Wiesbadener Tsgblstt.
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_ 1. gSCatt. _
Die neue Herresvsrlage.
Tie neue Heeresvorlage, oder wie es offiziell heißt, der Entwurf eines Gesetzes über die Friedeusprösenz- stärke des deutschen Heeres ist bekanntlich von der Budgetkommission angenommen worden. Es besteht kein Zweifel, daß auch das Plenum sich dem anschließen wird. Man kann also bestimmt damit rechnen, daß der Entwurf zum Gesetz erhoben wird. /Tie Forderungen der Militärverwaltung sind ohne jede Abstriche ^ bewilligt worden. Damit ist der Ausbau unserer Wehrmacht für die nächsten 5 Jahre bis zum 31. Marz 1916 festgelegt worden.
Von verschiedenen Seiten ist behauptet worden, daß die neue Heeresvorlage zu sehr Rücksicht auf die finanzielle Lage des Reiches genommen habe, und daß unsere Wehrmacht nicht die nach der allgemeinen politischen und militärischen Lage erforderliche Stärkung erhalten habe. Dem muß aber entschieden widersprochen Werren.
Wenn man den Inhalt der neuen Heeresvorlage überblickt, so nmtz aber auch jeder unbefangene Beurteiler zugeben, daß sie ganz wesentliche Vorteile enthält und daß der Ausbau unserer Heer- und Wehrmach, durch sie bedeutend gefördert worden ist. Gewiß bleiben noch manche Wünsche der militärischen Kreise unerfüllt. Aber diese werden sich im vollen Umfange überhaupt nie erfüllen lassen.
Das Wichtigste, was die neue Heeresvorlage bringt, ist die Erhöhung der durchschnittlichen F riebe nspr äse n zstü r ke um rund 11000 Mann. Nach aller Durchführung des neuen Gesetzes wird die Stärke des deutschen Heeres die Zahl von 515 321 G^ meinen, Gefreiten und Obergefreiten erreichen. Tiefe stahl stellt aber noch nicht die volle Leistungen des deutschen Volkes für Wehrzwecke dar, denn es müssen noch folgende Ziffern hinzugerechnet werden: etwa
90 600 Unteroffiziere, 13 000 Emiahrrg-Frerwrll-ge. (Summa = 619 000.) Cs ist ferner zu beruckstchtigen daß diese Zahl nur die durchschnittliche Friedensstärke angibt, welche den Berechnungen für Löhnung, Verpflegung, Bekleidung, Ausrüstung. usw. zugrunde ge legt wird. Tatsächlich wird aber im Herbst eine wel größere Zahl voli Rekruten eingestellt, als zur Erreichung dieser Durchschnittsstärke notwendig ist, um daraus die im Lause des Jahres sich ergebenden Ab qänqe durch Tod, Invalidität usw. ohne Nachersatz durch ausgebildete Mannschaften ersetze-- 8« können. Tie Kosten für diese Mehreinstellung werden durch i le Ersparnis gedeckt, welche bei Beurlaubung. frühzeitiger Entlassung usw. im Herbst entstehen. Man .ann me Zahl dieser Mehreinstellung auf etwa 30 000 Koche veranschlagen. Rechnet man alle diese Ziffern zwam- men. so ergibt sich im Herbst jeden Jahres eme Gesamtstärke von etwa 649000 Mann. Aber auch die Auch
Dienstag, 14. Februar 1S11.
Wendungen für die Flotte müssen hierzu gerechnet werden. Diese betragen im Jahre 1011 etwa 57 60-, Mann und werden sich bis zum Jahre 1915 voraussichtlich auf 65 000 steigern. Danach beträgt die Zahl an Unteroffizieren und Mannschaften, welche ich Heer und Flotte im Herbst 1916 vorhanden sein werden, etwa 714 000 Köpfe. Auch unter Berücksichtigung unserer starken Bevölkerung und ihres in den nächsten Jahren zu erwartenden Zuwachses muß dies als eine sehr erhebliche Leistung bezeichnet werden.
Was die einzelnen Formationen anbelangt, so ist vor allen Dingen die Einführung der Maschltn enge wehr -Kompagnien zu erwähnen. Ter russisch-japanische Krieg hatte die Vorzüge dieser neuen Waffe gezeigt. Und alle Staaten sind nach dem Kriege zu ihrer Einführung geschritten. Auch war haben eine Anzahl davon aufgestellt, die jedoch noch nicht ctatsmäßig waren, weil eme Vermehrung des Heeres während des laufenden Ou-uquenuats ausgeschlossen war. Jetzt lverden die vorhandenen Kom- pagnien etatsmäßiq außerdem derart vermehrt, daß. jede Infanterie-Brigade über eine dieser Konipagmen verfügen wird Bei der Feldartillerie iverden 18 neue Batterien aufgestellt. Es wird dadurch möglich auch die 37. und 39. Division, die bisher nur über «n Artillerie-Regiment verfügen, in derselben Weise wie die anderen Divisionen niit einer vollen Art-llerie-Brrgcwe auszurüsten. Außerdem wird die noch unvollständige Organisation der bayerischen Artillerie wesentlich verbessert, wenii auch hier immer noch bedeutende Luckeu übrig bleiben. Die reitende Artillerie ist in erster Linie für die Kavallerie-Divisionen notwendig, weil nur sie imstande ist, den Bewegungen der Reitertruppen überall hin zu folgen und rechtzeitig in das schnell verlaufende Gefecht eines Reiterkampfes einzugre-fen. Wir besaßen aber noch ans früherer Zeit her mehr reitende Batterien als für die Kavallerie-Divisionen erforderlich sind. Diese werden nunmehr m fahrende Batterien umgewandelt. Die aus dieser Umwandlung sich ergebenden Ersparnisse an Pferden und Mannschaften werden dazu benutzt, Um den Etat eur- zelncr fahrenden Batterien derart zu erhöhen, daß sie auch im Frieden mit 6 bespannten Geschützen ausgerüstet werden. Ties bedeutet für die Ausbildung und Mobilmachung einen wesentlichen Fortschritt. Tie Fußartillerie wird um 8 Bataillone vermehrt. Es war dies notwendig, seitdem der größere Teil dieser Waste als schwere Artillerie des Feldheeres den Feldtruppen unmittelbar folgen und auch in der offenen Feldschlacht zur Verstärkung der artilleristischen Feuerkraft verwendet werden sollte. Auch der Ausbau unseres Landes- berteidigungssystemes, die Anlage neuer Küstenbefestigungen und die umfangreiche Verwendung von Panzer- 6ernten hatten die Vermehrung dieser Waffe dringend erforderlich gemacht. Dieser Notwendigkeit wird jetzt in vollkommen genügender Weise entsprochen.
Berücksichtigt man nun noch die Aufstellung eines neuen Infanterie-Bataillons, voii 19 Tra-u-Kompag-
Für die Ausnahme von Anzeigen an »orgeschriebenen Tagen und Wätz-n wird keine Gewähr übernommen.
53. Jahrgang.
nien, von 5 Bataillonen der Verkehrstruppen, zahlreicher höheren Stäbe usw., so wird man erkennen, :n welch umfangreichem Maße unsere Wehrkraft im Laufe der nächsten Jahre vermehrt werden wird. ES kann anerkannt werden, daß der Reichstag diese Forderungen ohne jede Abstriche und in so glatter Weise angenommen hat. Tie Versuche, die neue Heeresvor- löge als nicht genügend zu bezeichne-- und Unmut dar» über M erregen, daß nicht noch mehr gefordert . -st, müssen dagegen mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen lverden. _ __
Deutsches Deich.
* Die deutsche Kronprinzessin in Ägypten. Nach einem Telegramm der Deutschen Kabelgramm-Gesellschaft aus Kairo unternahm die deutsche Kronprinzessin im Lause der verflossenen Woche einen Spazierritt zu den Mameluckengräbern und nahm an einem Essen teil, das ihr zu Ehren bei dem Kommandierenden des englischen Besatzungsheeres und bei Sir Eldon Gorst gegeben wurde. Sie besuchte außerdem das Akhaya-Hotel in Heluan und das Pälace-Hotel in Heliopolis, wohnte dem Rennen in Ghe- zireh bei und machte eine Wagenfahrt nach den Pyramiden von Gtzeh. Sie besuchte weiter die katholische Schule und verweilte längere Zeit bei den borromäischen .Schwestern. Wann die Kronprinzessin Ägypten verläßt, ist unbekannt.
* Preußisches Landesökonomie-Kollegium. Die Ver
sammlung beschäftigte sich am Samstag mit der Hauptfrage der diesjährigen Tagung, der Landarbeiter-Frage. Der erste Referent war Professor Br Sehring (Berlin), der zunächst die bereits mitgeteilte Erklärung über den bekannten Prosessorenstreit abgab. Darauf legten Pros. Schling und sein Mitreserent Br. Asmis (Berlin) eine Reihe von Grundsätzen dar, nach welchen die Landarbeiter-Frage gelöst werden könnte, und zwar an der Hand eines Berichts, der dem Kollegium vorlag. Danach müsse ötc Organisationsbildung der Landarbeiter mit der größten Vorsich behandelt werden, wenn daraus nicht ein Kamps gegen die Arbeitgeber hervorgehen solle. Auch der Zusammenschluß der Landwirte unter dem Gesichtspunkte der Vertretung reiner Arbeitgeber-Interessen würde den ersten und entscheidenden Schritt bedeuten, um den Klassenkamps zwischen den Arbeitgebern und den Arbeitnehmern auch auf das Lasid hinauszutragen. Ms Ausgleich für die einzelnen Stellen könne nur eine Organisation in Frage kommen die das Vertrauen der Landwirte einschließlich der Arbeiter besitzt, und als solche Stelle könnten bei uns nur die Landwirtschastskammern gelten. Eine Resolution der beiden Referenten befürwortet die Schaffung einer tuns- gliedrigen Kommission zur ständigen Bearbeitung von Arbeiterfragen. Ausgabe der Landw-rtschastslkamn-ern soll cS sein die von ihnen als notwendig erkannten Maßnahmen zur' Besserung der Arbeiterverhältnisse unter Beruchlch- tigung der jeweiligen örtlichen Verhältnisse praktisch zur Ausführung zu bringen. In der Diskussion monierte Graf Rantzau (Rastors), daß die Ständige Komm-ss-on des Landesökonomie-Kollegiums über die Landarbelter-Fragen mit allen möglichen Organisationen -n Verbindung getreten sei, nicht aber mit dem Bunde der Landwirte. Die stärkste
Feuilleton.
Machdrmk verboten.)
Mi-carenie. :!)
Ein Stückchen Pariser Leben von Maxim Beck-München.
Paris im Jahre 1883. Nahe dem Quartier Latin hatte icfc oben im 4. Stock ein bescheidenes Zimmer inne uno wurde mütterlich betraut von einer alten Witwe, d-e mch »nit ihrer Höckernase und den grauen Haarsträhnen an Knusperhexe" gemahnte. Das Paris -euer Zelt w unbehaglicher Aufenthalt für jeden Deutschen, denn der H h gegen die „Prussiens" loderte wieder in alten Nammen hervor. Mein bißchen Schulsranzösisch von dem ich serbs herzlich wenig hielt, erwies sich doch als neck ich wurde kaum verstanden. Zum Glück traf uh auf d» Akademie, wo ich mich nu S^nvaal beß Promis Menard cinreihen ließ - einige Landsleute - darun-r einen Nürnberger Branerssohn Heinrich Lerchel. T-estr ein hünenhafter' Mensch von etwa 25 Jahren war schm längere steil in der Seinestadt. Der re-yende Strom ves lockere-- Lebens berührte ihn nicht - die glutäugrgen lockenden Blicke der „süßen Mädels" des Boulevards beachtest-er kaum, er lebte nur seiner Kunst, der er sich mit mehr Licoe als Talent ganz ergeben hatte. Seine Eltern waren: tot und hatten ihm ein mäßiges Erbe hinterlassen, von besten Zinsen er seinen Lebensunterhalt bestritt. _ , .
Den ersten Sonntagsmorgen meines Pari,er Aufenthalts saß ich emsig mit meiner Arbeit beschäftigt zu Hause
*) Der Verfasser, ein Bruder des noch unvergessenen früheren ersten Helden der hiesigen Komgl Schauspiele, 6asa- Beck. wird demnächst hier einen humor-st-schen' Vortragsabend peranstalten.
— als die Wäscherin erschien und mit einem echt französischen Wortschwall meine Habseligkeiten an Wäsche, die ich meiner Wirtin übergeben hatte, zurückbrachte. — Ohne aufzublicken bat ich sie — im stümperhaftesten Französisch — die Sachen meiner Komode einzuverleiben. Ein lustiges, silberhelles Lachen ließ mich aufblicken, und nun gewahrte ich vor mir ein etwa 17jähriges Mädchen von solchem Liebreiz, — daß ich sprachlos auf diesen Ausbund der Pariser Wäschermädels starrte. Dunkles prächtiges Haar nmrahmte ein Gesichtchen wie von Milch und Blut, — das heißt —, ein solches Gesicht müßte in Wahrheit merkwürdig aussehen,
— aber man weiß schon, was man sich darunter zu denken
hat. ,.. . .. .
„Ah", rief sie, „Sie sind ein Deutscher — man Hort dies
sofort, — Sie sprechen schauderhaft Französisch,-- bas
tun übrigens alle Deutschen", setzte sie tröstend in tadellosem Deutsch hinzu. ^
„Desto besser beherrschen Sie unsere Sprache, wo haben Sie die gelernt?"
„Ma mere", meine Mutter — ist eine Elsässerin, — w,r sind erst seit 13 Jahren in Paris."
„Ah! also eine halbe Landsmännin?" .... „
„77on, non Monsieur — ich bin eine gute ^ranzopn. Stolz und hoheitsvoll stand sie vor mir, als sie di j Worte sprach. Ich verließ das heikle Thema und bat n,
— falls es ihre Zeit erlaubte, mir beimPereiien meines Tees behilflich zu sein. Gern willigte sie cm, bann saßen wir plaudernd am Tisch und sie erzählte mrr, daß rhre -
— dm Vater hatte sie nie gekannt -durch «
Leiden schon seit einem halben Jahr in den L H s i feffelt fei daß ihr Beruf sie anwiderte, weil er „die Hai.
so ruinier^ u'x ^ Verdienst.an-
"^",',Warurn wollen Sie mit Ihrem lieblichen Köpfchen picht Modell stehen", sagte ich.
„Ah! daraus bin ich noch nicht gekommen! — und was verdient man dabei?" srug Jeanette interessiert — so hieß yc.
„Ein Frank die Stunde!"
„Oh! das ist nicht viel — aber immer beyer als am Waschfaß stehen, — ich werde mir den Vorschlag überlegen.
— So schied die reizende Wäscherin von mir.
Einige Tage später gab es im Zeichensaal argen Tumult. Die Insassen — etwa 80 männliche und werbliche Kunstbeflissene — die nun schon seit 8 Tagen nach dem nämlichen Modell arbeiten mußten, protestierten dagegen, stets die alte „Vogelscheuche", wie sie das ältliche aufgeputztc Modellmädchen nannten — abzukonterfeien. Mit Brotkügelchen, Radiergummi- und Kreidestümpschen bewarfen pe das späte Mädcherr, das die Geschosse mit zotigen Bemerkungen erwiderte. Endlich verstand man sich im Sekretariat zur Auswechslung des Modells, — die „Vogelscheuche" verschwand und dafür erschien „Jeanette", — meine Wäscherin !
— Ein vielstimimges Ah! der Bewunderung empfing sic — bie jungen Leute waren aus dem Häuschen über das herrliche Mädchen, das heute zu einer feurig-roten Bluse dunkel- rote Rosen ins Haar geflochten trug. Mein Nachbar, der herkuliscke Nürnberger, starrte w>e hypnotisiert aus das Modell. „Die Bluse öffnen", schrien nun in Ertase eimge in der vorderen Reihe, nahe dem Podium, auf dem Jeanette in Pose stand. — „Jawohl", brüllte der Chorus, „wir wollen den Halsansatz sehen"; — Jeanette erbleichte — und wehrte ab, — da sprangen etliche der tollen Burschen ans me Brüstung, um das Mädchen zu zwingen, ihnen zu willfahren. In dem Augenblicke raste der Nürnberger durch die St affeleien, rechts und links sielen sie wie Kartenhäuser und begruben die Davorsitzenden unter den Trümmern. Er sprang aus das Podium. Von seinen- wuchtige-- Fußtritt rollten die Angreifer zur Erde. „Kanaillen!" donnerte er, und seine mächtige Brust wogte in wildem Zorn. „Franzosen wollt
, ihr sein, heilloses Gesindel seid ihr, ohne Ehre — ohne
