungskanoniere find sämtlich beritten. Ties erfordert nicht nur im Frieden größere Kosten für die Unterhaltung, Verpflegung und Ausrüstung, sondern erschwert auch im Kriege die Verpflegung und verlängert unnötig d-e schon so langen Marschkolonnen. Man hat wohl bisher diese Batterien bei den Divisions-Regimentern noch beibehalten, weil sie von früher vorhanden waren, an eine ihrem Zwecke entsprechende anderweitige taktische Verwendung aber nicht besonders gedacht. Das sächsische und bayerische Kontingent besitzt, wie schon oben gesagt, solche Batterien bei den Infanterie- Divisionen nicht, hätten also im Ernstfälle auch ohne dieselben auskommen müssen. Tie durch das Eingehen der reitenden Batterien überschießenden Pferde sollen ■ zur Komplettierung der fahrenden Batterien verwende: werden, da deren Pferdezahl durch die jetzt erforderlich gewordene Bespannung eines Beobachtungswagens bei jeder Batterie vermehrt werden muß: auch beabsichtigt man den Etat einzelner fahrender Batterien damit derartig zu erhöhen, daß sie bereits im Frieden über sechs bespannte Geschütze verfügen. ,
Tie Artillerie, die den Kavallerie-Twistonen zugeteilt wird, kann natürlich nur aus reitenden Batterien bestehen, um den Regimentern überallhin folgen und stets rechtzeitig in das schnell verlaufendeReitergefecht em- oreifen zu können. ZurAusrüstung der für die im Mobilmachungsfall aufzustellenden Kavallerie-Divisionen erforderlichen reitenden Batterien bleiben aber rl Abteilungen zu 2 Batterien bestehen. Damit würde also dem Bedürfnis an reitender Artillerie Rechnung getragen sein.
Ein gelungener Faschings sch erx.
Reizend ist das Schicksal, das eine Notiz rn der Faschiligsnummer der „Münchener Neuesten Nachrichten" gehabt hat. Das Blatt läßt da u. a. den r,ug. Wetterlö in einer lustigen Reichstagssitzung folgenden Vorschlag zur Lösung der elsaß-lothringischen Verfassungsfrage machen: „'schenken tmr dre Reichende Sr Heiligkeit dem Papst als Kircheiistaat. ^.ann is die ganze Schwierigkeit mit einem aus ber
Welt geschafft. Schwarz sind wir drüben za so schon, und deutsch werden wir doch nicht mehr." Von dieser vermeintlichen Reichstagsrede muß der Pariser GU BlaS" Kenntnis erhalten haben. % Das Blatt hat sich natürlich gewissenhafterweise sogleich Mündlich erkundigt und kann seinen Lesern Mitteilen, daß-der Kaiser
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L dem P°pst° St-astburg all > «M«» ang.eta Auch will der Kaiser dem Wunsch des MpM -mch
svrochen christlichem Boden leben würden, Nenn ihr
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Feuilleton.
Okachdruck »erboten.)
Das Pfand der Zigeunerin.
Faschingshumoreske van E. Thiele.
Assessor Benckheim war auf sechs Wochen zur Vertretung eines Kollegen in die Grotzstavt berufen un'd frcule sich. d e schöne Zeit des Faschings erwischt M lhaben. Nun wollte er sich allabendlich nach des Tages Last und Muhen im Reigen Seiner Narrheit des Prinzen Karneval wacker amüsieren, zumal es ihm an Kleingeld uM nrangelte.
Er hatte erst kürzlich eine Tante ansehstlich beerbt. Eine runde Summe und ihren wertvollen Schmuck. Einen Rmg. den er unter den Schmuckstücken fand, trug er beständig am Rinaer — des repräfentablen Eindrucks wegen.
Schon an einem der ersten Abende seines Verweileu-s ln der ihm fremden Stadt ging Assessor Benckheim aus einen Maskenball. Als er den närrisch dekorierten Saal m seiner Lichterfülle betrat, blieb er staunend an einem Pfeffer beim Eingang stehen. Das war ia «n tolles Leben. In- teressievt Nickte er in die wogende Menge eleganter Domu nos, reizender Tänzerinnen aller Nationen und graziöser
Ctowmesh ^ et Zilien leichten Schlag ans seine Schulter Schnell wandte er sich um und vor ihm stand e ne rassige Zigeunerin, die ihn mit Glutangen anlachelte. Scl!Warzes Haar tvallte ihr aus den Weißen Nacken herab, und eine formvollendete Figur bog sich in gewandtem, bezaubernden Tanzschritt vor dem , erstaunten Assesior
„So einsam, schöner Frerstdlmg«, lockte ein« fuße
Stimme,
„Bis ich dich sah", replizierte schnell gefaßt der Jurist und schob kühn seinen Arm in den der schönen Maske.
Und sie schwangen sich hin im flotten Walzertakt. Des Assessors Herz schlug schnell und laut, als er das wonnige Wesen in seinem Arm fühlte. WeM ein Blick aus ihren Feuerangen den feinen streifte, dann durchschoß es ihn wie ein Feuerstram. Er fühlte sich in allen Himmeln.
Nachdem sie einigemal d'en Saal durchtanzt hatten, führte der Assessor seine schöne Unbekannte in eine der hübschen Nischen, die an den Seitenwänden Raums ausgebaut waren. Die Sektgläser klirrten aneinander, und in munterem Geplauder flogen die Stunden dahin. Das Kind der Pnßta wußte so angeregt zN scherzen und geistreich zu flirten, daß der Assessor keinen Augenblick darüber im Zweifel war, eine junge Dame der Gesellschaft vor sich zu haben.
Seine Annahme sollte sich bestätigen, denn als die Sffrnde heramnahte, in der nach Faschingsbrauch die Larven fallen/da erhob sich die Zigeunerin.
„Leb wohl, Fremdling. Ich muß zurück zu meinem Zelt."
„So kommst du mir nicht fort", rief der Affessor und faßte ihre schlanke Hand. „Dein Gcsichtchen mutz ich sehen. Muß die Mutaug-en inmitten des stolzen Gesichtchcns bewundern können."' ^ t
„Nein, nein", wehrte die Unbekannte. „Fremd bin ich dir und fremd muß ich dir bleiben. Bin vom Stamme jener Asra, welche sterben, wenn sie lieben", fügte sie neckisch
doch nicht so hart. Nur einmal laß, mich dein holdes Antlitz sehen und einen Kuß auf deine schönen Lippen drücken!" flehte Benckheim.
„Vergebene Liebesmüh", kam es als Anffvori. „^.aß > mich gehen und lebe wohl!"
H^michUch^nicht Wiedersehen?"
"Komme in die Putzta, Fremdling. An unserem Feuer
bist du wiMommen!" ,.
„Spotte nicht", bat der Assessor werter. „Du hast Mich bezaubert. Ich mutz dich Wiedersehen!
„So laß mich deine Hand prüfen. ^ ... .
Der Assessor reichte ihr seine Hand, die sie prüfend
ansah. Es, Fremdling", sagte die Zigeunerin dann schalkhaft. „Nach der dich schnc-nd verlangt, du wirst sie kommenden Montag hier Wiedersehen."
.Kommt sie bestimmt?" fragte Benckheim.
Ganz bestimmt. Sie gibt dir ein PsaNd." Daber zog sie von ihrer Hand einen blitzenden Diamantreif, dessen Feuer dem an des Assessors Finger nichts nachgab. „Stre-.fe den deinen ab, Fremdling. An ihm wirst du sie erkennen.
Willfährig reichte Benckheim dem schönen Kind den Ring der Tante. Das Stelldichein war verabredet. Die Zigeunerin entschwand.-
Den Assessor litt es nicht mehr lange auf dem Ball. Seit die temperamentvolle Fremde fort war, schien ihm der ganze Reiz des närrischen Lebens geschwunden.. Er Malzte noch etlichemal bald mit dieser, bald mit jener Schönen durch den Saal, dann ging auch er.-
Vier Tage waren es noch bis züm Montag. Immerfort stand ihm in dieser Wartezeit die flotte Zigeunerin vor Augen. Er fühlte den Glutblick ihrer Augen, merkte den >zarten Hauch ihres schwarzen Haares und spürte de» zarten Druck ihres samtweichen Händchens. . .
Selbst im Traun: erschien sie ihm, warf ihn mit blutroten, süßduftenden Rosen und küßte ihn mit feurigen, schwellenden Lippen.
Der Moiffag kam endlich. Schon früh fand sich Affessor
