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Verlag Kanggaffe 21

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N§. 73.

Sonntag, IS. Februar 1911.

59. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Wkatt.

Ein Trümmerfeld?

Drei wichtige Gesetzesmaterien, über die zwischeii der Reichsregierung und der Volksvertretung eine Verständigung erfolgen soll, scheinen ernstlich bedroht. Die eine ist das Schiffahrtsabgabengesetz, die zweite die Gerichtsverfassungsnovelle, die dritte der elsaß- lothringische Verfassungsentwurf. . Um die erste dreier Vortagen wäre es wahrhaftig nicht schade, um die zweite wäre es immerhin schade, aber was die dritte 'Materie betrifft, so käme man in einige Verlegenheit, wollte man ein Gefühlsurteil in jenem oder in diesem Sinne abgeben. Davon später. Fällt die Schiffahrts­abgabenvorlage, so kann alles, was sich dem Agrar­konservativismus und seinen Begehrlichkeiten und Ein­schränkungstendenzen entgegengesetzt fühlt, nur auf­richtige Genugtuung empfinden. Die Niederlage träfe auch die Regierung, die sich für dieses verfehlte Unter­fangen stark gemacht hat. Fällt das _ Gerichtsver­fassungsgesetz wegen der Streitfrage, wie die Be­rufungsstrafkammern besetzt werden sollen, so wird nian wissen, daß die Reichsleitung zum Laienele- m e n t in der Rechtsprechung das Vertrauen nicht hat, das eine mündige und hochgebildete, von immanentem Rechtsgefühl durchdrungene Nation beanspruchen kann, und wir werden wieder einmal den Beweis dafür erleben, daß diese Regierung das Volk nicht versteht, während umgekehrt das Volk seine Regierung sehr wohl versteht, ohne freilich diese Regierung mehr lieben zu können. Will es Herr von Bethmann-Hollweg wirklich darauf ankommen lassen, daß die letzte Session dieser Legislaturperiode mit be­schämenden und bedrückenden Mißerfolgen endigen soll? Aber er muß ja wissen, was ihm und der gesamten Reichsleitung angesichts der bevorstehenden Schicksals- Wahlen frommt, und uns kann es schließlich recht sein. Wenn verschiedenes schief geht.

Nun aber die elsaß-lothringische Verfassung! Einst­weilen möchten wir es doch noch für unmöglich halten, daß auch auf diesem Gebiete nur Trümmerwerk von einem Bau übrig bleiben soll, der zwar nach seiner ersten Anlage nicht befriedigen konnte, der sich jedoch bei angemessenem guten Willen der ^Regierung viel­leicht zu einem einigermaßen wohnlichen Hause hätte ausgestalten lassen. Freilich liegen, um es zu wieder­holen, die Tinge hier nicht gerade einfach. Die Forde­rung der Kommissionsmehrheit, wonach die Reichslande die volle Autonomie erhalten sollen, dünkt _ uns aus tatsächlichen Gründen unmöglich. Wir billigen diese Forderung und wir sind überzeugt, daß sie die einzige zweckmäßige Lösung des elsaß-lothringischen Problenis ist, daß sie sich auch im we i t e r e n Verlaufe durchsetzen wird, und daß der Übergangszu- st o n d, den die Vorlage zum Ziel hat, schließlich m

Femlleton.

(Nachdruck verbaten,)

Der ungeschickte Michael»

Novellette von Max Dürr.

Endlich war der Nebel gewichen und die Sonne strahlte vom winterlichen blauen Himmel herab; ore Tannen, das kahle Buschwerk, die abgestorbenen Gros­chen glänzren und glitzerten im Rauhreif. Es sah aus. als wären sie mit leichtem Schnee bedeckt, und doch war noch kein Schnee gefallen. Dagegen herrschte eme grimmige Kälte, der Boden war steinhart gefroren. Tie Men'chen, die von der warmen Stube heraus ms Freie mußten, trippelten, die Köpfe im Mantelkragen bergend, die Arme gekrümmt, eilig auf der Straße

dahin. — ,

Gegen Mittag gewann die Sonne mehr Kraft, c- wurde minier erträglicher. Alles strömte auf die E:s- batzn, tur das Tor der Stadt. Schon seit Jahren war der See nicht mehr so schön zngefroren, weithin dehnre sich die blanke, spiegelnde Fläche. Sie wimmelte von Menschen, die sich mit frohem Ergötzen an dm,ein schönen, erfrischenden Wintertage aus dem Eise tuni- melten. Von der Ferne sah es aus wie das Gewagt eines aufgeregten Ameisenhaufens.

Auch Michael Manikoff war draußen. . Doch er war nicht freudig gestimmt. In einer abgelegenen E e des Eises stand er umher, er paßte nicht unter dlSse

froben Menschen. ' v m ,,

Auch er trug heute den blanken Ltahlschuh. Mrt unbeholfenen, eckigen Beweaunaen machte er unsichere

diese Autonomie ausmünden wird. Aber verdenken kann man es den Verbündeten Regierungen Wohl nicht, wenn sie den Dingen ihre Zeit zur Reife lassen wollen, wenn sie nicht schon heute etwas gewähren wollen, was sich überhaupt nicht mehr zurücknchmen lassen würde. Auf der anderen Seite wird der Reichskanzler eine ernste Erwägung darüber anstellen müssen, ob nicht der milderen Forderung der Kommissionsmehrheit, den Reichslanden eine stimmberechtigte Vertretung im Bundesrat einFuräumen, nachgegeben werden sollte. Tie Spitze dieser Erwägung wird sich allerdings sozu­sagen mehr nach innen als nach außen, mehr nach der Seite des B u n d e s r a t s als nach der des Reichs­tags zu richten haben. Mit anderen Worten: Tie Sch w i e r i g k e i t der 'ganzen Frage liegt nicht darin. Herrn v. Bethmann-Hollweg und die preußische Regierung für die betreffende Forderung zu gewinnen, sondern sie liegt darin, daß diese Faktoren die heikle Ausgabe einer Gewinnung der anderen Bundes­staaten für einen dem führenden Staate gewiß nicht unwillkommenen Antrag zu lösen hätten. Läßt sich die Differenz zwischen Bundesrat und Reichsmehrheit in diesem Falle nicht überbrücken, so wird man also sein Endurteil etwas anders als hinsichtlich der Schiffahrts- abgaben und des Gerichtsverfassungsgesetzes zu fassen haben. Während in bezug auf diese beiden Vorlagen der Reichskanzler derjenige wäre, der zuletzt die Ver­antwortung für einen negativen Ausgang zu tragen hätte, würde er bei der elsaß-lothringischen Ver- fasfungsfraae gewissermaßen als ein Opfer partikulari- stischer Engherzigkeit der Bundesstaaten anzusehen sein. Auf alle Fälle, ist für starke dramatische Spannungen im Reichstag gesorgt.

U-Ms-He ssibrrstcht.

Dev Fall Jatkl».

Von einem unterrichteten Gewährsmann wird uns geschrieben: Ter stiegen „Irrlehre" in fünf Punkten zur Verantwortung gezogene Pfarrer Jatho in Cöln hat an den Oberkirchenrat ein freimütiges, mannhaftes Ant­wortschreiben gelangen lassen. Pfarrer Jatho weicht in keinem Punkte zurück und legt eingehend dar, wie er in diesen Fragen denke und was er darüber vor­trage. Die von ihm verlangte Erklärung, ob.er an seiner Lehre festzuhalten gesonnen sei, gibt er in fol­gender Weise ab: „Dürfen Sie, hochverehrte Herren,

es wirklich wünschen, daß ich darauf mit einem Nein antwortete? Könnten Sie mich noch achten, wenn ick es täte? Wäre Ihnen für die protestantische Kirche, die Sie zu hüten und zu pflegen berufen sind, mit Männern gedient, welche widerrufen? Nimmermehr! Und so kann und will auch ich nicht widerrufen, solange ich nicht aus der Bibel oder sonst niit hellen und klaren Gründen der Vernunft eines Besseren belehrt werde; denn es ist weder sicher noch geraten, etwas wider das Gewissen zu tun." Die beanstandeten Sätze Jathos

über Gott und Welt, über das Wertvolle in anderen Religionen, Gott und Mensch berühren sich mit Äuße­rungen Schleiermachers, Augustins und der Mystiker. Sie klingen etwas an den Pantheismus an, so daß man an die Sätze erinnert wird, die die (von positiver Seite geschriebene) theologische Realenzyklopädie in dem Artikel über Pantheismus enthält:. „Ohne pan» theistische Elemente wird unsere Weltanschauung nicht gebildet werden können, wenn auch der reine Pan­theismus schwer aufrechtzuerhalten sein wird. Sogar das religiöse, auch das christliche Bewußtsein, wenn es irgendwie sicher ist, wird sich ihnen nicht ganz entziehen dürfen." Auf die Aufforderung, sich über die Richtig­keit eines ihm vorgelegten Stenogramms über seinen Vortrag in Barmen zu äußern, antwortet Jatho fein: „Ich habe es nicht über mich gewinnen können, die ab­schriftlich beigefügte Skizze zu lesen. Ich darf an­nehmen, daß diese Skizze dem Hochwürdigen Ober­kirchenrat als eine anonyme zugegangen ist, sonst würde mir derselbe den Verfasser gewiß genannt haben. Anonyme Denunziationen aber sind .mir so wider­wärtig, daß ich mich mit solchen in keiner Weise be­fassen möchte." Jatho skizziert dann aber selbst den Vortrag auf Grund seiner Notizen zur Vorbereitung. Das Spruchkollegmm wird nun urteilen. Positive Kirchenblätter fordern offen Jathos Absetzung. Die Gemeinde hat sich auf seine Seite gestellt. „Selbstverständlich kann das aber für den Oberkirchen­rat nicht maßgebend sein", sagt der „Reichsbote". Das Berliner Pastorenblatt kennt die Stimmung im Rhein­lande nicht.

Das Gsserrer Urteil imfc die früheren Geschworenen.

Wir erhalten folgende bemerkenswerte Mitteilung. Im Reichstag ist am Mittwoch gesagt worden, daß an dem Essener Fehlspruch von 1895 nicht die Geschwore­nen, sondern die Juristen die eigentliche Schuld trügen. Ties erfährt eine Bestätigung durch eine Er­klärung, die einer der damaligen Geschworenen abgibt. Er sagt, daß für die Geschworenen nicht die Aussagen des unklassischen (damals schon von ihnen als uuklassisch erkannten) Zeugen Munter maßgebend ge­wesen sei, sondern das unterstützende Zeugnis des Polizeikomissars Brockmeyer und die Bekundungen der schriftlichen" Zeugen, welche meinten, sie hätten den von ihnen eben nicht wahrgenommenen Vorgang wcchr- „ehmen müssen, wenn er sich ereignet hätte. Ter Erste Staatsanwalt Peterson und der Vorsitzende Land­gerichtsdirektor Jerusalem hätten diese Meinungs­äußerung mit Nachdruck als eine Tatsachenbekundung hmaestellt, und darin hätten die Geschworenen sich ihnen angeschlossen. Der Schreiber dieser Zeilen, der damals den Verhandlungen als Journalist beiwohnte, kann diese Darstellung aus eigener Kenntnis nur voll­inhaltlich bestätigen. „Tie Zeugen hätten. es sehen müssen, haben es aber nicht gesehen, also ist es nicht passiert", das war damals das A und O der Beweis-

Schritte, die Arme schlenkernd, um das Gleichgewicht zu erhalten, dann stand er wieder eine gute Weile auf derselben Stelle, um sich zu erholen, denn es schmerzten ihn die Knöchel.

Er sah in diesen Pausen seines Martyriums be­kümmert hinüber zu dem Platze, an dem die Zu­schauer um eine bunte Gesellschaft einen weiten Kreis gebildet hatten. Auch Olga Borrisow war darunter. Einige Offiziere, einige Herren in Zivil, jeder mir seiner Dame, machten ihre Spiele.

Michael Manikoff seufzte tief auf. Wie gerne hatte er teilgenommen, doch nur die gewandtesten Schlittschuh­läufer konnten hier mitmachen. Jetzt bildeten sie eine „Schlange". Einer der Herren, Iwan Selitscha, ein junger Gardeoffizier, stellte sich. an den Kopf, abwech­selnd reihten, sich Herren und Damen an, und nun drehte sich die ganze Reihe, erst in kleinen Kreisen, dann in immer größeren Windungen, um den Kopf der Schlange. Natürlich bildete Olga Borrisow das äußerste Ende der Kette, es mußte ja sein, denn sie war die flinkste, die gewandteste, auch die tollste unter ihren Freundinnen. Schneller und schneller drehte sich der Zirkel, kaum noch vermochten die äußersten Glieder der Kette der Gewalt der Drehung standzuhalten.

Mit ängstlicher Neugier näherte sich Michael Mani- kofs. Nein, es war zu stark, zu toll! Es war zum Er­schrecken! Wenn eine Spalts im Eise, eine Kleinigkeit, ein eingefrorenes Steinchen in den Weg, wenn ein Glied der menschlichen Kette zu Fall kam, mußte der Sturz für sie lebensgefährlich werden.

Ein allgemeiner Aufschrei ertönte und blitzschnell öffnete sich der Kreis der Zuschauer. Tie Kette hatte sich gelöst, pfeilschnell sausten die äußersten Glreder

lunaus durch die Lücken des Rings der Umstehenden. — Michael Manikoff stockte der Atem, kaum vermochten ihr seine Augen zu folgen, mit solcher Gewalt wurde sie hinausgeschleudert auf die Fläche, so flog sie dahin! Wenn das kein Unglück gab, hieß er nicht Michael Manikoff!

Jetzt erst bemerkte er, daß sie in .einem großen Bogen auf ihn zukam. Schnell machte er eine unglück­liche Anstrengung, aus dem Wege zu kommen. Doch die trügerische Eisfläche gewährte dem unsicheren Fuße keinen Halt. „Es gibt einen Zusammenstoß!" dachte er ängstlich. —

Michael Manikoff hatte vollkommen recht, im näch­sten Augenblick prallten sie zusammen, stürzten sie. Als er sich mit großer Anstrengung erhob, um Olga zur Hilfe zu eilen, sah er, daß er zu spät kam. Iwan Selitscha war schon zur Stelle. Daß gerade er es war, empörte ihn, denn diesen Menschen mochte er. am allerwenigsten leiden. Er war ungeheuer eifersüchtig auf ihn, obgleich er sich sagen mußte, daß er kernen Grund dazu hatte, wenigstens insofern keinen Grund, als er selbst, Michael Manikoff, sich bisher noch kerner- lei Gunstbezeugunq Olgas zu erfreuen hatte

Seine Empöruna wurde nicht geringer, als er ihrer beider Worte vernahm. „Ich danke Ihnen!" sagte £! aa _ Das war wohl ganz rn der Ordnung, aber Michael meinte, sic hatte es in einem weniger liebens» würdiqen Tone sagen können. —

„Sie haben sich doch nicht wehe getan?" fragte der Offizier. „Menschen", fuhr er laut mit einem Seiten» blicke fort, „die nicht fahren können, sollten auf den, Eise nickt zügelassen werden. Mit solch ungeschickten Kerlen könnte es das größte Unglück geben!" —